Nanga Parbat Menschenfresser aus Eis und Stein

Er ist der gefährlichste unter den Achttausendern: Seit über hundert Jahren versuchen Alpinisten den Nanga Parbat im Himalaya zu bezwingen. Viele von ihnen blieben für immer oben. Und selbst wer lebend wieder herunter kam, konnte sich des Ruhmes nicht sicher sein.

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Der Blick ist starr und leer, gefangen irgendwo zwischen entrückter Glückseligkeit und Schmerz. Das Gesicht ist von Falten und tiefen Furchen durchzogen, die Haut verwittert. Es ist das Antlitz eines alten Mannes, gezeichnet von den Strapazen eines ganzen Lebens. Es ist das Gesicht des 28-jährigen Hermann Buhl, der 1953 nach 41 Stunden Alleingang den Gipfel des Nanga Parbat bezwungen hat.

Der Nanga Parbat, das Monster. Die Briten gaben ihm den Namen "Killer Mountain", die Nationalsozialisten mystifizierten ihn zum "Schicksalsberg". Es gibt 14 Achttausender auf der Welt, der Nanga Parbat ist der gefährlichste. Egal über welche Flanke die Bergsteiger den Nanga Parbat angreifen wollen, es lauern überall Labyrinthe von Eisbrüchen und von tiefen Spalten zerfressene Eiswände auf die Kletterer. "Eine Wüste von gefrorenen Wogen, ein riesiger Gletscherzirkus", schrieb der Brite Albert F. Mummery 1895 in sein Tagebuch, bevor er sich als erster Mensch aufmachte, den Nanga Parbat zu erobern - und von seiner Suche nach einer sicheren Aufstiegsroute nie zurückkehrte.

Unzählige Kletterer sind ihm seither gefolgt, und viele von ihnen sind ebenfalls nie wieder lebend im Tal angekommen. Mehr als zwei Dutzend Expeditionsteilnehmer ließen allein in den dreißiger Jahren ihr Leben am Nanga Parbat, der gerade verunglückte Südtiroler Karl Unterkircher ist das 62. Opfer seit Buhls Erstbesteigung 1953.

Abenteuer für Lebensmüde

Es war immer schon die Aussicht auf Heldenruhm, die Kletterer auf den Nanga-Parbat trieb. Albert F. Mummery wurde für sein Vorhaben, allein mit Nagelschuhen, Hanfseilen, Tweedjacke und Koffeintabletten ausgestattet den König aller Berge zu besteigen, noch für lebensmüde erklärt. Doch wenig später geriet der Nanga Parbat zum Instrument für die Heldenbildung - vor allem für die Deutschen, die nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg nach Erfolgen lechzten. "Eines der wichtigsten Mittel, um die sittliche Kraft des deutschen Volkes wieder herzustellen, ist der Alpinismus, und zwar in der Bergsteigerischen Arbeit", beschwor der Deutsch-Österreichische Alpenverein 1919.

Für damalige Bergsteigerfunktionäre waren die Berge das Terrain, in dem noch Platz war für die in der Weimarer Republik "geschmähten Tugenden wie Heldentum und Vaterlandsliebe". Das Erklimmen von Achttausendern wurde zu einer Frage der nationalen Ehre. Vor allem weil auch die Briten im Begriff waren, sich die ersten Achttausender Untertan zu machen. Diese konzentrierten sich dabei vor allem auf den Mount Everest. Also erklärten die Deutschen die Eroberung des Nanga Parbat zur "vaterländischen Aufgabe", gerade nach der Machtergreifung der Nazis rückte sie immer mehr in Zentrum der Propaganda. Um die "Überlegenheit des arischen Edelmenschen" unter Beweis zu stellen, wurden in den dreißiger Jahren fünf deutsche Expeditionen zum Nanga Parbat gestartet.

Doch keiner der Versuche war von Erfolg gekrönt, im Gegenteil. Die 1934 von Willy Merkl mit 600 Helfern und 14 Tonnen Material generalstabsmäßig durchgeführte Nanga-Expedition, an der die neun größten Bergsteigertalente Deutschlands und Österreichs teilnahmen, geriet zum Fiasko. Bereits im zweiten Hochlager starb der erste der neun Bergsteiger - vermutlich an einem Lungenödem. Auf 7450 Meter Höhe wurden die Kletterer dann von einem Orkan überrascht. Beim fluchtartigen Abstieg erfroren sechs Träger und drei Bergsteiger. Einer von ihnen war Merkl selbst. Auch die anderen Versuche standen unter einem schlechten Stern: 1937 erfasste eine Lawine fast alle Teilnehmer einer weiteren Expedition, 1939 wurde ein ebenfalls erfolgloses Team auf dem Rückweg in Indien von den Briten inhaftiert.

Märtyrer am Schicksalsberg

Die von Merkl geführte Expedition war es, dem der Nanga Parbat sein Stigma als "Schicksalsberg" zu verdanken hat. Denn die NS-Propaganda schlachtete das Schicksal der Expedition nach allen Regeln der Kunst aus, stilisierte die Verstorbenen zu Märtyrern. Expeditionsberichterstatter Fritz Brechthold verwandelte sein Protokoll in eine germanische Heldensage, in der die Bergsteiger zu "Soldaten einer Idee" wurden und der Nanga Parbat zum "Schicksalsberg". Das Buch wurde ein Bestseller.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet dem ersten Menschen, der den Nanga Parbat tatsächlich bezwang, der Ruhm fast verwehrt bleiben sollte. Am 3. Juli 1953 machte sich Hermann Buhl, ein 28-jähriger Verkäufer aus Insbruck, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlug, auf die letzte Etappe zum Gipfel. Sein Partner Otto Kempter hatte da schon erschöpft aufgegeben, aber Buhl kletterte weiter. Mit zwei Pervitin-Tabletten und einem Schluck Coca-Tee mobilisierte er die letzten Kräfte und erreichte um 19 Uhr endlich den Gipfel, als erster Mensch, ohne Sauerstoffgerät. "Ich komme mir gar nicht wie ein Sieger vor, ich bin nur froh, dass ich hier oben bin und die Strapazen endlich ein Ende haben", vertraute er seinem Tagebuch an.

Zurück im Lager aber wurde Buhl nicht mit Jubel empfangen. Expeditionsführer Karl Maria Herrligkoffer hatte schon alle Sachen gepackt, um so schnell wie möglich nach Deutschland zu kommen. Er sah in Buhls Erfolg vor allem eine Teamleistung und setzte in den Wochen nach der Rückkehr alles daran, diese Botschaft genau so in die Welt zu bringen. Während die Öffentlichkeit in Deutschland das "Wunder vom Nanga Parbat" feierte, stritten sich Buhl und Herrligkoffer vor Gericht um die Deutungshoheit über den Erfolg. Herrligkoffer war der Halbbruder des 1934 auf dem Nanga Parbat verstorbenen Willy Merkl.

Der Berg gibt seine Opfer nicht mehr her

Mehr als alle anderen Achttausender ist der Nanga Parbat auch ein Streitfall für viele der Alpinisten, die ihn bezwingen wollen oder bezwungen haben. Eine 1970 ebenfalls von Herrligkoffer ins Leben gerufene Expedition beschäftigt Teilnehmer wie Öffentlichkeit bis heute. Es ist jene Tour, bei der ein junger und ehrgeiziger Kletterer namens Reinhold Messner zusammen mit seinem Bruder Günther den Gipfel stürmt - aber allein zurückkehrt. Seit diesem Tag wehrt sich Messner mit allen Mitteln gegen den Vorwurf seiner Teamkameraden, er hätte seinen Bruder im Stich gelassen. Er führte zahlreiche Prozesse und schrieb allein fünf Bücher zum Nanga Parbat - und was ihm dort passierte.

Nicht um alle Opfer des Nanga Parbat entbrannte ein solcher Streit. Im Mai 2004 brach ein 64-jähriger Pensionär aus Thüringen zusammen mit fünf Freunden auf, um den Nanga Parbat zu erstürmen - schon zu DDR-Zeiten, als der Berg für ihn unerreichbar war, hatte er davon geträumt. Am 30. Juni erreichte der ehemalige Ingenieur den Gipfel, erschöpft, aber am Ziel seiner Träume. Auf dem Abstieg jedoch stolperte er und rutschte über eine Eisflanke in den Tod.

Nur allzu selten gibt der Nanga Parbat seine Opfer wieder her. Im August 2005 rettete ein Helikopter der pakistanischen Armee Tomaz Humar von einem Felsvorsprung des Nanga Parbat in 6000 Meter Höhe. Sechs Tage lang hatte der slowenische Alpinist dort ausgeharrt und auf Rettung gewartet.

Im Fall des am Mittwoch verunglückten Karl Unterkircher dagegen besteht wenig Hoffnung. Auf der Suche nach einer neuen Route zum Gipfel, die vorher noch keiner gegangen war, wurde er von einer der unzähligen Gletscherspalten verschlungen - und wird wohl in die Geschichte der vielen Opfer des Nanga Parbat eingehen.

Abschrecken wird das keinen. Sie werden weiter auf den Gipfel des Nanga Parbat stürmen, der als einziger der Himalaya-Riesen nicht in eine Bergkette eingereiht ist, sondern wie ein Mahnmal alleine steht. Sie werden ihn immer und immer wieder bezwingen wollen, so wie sie es seit 113 Jahren tun. "Ich habe keinen Berg gesehen, der eine so unwiderstehliche Anziehungskraft ausübt", sagte Albert Mummery 1895 über den fatalen Sog des Nanga Parbat.

Er ist bis heute ungebrochen.



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