Nachkriegszeit in Berlin Gemüse mit Alarmsicherung

Nachkriegszeit in Berlin: Gemüse mit Alarmsicherung Fotos
Rosemarie Dinse/Privatbesitz

Kohlenschmuggel und "Klapperlatschen": In Berlin erlebte Rosemarie Dinse nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges viele Entbehrungen. Aber Not macht bekanntlich erfinderisch. Erstaunlich, was ihr Vater alles so in den Kriegsruinen fand - und für den Neuanfang mit nach Hause brachte. Von

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Nach dem Krieg drehte sich fast alles darum, das Notwendigste für den Alltag zu organisieren: Kleidung, Baumaterial und vor allem Nahrungsmittel. Die Versorgungslage war schlecht. In West-Berlin gab es nur Lebensmittelkarten für Ei- und Milchpulver sowie für getrocknete Kartoffel- und Möhrenstückchen. Um sich halbwegs vernünftig zu ernähren, reichte das bei weitem nicht aus.

Neben unserem Haus in Lankwitz pachtete mein Vater deshalb ein Ruinengrundstück, auf dem viele Obstbäume wuchsen. Wir pflanzten Tomaten, Salat, Zuckerrüben und sogar Tabak an, den wir nach der Ernte auf eine Leine fädelten und auf dem Dachboden trockneten. Die Zuckerrüben kochten wir in einem Waschkessel in den wenigen Stunden, wenn es Gas gab, ein. Das war eine klebrige Angelegenheit! Jeder Schalter und jede Türklinke in unserem Haus war mit Sirup beschmiert.

Nachdem eines Tages von unserem Pachtgrundstück ein großer Kürbis gestohlen wurde, beschlossen wir, eine Art Alarmanlage zu installieren. Wir spannten eine Leine vor das Grundstück, an der ein Balken hing, der in einer großen Zinkwanne pendelte. Sollte jemand im Dunkeln an die Leine stoßen, würde der Balken gegen die Wanne schlagen und uns wecken. Durch Fremde wurde diese Alarmanlage allerdings nie ausgelöst, dafür stießen meine Mutter und ich umso öfter an die Stolperleine. Um ganz sicher zu gehen, hielten wir jede Nacht abwechselnd im Drei-Stunden-Takt Wache an unserem Flurfenster - eine sehr ermüdende Beschäftigung.

Kohlenschmuggel über die Sektorengrenze

Dinge, die man nicht anbauen konnte, tauschte man ein. Zweimal in der Woche ging ich zu den Amerikanern und ließ mir - im Austausch gegen Tomaten - ein kleines Eimerchen mit Kaffeegrund füllen, den meine Mutter ein zweites Mal aufbrühte. Ein zu großes Paar Schuhe meines Bruders tauschte ich gegen ein passendes Paar für mich. Später machte mein Vater eine Werkstatt ausfindig, in die man Stoff bringen konnte. Der Stoff wurde auf Alu-Sohlen befestigt, und man erhielt auf diese Art ein Paar "Klapperlatschen". Das war, wenn man keinen Erfolg mit dem Tauschen gehabt hatte, besser als nichts.

Nachdem mein Vater eine Stellung bei der Zeitung "Der Morgen" im Ostsektor der Stadt bekommen hatte, erhielt er jeden Monat ein russisches "Care-Paket". Es enthielt unter anderem Mehl, Zucker und Zigaretten. Meine Mutter und ich holten es im Ostsektor ab. Zur Beförderung hatten wir eine Art Einkaufsroller. Er bestand aus einem Gestänge mit zwei Rädern und hatte einen Griff, ähnlich einem Spazierstock. An diesem Griff gab es zwei Haken, an die wir unsere Taschen und Rucksäcke hängen konnten. Die neue Stelle meines Vaters bescherte uns auch einen Kohlenschein. Damit wir den Volkspolizisten nicht auffielen, brachten wir die Kohlen immer am späten Nachmittag, wenn die S-Bahn am vollsten war, vom Osten in den Westen der Stadt. Es war natürlich nicht erlaubt, Kohlen über die Sektorengrenze zu schmuggeln.

Mein Vater entwickelte sich im Laufe der entbehrungsreichen Zeit zu einem richtigen Organisationstalent. Wenn er spätabends nach der Arbeit, meist gegen Mitternacht, aus der S-Bahn stieg, durchstöberte er noch die Ruinen, um eventuell etwas Brauchbares zu finden. Eines Abends entdeckte er zum Beispiel eine intakte Toilettenschüssel, die wir gut gebrauchen konnten, nachdem unsere auf Grund bitterer Kälte gesprungen war. Ein anderes Mal entdeckte mein Vater die Überreste einer gefällten Kastanie, die wir nachts gemeinsam, nachdem mein Vater uns dafür extra aus dem Bett geholt hatte, zu unserem Garagenplatz zerrten. Sie bescherte uns Holz zum Heizen.

Kükenaufzucht mit der Wärmflasche

Nun hatte meinen Vater endgültig der Eifer gepackt und er suchte überall nach Brauchbarem. Er entdeckte ein ausgebombtes Haus, dessen zerstörtes Dach noch voller Ziegel war. Genau die Ziegel, die wir brauchten! Das Dach auf unserem Haus war durch eine Fliegerbombe, die in der Nähe heruntergekommen war, stark beschädigt worden. Aus der Not heraus entwickelte mein Vater alle möglichen handwerklichen Fähigkeiten. Die Scheiben unseres Hauses waren zum Teil kaputt, und so suchte er in den Ruinen nach Glasstücken und versuchte sich als Glaser. Andere Scheiben, zum Beispiel im Keller, wurden nur notdürftig mit Pappe repariert.

Einmal bekamen wir einen Hahn und zwei Hühner, ein anderes Mal ein Kaninchen dazu. Mein Vater baute ein Gehege im Garten, und die Tiere bekamen sogar Namen. Später kauften meine Mutter und ich in der Markthalle am Alexanderplatz noch weitere Hühner dazu. Wir vergrößerten das Gehege und brachten die befruchteten Eier nach Treptow in die Brutanstalt. Die Küken holte meine Mutter wieder ab. Wir zogen sie mühsam mit einer Wärmflasche auf, denn im Haus war es viel zu kalt. Und Kohlen zum Heizen hatten wir nicht mehr. Die Hühner zu schlachten, brachte keiner von uns übers Herz, das musste ein Nachbar übernehmen.

Unser kleines Glück war perfekt, als sich eines Tages ein Käufer für unser altes Auto fand, das noch immer ohne Reifen und Batterie in der zerstörten Garage stand. Ein Rumäne gab uns drei Zentner Kartoffeln und ziemlich viel Geld dafür. Mein Vater löste damit die restlichen Hypotheken ab, die auf dem Haus lasteten. Er hatte Glück, dass er sie noch vor der Währungsreform mit Reichsmark ablösen konnte. Später hätte das Geld dafür nicht mehr ausgereicht.

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