Nahostkonflikt Wiedersehen auf dem Schlachtfeld

Freundschaft in Zeiten des Krieges: Der Israeli Yehuda und der Palästinenser Jussuf waren unzertrennliche Freunde. Dann kam der Krieg, trennte sie und machte sie zu Feinden. Bis sie sich unter dramatischen Umständen noch ein letztes Mal begegneten.

Josef Königsberg

Klein ist die Welt und voller Geschichten. Das lernte ich einmal mehr während eines Urlaubs in der Türkei, als mich am Hotelpool ein fremder Mann ansprach. Die schwarze Kippa, die er trug, bildete einen seltsamen Kontrast zu seinem schneeweißen Bademantel und den Adidas-Schwimmschuhen. Es stellte sich heraus, dass er bei einer gemeinsamen israelischen Freundin ein Foto von mir gesehen hatte - und jetzt hatte er mich wiedererkannt.

Der Mann hieß Yehuda Ben Ariel, war Israeli, Flugzeugfabrikant und schätzungsweise 60 Jahre alt. Wir waren uns auf Anhieb sehr sympathisch und verbrachten viel Urlaubszeit zusammen. In der Sauna, nach einem gemeinsamen Tennismatch bemerkte ich auf seinem Rücken, seinem Hals und auf seiner linken Hand tiefe Narben.

Yehuda bemerkte meinen Blick. "Das sind Andenken aus einem der Kriege, die Israel geführt hat", sagte er. "Aber das ist eine lange Geschichte, die ich dir gern in Ruhe erzählen will." Später am Abend trafen wir uns in der Hotelbar und nahmen in einer gemütlichen und ruhigen Ecke Platz. Dann begann Yehuda, mir aus seinem Leben zu berichten:

Yehudas Geschichte

Yehudas Vater war ein Jude aus der Nähe von Lemberg und nach Palästina gekommen, als es sich noch unter englischem Mandat befand. Nachdem 1947 der Rat der Vereinten Nationen die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat beschlossen hatte und dies zum Krieg mit den Arabern führte, meldete sich Yehudas Vater, ein überzeugter Zionist, freiwillig an die Front. Er wurde zweimal verwundet. Nach Ausrufung des Staates Israel 1948 lernte er seine zukünftige Ehefrau Rachel kennen. Yehuda kam zur Welt.

Yehuda hatte eine wundervolle Kindheit. Das Leben in einem Kibbuz bot ihm all die Wärme und Geborgenheit, die ein junger Mensch zum Heranwachsen braucht. Er war ein wildes Kind, ein Abenteurer, der trotz Verbotes nachts durch die Felder wanderte und die arabischen Nachbarn besuchte, bei denen er trotz seiner jüdischen Abstammung beliebt war.

Yehuda verbrachte viele Stunden auf der Orangenplantage, die der arabischen Familie von Mustafa Sharif gehörte. Mustafas jüngster Sohn Jussuf wurde Yehudas engster Freund. Die beiden waren so vertraut, dass sie sich bald einander verbunden fühlten wie Brüder. Sie verbrachten so viel Zeit miteinander, wie sie nur konnten.

Das Ende der Kindheit

Eines Tages beschlossen die Freunde, Blutsbrüderschaft zu schließen. Bei einem ihrer Treffen ritzten sich in die Zeigefinger und schworen einander ewige Treue. Nie, sagte Yehuda, werde er diesen bewegenden Augenblick vergessen.

Kindheit und Jugend vergingen jedoch viel zu schnell. 1967 - Jussuf und Yehuda waren gerade 18 Jahre alt - kam es zum sogenannten Sechstagekrieg zwischen Israel und den arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien. Yehuda wurde zum Militär eingezogen. Kurz bevor es an die Front ging, wollte er sich von seinem Freund und Bruder Jussuf verabschieden. An dessen Elternhaus angekommen, traf er auf Jussufs Vater. Er war verzweifelt und in Tränen aufgelöst. Von Jussuf gab es keine Spur. Sein Vater berichtete, er sei von Milizen zum Kampf gegen Israel überredet worden und jetzt wahrscheinlich Mitglied einer Gruppe von Terroristen.

Yehuda blieb Soldat. Auf den Sechs-Tage-Krieg folgte der zwei Jahre währende "Abnutzungskrieg", in dem Ägypten den Sinai zurückerobern wollte, der während des Sechstagekriegs an Israel gegangen war. Die Schlacht wurde in aller Härte geführt. Hunderte Tote und Verletzte gab es auf arabischer wie auch auf israelischer Seite.

Unerwartetes Wiedersehen

Als während dieser kriegerischen Auseinandersetzung freiwillige Sonderkommandos zur Erkundung arabischer Stellungen gesucht wurden, war Yehuda einer der Ersten, der sich meldete. Seiner Gruppe gehörten insgesamt sechs junge Männer an. Zusammen näherten sie sich bei ihrem Einsatz der feindlichen Linie. Plötzlich hörten sie nur noch das Krachen von Maschinengewehrsalven. Irgendetwas hatte Yehuda und seine Kameraden verraten. Yehuda sah drei seiner Kameraden tot zu Boden sinken, die beiden anderen waren ebenfalls getroffen worden und wanden sich vor Schmerzen schreiend auf dem Boden.

Auch Yehuda sackte aus mehreren Wunden blutend zusammen. Er versuchte, sich zu verstecken - aber es schien zu spät. Ein Araber hatte ihn entdeckt und näherte sich ihm mit einem drohend auf ihn gerichteten Maschinengewehr. Dem Schicksal ergeben wartete Yehuda auf die Kugeln, die seinem Leben ein Ende setzen würden. Doch nichts geschah. Der Kämpfer schaute Yehuda fassungslos an.

"Yehuda?" Die Frage klang wie ein erstickter Schrei. Da wusste Yehuda, wer ihm gegenüber stand. Es war sein so lange vermisster Freund und Bruder Jussuf!

Fassungslos vor Freude und voll schmerzlicher Wehmut fielen sie sich schluchzend in die Arme. "Keine Angst, Yehuda", sagte Jussuf. "Ich bringe dich weg von hier."

Jussuf schaffte es unter Einsatz seines eigenen Lebens, Yehuda hinter die feindliche Linie zu bringen, wo ihn seine Kameraden fanden und Sanitäter ihn ins nächste Feldlazarett brachten. Daraufhin verschwand er wieder. Seitdem hat Yehuda nie wieder etwas von seinem Freund und Lebensretter Jussuf gehört.



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Wilfried Huthmacher, 06.06.2017
1. Im Grunde eine traurige Geschichte
denn es sind die "normalen" Menschen - vor allem Kinder - die unter dem Krieg leiden. Und es sind gerade Kinder, die am Wenigsten auf Religion oder Abstammung oder Reichtum geben, wenn es um Freundschaften geht.
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