Nachkriegszeit in der DDR Als Adenauer Maikäfer über den Feldern ausschüttete

Bananen im Holzbein, selbstgebrannter Schnaps und ein Hörgerät im Spülbecken: Die Nachkriegszeit in der DDR war für Detlev Crusius ein Abenteuerspielplatz. Und in der Schule lernte der damals Elfjährige schnell, wie Maikäfer und US-Amerikaner für gute Noten sorgen konnten.

Detlev Crusius

Beziehungen. Das war es, was man in den ersten Nachkriegsjahren vor allem brauchte. 1949 war ich sieben Jahre alt. Aber dass nichts ohne Beziehungen zu russischen Behörden und Menschen ging, das war auch mir bald klar. Meine Großeltern waren geradezu Profis im Organisieren und Pflegen von Beziehungen.

Oma und Opa wohnten wie wir in Güstrow, sie waren schon vor meinem Vater, meiner Mutter und mir aus Pommern weggegangen. Opa hatte ein Holzbein, das war sein "August". Er hatte sein Bein nicht im Krieg verloren, das hatte man ihm schon amputiert, als er noch ein kleiner Junge war. Deshalb war sein "August" fast wie ein Körperteil von ihm und er konnte gut damit laufen.

Opa hatte immer ein paar Zigarren bei sich, wenn er in die "Kommandantura" der Russen ging. Wie auch immer er das gedeichselt hatte, vermutlich mit seinen Zigarren, er durfte regelmäßig nach Westberlin fahren. Dort wohnte eine meiner Tanten, die alles besorgte, was man im Osten nicht bekam, vor allen Dingen Medikamente. Das alles transportierte Opa dann in seinem "August" von West nach Ost, in der U-Bahn und im Zug. Einmal hatte er noch Platz in seinem "August", da brachte er meinen jüngeren Geschwistern und mir ein paar Bananen mit. Das war ein Ereignis - Bananen aus Opas Holzbein!

Ein Hörgerät aus dem Westen

Opa war überhaupt ein großer Organisator. Egal, was gebraucht wurde, Bindfaden, Schuhsohlen, Nägel, Bezugsscheine für Kleidung - Opa besorgte es. Und oft bekam er es von den Russen, denn mit denen war er besonders gut Freund. Opa beschaffte mir auch viele in der DDR verbotene Bücher, ohne zu ahnen, welche Saat er damit bei mir auslegte. Das waren Bücher von Jack London, Joseph Conrad, Stevenson, Graf Luckner, Karl May - alle verboten und deshalb besonders beliebt.

In der Schule hatten wir einen Büchertauschring organisiert. Mitglied wurde nur, wer als verschwiegen galt. Von dem Tauschring wussten nicht mal unsere Eltern. Uns Jungen konnte nicht viel passieren, unseren Eltern schon, wenn herauskäme, welche Bücher wir lasen und wer da mit wem tauschte. Es ist aber nie etwas durchgesickert. Auch mein bester Freund hat dicht gehalten und über dessen Vater sagte meine Mutter immer, der sei ein in der Wolle gefärbter "Roter".

Oma war sehr schwerhörig, und deshalb brachte Opa ihr aus dem Westen etwas ganz Besonders mit - ein Hörgerät. Das Ding muss ziemlich teuer gewesen sein, denn zu damaliger Zeit steckte die Entwicklung solcher Geräte noch in den Kinderschuhen, und lange funktioniert hat es auch nicht. Es waren zwei ziemlich dicke Klötze, die Oma da jetzt am Ohr und um den Hals gehängt mit sich herumschleppe. Die Batterien konnte man nur im Westen kaufen, deshalb musste sie immer das Hörgerät ausschalten und Strom sparen.

Opa heulte wie ein Schlosshund

Immer, wenn was Besonderes passierte, und Opa meinte, Oma müsste das hören, dann rief er laut: "Anna, schalt den Strom ein." Oma sagte dann oft: "Ach, lass mich, ich will euch gottlosen Strolche nicht hören." Und Opa sagte oft: "Oma lebt schon in einer anderen Welt. Oma ist nicht mehr von hier." Damit meinte er, dass Oma plemplem sei, aber das stimmte nicht, sie war ganz normal. Sie schaltete nur einfach ihren Kopf ab, weil ihr alles zu viel wurde, so wie man ein Radio abschaltet, wenn es zu laut wird. Dann saß sie am Fenster und schaute zum Himmel, sah den Wolken zu, einfach so, dachte an unser altes Zuhause in Pommern. Manchmal musste ich mich neben sie setzen, und dann sagte sie schon mal so Sachen wie: "Guck mal die Wolke, die sieht aus wie unser Hindu mit seinen Schlappohren."

Ich glaube, ich war der einzige, der wusste, dass Oma gar nicht so schwerhörig war. Und sie wusste, dass ich es wusste, denn wenn ich mit Oma alleine war, dann sprachen wir ganz normal miteinander, redeten nicht lauter. Ich wusste auch, weshalb das Hörgerät so schnell kaputt war. Oma hatte es absichtlich ins Spülbecken fallen lassen. Sie wollte den Kasten loswerden.

Oma war wirklich nicht von hier. Aber nur in dem Sinn, dass sie nie richtig in Güstrow angekommen war, sich einfach weigerte, anzukommen, und irgendwie immer noch zu Hause in Pommern war. Der große braune Hund Hindu war im Osten geblieben, da wo jetzt die Polen wohnten. Als Oma und Opa von ihrem alten Zuhause weggingen, wussten sie (alle normal denkenden Menschen wussten das), dass niemand je wieder würde zurückkommen dürfen. Aber Hindu konnte trotzdem nicht mit in Richtung Westen flüchten. Erst hat Opa versucht, ihn zu vergiften. Das Gift hat aber nicht richtig gewirkt, er musste ihn mit seiner alten Armeepistole erschießen. Das hat Opa mir erst viele Jahre später erzählt. Auch nach so vielen Jahren hat er dabei geheult wie ein Schlosshund.

Räuber Mack und die Mägde

Oma hatte zwei Gärten, einen großen Garten weiter weg, hinten an der Goldberger Chaussee. Da wuchs fast alles, was man zum Leben brauchte. Die Hühner, Enten und Küken hatte sie in ihrem kleinen Garten hinter dem Haus. Sie "tastete" die Hühner, steckte ihnen ihren krummen, gichtigen Zeigefinger in den Hintern und wusste deshalb immer, ob bald ein Ei fertig war. Dann wurde das Huhn eingesperrt, damit es das Ei nicht beim Nachbarn legte.

Opa erzählte mir auch viele Geschichten vom Räuber Mack. Der Räuber Mack war früher in den Pommerischen Wäldern umhergezogen und hat sich an die hübschen Mägde der einsam verstreut liegende Bauernhöfe herangemacht. Oma hat immer sehr geschimpft, wenn Opa mir vom Räuber Mack erzählte und was der mit den Mägden gemacht hat. Das meiste habe ich nicht verstanden, das waren immer nur so komische halbe Sätze und an vielen Stellen sagte er nur: "Hum. Hum. Hum."

Opa und Onkel Günter brauten aus Johannesbeeren und Stachelbeeren Wein, aus dem sie dann auch Schnaps brannten. Das war ein übles Zeug, und einmal ist mir furchtbar schlecht davon geworden, denn ich durfte immer probieren. Sie tauschten davon aber wenig gegen Lebensmittel, das meiste tranken sie selbst, meistens sonntags. Wenn sie dann sehr lustig waren, marschierten sie um den Wohnzimmertisch, sangen Lieder und trompeteten wie ein ganzes Blasorchester. Opa konnte gut marschieren mit seinem Holzbein und dabei eine Trompete oder Posaune nachmachen.

Sonntagsereignis Badewanne

Onkel Günter züchtete Kaninchen. An hohen Feiertagen gab es bei uns immer Kaninchenbraten. Später, als ich in West-Deutschland war und dort das Wirtschaftswunder anbrach, waren Kaninchen plötzlich ein Arme-Leute-Essen. Für mich ist Kaninchenbraten bis heute ein Festessen geblieben.

Weil Holz und deshalb auch warmes Wasser knapp war, wurde nur samstags gebadet. Wenn wir alle gebadet hatten, wischte Oma mit dem Badewasser den Holzfußboden, bohnerte und legte große Pappenstücke auf den Boden. Wir durften nur auf der Pappe laufen, nicht links oder rechts daneben. Sonntags morgens räumte Oma die Pappe weg und dann war es sonntags den ganzen Tag sauber. Sonntags morgens rasierte Opa sich auch, er hatte ein Rasiermesser, das schärfte er erst an einem Lederriemen. Er zog sich dann seinen Anzug mit Weste an und band eine Krawatte um. Den Anzug hatte er mal von einem Landstreicher gekauft. Oma hatte den Anzug gewaschen, auseinander getrennt, gewendet und wieder zusammen genäht. "Fast wie neu, das ist englischer Stoff", sagte Opa voller Stolz.

Onkel Günter war im Krieg in einen Giftgasangriff geraten und hatte von dem Gas eingeatmet, nicht genug, um sofort zu sterben, aber er sprach sehr leise und irgendwie knarrend und krächzend, wie eine schlecht geölte Tür, und er hustete sehr viel. Oft blieb er morgens im Bett liegen, er hatte auch keine Arbeit. Tante Irmchen sagte immer: "Der pfeift aus dem letzten Loch, der ist zu nichts mehr zu gebrauchen." Oma wurde dann richtig böse und schimpfte: "Irmchen, du bist ein garstiges Weib und Rot bist du auch, du bist unsere 'Rote Irmgard'." Bloß, weil meine Tante in der SED war.


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"Fest auf dem Boden der DDR"

Die Schule war ganz in Ordnung. Mit ein paar Tricks konnte man auch ohne viel Aufwand ganz gut durchkommen. Unsere Klassenleiterin hieß Hilde, meine Mutter nannte sie nur die "Rote Hilde". Bei der Roten Hilde mussten wir das Gedicht ,Im Kreml ist noch Licht' auswendig lernen. Ich kann mich noch gut an dieses Gedicht erinnern, das sitzt ganz fest in meinem Kopf, da hat die Rote Hilde schon für gesorgt.

In dem Gedicht wird gereimt, dass auf der ganzen Welt das Licht ausgeht, nur im Kreml hinter einem einzigen Fenster brennt noch Licht, und da sitzt Stalin und denkt über die Werktätigen nach und wie er denen helfen kann. Das Gedicht war sehr wichtig, und wenn man es mit dem richtigen Pathos vor der Klasse vortrug, dann "stand man fest auf dem Boden der DDR". Oder stand man fest auf dem Sozialismus? Ich wusste es nicht so genau. So oder so - gute Noten in allen Fächern waren garantiert - bei genug Pathos.

Mit Maikäfern hat das auch funktioniert. Wir hatten in der Schule gelernt, dass die Amerikaner und natürlich Adenauer über der DDR Maikäfer aus Flugzeugen abwarfen, die dann unten auf den Feldern unsere Ernten auffraßen. Also malte ich ein großes Bild: Oben auf dem Bild kreiste ein Flugzeug, in der Pilotenkanzel saß Adenauer, und aus einem Sack verstreute er Maikäfer, unten waren die DDR und die Rote Hilde und unsere Schule und ich. Das Bild wurde in der Klasse aufgehängt und ich bekam dafür längere Zeit gute Noten, die Rote Hilde war sehr zufrieden mit mir. Mein Vater sagte nur: "Junge, du weißt, dass das Blödsinn ist, oder?" Natürlich wusste ich das. Die Maikäfer fanden bei uns ganz sicher nicht genug zu fressen.

Kalter Tod von Genosse Stalin

Aber in manchen Jahren gab es so viele Maikäfer, dass wir schulfrei bekamen und stattdessen auf den Feldern Maikäfer sammelten. Und der Junge Pionier mit den meisten Maikäfern wurde dann gelobt. Beim Flaggenappell musste der Pionier vortreten, und dann sagte die Rote Hilde, dass sich der Pionier wegen der vielen Maikäfern um den Sozialismus verdient gemacht hätte.

Um diese Zeit starb Stalin. Ich habe die Trauerfeier in unserer Schule noch heute in guter Erinnerung, weil es saukalt war und wir frühmorgens noch im Dunkeln in kurzen Hosen auf dem Schulhof im Schnee zum Flaggenappell antreten mussten, und die Rote Hilde stand neben dem Flaggenmast und heulte Rotz und Wasser, weil jetzt ja niemand mehr auf die Werktätigen aufpasste.

Als Stalin starb, glaubten viel Menschen, dass es nun eigentlich nur noch besser werden konnte. Das war sicher auch ein Grund, weshalb es am 17. Juni zum Volksaufstand kam. Stalin war tot, aber sein Geist lebte noch. Deshalb fand der Aufstand ein blutiges Ende.



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Michael Zapf, 02.06.2009
1.
Hallo Herr Crusius, ich habe das Gedicht von Erich Weinert im Internet gefunden, es klingt ziemlich schwülstig, aber das war zu der damaligen Zeit eben so, nicht nur im "roten" Osten. Ihnen alles Gute und liebe Grüße, M. Zapf IM KREML IST NOCH LICHT Wenn du die Augen schließt und jedes Glied Und jede Faser deines Leibes ruht - Dein Herz bleibt wach, dein Herz wird niemals müd; Und auch im tiefsten Schlafe rauscht dein Blut. Ich schau aus meinem Fenster in die Nacht; Zum nahen Kreml wend ich mein Gesicht. Die Stadt hat alle Augen zugemacht. Und nur im Kreml drüben ist noch Licht. Und wieder schau ich, weit nach Mitternacht, Zum Kreml hin. Es schläft die ganze Welt. Und Licht um Licht wird drüben ausgemacht. Ein einziges Fenster nur ist noch erhellt. Spät leg ich meine Feder aus der Hand, Als schon die Dämmerung aus den Wolken bricht. Ich schau zum Kreml. Ruhig schläft das Land. Sein Herz blieb wach. Im Kreml ist noch Licht. Erich Weinert Moskau 1940
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