Nazi-Bordell Verführen für den "Führer"

Nazi-Bordell: Verführen für den "Führer" Fotos

Mit Charme und Champagner umgarnten Berliner Edelprostituierte im "Salon Kitty" Politiker, Diplomaten und Militärs - und spitzelten ihre Opfer aus. Auftraggeber: die SS. Bis heute ist das Nazi-Bordell geheimnisumwittert. Von Hanna Huhtasaari

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Nach außen gab sich das Etablissement im feinen Berliner Stadtteil Charlottenburg unscheinbar. "Pension Schmidt" verhieß das Schild am Eingang der Giesebrechtstraße 11, einer Seitenstraße des Ku'damms, in nüchternen, wenig einladenden Lettern.

Hinter der Tür im dritten Stock des Gründerzeitbaus allerdings tat sich betuchten Besuchern eine mondäne Luxuswelt auf: Im gedämpften Licht eines großen Kronleuchters räkelten sich junge, leicht bekleidete Schönheiten lasziv auf roten Samtmöbeln, Zigarettenspitze oder ein Glas Champagner in der Hand. Vom Grammophon ertönte leise Musik, es roch nach Parfüm und Zigarrenrauch - und hinter schweren Samtvorhängen gaben sich einflussreiche Herren aus Gesellschaft, Politik und Diplomatie den Freuden der käuflichen Liebe hin.

Das diskret versteckte, aber zentral gelegene Nobel-Bordell gehörte Katharina Zammit, Kennern besser bekannt als Kitty Schmidt. Bereits in den zwanziger Jahren hatte die üppige Brünette vom Jahrgang 1882 ihr Etablissement gegründet, und schon bald verkehrten die Spitzen der Berliner Gesellschaft bei Kitty. "Sie hatte im Laufe der Zeit viele Gönner, viele schätzten sie", erinnerte sich später ein Abwehroffizier, der selbst zu "Aufklärungszwecken" im Salon verkehrt hatte.

Geheimpapiere in schwarzen Socken

Auch die Machtübernahme der prüden Nazis, für die Sex vor allem zur Zeugung künftiger Soldaten dienen sollte, änderte zunächst wenig. Doch dann wurden 1939 Gestapo-Chef Reinhard Heydrich und sein Adlatus Walter Schellenberg auf das frivole Treiben in der Giesebrechtstraße aufmerksam. Statt den Edelpuff dichtzumachen, beschlossen die SS-Offiziere aus Heinrich Himmlers Reichssicherheitshauptamt (RSHA), den Salon Kitty unter ihre Fittiche zu nehmen - als Spionage-Bordell.

Als Edelprostituierte, die im geheimen Doppelauftrag für den "Führer" verführen sollten, benötigten die Geheimdienstler ganz besonders qualifiziertes Personal. Die Spitzen-Spioninnen sollten intelligent, mehrsprachig, nationalsozialistisch gesinnt sein - und außerdem "mannstoll". Fündig wurden die frischgebackenen Bordellwirte von der SS zum Beispiel in den Karteien der Sittenpolizei. Man habe sie vor die Alternative gestellt, erinnerte sich Ex-Kitty-Callgirl Liesel A. 1976 im SPIEGEL: Entweder rackern in der Panzerkettenfabrik - oder die vaterländische Pflicht im Salon Kitty erfüllen. "Und nicht bummeln", habe der Herr, der sie zur Spionage abordnete ihr noch mitgegeben, erinnerte sich die Ex-Salondame Jahrzehnte später. Ihr Auftrag: Flirten, verführen - und verpfeifen.

In der Horizontalen, so die Hoffnung von Kittys neuen Auftraggebern, werde sich in intimer Atmosphäre die Zunge der Freier lösen - und den Nazi-Machthaber wertvolle Informationen frei Haus liefern. Ganz unbegründet war das nicht - zu den Kunden des Etablissements zählten hohe ausländische Diplomaten, etwa der italienische Botschafter Dino Alfieri. Selbst dessen Chef, der italienische Außenminister Graf Ciano, zugleich Mussolinis Schwiegersohn, verbrachte bei seinen Berlin-Besuchen angenehme Stunden in den Armen der entgegenkommenden Fräuleins des Salon Kitty. Doch trotz vollen Körpereinsatzes gelang es Agentin Liesel A. nicht, das letzte Geheimnis des Hitler-Verbündeten zu lüften. Ciano "zog sich nie seine schwarzen Socken aus", erinnerte sich die Schönebergerin an den "zärtlichen Kavalier" - vielleicht habe er darin "Telefonnummern oder wichtige Papiere" verborgen.

Lauschangriff auf das Liebesgeflüster

Neben Staatsgeheimnissen ließ sich in der entspannten Atmosphäre des inoffiziellen Staatsbordells auch die nationalsozialistische Gesinnung und politische Zuverlässigkeit manches NSDAP-Funktionärs und Parteigenossen einer unverfänglichen Prüfung unterziehen. An Besuche des Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten erinnerte sich Liesel A., ebenso wie an die Visiten hoher NS-Militärs wie Generaloberst Friedrich Fromm, dem Befehlshaber der Ersatzheeres, der später am 20. Juli 1944 im Berliner Bendler-Block die Anführer des Putschversuchs gegen Hitler festnehmen und erschießen ließ.

Heydrichs Leute verließen sich für den Lauschangriff auf das Liebesgeflüster auch nicht nur auf die Edelhuren und deren Berichte. Kittys Räumlichkeiten der Giesebrechtstraße waren, so versichern Zeitzeugen, zusätzlich mit Mikrofonen ausgestattet, verbunden mit einer Abhörzentrale im Keller des Hauses - ein neuer Mieter, der die Wohnung in den sechziger Jahren renovierte, stieß auf seltsame Kabel hinter den alten Tapeten.

Während oben in den Separees im dritten Stock erregtes Treiben herrschte, lauschten demnach unten Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes der SS dem lustvollen Liebestreiben samt seiner hemmungslosen Momente - ob Schlüpfrig-Pikantes oder Politisch-Brisantes, nichts blieb ungehört. Worüber genau in den Betten des Salon Kitty gesprochen wurde, lässt sich allerdings heute nicht mehr nachvollziehen - die Spionage im Edelbordell gehörte zu den bestgehüteten Geheimnissen des "Dritten Reiches".

Misstrauische Spitzen-Nazis

Was an schriftlichen Aufzeichnungen existierte, wird wohl umgehend vernichtet worden sein. Der Berliner Historiker und Archivar Joachim Kundler, der sich intensiv mit der Geschichte des Salon Kitty befasst hat, ist sich aber sicher dass das Etablissement von "allerhöchsten Kreisen des RSHA und des Auswärtigen Amtes" gedeckt wurde. Geheimer als geheim gehalten wurde der wahre Zweck des Charlottenburger Liebesnestes auch deshalb, weil sich dort kompromittierendes Material über unliebsame Konkurrenten innerhalb des NS-Machtsystems ansammelte. "Im Nationalsozialismus misstrauten sich die Spitzenleute gegenseitig", sagt Kundler.

Auch nach dem Krieg blieb das Geheimnis des Salon Kitty lange unausgesprochen. Die Zeitzeugen schwiegen: Die Ex-Mitarbeiterinnen von Kitty Schmidt und ihren Hintermännern befürchteten, als Nazi-Agentinnen zur Verantwortung gezogen zu werden. Auch Kitty Schmidt schwieg bis zu ihrem Tod 1954 über das, was im Salon während des Krieges geschah und nahm ihr Wissen mit ins Grab. Hunderte von Trauergästen folgten ihrem Sarg, um Kitty die letzte Ehre zu erweisen - darunter wohl nicht wenige Stammgäste. Nach ihrem Tod übernahm ihre Tochter Kathleen den Betrieb und verwandelte den Salon in einen Künstlertreffpunk, aber die glanzvollen Jahre waren vorüber - heute erinnert nichts mehr an das legendäre Etablissement.

Die Legende von Salon Kitty allerdings wurde durch die offenen Fragen und Rätsel noch befeuert; der Edelpuff wurde zum Gegenstand von Romanen und Filmen, in denen die Autoren den Mangel an Fakten mit viel Phantasie kompensierten - zu unwiderstehlich war der Dreiklang Nazis, Sex und Spionage. In Tinto Brass' Verfilmung "Salon Kitty" von 1976 etwa lechzten braune Würdenträger in einem schwülstigen Sado-Maso-Spektalel nach Erniedrigung. Liesel A. wusste das besser. "Im allgemeinen", gab sie, die von 1940 bis 1945 bei Kitty NS-Prominenz erfreut hatte, zu Protokoll, "waren die Herren sehr solide."

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