Elite-Internate im "Dritten Reich" Hitlers brutale Kaderschmieden

Elite-Internate im "Dritten Reich": Hitlers brutale Kaderschmieden Fotos

Gewalt als Erziehungsmaßnahme: Vor 80 Jahren wurden die ersten Napolas gegründet. Tausende Schüler besuchten die nationalsozialistischen Ausleseschulen. Neben militärischem Drill gehörten auch Brutalität und Psychoterror zum Alltag. Durch Erzieher - und Mitschüler. Von

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Eine kleine unscheinbare Sporthalle, vier Kilometer außerhalb des oberschlesischen Örtchens Loben: Dichtgedrängt standen die 30 Jungen zusammen. Sie fröstelten, jedoch nicht vor Kälte, sondern vor Anspannung. Vor ihnen ragte eine drei Meter hohe Sprossenwand empor, davor lagen dünne Matten aus Leder. Nun sollten die Zehnjährigen ihren Mut beweisen und sich von der höchsten Sprosse hinunterstürzen.

Das war keine leichtsinnige Mutprobe unter Kindern, sondern Teil einer offiziellen Aufnahmeprüfung - an einer der Nationalpolitischen Erziehungsanstalten, im Volksmund Napolas genannt. Wer im "Dritten Reich" auf diesen Elite-Internaten aufgenommen werden wollte, durfte sich nach den schulischen und sportlichen Tests auch diesem Einführungsritual nicht verweigern - die körperliche Unversehrtheit war zweitrangig. Einer der zitternden Jungen, die an diesem Tag vor der Sprossenwand standen, war Hellmuth Karasek.

"Von den vielleicht dreißig Jungen, mit denen ich die Mutprobe teilte - erst sahen wir zu, wie die anderen hochkletterten, um dann mit ausgebreiteten Armen herunterzustürzen, dann kletterten wir selber dem Sturz entgegen, höher, als wir es uns doch zutrauen wollten -, haben sich mindestens vier ein Bein gebrochen und fast alle die Beine verstaucht. Die Matten, die uns nach dem Fall auffingen waren hart, das braune Leder, mit Werg gefüttert, federte kaum."

Diese Zeilen stammen aus den Erinnerungen des Autors und Literaturkritikers. Im Schuljahr 1944/45 besuchte er für einige Monate die Napola Loben im heutigen Polen.

Aus der behüteten Kindheit vertrieben

Karasek war in der Oberschule von Werbern des Nazi-Internats angesprochen worden. Er war ein aufgeweckter Schüler, außerdem waren Oma, Vater, Mutter und zwei Onkel NSDAP-Mitglieder, und sein Stammbaum laut NS-Ideologie "sauber" - das genügte für eine Einladung zu einer Probewoche, und nach bestandener Mutprobe sogar für die Aufnahme an das Internat. Dass er danach "tagelang stark humpelte", galt als Auszeichnung. Schließlich hatte sich Karasek erst durch das gefährliche Einführungsritual als würdiger Schüler erwiesen. "Ich hatte etwas erreicht, was ich gar nicht erreichen wollte", erinnerte sich mittlerweile 79-Jährige später. "Ich hatte mich selber aus meiner behüteten Kindheit, aus meiner Familie vertrieben."

So wurde Karasek einer von schätzungsweise 17.000 Jungmannen, so bezeichnete man die männlichen Ausleseschüler. Er war nicht der einzige, der später Bekanntheit erlangen sollte. Unter ihnen waren unter anderem der Schauspieler Hardy Krüger, die Journalisten Theo Sommer und Jörg-Andrees Elten oder der Grafiker Horst Janssen.

Die Gründung der ersten drei Napolas war ein Geburtstagsgeschenk an Adolf Hitler. Sie wurden vom zukünftigen Reichserziehungsminister Bernhard Rust geplant und am 20. April 1933 eröffnet. Bis 1945 gab es reichsweit etwa 40 Napolas, drei davon für Mädchen. Hinzu kamen zwölf Adolf-Hitler-Schulen sowie die Reichsschule der NSDAP in Feldafing am Starnberger See. In all diesen Bildungseinrichtungen sollte in sechs- bis achtjähriger Ausbildung die kommende Führungsschicht des Nazi-Staates herangezogen werden.

Traum von der Karriere als Gauleiter in Moskau

Als Hardy Krüger 1941 nach fünf langen Auswahllehrgängen als 13-Jähriger in die Adolf-Hitler-Schule auf der Ordensburg Sonthofen aufgenommen wurde, war der Großteil seiner Familie "sehr stolz und glücklich". Der Junge selbst phantasierte gar schon von einer Karriere als "Gauleiter von Moskau". Aber im idyllisch gelegenen Sonthofen im Oberallgäu herrschten raue Sitten. Besonders Neulinge waren brutalen Schikanen ausgesetzt, das erlebte Krüger am eigenen Leibe.

"Nachts kamen die älteren Jahrgänge in unsere Stube, prügelten uns und schmierten uns mit Schuhwichse ein. Ich wehrte mich, so gut ich konnte. Einmal sogar mit dem Fahrtenmesser, was prompt zu einer Bestrafung vor der ganzen Schule führte."

Heute sind rund 40 biografische Schriften von NS-Ausleseschülern erhalten. Sie zeigen, dass Gewalt unter Schülern keine Ausnahme war. Diese wurde nicht nur vom Lehrkörper geduldet, sondern gehörte inoffiziell zum Lehrplan: Die Gemeinschaft, so ein Grundtenor der Internatserziehung, sollte sich selber erziehen. Wenn nötig mit rabiaten Methoden. Viele Lehrer und Erzieher ignorierten deshalb die Übergriffe, manche hießen sie sogar ausdrücklich gut.

Strafterror und Schläge mit Fäusten

An den Internaten wurde gefordert und gedrillt, die Schüler mussten sich ständig beweisen: Die Stuben hatten sauber zu sein, die Betten akkurat hergerichtet, die Kleidung musste im Spind "auf Kante" liegen, schulische und sportliche Höchstleistungen wurden erwartet. Die strengen Anstaltsregeln - Rauchen und Mädchen verboten - und der Ehrenkodex unter den Schülern - kein Diebstahl, kein Petzen, kein Abschreiben - waren penibel einzuhalten. Sonst folgten harte Sanktionen wie nächtlicher Strafterror, Schläge mit Fäusten, Linealen oder ausgewrungenen Handtüchern.

Die NS-Propaganda predigte außerdem unbarmherziges Verhalten gegen Minderheiten und Verhaltensauffällige - auch an den Internaten traf es die Schwächsten am härtesten.

"Am Abend, beim Appell, wurden die Bettnässer des Morgens bestraft. Vor versammelter Mannschaft bekamen sie einige Stockschläge auf das Gesäß, sie mussten sich vorbeugen, ein Kamerad die Strafe ausführen. Wir anderen sahen schweigend zu. Ich war weder gerührt noch erschreckt. Bettnässer, das war ich nicht. Und also empfand ich die allabendlichen Bestrafungen als gerecht. Aber eher war ich wohl abgestumpft."

Hellmuth Karasek erinnert sich, wie solche offiziellen Strafen zusätzliche Revanchegelüste unter den Schülern provozierten. Er sah darin ein "diabolisches System, bei dem die Strafe Aggressionen der Kameraden weckte, sie zur Vollstreckung durch nächtliche Stubenkeile aufstachelte." Später wunderte er sich darüber, dass ihm "so wenig, eigentlich so gut wie nichts" passiert war. Der Vormarsch der Roten Armee beendete Ende 1944 nach nur einem halben Jahr seine Napola-Laufbahn, im Alter von knapp elf Jahren. Es folgte eine Flucht-Odyssee, die ihn über die Zwischenstation Dresden und Bernburg (Saale) in den fünfziger Jahren nach Westdeutschland führte.

Hardy Krügers Schulzeit auf der NS-Eliteschule nahm eine sehr ungewöhnliche Wendung. Als er 1943 nach Babelsberg zum Dreh von "Junge Adler", seiner ersten Filmrolle, abkommandiert wurde, geriet er noch während seiner Internatszeit mit Regimegegnern in Berührung. Sie zeigten ihm verbotene Filme, klärten ihn über Konzentrationslager auf, spannten ihn schließlich für gelegentliche Botendienste ein. Krüger war in "ein gefährliches Doppelleben verstrickt". 1944 endete seine Schulzeit, als er mit 16 Jahren zur SS eingezogen wurde. Nur mit viel Glück überlebte er die besonders verlustreiche Endphase des Krieges und geriet in Süddeutschland in amerikanische Gefangenschaft.

Nach 1945 machten Karasek und Krüger Karriere, viele Jahre später verarbeiteten sie ihre Erlebnisse in Büchern. Eine Gnade, die vielen ihrer gefallenen oder traumatisierten Mitschüler versagt blieb.

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1.
Erwin Wolfram 05.04.2013
ich finde die bemerkung, dass so vorgearbeitet wurde und wird wie man einzelne ziele bei fremden als institution erreicht auch gut, denn es haengt gar nicht davon ab ob man den krieg ueberlebt, sondern ob man danach noch atmen kann beispielsweise.
2.
Harald Reichmüller 05.04.2013
Immer dann, wenn ich Sätze lese, die mit "Heute, vor siebzig Jahren....." oder mit "Heute vor achtig Jahren.....", dann weiß ich, daß ich nicht weiterzulesen brauche, weil ich weiß, daß der bis zum Überdruß wieder aufgekochte bekannte Sermon folgt.
3.
Siegfried Wittenburg 05.04.2013
In der NVA, die ich 1972/73 erleben musste, waren die Zustände sehr ähnlich.
4.
Siegfried Wittenburg 05.04.2013
"...dann weiß ich, daß ich nicht weiterzulesen brauche..." Müssen Sie auch nicht. Der Artikel wurde auch für andere Leser verfasst.
5.
Adelina Santander 05.04.2013
Nicht von Ungefähr: Das ist eine der vielen Erklärungen, warum und weshalb es im Deutschsland der 30er möglich wurde, so einen WAHN zu entwickeln.
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