Nachkriegszeit "Fringsen" war kein Freibrief

Nachkriegszeit: "Fringsen" war kein Freibrief Fotos

Ein ungewöhnlicher Würdenträger war Kardinal Frings allemal. Aber hat er in seiner Silvesterrede von 1946 wirklich das Stehlen von Lebensmitteln erlaubt? 20 Jahre nach der Ansprache traf Helmar Meinel Deutschlands populärsten Kirchenfürsten persönlich - und fragte einfach nach. Von

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Erfindungen werden häufig nach ihren Konstrukteuren ("Zeppelin"), Produkte nach ihren Erzeugern ("Underberg") und Forschungsergebnisse nach Wissenschaftlern benannt ("Alzheimer"). Aber dass der eigene Name für eine bestimmte Tätigkeit steht und als solche in den Volksmund eingeht, ist selten. Im Falle von Josef Kardinal Frings (1887-1978), dem ehemaligen Kölner Erzbischof und langjährigen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz ist das geschehen - durchaus unbeabsichtigt.

"Fringsen", mit weichem rheinischen "s" gesprochen, ging in der Nachkriegszeit als Synonym für das "Organisieren", also das illegale Beschaffen von Lebensmitteln und Brennstoffen in die deutsche Sprache ein. Denn Frings hatte in der aufsehenerregenden Silvesterpredigt vom 31. Dezember 1946 in der Kirche St. Engelbert in Köln-Riehl den "Mundraub" mit den Worten legalisiert: "Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seiner Gesundheit notwenig hat, wenn er es auf andere Weise, durch seine Arbeit oder Bitten, nicht erlangen kann."

Der Nachsatz ist entscheidend

Als ich Deutschlands populärsten Kirchenfürsten 1967 anlässlich seiner Ernennung zum Ehrenbürger Kölns mit zwei weiteren Kölner Journalisten in seiner Residenz besuchen durfte und ihn dabei natürlich auch auf das "Fringsen" ansprach, wehrte er zu unserem Erstaunen heftig und fast unwirsch ab. "Da wird immer der Nachsatz unterschlagen", erläuterte er und ließ seinen Sekretär aus der flugs herbeigeholten Niederschrift der berühmten Predigt die entsprechende Stelle vorlesen. Der folgende Satz lautete: "Aber ich glaube, dass (beim Organisieren) in vielen Fällen weit darüber hinausgegangen worden ist, und da gibt es nur einen Weg: unverzüglich unrechtes Gut zurückgeben, sonst gibt es keine Verzeihung bei Gott!"

Ende einer Legende? Nein, Frings wollte nur richtig verstanden sein: Für entschuldbar hielt er das überlebensnotwendige "Organisieren", verurteilte aber die überhand nehmenden Diebereien und Schiebereien großen Umfangs scharf.

Überhaupt war Frings ein bemerkenswerter Mensch. Der Erzbischof, der sein Amt in der schwierigen Zeit vom Kriegsjahr 1942 bis zu seinem Rücktritt aus Altersgründen 1969 versah, gehörte zu den wenigen Amtsträgern der katholischen Kirche, die sich eindeutig gegen das NS-Regime positioniert hatten. Mutig hatte er öffentlich die Judenverfolgung als "himmelschreiendes Unrecht" bezeichnet. Seine Popularität in der Bevölkerung, sein Ausharren in Köln im Bombenhagel des Krieges und sein hervorragender Ruf im Ausland bewahrten ihn wahrscheinlich vor größeren Repressalien.

Weisheiten op kölsch

Seine hohe Reputation erwies sich auch als vorteilhaft beim Zweiten Vatikanischen Konzil ab 1962 in Rom, bei dem er zum Reformerflügel zählte. Sein engster theologischer Berater war damals niemand anderes als der Bonner Professor Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt. Dass Frings in den Verhandlungen mit einer besonderen Gabe für den Umgang mit Menschen und mit hohem Sinn für einen immer weisen Ratschlag gesegnet war, lässt sich aus seiner Replik bei einer Rede in der katholischen Akademie herleiten.

Als ihm vorgehalten wurde, dass er vor der Bischofsweihe doch ganz anders, unbefangener und polemischer gesprochen habe, gab Frings mit dem Selbstverständnis seines hohen Kirchenamtes an den jungen Fragesteller zurück: "Werden Sie erst mal Bischof, dann sagen Sie auch nicht mehr alles, wat Sie vorher jesagt und jedacht haben!"

Gesegnet mit dem Humor seiner niederrheinischen Heimat Neuss und der Kunst, sich Gottes Willen ohne Murren zu fügen, nahm Frings sogar die Alterslast seiner fast vollständigen Erblindung in heiterer Kölscher Gelassenheit auf sich. Es wird berichtet, dass er bei Erkundigungen nach seiner Gesundheit die besorgten Fragesteller gern verschmitzt herunterspielend beschied: "Jod luure kann ich schlääch, ävver schlääch hüre, dat kann isch jod!" - Gut sehen kann ich schlecht, aber schlecht hören, das kann ich gut!

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