Mysterium St. Pauli Und ewig lockt die Bundesliga

Absturz in die Regionalklasse, drohende Insolvenz und Tore in letzer Sekunde - kein anderes Team mutet seinen Anhängern soviel zu wie die Kult-Kicker vom Hamburger Kiez. SPIEGEL-ONLINE-Sportreporter und St.-Pauli-Fan Mike Glindmeier über große Momente und ominöse Vorgänge am Millerntor.

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Den 20. Mai 2001 werde ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen. Nach 90 Minuten Zittern erlebte ich den bis dahin größten Moment als Fan des FC St. Pauli: den Aufstieg in die 1. Bundesliga. Es war nicht mein erster Aufstieg mit dem FC, aber es war der schönere von beiden.

Bereits 1995 war ich als damals 17-Jähriger live dabei gewesen, als die Braun-Weißen durch ein 5:0 gegen den FC Homburg den Traum vom großen Fußball am Millerntor perfekt gemacht hatten. Allerdings wurde das Spiel von einem Platzsturm der eigenen Fans kurz vor dem regulären Schlusspfiff getrübt.

Schiedsrichter Bodo Brandt-Cholle war es letztendlich, der St. Pauli an jenem 18. Juni den Aufstieg ermöglichte. Eigentlich wollte der Unparteiische kurz vor dem Ende der regulären Spielzeit einen Elfmeter für die Gastgeber pfeifen. Die Fans begriffen seine Geste in Richtung des Punktes vor der Südkurve allerdings als Zeichen zum Gang in die Kabine und stürmten den Platz. Auch ich war damals mit dabei, schließlich wollte ich mir ein Stück des heiligen Aufstiegsrasens sichern.

Doch der Jubel wurde unterbrochen. Immer wieder ermahnte Stadionsprecher Rainer Wulff uns, den Rasen sofort wieder zu verlassen, schließlich sei das Spiel noch gar nicht offiziell beendet worden. Das Drohszenario hieß Wiederholungsspiel und Nichtaufstieg. Harter Tobak, wenn man plötzlich als Fan dem eigenen Club den Aufstieg versaut. Aber Schiri Brandt-Cholle reagierte cool und deklarierte Pfiff und Geste trotz verbleibender Restspielzeit im offiziellen Spielbericht als Abpfiff. Am Abend sprach sich diese souveräne Entscheidung dann bei der Feier auf dem Kiez rum, doch mein Aufmerksamkeitsvermögen war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr zenitfähig.

Humor wie ein fünf Tage altes Brötchen

Auf den nächsten Höhepunkt musste ich volle sechs Jahre lang warten. Die Mannschaft war in die Spielzeit 2000/2001 als Absteiger Nummer eins gestartet. Wie schon so oft musste Trainer Dietmar Demuth vor der Saison versuchen, mit wenig Geld talentierte Spieler an das Hamburger Millerntor zu locken. Gemeinsam mit Manager Stephan Beutel stellte er ein Team zusammen, das an Offensivkraft nicht zu überbieten war.

St. Pauli startete fulminant mit einem 6:3-Sieg in Ahlen. Am zweiten Spieltag verteidigten die Freibeuter der Liga nach einem 5:0 gegen Waldhof Mannheim die Tabellenspitze. Demuth, dessen Humor so trocken ist wie ein fünf Tage altes Brötchen, verriet damals auf einer Pressekonferenz das Erfolgsrezept: "Wir müssen den Gegner durch permanentes Tore schießen zermürben." Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sich "Didi" in meine St. Pauli-Hall-of-Fame katapultiert. Sogar dann, wenn ich zum damaligen Zeitpunkt schon gewusst hätte, dass Demuth den Spruch beim St.-Pauli-Altligatrainer Edu Preuß geklaut hatte.

In den folgenden Monaten erlebte ich den besten und torreichsten Offensivfußball in 20 Jahren als Fan von St. Pauli. Spieler wie Ivan Klasnic, Zlatan Bajramovic, Christian Rahn, Nico Patschinski, Holger Wehlage - ja, selbst ein technisch und kognitiv etwas unterversorgter Marcel Rath fielen durch Spielfreude, Intelligenz und unbedingten Einsatzwillen auf. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass wir mit diesem Team nicht nur in die 1. Bundesliga aufsteigen, sondern uns dort vielleicht sogar etablieren konnten.

Schön einen auf die Lampe gießen

Doch erst mal stand die Pflicht auf dem Programm an diesem 20. Mai: ein Auswärtssieg im Nürnberger Frankenstadion, um den Aufstieg zur Realität zur machen. "In Demuth nach oben" lautete das Motto. Mit einem Freund reiste ich bereits am Vortag an. Nach einem zünftigen Mahl trafen wir uns abends mit einem der Nürnberger Spieler. Mein damaliger Mitfahrer war mit diesem Spieler gut befreundet. Trotzdem erkannte er den Stürmer zum verabredeten Zeitpunkt in der Kneipe nicht. Nach einem Anruf klärte sich das Missverständnis auf: Der Mann saß in der letzten Ecke des Lokals und trug eine Afro-Perücke, mit der er glatt bei YMCA hätte auftreten können. "Sonst werde ich dauernd nach Autogrammen gefragt", schmunzelte er. Nachdem er uns dann trotz Überfüllung und Einlass-Stopp in einer Schlagerdisco am Nürnberger Markplatz untergebracht hatte, versicherte er uns zum Abschied: "Macht euch keine Sorgen wegen morgen. Das wird schon klappen".

Ich stutzte.

Einen ähnlichen Spruch hatte ich schon einmal gehört: Ein Jahr zuvor war der FC St. Pauli am letzten Spieltag durch ein 1:1 gegen Oberhausen in der Nachspielzeit nur knapp dem Abstieg in die Regionalliga entgangen. Damals hatte ich am Vorabend die Hamburger Fankneipe "Jolly Roger" besucht - und meinen eigenen Augen nicht getraut: Am Tresen lümmelten vier in Trainingsanzüge gewandete Gestalten, die sich auf den zweiten Blick als Oberhausen-Spieler herausstellten. Spontan bot ich ihnen an, sich auf meine Rechnung an diesem Abend mal so richtig schön einen auf die Lampe zu gießen. Doch obwohl es für Oberhausen um nichts mehr ging, war nach zwei Bieren Zapfenstreich für das Stammspielerquartett.

Anfeuerung für den Gegner

"Macht euch keine Sorgen wegen morgen", sagte einer der Oberhausener zum Abschied und zwinkerte vertrauenswürdig. Was meinte er damit? Am nächsten Tag dann das Spiel: St. Pauli schoss in allerallerletzter Minute den Ausgleich, der den Abstieg verhinderte. Nach der Partie traf ich den Oberhausener Spieler vor dem Spielereingang wieder. Ich war während der Partie um gefühlte 30 Jahre gealtert und rang mit den Tränen - als der ehemalige Bundesliga-Profi schulterzuckend auf mich zu kam und mich angrinste: "Siehste, hab dir doch gesagt, dass du dir keine Sorgen machen musst".

Was war geschehen? Dies war geschehen: Auf dem Spielfeld soll es zu wahren Anfeuerungsorgien der Oberhausener in Richtung des FC St. Pauli gekommen sein: "Wir laufen doch schon gar nicht mehr, tut doch endlich was!" Schiebung also? Natürlich wird das offiziell vehement dementiert.

Und nun in Nürnberg also wieder derselbe Spruch von einem gegnerischen Spieler! Ich war mächtig aufgeregt. Am Morgen des Spiels zündeten mein Mitfahrer und ich zwei Kerzen im Nürnberger Dom an und nahmen den Fußballgott in die Pflicht, am Nachmittag Braun-Weiß zu tragen. Im Spiel lief es dann zunächst typisch "St. Paulianisch": In der 9. Minute erzielte Pavel David das 1:0 für Nürnberg. Kurz vor der Pause dann der psychologisch wichtige 1:1-Ausgleichstreffer: ein satter Flachschuss von Dubravko Kolinger. In der zweiten Hälfte rannte St. Pauli gegen die Nürnberger Abwehr an, doch immer wieder konnte Ex-Nationalkeeper Andreas Köpke die Angriffe abwehren. Es dauerte bis zur 76. Minute: Da landete ein Abpraller direkt auf dem Kopf des St-Pauli-Spielers Deniz Baris, der den Ball mit einer Bogenlampe aus 14 Metern ins lange Eck köpfte.

Nach dem Schlusspfiff in der Kabine

Nach dem Schlusspfiff gab es kein Halten mehr: Der Aufstieg in die 1. Bundesliga war geschafft! Da sowohl mein Mitfahrer als auch ich einige Spieler privat kannten, waren wir direkt nach den 90 Minuten in der Kabine des FC St. Pauli. Was sich dort abspielte, kann man mit Worten nur schwer beschreiben. Sprachlos nahm auch Stephan Beutel unsere Anwesenheit in der Kabine hin. Man sah dem selbstverliebten St.-Pauli-Manager deutlich an, dass er uns am liebsten rausgeschmissen hätte. Das war zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr möglich, denn mein Mitfahrer schmiss gerade mit Zigarren um sich, während ich Abwehrspieler Markus Ahlf mit einem Langhaarschneider den Kopf rasierte.

Zurück in Hamburg brachen dann alle Dämme. Nachdem die Mannschaft sich stundenlang auf einer Bühne auf dem Heiligengeistfeld von mehreren zehntausend Fans hatte feiern lassen, ging es zu einer etwas intimeren Party in eine Bar im Schanzenviertel. Dort sollten eigentlich nur die engsten Angehörigen des Vereins die soeben errungene 1.-Bundesliga-Zugehörigkeit feiern - doch die damalige Geschäftsführerin hatte die Rechnung ohne den Spieler Holger Stanislawski gemacht: Während sie meinen Mitfahrer und mich gerade aus der Bar drängen wollte, fiel ihr "Stani" in die Arme und bestand darauf, dass wir mitfeiern durften. Ich sah das Ganze als späte Wiedergutmachung für die entgangene Party nach dem Homburg-Spiel sechs Jahre zuvor.

Doch auch an diesem Abend wurde die Stimmung getrübt: Ein Abwehrspieler hatte sich in die Freundin des damaligen Mittelfeldstars verliebt. Noch auf der Aufstiegsfeier war der Klärungsbedarf des betroffenen Akteurs stärker als die Tanzwut. Das Ganze endete in einem stattlichen körperlichen Verweis für den Abwehrmann, die gute Laune war zu diesem Zeitpunkt zumindest bei einem Teil der Verantwortlichen dahin. Und über den ominösen Spruch des Nürnberger Spielers sprach niemand mehr.

Meine persönliche Jahrtausendelf: Ippig - Kocian - Trulsen, Stanislawski, Duve - Meggle, Bajramovic, Golke, Pröpper - Frosch, Klasnic. Trainer: Helmut Schulte



insgesamt 2 Beiträge
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Jan Milz, 27.10.2007
1.
Ach ja, auch wenn ich nicht mit der Mannschaft dusche oder in Vip Lounges feiere, ich kann die Leidensfähigkeit der St.Pauli Fans bestätigen. Schade, dass die Meckerecke weg ist!
timo buschkämper, 31.10.2007
2.
schöner tatsachenbericht, aber eigentlich doch ziemlich elitär und leicht profilneurotisch. wer von stanislawski auf der aufstiegsfeier geadelt wird, darf seinen erinnerungen dann jahre später auch bei spiegel-online freien lauf lassen. es ist der subtext der teilweise einen modrigen geschmack im mund hinterläßt. natürlich war der aufstieg 94/ 95 der schönste, was auch an den neapolitanischen verhältnissen kurz vor abpfiff des spiels gegen homburg abzulesen ist. das dreieck 'palme' pröpper, 'pudel' sawitschew und ' rudolf' scharping sorgte auch im jahr darauf bundesligsweit für angst und schrecken. bei dem aufstiegsteam 2001 wird von herrn glindmeier spielmacher thomas meggle leider komplett übergangen, obwohl ein hauptbestandteil der spielstarken offensive. ansonsten: forza st. pauli!
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