Naturfilmer Heinz Sielmann "Er konnte sich über jede Kohlmeise freuen"

Er führte Deutschland auf "Expeditionen ins Tierreich" - in die geheimnisvolle Welt der Siebenschläfer, Pinguine, Berggorillas. Die Filme von Heinz Sielmann, vor 100 Jahren geboren, wollte niemand verpassen.

Heinz-Sielmann-Stiftung

Von Susanne Wedlich


Die Telefone der BBC standen am 15. Januar 1955 nicht mehr still. Der britische Sender hatte intime Momente aus dem Leben einer Familie gezeigt, das Publikum wollte mehr davon.

Für den Blick hinter die Kulissen hatte der deutsche Tierfilmer Heinz Sielmann erstmals zwei Spechte und ihre Jungen in der Nisthöhle aufgenommen. Der Erfolg bescherte ihm eine langjährige Kooperation mit der BBC und machte ihn auf der Insel als "Mister Woodpecker" bekannt. Dabei war Heinz Sielmann weit mehr als nur "Herr Specht".

Hierzulande gilt er als großer Tierfilmer, der die Schönheit der Natur zeigte, ihre Vielfalt - und Verletzlichkeit. Den Anfang machten Lehrfilme und abendfüllende Kino-Dokumentationen. Regelmäßig in die Wohnzimmer kam er ab 1965 - in gut 170 Folgen von "Expeditionen ins Tierreich", mit nasalem Timbre. Die Fernsehserie sicherte dem TV-Zoologen einen Platz im kollektiven Gedächtnis Deutschlands.

Es war die große Zeit der Naturfilmer: Bernhard Grzimek wurde mit seiner Sendung "Ein Platz für Tiere" berühmt - und für seine Dokumentation "Serengeti darf nicht sterben" bereits 1960 mit einem Oscar ausgezeichnet. Jacques-Yves Cousteau, der Mann mit der roten Wollmütze, bereiste auf seinem Forschungsschiff "Calypso" die Weltmeere und wurde zur Legende. Er zeigte, wie aufregend die Welt unter Wasser ist, und begeisterte Millionen mit Filmen wie dem ebenfalls oscarprämierten Film "Welt ohne Sonne" (1965).

Einprägsame Köpfe, ebenso markante Stimmen, nie gesehene Naturszenen - dafür bekannt waren damals auch der österreichische Meeresbiologe Hans Hass und der deutsche Tierfilmer Horst Stern mit dem Schwerpunkt Tierschutz.

Dennoch war Sielmanns Ansatz einzigartig: Unabhängig vom Medium setzte er auf aktuelle Forschung, moderne Technik und Kreativität, um das verborgene Verhalten von Tieren zu enthüllen. Und der in England so beliebte Specht-Streifen "Zimmerleute des Waldes" verkörpert wie vielleicht kein anderer seiner Filme diesen Anspruch.

"Das ist kein Beruf, das ist brotlose Kunst"

Sielmanns tiefe Liebe zur Natur hatte sich schon früh gezeigt. Geboren wurde er am 2. Juni 1917 in Rheydt bei Mönchengladbach und war sieben Jahre alt, als die Familie nach Königsberg zog. Der Vater eröffnet einen Elektroladen, der kleine Heinz verbrachte jede freie Minute in der Natur. "Ich saß auf einer alten Bratheringsdose in meinem Versteck und erlebte die Balztänze der Uferschnepfen, die fledermausartigen Flüge der Alpenstrandläufer und das Flöten der Rotschenkel", schrieb Sielmann in seinen Erinnerungen.

Als Oberschüler drehte er noch Ehrenrunden auf dem Gymnasium, hielt aber bereits Vorträge. Das Abitur bestand der Jung-Ornithologe wider Erwarten und bekam von seinen erleichterten Eltern eine Filmkamera. Schon sein Debüt, der Stummfilm "Vögel über Haff und Wiesen", machte ihn 1938 unter Vogelkundlern bekannt.

Aber das Filmen von Tieren zum Beruf machen? "Beim kleinsten Geräusch laufen oder fliegen sie davon", habe ihn sein Vater gewarnt, so Sielmann. "Das ist kein Beruf, sondern brotlose Kunst." Eben diese brotlose Kunst sollte den Sohn retten.

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Naturfilmer Heinz Sielmann: Nicht schlecht, Herr Specht!

Der Zweite Weltkrieg brach aus. Sielmann wurde 1939 eingezogen und war als Lehrer für Funker zunächst sicher - bis er 1943 an die Ostfront sollte. Erst in letzter Sekunde die Rettung: Stattdessen sollte er für einen Naturfilm nach Kreta reisen.

Der Krieg nahm ihm beide Eltern, er selbst blieb unbeschadet und widmete sich fortan ganz dem Tierfilm. Manchmal begleitete ihn ein Freund aus Kriegstagen: "Ein junger Mann, der ständig gegen den Strom schwamm, mir aber besonders sympathisch war", so Sielmann. "Er hieß Joseph Beuys und machte viele Jahre später als eigenwilliger Künstler von sich reden."

Ein Blick durchs Schlüsselloch

Zur Balz der Birkhähne in der Lüneburger Heide nahm der Naturfilmer dann aber doch die junge Volontärin Inge Witt mit, die er vom NDR kannte. "Die Natur war eine Art Lebenselixier für mich", sagt sie heute. "Das Herz meines Mannes schlug aber wirklich draußen, sein Leben spielte sich dort ab. Unser Weg war irgendwie vorgegeben." Sie heirateten im Jahr 1951, drei Jahre später wurde ihr Sohn Stephan geboren.

Fast zeitgleich machte sich Sielmann mit seiner berühmten Specht-Doku einen Namen als "Mister Woodpecker". Die scheuen Tiere so nah vor die Linse zu bekommen, verlangte ihm eine Menge ab: Oft beriet er sich bei Filmprojekten mit Gänseversteher Konrad Lorenz. In diesem Fall konnte ihm der Vater der modernen Verhaltensforschung aber wenig Hoffnung machen: "Wenn Sie die Nistkammern der Spechte öffnen, ist es mit dem Brutgeschäft vorbei."

Sielmann gab nicht auf und setzte auf Geduld. Zehn Tage lang entfernte er wie in Zeitlupe die Rückwand der Nisthöhle und setzte stattdessen eine Glasscheibe ein. Die Schwarzspechte gewöhnten sich langsam an ihr neues Fenster, tolerierten am Ende sogar die Scheinwerfer.

Sielmann konnte erstmals zeigen, wie die Jungen mit den Eltern interagieren, die kopfunter in den hohlen Baum klettern. Zudem schienen Sielmanns Bilder eine Idee zu bestätigen, die schon zu Charles Darwins Zeit populär gewesen war: dass Spechte ihre Beute mit spitzer Zunge harpunieren.

Spitzzüngige Spechte, gemütliche Gorillas

Erst im Jahr 2004 sollte diese Theorie in einer französischen Studie widerlegt werden: Spechte spießen nicht auf, sondern packen Insektenlarven mit der Zunge und kleben sie fest. Dennoch verneigten sich die Forscher vor dem Pionier Sielmann: Er habe sie beim Design der Experimente inspiriert - zum Vergleich hatten sie seinen bereits ein halbes Jahrhundert alten Film erneut analysiert.

Bis heute liefert Sielmann der Wissenschaft Material - denn gerade die Verhaltensforschung braucht Filmdokumente für detaillierte Untersuchungen. So erlauben Sielmanns Filme noch nach seinem Tod neue Erkenntnisse, ob im Spechtwald gedreht, auf Neu-Guinea, in der Antarktis oder auf Galapagos. Einer dieser Filme entkräftete sogar den Mythos um ein legendäres Monster.

Heinz Sielmann

Zur Weltausstellung in Brüssel 1958 wollte das belgische Königshaus der Welt die unberührte Natur im damaligen Belgisch-Kongo präsentieren. Sielmann gehörte als Regisseur zum internationalen Team und filmte Nashornvögel, Warane und andere Exoten in Freigehegen, weil das Equipment zu schwer war für Dreharbeiten im Regenwald.

Die Stars waren die Berggorillas, die bislang als Ungeheuer galten. Sielmann zeigte sie in "Herrscher des Urwaldes" erstmals als soziale, sanfte Wesen mit ausgeprägtem Familienleben.

"Das war wie im siebten Himmel"

In Afrika konnte Inge Sielmann zeitweise an der Seite ihres Mannes sein. Auch sonst war sie ihm eine unverzichtbare Partnerin. Meist koordinierte sie von zu Hause aus und bearbeitete das Filmmaterial, das er oft von weit entfernten Drehorten portionsweise nach München schickte.

So konnte er nach seiner Rückkehr die Filme schnell produzieren, deren Struktur er ohnehin immer schon im Kopf hatte - genau wie den nächsten Trip. "Wenn er von einer Expedition zurückkam, war er mit einem Fuß auch schon wieder raus aus der Tür", erzählt Inge Sielmann.

1978 kam ihr gemeinsamer Sohn Stephan bei einem Unfall ums Leben. Dieser Schicksalsschlag gab den Anstoß für ihr letztes großes Projekt: Unter dem Leitsatz "Naturschutz als positive Lebensphilosophie" gründeten seine Eltern 1994 die Heinz-Sielmann-Stiftung. Sie soll unter anderem Kinder und Jugendliche an eine intakte Natur heranführen und bedrohte Lebensräume bewahren.

Für sein Engagement als Umweltschützer und Naturfilmer wurde Heinz Sielmann vielfach ausgezeichnet. "Er ist trotzdem immer bodenständig geblieben und konnte sich über jede Kohlmeise freuen", sagt Ornithologe Peter Berthold, der Sielmann als Freund und Mentor beschreibt. "Wenn ich mit ihm abends bei einer Flasche Rotwein zusammensaß, konnten wir uns stundenlang unterhalten. Da war mir der Rest der Welt egal. Das war wie im siebten Himmel."

Heinz Sielmann starb am 6. Oktober 2006 in München. Seitdem führt Inge Sielmann die gemeinsame Arbeit in der Heinz-Sielmann-Stiftung fort.



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