Nachkriegszeit "Taschen öffnen!"

Nachkriegszeit: "Taschen öffnen!" Fotos
CARE

Sich in der Sowjetischen Besatzungszone mit amerikanischen Geschenken erwischen zu lassen war gefährlich. Die Volkspolizei schreckte nicht einmal vor der Bestrafung von Kindern zurück. Oder doch? Willi Grünberg erinnert sich. Von

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An jenem Tag im Januar schwänzte mein Schulkamerad Kurt Kirchner die Schule. Seine Mutter war mit ihm und den beiden jüngeren Töchtern nach Westberlin gefahren, um zwei Care-Pakete entgegenzunehmen. In Berlin-Wannsee hatten sie getrennt den Zug für die Rückreise bestiegen. Kurt und die siebenjährige Schwester saßen nun in einem, seine Mutter und die fünfjährige Tochter in einem anderen Wagon. Die Pakete hatten sie vorher geöffnet, den Inhalt herausgenommen und in unverdächtigen Tragetaschen auf die einzelnen Familienmitglieder verteilt.

In Drewitz, dem ersten in der Sowjetischen Besatzungszone liegenden Bahnhof, wurde der Zug zu Personen- und Gepäckkontrollen aufgehalten. Kurt hatte Pech: Er musste sein Reisegepäck öffnen. Natürlich erkannte der kontrollierende Volkspolizist die Herkunft der Konservenbüchsen und Verpackungen, letztlich war er ja gut geschult und man erwartete Erfolge von ihm.

Nun hätte der Kontrolleur ja ein Auge zudrücken können und mit dem anderen Auge den Tascheninhalt nicht erkennen müssen. Aber für ihn war das gefährlich. Hinter ihm stand der zweite Volkspolizist, und darüber hinaus hätte es sein können, dass sich ein ziviler Aufpasser im Abteil befand. Eine vertrackte Situation.

Voll erwischt!

Also sagte er zu Kurt: "Du warst bei den Amerikanern in Westberlin und hast eines dieser schmutzigen Gnadengeschenke angenommen, nicht wahr?" "Nein", stotterte Kurt, "ich habe die Tasche auf einer Bank im Bahnhof Alexanderplatz gefunden." "Nun, wenn das wahr ist, wäre es deine Pflicht gewesen, das zu melden, nicht wahr?" Der Ton des Volkspolizisten war schärfer geworden.

Kurts leises "Hab ich nicht gewusst" war kaum zu hören. "Das ist doch nicht alles, was du hier in der Tasche hast. Wo ist der Rest vom Care-Paket?" Kurt schwieg und zuckte die Achseln. Er konnte doch nicht seine Schwester verraten.

Jetzt mischte sich der zweite Volkspolizist ein. Er befahl: "Alle hier im Abteil stellen ihr Gepäck und ihre Taschen geöffnet auf die Sitzbänke! Wollen doch mal sehen, wen wir da noch erwischen." Erwischt wurde Rosi, Kurts Schwester.

Schlaflose Nacht

Beide Kinder mussten mit ihrem Gepäck aussteigen und den Volkspolizisten folgen. Frau Kirchner sah vom anderen Personenzugwagen aus ihre beiden Kinder mit den Volkspolizisten in den Diensträumen des Bahnhofes verschwinden. Sie selbst und ihre jüngere Tochter hatten Glück: Ihr Gepäck wurde nicht kontrolliert.

Aussteigen, um ihren beiden Kindern zur Seite zu stehen, konnte Frau Kirchner nicht, denn sie und die kleine Tochter führten ja auch Care-Waren mit sich. Also blieb sie ein wenig ratlos im Abteil und fragte sich ängstlich, was mit den Kindern geschehen würde.

Gleichzeitig war sie aber auch ein wenig glücklich, denn sie hatte den größeren Teil der Care-Lebensmittel für die Familie gerettet. Kurt und Rosi würden schon zurechtkommen, hoffte sie im Stillen, Kinder wird man doch nicht einsperren. Schlaflos wartete sie die ganze Nacht.

Care-Paket gefunden

Kurt und seine Schwester waren inzwischen in die Diensträume der Volkspolizei gebracht worden: ein Volkspolizist vorneweg, der andere hinter ihnen. Abhauen hätte keinen Zweck gehabt.

Drinnen mussten Kurt und Rosi ihre Taschen auspacken und alles auf den Tisch legen, auch den Kleinkram. Kurt musste seine Hosentaschen leeren und nach außen stülpen. Sie wurden gefragt, wer noch mit ihnen gereist sei. "Keiner", antwortete Kurt. "Das könnt ihr uns nicht erzählen, sagt die Wahrheit, sonst…"

Vor dem "Sonst…" hatte Kurt keine Angst. Hätte der Volkspolizist ihn geschlagen, dann hätte Kurt ihn gegen das Schienbein getreten. Offenbar wusste der Polizist aber, dass man in der neuen Ordnung keine Kinder schlagen durfte. Also wurden sie weiter befragt: "Seid ihr von zu Hause getürmt?" - "Nein." "Wissen eure Eltern Bescheid?" - "Wir haben nur noch unsere Mutter." "Was wolltet ihr alleine in Berlin?" - "Ich habe meiner Schwester den Alexanderplatz mit den vielen Straßenbahnen gezeigt." - "Ist das wahr?" Rosi nickte und schwieg. "Und da habt ihr angeblich die Tasche mit den unerlaubten Sachen gefunden?" - "Ja." - "Mädchen, lüg uns nicht an! Sag jetzt endlich die Wahrheit!" Rosi sagte nichts, auch nicht, als der Polizist sie anbrüllte. Rosi kniff die Lippen zusammen, Tränen kullerten.

Bloß die Klappe halten

Dann wurden die Kinder in ein Zimmer mit vergitterten Fenstern gesperrt. Drinnen standen nur ein Tisch, ein hölzerner Stuhl, eine Holzbank ohne Lehne und zwei geschlossene Schränke. Von der Zimmerdecke hing eine nackte Glühbirne.

"So, ihr bleibt erst mal hier drin, und das so lange, bis euch die Wahrheit einfällt", sagte der Polizist und schloss die Tür hinter sich. Dann waren sie alleine - auch nicht schlecht, denn so konnten sie sich flüsternd verständigen. Nur leise, denn sie mussten ja damit rechnen, dass an der Tür oder an den Wänden gelauscht wurde. Ihre Namen und die Adresse hatten die Polizisten schon. Mehr sollten sie nicht erfahren.

Sie waren am Alex gewesen und hatten die Care-Lebensmittel gefunden, dabei wollten sie bleiben. Rosi plauderte auch später nichts aus, Kurt war stolz auf seine Schwester. Draußen war es schon lange dunkel. Die Kinder wussten nicht, wie spät es war oder wie lange sie schon in diesem Raum festgehalten wurden.

Wiedersehen mit Freude - aber ohne Paket

Morgens ging es mit den gleichen Fragen weiter. Anschließend, wieder eingesperrt in dem vergitterten Raum, schliefen die Kinder, die Köpfe auf den verschränkten Armen, erschöpft ein. Als man sie weckte, wurde es draußen schon hell und die Befragung ging von vorne los.

Kurt und Rosi klagten über Hunger und Durst und bekamen heißen Tee. Der ältere der beiden Volkspolizisten, der bis jetzt still zugehört hatte, nahm aus seiner Aktentasche eine Brotbüchse und holte eine durchgeschnittene Klappstulle heraus. "Müsst ihr euch teilen", sagte er. Und zu den anderen: "Ich denke, wir schicken die Kinder nach Hause."

Gegen zehn Uhr vormittags - Kurts und Rosis Mutter war gerade im Begriff, zur Polizeiwache im Rathaus zu gehen, um die Kinder als vermisst zu melden - kamen ihr Kurt und Rosi strahlend, aber mit leeren Taschen, entgegen.

Nachspiel

Damit war die Angelegenheit aber noch nicht erledigt. Am Dienstag der folgenden Woche stürmte der Rektor, Herr Meier, den Unterricht unserer Klasse. Wir sprangen von unseren Schulbänken auf. "Setzt euch!"

Rektor Meier schwenkte nervös einen Brief in seiner Hand, er wirkte aufgeregt. "Gut, dass Sie gleich mit dabei sind, wir können dann sofort die notwendigen Maßnahmen absprechen", sagte er zu Herrn Holder, unserem Klassenlehrer. "Ich habe hier eine Anzeige der Kontrollorgane bezüglich einer Ordnungswidrigkeit, begangen von einem Schüler Ihrer Klasse. Man fordert erzieherische Maßnahmen. Ihr Schüler Kirchner hat eindeutig Verordnungen missachtet."

Kurt war inzwischen aufgestanden und aus der Schulbank herausgetreten. Wir fragten uns, was er nur so Fürchterliches angestellt hatte. Von der dann folgenden Standpauke erinnere ich mich nur noch an Floskeln wie: Unruhe unter die Menschen bringen; den demokratischen Aufbau untergraben; Hetze gegen die Sowjetunion - ich hatte die Ohren auf Durchzug gestellt!

Wir machen weiter!

"Und was machen wir nun mit dem Schüler Kirchner?" fragte Rektor Meier, nach Luft ringend, unseren Klassenlehrer. Der hatte, mit dem Rücken zum Fenster stehend, den Schimpftiraden des Herrn Rektor still zugehört. Da er nicht sofort antwortete, fügte der noch hinzu: "Wir können das nicht hinnehmen, wir müssen eine erzieherische Maßnahme ergreifen!"

"Richtig", antwortete Herr Holder. "Wir müssen erziehen, das ist unsere Aufgabe als Lehrer und das soll dahin führen, dass die Schüler ihre Aufgaben im täglichen Leben meistern, Probleme der Gegenwart verstehen und aus diesem Verständnis heraus auch entsprechend handeln. In ihren Darlegungen haben sie das deutlich gemacht, nicht nur gegenüber dem Schüler Kirchner, sondern auch gegenüber der ganzen Klasse. Sie haben erzogen, Kollege Meier, das ist entscheidend. Wir werden es dabei bewenden lassen."

Ob Rektor Meier besondere Maßnahmen und mögliche Bestrafungen im Sinn hatte, das weiß ich nicht. Jedenfalls schluckte Rektor Meier und sein Adamsapfel bewegte sich ruckartig. Dann wendete er sich brüsk ab und verlies den Klassenraum. Herr Holder lächelte und sagte: "Setzen! Wir fahren mit dem Unterricht fort."

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