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Mysterium Saint-Exupéry "Es wird aussehen, als wäre ich tot"

Mysterium Antoin de Saint-Exupéry: "Es wird aussehen, als wäre ich tot" Fotos
Lino von Gartzen/Tangram

Sie suchten den Vater des Kleinen Prinzen - und fanden einen echten: Zehn Jahre lang fahndeten französische Forscher nach dem Dichter und Piloten Antoine de St. Exupéry. Von ihren erstaunlichen Entdeckungen erzählt jetzt eine Dokumentation. Von

Ein kleines silbernes Etwas elektrisierte vor zehn Jahren die Menschen rund um den Globus: Vor der unbewohnten Île de Riou südöstlich von Marseille hatte der Fischer Jean-Claude Bianco am 7. September 1998 ein kleines Stück Metall aus seinem Netz gepult, das sich als ein Armband entpuppte, von den Jahren im Meer völlig verkrustet. Unter den Seepocken war ein eingravierter Name zum Vorschein gekommen: Antoine de Saint-Exupéry.

Der weltberühmte Autor des "Kleinen Prinzen" und fanatische Pilot war am 31. Juli 1944 von Korsika aus zu einem Aufklärungsflug aufgebrochen, von dem er nie zurückkehrte. Wie der Held der Novelle, die ihn zur Literaturlegende machte, verschwand St. Exupéry spurlos. Er hinterließ einen Mythos voller Rätsel: War er abgestürzt? Wurde er in einem Luftkampf abgeschossen? Hatte der 44-Jährige, krank und niedergeschlagen, seinem Leben selbst ein Ende gesetzt? Oder war er notgelandet - mit ungewissem Schicksal? Und: Wo waren seine sterblichen Überreste?

Das Armband könnte der Schlüssel zu einer Lösung sein, doch Experten hielten den Finder für einen Aufschneider, das Schmuckstück für eine Fälschung. Der Fundort lag viel zu weit westlich von St. Exupérys Flugroute. Doch dann machte der Franzose Luc Vanrell eine zweite, entscheidende Entdeckung: Auf einem Foto von St. Exupéry erkannte er an dessen Handgelenk ein Armband. Es glich exakt dem Fundstück.

Suche nach dem Vater des Kleinen Prinzen

Der Taucher Vanrell entdeckte seine Mission: Zusammen mit dem Luftfahrtexperten Philippe Castellano wollte er den Vater des Kleinen Prinzen finden. Es war der Beginn einer jahrelangen Spurensuche voller außergewöhnlicher Entdeckungen - an deren Ende nicht nur das Rätsel um den Dichter (fast) gelöst ist. Im Frühjahr 2008 präsentierten die St.-Exupéry-Forscher erstmals ihre erstaunlichen Ergebnisse. Das Doku-Drama "Duell in den Wolken. Der letzte Flug des Kleinen Prinzen" von Florian Huber, das das ZDF am 30. November um 19.30 Uhr zeigt, rollt die jahrelange Recherche jetzt noch einmal auf.

Im Frühjahr 2000 taucht Luc Vanrell vor Marseille zu einem Flugzeugwrack in 80 Metern Tiefe. Er will feststellen, ob es sich um eine Lockheed P-38 "Lightning" handelt - jenen Doppelrumpf-Abfangjäger, den auch St. Exupéry flog. Tatsächlich findet er einen der typischen "Lightning"-Turbokompressoren, doch nur die Seriennummer der Maschine kann den Beweis erbringen - insgesamt vier P-38 waren im Zweiten Weltkrieg während der Luftschlacht um Marseille ins Meer gestürzt. Doch die Nachkommen des Schriftstellers lassen weitere Tauchgänge zum Wrack verbieten - sie wollen den Mythos bewahren. Erst im Herbst 2003 dürfen die Taucher die "Lightning" endlich bergen. Sie trägt die Seriennummer 2734 - es ist tatsächlich das Flugzeug von Antoine de St. Exupéry.

Aber warum liegt das Wrack hier, und nicht bei Toulon, auf der Route zwischen dem Fliegerhorst Borgo auf Korsika und dem Zielort Grenoble, wo St. Exupéry deutsche Stellungen fotografieren sollte? Ohne seine Basis zu informieren, war der Pilot nach Westen abgedreht, in Richtung Marseille. Die Taucher hoffen, die Kameras der "Lightning" zu finden - sie könnten Aufschluss geben über die Orte, die zuletzt überflogen wurden.

Eine Zündkerze bringt den Durchbruch

Doch statt der Kameras finden sie einen Flugzeugmotor - und daran, kaum zu erkennen, ein Logo der Marke "Skoda". Der tschechische Autokonzern aber baute im Krieg Flugmotoren für deutsche, nicht amerikanische Jäger. Wie also kommt er an diese Stelle? Sind St. Exupérys P-38 und eine deutsche Maschine an exakt derselben Stelle abgestürzt? Besteht ein Zusammenhang? Hat der Dichter womöglich mit seinem unbewaffneten Aufklärer den deutschen Flieger gerammt - als letzter, selbstmörderischer Akt der Gegenwehr?

Statt Aufklärung nur mehr Rätsel. Ist dies die Maschine des Gegners, der St. Exupéry vom Himmel holte? In der Flugwerft des Deutschen Museums in München wird der geborgene Skoda-Motor auseinandergenommen, jedes Bauteil analysiert. Das jüngste verwendete Bauteil ließe einen Schluss auf das frühestmögliche Absturzdatum zu. Und das wiederum würde erlauben, aus den Verlustunterlagen der Luftwaffe mögliche Luftkampfgegner St. Exupérys herauszufiltern.

Eine Zündkerze bringt den Durchbruch: Anhand eines eingravierten Zahlencodes kann der Unterwasserarchäologe Lino von Gartzen das Produktionsdatum feststellen - die Maschine ist definitiv vor dem Sommer 1944 ins Meer gestürzt. Die Messerschmitt hat nichts mit St. Exupérys Absturz zu tun. Der gemeinsame Fundort: bloßer Zufall.

Der erste Feindflug - und zugleich der letzte

Und doch ein höchst seltsamer Zufall, wie sich zeigen wird. Auf der Île de Riou sollen Fischer - so wird es an der Küste bei Marseille erzählt - im Krieg einen toten Piloten aus dem Meer gezogen und begraben haben. Gab es den unbekannten Toten wirklich? Wer war er? Vielleicht Antoine de St. Exupéry? Als die Forscher das Grab öffnen, ist es leer. Ein Arzt aus der Gegend hat die Knochen schon vor 40 Jahren ausgegraben und mitgenommen. Der Hobbyarchäologe allerdings ist lange tot.

Luc Vanrell gelingt es, in Kalifornien die Tochter des Arztes ausfindig zu machen - und sie besitzt tatsächlich noch den Schädel aus dem Grab. "Oh Gott, ich habe St. Exupérys Kopf im Schrank", erschrickt sie, als Vanrell ihr von seiner Suche erzählt. Für einen Moment liegt eine Weltsensation in der Luft. Ein Fotovergleich mit Profilaufnahmen des Schriftstellers aber bringt Ernüchterung: St. Exupéry hatte ein fliehendes Kinn, der Unterkiefer des Schädels ist kräftig. Der Tote ist jemand anderes. Wer?

Im Militärarchiv in Freiburg im Breisgau wälzt Lino von Gartzen bändeweise Verlustlisten der deutschen Luftwaffe. Er sucht eine Messerschmitt Me 109, die vor Sommer 1944 vor Marseille verlorenging und nie gefunden wurde. Schließlich wird er fündig: Am 2. Dezember 1943 ist eine Me 109 nicht von einem Feindflug vor Marseille zurückgekehrt, der Pilot wird seither vermisst. Sein Name: Alexis Prinz zu Bentheim und Steinfurt, Spross eines der ältesten deutschen Adelsgeschlechter. Der erste Feindflug des 21-Jährigen war zugleich sein letzter gewesen.

Ein echter Prinz

Auf einer alten Burg im Münsterland machen die Forscher den Bruder des vermissten Jagdfliegers ausfindig. Fürst Christian zu Bentheim ist nun anstelle seines älteren Bruders das Familienoberhaupt. Auch er war im Zweiten Weltkrieg Jagdflieger; seinen Erstflug unternahm er am 2. Dezember 1943 - dem Tag, an dem Alexis spurlos verschwand. Seither plagen den Fürsten Phantasien, sein Bruder sei von einem amerikanischen U-Boot aufgelesen worden oder habe sonst irgendwie überlebt.

Als Kind habe Alexis eine Zahnspange getragen, erinnert sich Fürst Christian. Das Gebiss des Schädels von der Île de Rieu weist Spuren einer Zahnregulierung auf. Ist der Tote sein Bruder? Eine DNA-Untersuchung bringt Gewissheit: Der Tote ist nicht Antoine de St. Exupéry - es ist Alexis zu Bentheim. Ein bizarrer Zufall hat die beiden Männer im Abstand von genau acht Monaten an exakt derselben Stelle ins Meer stürzen lassen. Das silberne Armband, das Fischer Bianco 1998 aus seinem Netz pflückte, hat nicht das Schicksal des Vaters des Kleinen Prinzen klären können - wohl aber das eines echten Prinzen.

Es ist eigentlich ein schönes Ende für eine tieftraurige Geschichte und eine Recherche, die gegen alle Wahrscheinlichkeit Erstaunliches zu Tage gefördert hat. Aber das Rätsel um Antoine de St. Exupéry ist weiter ungelöst. Bekannt ist nun, wo er starb. Warum aber wich der erfahrene Pilot von seiner geplanten Route ab? Wie genau kam er ums Leben?

Geschossgarben in die Tragfläche

Die Forscher lassen nicht locker. Ihre letzte Hoffnung: Zeitzeugen. Rund eintausend ältere Herrschaften, die eine Verbindung zu dem Fall haben könnten, telefoniert Lino von Gartzen über einen Zeitraum von zwei Jahren ab. Als er eigentlich schon alle Nummer durch hat, bekommt er einen Hinweis auf einen ehemaligen Obergefreiten der Jagdgruppe 200, die im Sommer 1944 bei Marseille stationiert war. "Sie können jetzt aufhören zu forschen", sagt der, als von Gartzen ihm am Telefon sein Anliegen erklärt: "St. Exupéry, den habe ich abgeschossen."

Der Mann heißt Horst Rippert. Er wird nach dem Krieg Sportreporter beim ZDF; sein Bruder ist der berühmte Showstar Ivan Rebroff ("Kosaken müssen reiten"). Dieser Mann hat St. Exupéry abgeschossen? Für die Medien eine irre Story, die im Frühjahr 2008 um die Welt geht. Rippert hatte schon lange den Verdacht gehegt, so erzählt er in der ZDF-Dokumentation, dass er an diesem Julitag 1944 den Schöpfer des "Kleinen Prinzen" mit Garben in die Tragflächen vom Himmel holte. Nach der Landung hatte Rippert im Radio die Meldung gehört, dass St. Exupéry vermisst werde. Den Beweis aber kann der Jagdflieger nicht antreten - er hat keine Zeugen, und der Gegner wurde vom Meer verschluckt. Also schweigt er - 65 Jahre lang. Hätte er auch geschossen, wenn er geahnt hätte, wen er vor der Mündung hat? "Bestimmt nicht", sagt Rippert, "auf diesen Mann nicht."

Ist das Rätsel um die Todesumstände der Legende also gelöst? Einen objektiven Beweis gibt es nicht - die Indizien aber, glauben von Gartzen und Venrell, sind eindeutig. Frühere Kameraden von Rippert, die in "Duell in den Wolken" nicht zu Wort kommen, zweifeln allerdings an Ripperts später Selbstbezichtigung: Sie hätten "lauthals gelacht", sagte einer im April 2008 dem SPIEGEL. "Kein Wort" habe Rippert jemals über diese Geschichte verloren, so ein anderer: "Gelegenheit gab es genug." "Ich weiß nicht, was den Horst reitet", gab einer zu Protokoll, "eigentlich ist es zum Haareraufen."

So bleibt ein Ende, das alle zufriedenstellen kann: Es gibt eine plausible Erklärung für die Vorgänge - aber es bleibt genug Rätselhaftes, um den Mythos St. Exupéry lebendig zu halten. Über die Motive für St. Exupérys ungeplanten Kurswechsel lässt sich weiter trefflich spekulieren - wollte er die Häfen von Toulon und Marseille fotografieren, um noch einmal seine Klasse zu beweisen? Auch bleiben seine Überreste, anders als die des Prinzen Bentheim verschollen, sein Grab unbekannt. Und so gilt für Antoine de St. Exupéry selbst weiter der Satz, den er seinem unsterblichen Kleinen Prinzen in den Mund legte: "Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein."

Zum Weiterlesen:

Claas Triebel; Lino von Gartzen: Der Prinz, der Pilot und Antoine de Saint-Exupéry - Das Rätsel um den letzten Flug. Herbig Verlag, August 2008, 300 Seiten.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Jürgen Schiffmann, 01.12.2008
Keine Beweise für den Abschuß? Normalerweise besitzen Jagdflugzeuge eine Zielkamera, die eben einen Abschuß beweisen soll. Der Abschuß einer B-24 am 24.7.44 des Herrn Rippert Süd-Westlich von Marseille ist jedenfalls auf Film dokumentiert, warum der (angebliche) vom 31.7.44 nicht?
2.
Christoph Riecker, 01.12.2008
Zitat: "Sie suchten den Vater des "Kleinen Prinzen" - und fanden die Überreste eines echten Adligen: " Immerhin war Exupery auch ein Adliger. Er war Vicomte, also so etwas zwischen Baron und Graf.
3.
Lino von Gartzen, 04.12.2008
Die Quellangabe zum Abschuss einer B-24 am 24.7.44 lautet: Film C2027/II Die Angabe Film bedeutet aber nur, das die Akten in diesem Fall leider nicht im Original, sondern nur noch als Microfilm verfügbar sind. Dieser ist erhältlich beim Militärarchiv Freiburg unter dem AZ C2027/II. Eine angesprochene "Zielkamera" war nur in den seltensten Fällen eingebaut. Diese waren wohl auch eher zur nachträglichen Auswertung der Luftkämpfe gedacht (Munitionswirkung, Angriffstaktik), als zum Abschussnachweis.
4.
veit schütz, 16.08.2010
Ich habe vor einiger Zeit eine Doku gesehen, in der der Bruder des Sängers Ivan Rebroff versicherte, dass er ihn abgeschossen habe und auch noch genau wisse, wo das war.
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