Berlin im Juli 1945 Die Wunden einer Großstadt

Seine Heimat hatte die deutsche Luftwaffe mit Bomben übersät. Trotzdem meldete sich der britische Offizier Cecil F.S. Newman nach dem Krieg freiwillig zum Wiederaufbau Berlins. einestages zeigt seine Fotos.

Cecil F. S. Newman/Stadtmuseum Berlin

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Aus Trümmerbergen ragen kahle Häuserstümpfe zu einem fast unwirklich blauen Himmel empor. Noch irrealer erscheinen die Menschen, die der britische Offizier Cecil F. S. Newman 1945 und 1946 auf den verwüsteten Straßen Berlins fotografierte. Klein und verloren wirken sie zwischen den Überresten ihrer einst vertrauten Umgebung, manche wie im Schock erstarrt. Mit einfachem Arbeitsgerät ausgestattet, räumen Trümmerfrauen überall in der Stadt Schutt beiseite.

Nur wenige Monate nach Ende des Zweiten Weltkriegs kam Newman im Juli 1945 nach Berlin, um als Freiwilliger beim Wiederaufbau zu helfen. Die ehemalige Reichshauptstadt war nicht mehr wiederzuerkennen. Seit 1943 war sie von britischen und amerikanischen Kampfverbänden mehr als 300 Mal bombardiert worden. Vor der Kapitulation der Stadt am 2. Mai hatten sich die Rote Armee und polnische Truppen mit Wehrmachts- und Volkssturmsoldaten erbitterte Straßengefechte geliefert.

Newman, Ingenieur und Stadtplaner, war als Captain der britischen Pioniertruppe Royal Engineers fast sechs Jahre im Krieg gewesen. In seiner Heimatstadt Belfast in Nordirland hatte er 1941 Bomben entschärft, nachdem dort bei deutschen Luftangriffen mehr als 1000 Menschen getötet und 1500 verwundet worden waren. Trotz dieser Erfahrungen kam er nicht mit der Haltung eines Besatzers, sondern als Helfer nach Berlin.

Arbeiten bis in die Nacht

In der Abteilung Public Works and Utilities der britischen Militärregierung prüfte er, welche Gebäude zuerst repariert und welche Ruinen gesprengt werden sollten. Der Flakbunker am Zoo sei unzerstörbar, erklärte er. Damit behielt er Recht, denn den Briten gelang es in den folgenden Jahren trotz mehrerer Anläufe nicht, ihn in die Luft zu jagen. Der Bunker wurde erst mit Schutt bedeckt und dann in den Fünfzigerjahren nach und nach abgetragen.

Allein im britischen Sektor waren fast 10.300 Gebäude entweder vollständig kaputt oder irreparabel geschädigt. Die Arbeit in Newmans Abteilung erschien schier endlos, sodass er seine Kollegen anwies, das Büro frühestens um Mitternacht zu verlassen.

Auf etwa 1400 Schwarzweiß- und Farbbildern hielt der leidenschaftliche Fotograf nicht nur den damaligen Zustand von Straßen, Häusern, Brücken und Versorgungsleitungen fest. Mit seiner Kamera nahm er auch Männer, Frauen und Kinder auf, die inmitten der Trümmer leben mussten.

In den 13 Monaten, die er in Berlin verbrachte, schloss er private Freundschaften, obwohl den Vertretern der Siegermächte eine "Verbrüderung" mit dem ehemaligen Feind ausdrücklich untersagt war. In einem "Leitfaden" der britischen Armee wurde den Soldaten eingeschärft, keinesfalls Mitleid mit den durch Überarbeitung und Hunger geschwächten Zivilisten zu empfinden: "So lange Sie in Deutschland sind, denken Sie immer daran, dass Sie nicht hier wären, wenn die deutschen Verbrechen diesen Krieg nicht unausweichlich gemacht hätten."

Nicht alle Deutsche waren Nazis

Als Leiter einer Pfadfindergruppe hatte Newman in Tirol jedoch bereits in den Dreißigerjahren Deutsche kennengelernt. Bei gemeinsamen Wanderungen und Skitouren stellte er fest, dass nicht alle von ihnen Nazis waren. Im Nachkriegsberlin sah er die Einwohner der Stadt daher nicht pauschal als Täter, sondern bewahrte sich den Blick für das Menschliche.

Tochter Pat, die 1949 geboren wurde, blätterte als Kind an Regentagen immer wieder die drei in grobes Leinen gebundenen Berliner Fotoalben durch. "Mein Vater hat nur wenig über die Zeit gesprochen", erinnert sie sich. "Ich fragte mich immer, was wohl aus den Kindern auf den Bildern geworden sei. Sie spielten in den Trümmern oder lernten unter freiem Himmel in der Charlottenburger Waldschule. Als ich mir die Fotos ansah, war ich ungefähr so alt wie sie damals."

Eindringlich sind auch die Aufnahmen, die in einer Flüchtlingsunterkunft entstanden. Mitten in einer Bewegung erfasst Newman ein junges Mädchen, das dem Fotografen einen misstrauischen Blick zuwirft. Im Innern des Hauses beobachtet er Kleinkinder, die zwischen Etagenbetten herumlaufen, neben denen Familien ihr weniges Hab und Gut abgelegt haben. "Er war sehr an dem Alltagsleben in der Stadt interessiert", sagt Pat Newman. Am Stettiner Bahnhof, wo sich heute in Berlin-Mitte der Nordbahnhof befindet, lichtete er eine Menschenmenge hinter einer völlig überfüllten Straßenbahn ab. Denn auch der öffentliche Nahverkehr kam in den Monaten nach Kriegsende allmählich wieder in Gang.

Abschied ohne Wiedersehen

Der hagere Mann, der auf einem Bild mit einer typisch britischen Pfeife zu sehen ist, wurde im Sommer 1947 im Zuge der Truppenreduzierung von seinem Einsatzort abgezogen. Sehr zum Bedauern des Architekten Hans Scharoun, damals Stadtbaurat des Berliner Magistrats, der ihm schrieb: "Es war für mich und meine Mitarbeiter eine große Freude, immer wieder zu erfahren, dass wir in unserer so schwierigen Situation auch menschlich verstanden wurden (...…)."

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Cecil Newman hoffte, als Angestellter der Zivilverwaltung rasch wieder nach Berlin zurückkehren zu können. Seine Kameraausrüstung ließ er deshalb bei Freunden. Doch die Stadt sollte er nach 1947 nie wieder sehen. In Belfast gründete er eine Familie und arbeitete in verantwortlicher Position als Stadt- und Landschaftsplaner. Vor seinem Tod 1984 besuchte Pat Newman Berlin und lernte eine Stadt kennen, die mit den Trümmerfotos aus den Alben keine Ähnlichkeit mehr hatte. "Mein Vater wollte genau wissen, wie sich Berlin verändert hatte", erzählt sie. "Er sprach davon, wie hart die Menschen dort gearbeitet hatten und mit welcher Entschlossenheit sie ihre Stadt wiederaufbauen wollten."

65 Jahre nach Cecil F. S. Newmans Berlin-Erfahrungen hat seine Tochter dem Stadtmuseum 41 Schwarz-Weiß-Negativfilme und 55 Farbdias geschenkt. "Ich finde es wichtig, vor allem den jüngeren Generationen zu zeigen, wie sehr sich die Stadt verändert hat und unter welch schwierigen Umständen ihre Großeltern dort gelebt haben."

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Eva Lengsfeld, 05.08.2015
1. Danke für diese Fotos...
sie sind ein Appell für den Frieden und eine Ermahnung an alle die über Krieg diskutieren...ein wertvolles Dokument!!
Klaus Günther, 05.08.2015
2. Mit Bomben übersät
Diese Bezeichnung trifft meines Erachtens auf Deutschland gegen Kriegsende zu, aber nicht auf England. Zwar ist es richtig, dass Deutschland zuerst britische Anlagen mit Bomben angegriffen hat. Aber "übersät" ist was anderes. Diese sprachliche Ungenauigkeit passt aber ganz gut zu spon.
Peter Weisner, 05.08.2015
3. Wer und wieviel
1. Frau Lengsfeld: Wer diskutiert über Frieden? Meine Antwort: Ein paar Leute, die als "Gutmenschen" usw. diffamiert werden. Ansonsten gelten Rechthaberei, Machtgelüste, Geld verdienen, Gleichgültigkeit. In dem bei uns herrschenden System, das seine Protagonisten gebiert, kann es nicht anders sein. 2. "mit Bomben übersäht" - das ist genau die Demagogie, die ich schon im Kommunismus zum Ko.... fand. Gleichstellerei, um jede Diskussion abzuwürgen. Es wäre dem Autor ein Leichtes gewesen, die konkreten Zahlen zubenennen. Soll aber nicht sein. Verniedlichung der Probleme. Spätestens meine Kinder und Enkel werden es (unverschuldet) büßen.
Douglas Maraun, 05.08.2015
4.
Lieber Herr Günther, der Begriff "übersät" ist nicht quantitativ definiert - es wurde im Artikel auch in keiner Weise eine Relation zu den Angriffen der Alliierten auf Deutschland hergestellt. Manchmal lässt man sich auch schnell zu Ungenauigkeiten im Denken verführen. Lesen Sie doch bitte den Artikel https://de.wikipedia.org/wiki/Baedeker_Blitz auf Wikipedia. Es ist Auslegungssache, ob 50000 zerstörte Häuser einem Übersäen gleichkommt, aber keine sprachliche Ungenauigkeit. Ich spare mir meine Vermutungen zu ihrem Kommentar auszuführen. Mit freundlichen Grüßen, Douglas Maraun
Heinz Haydn, 05.08.2015
5. Wer Wind sät,...
...der wird Sturm ernten. Ob Deutschland das jemals verstehen wird?
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