Nachkriegsluftbilder Heimlich über Berlin

Nachkriegsluftbilder: Heimlich über Berlin Fotos
Marc Barbey/A.C. Byers/Hein Gorny/Collection Regard

Berlin, wie es kein Deutscher sehen durfte: Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gelang es dem Fotografen Hein Gorny, die zerbombte Hauptstadt aus der Luft abzulichten. Sein Sohn Peter Gorny erzählt, wie es zu den spektakulären Aufnahmen kam - und warum bis zur Veröffentlichung Jahrzehnte vergingen.

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Ich hatte das kleine Fotoalbum selbst in der Hand gehalten. DIN A5, Querformat. Mein Vater hatte es mir gezeigt, als ich zehn war, damals kurz nach dem Krieg. Sorgfältig hatte er die Kontaktabzüge eingeklebt, dort, wo später die Vergrößerungen stehen sollten. Es war der Layout-Entwurf für ein Buch. Eigentlich war mein Vater Hein Gorny Werbe- und Tierfotograf, die Stadt fotografierte er fast nie. Diesmal aber sollte es ein Berlin-Buch werden - Bilder von vor und nach dem Krieg. Besonders in Erinnerung blieben mir die Luftaufnahmen.

Lange schwarze Schatten von Bäumen und zersprengten Fassaden durchzogen die Schwarzweißmotive. Es dürften die ersten, wenn nicht gar die einzigen Bilder gewesen sein, die von einem deutschen Fotografen nur wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges über Berlin gemacht wurden. Im Winter 1945/46, als die Aufnahmen entstanden, gehörte der Luftraum über der Stadt den Siegermächten. Sie duldeten keine Deutschen über ihrem Hoheitsgebiet, ganz abgesehen davon, dass es so gut wie unmöglich war, sich ein Flugzeug zu beschaffen und über Berlin zu kreisen. Meinem Vater war es dennoch gelungen.

Beiläufig entnahm ich den Bemerkungen meiner Eltern, dass er damit etwas getan hatte, was er "eigentlich nicht durfte". Details merkte ich mir nicht. Meine Eltern ließen sich damals gerade scheiden, und kurz darauf zogen meine Mutter, meine Schwester und ich weg aus Berlin. Die Luftbilder mit den langen schwarzen Schatten über der Stadt aber blieben mir im Gedächtnis. Und auch, dass ihre Entstehung mit einem amerikanischen Freund zu tun hatte, den mein Vater wahrscheinlich Ende der dreißiger Jahre in New York kennengelernt hatte.

Anruf aus dem Konsulat

Meine Mutter, Tochter des Philosophen Theodor Lessing, war nach den rassistischen Gesetzen der Nazis eine "Halbjüdin". Viele unserer Bekannten hatten Deutschland damals bereits verlassen. Auch meine Eltern wollten weg, sich in New York eine neue Existenz aufbauen. Mein Vater hatte dort bereits ein Atelier ausfindig gemacht und angemietet. Kurz nach der Geburt meiner Schwester im Februar 1939 wollten wir aufbrechen - mit einem Touristenvisum, weil ein Einwanderungsvisum für die USA nicht mehr zu bekommen war.

Das Atelier am Kurfürstendamm hatten wir bereits unseren Nachmietern, dem Fotografen Karl Theodor Gremmler und seiner Frau, überlassen, als eines Tages ein Beamter des amerikanischen Konsulats anrief. Vermutlich hatte er eine Frage wegen des Visums. Als er die "gnädige Frau" verlangte und sich statt meiner Mutter Frau Gremmler am Telefon meldete, beendete er das Gespräch. Offenbar hatte er durchschaut, was wir planten. Unsere Touristenvisa wurden annulliert. Wir mussten bleiben.

Bald darauf zogen wir - durch einen tragischen Umstand - auch wieder in unser altes Atelier: Fotograf Gremmler hatte im September 1939 den Einmarsch der Wehrmacht in Polen begleitet und war dort schon in den ersten Kriegstagen tödlich verunglückt. So kehrten wir im Oktober zurück an den Kurfürstendamm. Doch die Arbeit als Werbefotograf wurde für meinen Vater immer schwieriger - erst recht nach einem Vorfall, der ihm fast ein Berufsverbot eingebracht hätte.

Das falsche Motiv

Unter den zahlreichen Aufnahmen, die eine Bildagentur für ihn vertrieb, befand sich auch das Foto einer Frau, die ihr Kind in die Luft geworfen hatte und gerade in Begriff war, es wieder aufzufangen. Ein starkes Motiv, das die Deutsche Reichsbahn für ihre Reklame nutzte - bis herauskam, dass die Frau auf den Foto meine Mutter war. Meinem Vater warf man daraufhin vor, er habe die Reichbahn dadurch lächerlich machen wollen, dass er eine Jüdin für sie werben ließ. Vergebens versuchte mein Vater zu erklären, dass es ein dummer Zufall war, dass die Reichsbahn aus seinen mehreren hundert Fotos ausgerechnet dieses Motiv ausgewählt hatte.

Wenn er seinen Beruf weiter ausüben wolle, so versuchte man meinen Vater zu erpressen, müsse er sich von meiner Mutter trennen. Das aber verweigerte er. Größere Aufträge bekam er danach nicht mehr, weder von deutschen Firmen noch von öffentlichen Institutionen. Er musste die Werbefotografie aufgeben und lebte davon, dass er Porträts machte oder Fotos von Pferden und Hunden.

Nach dem Krieg - im Herbst 1945 - sah ich ihn einige Male, wie er mit einem Amerikaner unterwegs war: Adolph Carl Byers, ein Militärfotograf, der im Sommer nach Berlin gekommen war. Byers gelang es irgendwie, meinen Vater in eine kleine amerikanische Maschine einzuschleusen. Und das mehr als einmal, wie die Aufnahmen von Herbst und Winter 1945/46 zeigen. Gestartet waren sie vermutlich auf dem Flughafen Tempelhof, den die Amerikaner im Juli 1945 übernommen hatten.

Verdächtige Maschine

Irgendwann war der Flieger, der auffällig oft um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche kreiste, sogar beobachtet und der britischen Militärpolizei gemeldet worden. Anhand der Nummer war die amerikanische Maschine identifiziert worden. Der Zwischenfall blieb ohne Konsequenzen - war aber typisch für meinen Vater.

Bevor er abdrückte, gestaltete er seine Fotos im Kopf. Um mit der Leica oder der Rolleiflex den richtigen Blickwinkel zu finden, kreisten sie mitunter mehrmals um ein Objekt. Das Wichtigste bei diesen Aufnahmen waren ihm die Schatten. Ohne Schatten, so hatte mir mein Vater erklärt, hätte die Fotografie überhaupt keinen Sinn. Luftaufnahmen ohne Schatten wirkten tot. Einmal hätten sie einen Flug sogar abgebrochen, weil Wolken aufgezogen waren und die Sonne verdeckten. Er konnte wahnsinnig pingelig sein, wenn Licht und Schatten nicht stimmten. Das zeigte sich auch bei anderen Gelegenheiten. Dann stellte er stundenlang im Atelier die Lampen um, bis die Linhoff-Plattenkamera endlich einmal "klick" machte.

Er war ein Perfektionist - und dennoch: Das Buch mit den Luftbildaufnahmen erschien nie. Mein Vater arbeitete unermüdlich, am liebsten nachts, dann kamen ihm die besten Ideen. Um sich wachzuhalten, hatte er schon während des Krieges eine Vorliebe für sogenannte Fliegerschokolade entwickelt. Das darin enthaltene Pervitin, ein Aufputschmittel, sollte eigentlich Bomberpiloten auf ihren langen Flügen nach England wachhalten. Freunde und Bekannte, die von ihren Flügen zurückkehrten, brachten sie ihm mit. Am Ende wurde er davon süchtig.

Mit Folgen nicht nur für seine Arbeit. Die Ehe meiner Eltern hatte nicht gehalten, Ende 1944 hatte sich mein Vater scheiden lassen, um eine Mitarbeiterin zu heiraten, von der er sich aber bald wieder trennte. Als er meine Mutter ein zweites Mal heiratete, beteuerte er, nicht rückfällig zu werden. Es gelang aber nicht. 1946 ließ sich meine Mutter wieder scheiden und zog mit meiner Schwester und mir aus Berlin nach Westdeutschland. Mehrere Male war er zu Entziehungskuren in einem Sanatorium, doch von seiner Sucht konnte er bis zu seinem Tod 1967 nicht geheilt werden.

Veröffentlicht wurden die Luftbilder von Adolph Carl Byers und Hein Gorny erst mehr als 65 Jahre später durch die Berliner Collection Regard. Die Bilder, die Peter Gorny für verschollen hielt, stellte der Sammler Marc Barbey 2011 für die Ausstellung "Hommage à Berlin" zusammen. Darin enthalten sind außer Aufnahmen der bekanntesten Bauwerke und Architekturensemble von Berlin aus der Luft und am Boden auch Bilder des Berliner Fotografen Friedrich Seidenstücker, die sich ebenfalls in Gornys Nachlass befanden.

Um sein Werk bekanntzumachen, sucht die Collection Regard Institutionen in Deutschland und im Ausland, die "Hommage à Berlin" ausstellen möchten. Mehr Informationen auf der Homepage der Collection Regard .

Zum Weiterlesen:

Marc Barbey/Enno Kaufhold: "Hommage à Berlin - Hein Gorny / Adolph C. Byers / Friedrich Seidenstücker." Collection Regard, Berlin 2011, 160 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon .

Aufgezeichnet von Solveig Grothe

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1.
Andreas Heinzgen 29.12.2011
Zu Bild Nr. 20: Die dort zu sehende Kirche im Hansaviertel ist die Kaiser-Friedrich (!)-Gedächtniskirche. Links oben im Bild ist übrigens Schloß Bellevue zu sehen, heute Amtssitz des Bundespräsidenten.
2.
GmbH Meta Communication International 29.12.2011
Vielen Dank für diese interessanten Information und für die eindrucksvollen Fotos. Michael Kleinespel, Dresden
3.
Redaktion einestages 29.12.2011
Liebe Leser, vielen Dank für die zahlreichen Hinweise zu der Bildunterschrift Nr. 20, in der uns ein Fehler unterlaufen war: Natürlich handelt es sich auf diesem Foto um die Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Kirche.
4.
Robert Meincke 30.12.2011
Zu Bild Nr. 12: In der Bildunterschrift schreiben Sie: "...Heute befindet sich an dieser Stelle der unterirdische S-Bahnhof Nordbahnhof." Dieser ist bereits 1936 als "Stettiner Bahnhof" in Betrieb genommen worden. Das kleine flache Gebäude oberhalb des Platzes ist das Empfangsgebäude.
5.
Adalbert Ullrich 30.12.2011
Ist doch beeindruckend wie sauber die Alliierten nicht nur Berlin sondern große Teile von Deutschland aus der Luft zerstörten! Von Weizäcker findet das bestimmt weiterhin als eine echte Befreiung.......... von einem großen Teil unserer Vergangenheit!
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