Nachrichtenagenturen Neue Karriere für die Codeknacker

Vor dem Krieg entschlüsselte sie britische Funksprüche für die Marine, danach arbeitete sie für den ehemaligen Feind: Clementine DeThier war Zeugin der kuriosesten Episode des deutschen Journalismus. An der Schwelle von der Diktatur zur Demokratie wurde ein ehemaliger Nachrichtendienst zur ersten Nachrichtenagentur in Deutschland.

Clementine DeThier

Sommer 1945: Das Deutsche Reich hat den Krieg verloren, Millionen Soldaten sind tot oder in Gefangenschaft, Hamburg liegt wie viele Großstädte Deutschlands in Trümmern. Im Mai war am Marinestützpunkt Flensburg-Mürwik Admiral Karl Dönitz verhaftet worden, Oberbefehlshaber der Marine und letztes Oberhaupt des untergegangenen NS-Staats. Nun, im August, macht sich an gleicher Stelle ein Tross von 63 Mathematikern, Physikern und Nachrichtenhelferinnen auf den Weg nach Hamburg. Ihr Reiseziel unterscheidet sich ganz erheblich von dem ihres ehemaligen Chefs: Während Dönitz im Gefängnis sitzt, sucht die Gruppe eine Villa an der noblen Rothenbaumchaussee auf.

Das prächtige Haus hat kurz zuvor der britische Journalist und Geheimdienstmitarbeiter Sefton Delmer beschlagnahmt. Delmer, im Krieg verantwortlich für das britische Propagandaradio "Soldatensender Calais", ist mit einem Stab von Redakteuren und Archivkräften aus London mit dem Auftrag nach Hamburg gekommen, die erste Nachrichtenagentur in der britischen Zone aufzubauen. Dazu braucht er geeignetes deutsches Personal. Doch Journalisten gelten als besonders belastet. So greift die Militärregierung zu einer ungewöhnlichen Maßnahme und rekrutiert Mitarbeiter des ehemaligen Marine-Nachrichtendienstes (MND) in Flensburg - mit dem Sammeln und Verteilen von Neuigkeiten kennen die sich schließlich aus. Statt deutschen Kriegs-U-Booten und Schlachtschiffen sollen sie ihre Dienste von nun an den Lizenzzeitungen in der britisch besetzten Zone zur Verfügung stellen.

Unter den Flensburgern ist auch Clementine Schmidt. Noch weiß sie nicht, dass der Umzug die größte berufliche Chance ihres Lebens ist. Sie ist 22 Jahre alt und erlebt in den nächsten Jahren hautnah mit, wie aus einem ehemaligen Nachrichtendienst die erste Nachrichtenagentur im Nachkriegsdeutschland wird.

Ständiger Wettlauf mit Bletchley Park

Drei Jahre zuvor, in Berlin, führt ein Zufall die junge Frau zum Oberkommando der Kriegsmarine. "Ich bekam im Jahr 1942 eine Einberufung zum Reichsarbeitsdienst (RAD), das musste damals jeder machen", sagt die Frau, die heute DeThier heißt. Nach einer Intervention ihres Vaters kommt ihr der RAD jedoch entgegen. Falls sie an einem "kriegswichtigen Platz" arbeite, würde sie freigestellt werden. "Wir haben uns umgehört und erfahren, dass das Oberkommando der Marine, damals noch in Berlin ansässig, Dolmetscherinnen suchte", so DeThier. "Kurz darauf habe ich mich bei Wilhelm Tranow vorgestellt und einen Job als Sekretärin bekommen."

Wilhelm Tranow galt im Nachrichtendienst der Marine als Legende. In den zwanziger Jahren war er als Zivilist zum "B-Dienst", den Funkbeobachtern der Flotte, gestoßen und hatte als Leiter der England- Abteilung schnelle Erfolge verbuchen können. Historiker attestieren ihm "großartige Kenntnisse über die britische Handels- und Kriegsmarine", die zusammen mit dem Knacken britischer Codes dazu führten, dass "der B-Dienst alle fremden Kriegsschiffbewegungen auf der Welt mit Hilfe der der britischen Admiralität" verfolgen konnte. Im Zweiten Weltkrieg ist Tranows Abteilung, ab 1944 um-benannt in Abteilung 4./Skl III [für Seekriegsleitung], vor allem für das Abhören fremden Funkverkehrs und die Organisation der deutschen Funksicherheit zuständig. Sie befindet sich im ständigen Wettlauf mit den britischen Kontrahenten in Bletchley Park bei London.

Mit fortschreitender Kriegsdauer verschärft sich der Mangel an qualifizierten männlichen Arbeitskräften. Beim Marine-Nachrichtendienst setzt man ab 1942 verstärkt auf die Anwerbung von Nachrichtenhelferinnen, die in Lehrgängen geschult werden. Heinz Bonatz, Abteilungschef beim MND, erinnerte sich nach dem Krieg, dass einige dieser Neulinge zu guten Entzifferern geworden seien. Das gilt auch für Cle-mentine Schmidt: Schon bald dechiffriert sie englische Funksprüche. Exemplare der berühmten Dechiffriermaschine "Enigma" habe sie zwar oft gesehen, aber nicht daran gearbeitet. "Wir haben alles entziffert, allerdings nicht mit Maschinen. Uns wurde Papier vorgelegt", erinnert sie sich. Wenn man ein Muster aus dem englischen Buchstabensalat destillieren konnte, habe man die verschlüsselte Nachricht zunächst dekodiert und dann übersetzt.

"Wir waren froh, dass nicht die Russen da waren"

Spätestens 1943 gewinnen die Briten im Wettlauf der Spezialisten die Oberhand. Der Mathematiker Alan Mathison Turing hat das "Orakel von Bletchley" konstruiert, eine Rechenmaschine, die die meisten deutschen Codes knackt. Die deutschen U-Boote versenken fortan weniger Geleitzüge mit Nachschub aus den USA und müssen gleichzeitig horrende Verluste hinnehmen. Dass sich das Kriegsglück wendet, bekommen auch Clementine Schmidt und ihre Kollegen zu spüren: Um den heftigen Bombardements auf die Hauptstadt zu entgehen, zieht das Oberkommando um. "Die erste Station war Eberswalde, anschließend ging es über Aurich und Neumünster nach Flensburg-Mürwik", so DeThier.

In Flensburg erlebt sie auch die deutsche Kapitulation Anfang Mai 1945, ist heute noch glücklich über das weitgehend unblutige Ende. "Der Kommandant war ein Fanatiker, wollte den Stützpunkt noch verteidigen, als schon englische Kriegsschiffe im Hafen lagen", berichtet sie. Das sei glücklicherweise verhindert worden. "Jedenfalls waren wir froh, dass die Briten und nicht die Russen da waren." Noch im Juni 1945 erhält Schmidt ein Arbeitszeugnis, ausgestellt vom Oberkommando der Kriegsmarine – die Verwaltung funktioniert auch nach Kriegsende einwandfrei. Zusammen mit den anderen Mitgliedern der Funkbeobachtung sitzt sie nun in Mürwik fest – bis der Anruf aus Hamburg kommt.

Die Nachrichtendienstler aus dem Dönitz-Stab erscheinen den Briten weniger verdächtig als jene Journalisten, die unter dem Einfluss von Joseph Goebbels und anderen parteiamtlichen Stellen gear-beitet haben: Sie haben zwar funktioniert, aber nicht wie die Journalisten publizistisch agiert. So ge-lingt nur wenigen altgedienten Journalisten wie Hans-Rudolf Berndorff und Gustav Döhring der Einstieg bei der neuen Agentur.

"Ich Idiotin habe geheiratet"

In eine leitende Positionen beim "German News Service" gelangt dagegen ein alter Bekannter von Clementine Schmidt: Zum ersten deutschen Chefredakteur wird der promovierte Germanist Heinrich Böx. "Ihn kannte ich schon vorher, er war in den dreißiger Jahren mein Lehrer an der Mädchen-Oberschule in Hamburg", erinnert sich DeThier. Schon in Flensburg habe sie Böx wiedergetroffen. Später wird er noch als Sprecher der ersten Bundesregierung von Konrad Adenauer sowie als deutscher Botschafter in Oslo und Warschau Karriere machen.

Für Clementine Schmidt bietet die Tätigkeit beim "German News Service", der am 1. Januar 1947 in "Deutscher Pressedienst" umbenannt wird, die Möglichkeit, als junge Quereinsteigerin im Journalismus Karriere zu machen – so wie andere Vertreter ihrer Generation, etwa Claus Jacobi, der damals bei der "Zeit" anfängt und später zum Chefredakteur des "Spiegel" oder der "Welt" aufsteigen wird. 1947 sei ihr das Angebot gemacht worden, als Redakteurin den Nachrichtenfluss in der jungen Bundesrepublik mitzubestimmen. Mitte des gleichen Jahres aber trifft Clementine Schmidt eine Entscheidung, die sie noch heute bereut: "Ich Idiotin habe geheiratet", sagt sie, "doch das war die falsche Wahl". Die Ehe geht nach gut zwei Jahren in die Brüche – genauso wie die Träume der jungen Frau von einer journalistischen Karriere.

1950 möchte sie zurück in die Nachrichtenagentur, die mittlerweile mit den Pendants in der amerikanischen und französischen Zone zur "Deutschen Presse-Agentur" verschmolzen worden ist. Doch es ist zu spät – nach dem Chaos der Nachkriegsjahre haben sich die personellen Strukturen bei der Agentur verfestigt. "Entweder waren die alten Redakteure zurück oder meine jungen Kollegen von damals hatten sich etabliert", sagt sie. Die mittlerweile 27-Jährige muss sich mit einer Stelle als Sekretärin des dpa-Geschäftsführers begnügen. Auch den kennt sie bestens: Es ist Wilhelm Tranow, der ehemalige Chef der Marine-Codeknacker.

Clementine DeThier arbeitete viele Jahre bei der dpa, bevor sie dort ihren zweiten Mann kennenlernte – einen mittlerweile verstorbenen Journalisten, mit dem sie später in die USA ging. Sie ist heute 87 Jahre alt, wohnt mit Tochter und Enkelkindern eine knappe Autostunde westlich von Washington D.C. Ihr Sohn arbeitet als Wirtschaftkorrespondent für deutsche Zeitungen in den USA. Würde sie noch einmal alles genauso machen? "Keineswegs", sagt sie. "Wäre ich noch einmal in derselben Situation, würde ich meine Chance nutzen und als Redakteurin Karriere machen."



insgesamt 2 Beiträge
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Milosch Dryjanski, 29.11.2010
1.
Warum wiederholt man immer wieder das Märchen, dass die Briten um Alan Turing die Enigma geknackt haben? Die Briten bekamen die Blaupause für die Grundlagen der Entschlüsselung samt einer nachgebauten Enigma bereits 1939 von den Polen, die seit 1928 an der Sache (unter Verwendung der vom französischen Geheimdienst beschaffenen Unterlagen) gearbeitet haben. Aber vom Marian Rejewski, Henryk Zygalski und Jerzy Różycki hat kaum jemand gehört. Die Deutschen haben zwar mehrmals die Benutzungsweise der Maschine geändert, so dass man die Entschlüsselungsmethoden teilweise neu entwickeln musste, aber das Grundwissen über die Schwachstellen war bereits vorhanden.
Jens Schäfer, 29.11.2010
2.
>Warum wiederholt man immer wieder das Märchen, dass die Briten um Alan Turing die Enigma geknackt haben? Die Briten bekamen die Blaupause für die Grundlagen der Entschlüsselung samt einer nachgebauten Enigma bereits 1939 von den Polen, die seit 1928 an der Sache (unter Verwendung der vom französischen Geheimdienst beschaffenen Unterlagen) gearbeitet haben. Weil zum einen die Schwachstellen der Enigma durchaus nicht offensichtlich waren. Schon die Erkenntniss, dass man die verschiedenen Verschlüsselungsschritte getrennt voneinander analysieren (und knacken) kann war alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Einen Computer zu konstruieren, der in der Lage ist, die nötigen Schlüssel rasch genug zu knacken, war wiederum eine Leistung für sich. Das Rätsel zu kennen ist etwas anderes, als die Lösung zu kennen.
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