Mythos Tempelhof Die Mutter aller Flughäfen

Mythos Tempelhof: Die Mutter aller Flughäfen Fotos
Patrick Schulze

Flugpionier Orville Wright knatterte über die Grasnarbe, die erste Lufthansa-Linienmaschine hob hier ab, "Rosinenbomber" setzten auf: Über Jahrzehnte dreht sich in Berlin alles um Tempelhof. Doch auch wenn der Flughafen geschlossen werden sollte - etwas bleibt. Von

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Flughafen-Legende Tempelhof: Wo die Rosinenbomber kreisten Jetzt anschauen!

So viel steht fest: Das gibt es in keiner anderen Hauptstadt der Welt - einen Flughafen praktisch mitten in der Stadt. Bis zur Kreuzung Friedrichstraße/Unter den Linden sind es gestoppte 15 Minuten mit dem Fahrrad, 20 Minuten zum Brandenburger Tor und an den Reichstag. Vom Dach des riesigen, 1230 Meter langen halbrunden Gebäudekomplexes freilich scheint das Häusermeer von Berlin in der Prärie zu liegen, jener Pampa, die Bundeskanzler Konrad Adenauer stets für den Anfang der sibirischen Steppe hielt. Andere Zeitgenossen sahen diese eigentümliche Weite deutlich romantischer: "Das Flugfeld in Tempelhof vereinigt die Eigenschaften eines Binnenmeeres mit der Sehnsucht nach Ferne", formulierte ein entzückter Beobachter. Axel Schultes, der Erbauer des neuen Kanzleramtes in Berlin-Mitte, nennt Tempelhof gar die "Ikone eines Flughafens".

Am kommenden Sonntag nun stimmen die Berliner in einem Volksbegehren darüber ab, ob "die Mutter aller modernen Flughäfen" (Sir Norman Foster), zum Jahresende geschlossen werden oder als Verkehrsflughafen weiter bestehen soll - mindestens bis zur Eröffnung des neuen Airports "Berlin-Brandenburg International" (BBI) in Schönefeld 2013.

Zwischen Befürwortern und Gegnern ist ein wahrer Glaubenskrieg entbrannt, und jenseits aller scheinbar rationalen Argumente - von juristischen über ökonomische bis zu umwelt- und städteplanerischen Erwägungen - geht es letztlich um eine Idee, um Mythos und Legende, um die wechselhafte Geschichte Berlins in den letzten hundert Jahren. Zwei Weltkriege und eine halbe Revolution, die "goldenen" zwanziger Jahre, Hitler und Holocaust, die Trümmerlandschaft der Nachkriegszeit, der alliierte Viermächte-Status und die sagenumwobene amerikanische Luftbrücke der "Rosinenbomber" während der sowjetischen Blockade Westberlins 1948, Mauerbau, Stars and Stripes und Kalter Krieg. Es geht also auch um die Identität der Stadt, die sich nach dem Fall der Mauer so rasant verändert hat. Und um ihre Zukunft.

Schafweide im Herzen des Reiches

Am Anfang war es nur eine sehr große Wiese, auf der Schafe weideten. Dann wurde das Tempelhofer Feld am südlichen Rand des alten Berlins zum preußischen Exerzierplatz. Ordenbehängte Kriegervereine marschierten auf ihm herum, Infanterie und Kavallerie paradierten. Auch Kaiser Wilhelm II. ließ sich ab und an blicken, so im Sommer 1896, hoch zu Ross und mit riesigem Federbusch. Noch um 1900 herum galt das 282 Hektar große Gelände als beliebtes Ziel für städtische Sonntagsausflügler, die aus den tristen Hinterhöfen strömten und das helle Sonnenlicht, frische Luft und einen weiten Blick suchten.

Im August 1909 knatterte der amerikanische Flugzeugpionier Orville Wright mit seinem selbst gebauten schwindsüchtigen Fluggerät über die Grasnarbe und hielt sich dabei immerhin eine volle Minute in der Berliner Luft. Nachdem der erste Weltkrieg für rasante Fortschritte bei der Flugtechnik gesorgt und noch einige andere Propeller-Desperados ihre abenteuerlichen Flugexperimente absolviert hatten, startete 1926 die erste planmäßige Linienmaschine der "Deutschen Luft Hansa A.G." nach Zürich. Ja, auch die heutige Lufthansa wurde in Tempelhof aus der Taufe gehoben. Damals gab es gerade mal zwei kleine Flughallen und eine notdürftig befestigte Start- und Landebahn. Auch Zeppeline erhoben sich von hier aus in die Lüfte, und bereits 1927 wurde Tempelhof ans Berliner U-Bahn-Netz angeschlossen.

Berlin boomte und war dabei, Paris als europäische Metropole abzulösen. Alfred Döblin schrieb an seinem Jahrhundertepos "Berlin Alexanderplatz", die Cabarets und Revuen in der Friedrichstraße blühten, und die allerneueste Sportbegeisterung kannte keine Grenzen mehr. Schneller, höher, weiter - das galt jetzt überall. In einer Werbebroschüre zum Welt-Reklamekongress aus dem Jahr 1929 hieß es im expressionistischen Stil der Zeit: "Rasendes Tempo! Das Herz des Reiches, dies Berlin, pulst Leben! Vier Millionen Menschen in Betrieb, ein Fünfzehntel des deutschen Volkes im Schnellschritt! Und während unten alles eilt und drängt, singt aus den Lüften der Motor! Großartiger Anblick: Flughafen Tempelhof!"


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Nazi-Machwerk mit amerikanischem Einschlag

Im Januar 1933 war endgültig Schluss mit dem pulsierenden Metropolenleben - jetzt marschierte Hitlers braune SA durch die Straßen. 1935 schaltete sich der "Führer" persönlich in die Planungen für den "Weltflughafen" einer künftigen Reichshauptstadt "Germania" ein und forderte, die neue Architektur müsse "ewig", "überwältigend", ja "zerschmetternd" sein und vor allem von der "Größe unseres Glaubens" zeugen.

In der Rekordzeit von nur zwei Jahren entstand unter der Leitung des "Reichsschnellbaumeisters" Ernst Sagebiel, der zuvor schon Hermann Görings Reichsluftfahrtministerium entworfen hatte, die symmetrische Anlage mit der schier endlos lang gestreckten Terminal-Spange: 285.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, 49 Gebäude, 7 Flugzeughallen mit 9000 Büroräumen. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen: Erstaunliche klare Formen, bei der Fassade des Hauptgebäudes durch die schmalen Fenster kaskadenhaft rhythmisiert, verbanden sich mit einem Hauch südlichen Flairs, hervorgerufen vor allem durch die großzügige Verwendung von Muschelkalk. Eine teutonische Trutzburg mit Art-déco-Elementen.

Dass das Bauwerk, bis heute neben dem Washingtoner Pentagon und dem monströsen Parlamentspalast in Bukarest eines der größten Einzelgebäude der Welt, nicht als Nazi-Machwerk in Erinnerung geblieben ist, verdankt sich nicht nur der unbezweifelbaren ästhetischen Qualität, sondern auch amerikanischen Einflüssen. Denn die bis heute seltsam faszinierende Abflughalle haben erst die Amerikaner zwischen 1959 und 1962 fertiggestellt - die Nazis fanden mitten im Krieg keine Zeit mehr dafür. Wichtiger war ihnen, dass in einem still gelegten Eisenbahntunnel in den weitläufigen Katakomben von Tempelhof Jagdbomber für den erhofften "Endsieg" zusammengeschraubt werden konnten.

Als sowjetische Truppen im April 1945 als Erste am Flughafen eintrafen, stürmten sie auch die unterirdischen Gewölbe. Nach dem Einsatz von Handgranaten gegen die Panzertüren ging der geheime Film- und Archivbunker der Wehrmacht in Flammen auf. Tagelang brannte das kostbare Zelluloid, und noch heute kann man die Ruß- und Brandspuren an den Wänden sehen.

Kulisse für Dietrich, Monroe und Co.

Nach einigen Wochen und einem handfesten Machtkampf übernahmen im Juli 1945 die US-Streitkräfte Tempelhof und bauten den Komplex, der sogar eine eigene Heizkraft- und Warmwasseranlage besaß, für Jahrzehnte zu ihrem Stützpunkt aus. Erst 1993 zogen sie endgültig ab.

Oben, unterm Dach, dort, wo die Nazis einst das große Flughafenrestaurant geplant hatten, richtete sich die U.S. Air Force eine Sport- und Basketballhalle im klassischen Langley-Braun ein, die längst denkmalgeschützt ist. Die riesige, ursprünglich über fünf Stockwerke gehende "Ehrenhalle" der Nazi-Architekten blieb dagegen auf ewig im Zustand des Rohbaus stecken, ebenso maßlos wie zeitlos unerlöst. Kaum jemand würde sie hinter dem schlichten Schriftzug "Zentralflughafen Tempelhof" über dem Eingang vermuten.

Die sechziger Jahre waren die große Zeit von Tempelhof. Der Flugverkehr stieg rasant an, und auch die Weltstars des Kinos nutzten die großartige Kulisse für ihre Auftritte: Marlene Dietrich, Billy Wilder, Gary Cooper, Marilyn Monroe, Romy Schneider.

Die Lufthansa zieht ab

Der Flughafen platzte aus allen Nähten, und so wurde 1975 der neue Flughafen Tegel eröffnet. Seither ging es langsam aber sicher bergab mit Tempelhof. Die Fluggastzahlen sanken, nicht zuletzt deshalb, weil die modernen großen Maschinen nicht mehr starten und landen konnten. Als die Lufthansa 1994 schließlich komplett nach Tegel umzog, folgten ihre zahlreiche weitere Fluggesellschaften. 1996 kam es dann zum sogenannten Konsensbeschluss zwischen dem Bund, Berlin und Brandenburg: Sobald der Planfeststellungsbeschluss für den neuen Großflughafen BBI rechtskräftig geworden sei, müsse der Flugbetrieb in Tempelhof eingestellt werden.

Seit Monaten wird in Schönefeld gebaut, doch immer noch tobt der Streit um Tempelhof. Die Befürworter wollen ihn als Verkehrsflughafen erhalten, als idealen Airport für Geschäftsflüge, Sportflieger und Spezialaufgaben mit angeschlossenen Serviceeinrichtungen - die Gegner wollen ein Museum daraus machen, mit neuen Wohnquartieren auf der grünen Wiese.

Eines wird Tempelhof in jedem Fall bleiben: ein Monument aus anderer Zeit. Denn abgerissen wird hier nichts. Dafür sorgt der Denkmalschutz.


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1.
Gerhard Lettmann 25.04.2008
Tempelhof, diesen geschichtlichen Ort zu schließen, ist eine Schande für Wowi und Konsorten. Vielleicht sehen wir ihn dort im nächsten Jahr an der Spitze einer Parade.
2.
Joachim Holstein 25.04.2008
Berlin ist beileibe nicht die einzige Hauptstadt der Welt mit einem Flughafen »praktisch mitten in der Stadt«. So etwas gibt es auch in Mexiko-Stadt, Tegucigalpa (Honduras), Guatemala-Stadt, Quito (Ecuador) und London (City Airport).
3.
Oliver Kurlvink 25.04.2008
Es ist kein Volksbegehren, sondern ein Volksentscheid. Und abgestimmt wird nicht über den Erhalt oder Nicht-Erhalt des Flugbetriebs, sondern darüber, aufzufordern, dass die Regierung noch einmal über ihre 12 Jahre alte Entscheidung nachdenkt. Deshalb ist dieser Volksentscheid auch sehr großer Blödsinn: Volksentscheide können tatsächlich Gesetze schaffen, ändern oder Neuwahlen auslösen. Sie können aber nicht die Tempelhof-Entscheidung direkt beeinflussen. Leider wird dieser Volksentscheid aber genau so vermarktet, als würden die Berliner direkt für den Erhalt des Flugbetriebs stimmen. Er schwächt weitere Volksbegehren und Entscheide, die tatsächlich die Gesetzgebung beeinflussen würden, indem er den Berlinern das Vertrauen in diese Methode nimmt. Diese gehen jetzt nämlich fälschlicherweise hin und glauben, dass ihre Entscheidung direkt relevant für den Flugbetrieb ist, werden von dem Ignorieren des Ergebnisses überrascht und enttäuscht werden und fortan glauben, dass dies für alle Volksentscheide grundsätzlich gilt, obwohl Volksentscheide z.B. zur Abstimmung von Gesetzesentwürfen ebenso bindend wären, wie eine Entscheidung im Abgeordnetenhaus. Nur halt nicht in der Tempelhoffrage, da es sich hierbei nicht um Gesetze oder Neuwahlen dreht...
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