Nazi-Ikone Horst Wessel "Christussozialist" im Straßenkampf

Die Nazis stilisierten den 1930 ermordeten SA-Mann Horst Wessel zu einer Art braunem Popstar: Es gab ein Horst-Wessel-Schulschiff, eine Horst-Wessel-Einheit der SS und natürlich das Horst-Wessel-Lied. Dabei wollte der 22-Jährige womöglich gerade aussteigen, als ihn die tödliche Kugel traf.

Getty Images

Von Daniel Siemens


"Oberhalb des Mundwinkels ist das Einschussloch, der Oberkiefer ist verletzt, man sieht Knochensplitter und ein Geschoßteil in der Wange. Die Kugel hat die Zunge durchschlagen und ist im Rachen vor dem zweiten Halswirbel stecken geblieben, eine äußerst gefährliche Gegend. Wenn dieser Knochen verletzt war, war der Patient unrettbar verloren. Schon der feinste Sprung in diesem lebenswichtigen Teil musste zu einem allmählichen Verfall, zu einer Blutvergiftung führen."

Der Direktor des Krankenhauses am Friedrichshain in Berlin, dessen Hospital seit wenigen Wochen "Horst-Wessel-Krankenhaus" hieß, blieb durchaus sachlich, als er im Oktober 1933 die Krankengeschichte des neuen Namenspatrons seiner Klinik rekapitulierte - ganz im Gegensatz zu den neuen Machthabern.

Die Nationalsozialisten hatten den zu Beginn des Jahres 1930 getöteten SA-Mann Horst Wessel umgehend und systematisch zum "Märtyrer der Bewegung" stilisiert. Straßen und Plätze wurden nach Wessel benannt, ein Segelschulschiff und später eine SS-Freiwilligen-Einheit. Wessels für die SA gedichtetes Kampflied "Die Fahnen hoch, die Reihen fest geschlossen" hatten die Nationalsozialisten zunächst zur offiziellen Hymne ihrer Partei und ab 1933 auch zur zweiten Nationalhymne erhoben.

Günstige Gelegenheit für Goebbels

Wie war es dazu gekommen? Am Abend des 14. Januar 1930 war in der Wohnung Horst Wessels im Berliner Stadtteil Friedrichshain, in der er seit einigen Monaten mit seiner Freundin zur Untermiete gewohnt hatte, aus nächster Nähe auf den gerade 22-Jährigen geschossen worden. Der schwer verletzte SA-Mann starb am Morgen des 23. Februar 1930 an einer Blutvergiftung.

In Berlin erregte der Vorfall einiges Aufsehen, zumal es immer öfter zu gewaltsamen Zusammenstößen zwischen Links- und Rechtsextremen kam. Die kommunistische "Rote Fahne" nannte Wessel einen Zuhälter, der bei einer Auseinandersetzung im Milieu ums Leben gekommen sei. Die Nationalsozialisten sprachen dagegen von einem kommunistischen Mordanschlag auf den "aktivsten Sturmführer" Berlins und drohten, die "Giftbrut im Karl-Liebknecht-Haus", der kommunistischen Parteizentrale, "dereinst mit Stumpf und Stiel auszurotten".

Der damalige Gauleiter der NDSAP für Berlin-Brandenburg, Joseph Goebbels, später "Reichsminister für Volksaufklärung", erkannte das propagandistische Potenzial des Falles: "Ein neuer Märtyrer für das Dritte Reich", notierte er in seinem Tagebuch, unmittelbar nachdem er die Todesnachricht erhalten hatte. Öffentlich inszenierte Goebbels den Wessel-Kult als moderne Passionsgeschichte, nannte den verstorbenen Pfarrerssohn einen "Christussozialisten".

"Wie aus einem Roman von Dostojewski"

Vor dessen Tod hatte er sich über den jungen Aktivisten dagegen eher abfällig geäußert - nach seinem ersten Krankenbesuch am 19. Januar 1930 kommentierte er: "Wie aus einem Roman von Dostojewski: der Idiot, die Arbeiter, die Dirne, die bürgerliche Familie, ewige Gewissenspein, ewige Qual. Das ist das Leben dieses 22-jährigen idealistischen Phantasten." Aber schon Wessels Beerdingung am 1. März 1930 nutzte die NSDAP dann nach Kräften für Werbung in eigener Sache.

Horst Wessel, geboren am 9. Oktober 1907 in Bielefeld, war von Kindestagen an mit revanchistisch-nationalen Tönen vertraut. Sein Vater Ludwig Wessel, seit 1913 Pfarrer an der Berliner Nicolai-Kirche, hatte sich als Militärgeistlicher im Ersten Weltkrieg mit scharfer nationalistischer Rhetorik einen Namen gemacht. Der Sohn trat 1922 der "Bismarck-Jugend" bei, der Jugendorganisation der Deutschnationalen Volkspartei.

Später wechselte der Sohnemann zum "Bund Wiking", einer rechtsradikalen Organisation paramilitärischen Charakters. Hinter dem Bund stand die "Organisation Consul", die für die Morde am ehemaligen Finanzminister Matthias Erzberger, an Außenminister Walther Rathenau und für weitere Attentate auf demokratische Politiker verantwortlich war. Am 7. Dezember 1926 wurde Wessel dann Mitglied der NSDAP und der SA.

Wollte Wessel aussteigen?

Wenige Monate zuvor hatte er sich in der Berliner Universität für Rechtswissenschaften eingeschrieben und war den beiden Burschenschaften Normannia und Alemannia beigetreten. Doch schon bald wurde Wessel eine Führungsfigur der SA in der Hauptstadt, organisierte Ausflüge und Parademärsche. Einige der bei diesen Anlässen gesungenen Liedtexte stammten von ihm. Unter Wessels Führung stieg die Mitgliederzahl des Friedrichshainer SA-Trupps seit Mai 1929 von ursprünglich 30 auf gut 250 Mann an. Im gleichen Jahr brach Wessel das Studium ab und zog von zu Hause aus.

Dann traf den jungen Mann unvorbereitet ein Schicksalsschlag. Zwei Tage vor Heiligabend 1929 verunglückte Horsts jüngerer Bruder Werner mit drei weiteren Jugendlichen bei einem von Nationalsozialisten organisierten Winterausflug im schlesischen Riesengebirge tödlich. Bei einer Skiwanderung hatten sie sich im Schneetreiben verirrt. "Ein Teil erreichte nach langem, die letzten Kräfte beanspruchenden Marsche noch die rettende Baude und entsandte eine Rettungsexpedition", vermeldete die Parteizeitung "Der Angriff" das Unglück in kämpferischer Rhetorik: "Drei Parteigenossen aber konnten nicht mehr aufgefunden werden. Nach unsäglichen Qualen eines übermenschlichen Kampfes mit Schnee und Kälte und Sturm waren sie schließlich erschöpft liegen geblieben." Die Frage nach der menschlichen Verantwortung für das Unglück wurde ausgeklammert.

Horst war "wie vor den Kopf geschlagen", schrieb seine Schwester später, andere Darstellungen sprechen von einem "Nervenzusammenbruch". In den nächsten Wochen mied er die SA und ihre Treffpunkte. Wegen seiner neuen Freundin, die angeblich den Kommunisten nahe gestanden hatte und zeitweilig als Prostituierte gearbeitet haben soll, stritt er sich mit Familie und Kameraden. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die tödlichen Schüsse Horst Wessel trafen, als er gerade aus dem braunen Milieu aussteigen wollte.

Glorifizierung eines Wehrlosen

Das allerdings wäre eine wirkliche Ironie der Geschichte. Denn es war das brutale Ende des jungen SA-Führers Wessel, welches den Nationalsozialisten half, ihr gewaltsames Vorgehen in der Endphase der Weimarer Republik zu legitimieren. Die mehr und mehr alltäglich werdende Gewalt auf den Straßen stellten sie als einseitige kommunistische Bedrohung dar und setzen sich so selbst als Vorkämpfer für Recht und Ordnung in Szene. Der Totenkult um "Helden" wie Wessel war zugleich ein emotionaler Appell an die Lebenden, die dem "Opfer" nationalsozialistischer "Märtyrer" Sinn verleihen sollten, indem sie deren Kampf weiterführten.

Und solche Botschaften kamen an. Ein inhaftierter SA-Mann schrieb: "Noch sind die Menschen bereit, zu sterben und zu opfern, und darum verliere ich auch nicht den Mut." Auch Mutter und Schwester Wessel trugen zur Glorifizierung des Ermordeten bei. Schwester Ingeborg gab mehrere Bücher über Horst heraus, sie ließ sich ebenso wie ihre Mutter von NS-Größen hofieren.

Die Berliner Justiz bemühte sich derweil nach Kräften, den politischen Straßenkämpfen in der Metropole Einhalt zu gebieten. Am 26. September 1930 wurden mehrere Angeklagte vom Kriminalgericht in Berlin-Moabit wegen gemeinschaftlich begangenen Totschlags an Horst Wessel zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Die Haupttäter, der mehrfach vorbestrafte Tischler Albrecht "Ali" Höhler, Mitglied des paramilitärischen Rotfrontkämpferbundes, und sein Gesinnungsgenosse Erwin Rückert erhielten mit je sechs Jahren und einem Monat Zuchthaus die Höchststrafen.

Höhler, der seine Strafe im schlesischen Zuchthaus Wohlau verbüßte, gehörte 1933 zu den ersten Opfern des NS-Regimes. Nach einem Polizeiverhör wurde er am 20. September 1933 am östlichen Stadtrand Berlins ermordet. Einem internen Bericht der Gestapo zufolge wurde die Tat von SA-Männern ausgeführt, die im direkten Auftrag von SA-Chef Ernst Röhm oder gar Reichskanzler Adolf Hitler gehandelt haben sollen. Rückert wurde nach Verbüßung seiner Strafe 1936 als gemeingefährlicher Gewohnheitsverbrecher" zu nachträglicher Sicherheitsverwahrung" verurteilt. Er starb vermutlich in einem Konzentrationslager.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 5 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Jan G. Frick, 09.10.2007
1.
In dem Text wird fälschlich behauptet, Horst Wessel sei den Burschenschaften Alemannia und Normannia beigetreten. Alemannia und Normannia (die heute noch bestehen) sind aber keine Burschenschaften, sondern Corps.
Thomas Hoffmann, 09.10.2007
2.
Jan G. Frick 9. Oct 2007, 09:44: >> In dem Text wird fälschlich behauptet, Horst Wessel sei den Burschenschaften Alemannia und Normannia beigetreten. Alemannia und Normannia (die heute noch bestehen) sind aber keine Burschenschaften, sondern Corps. Beide tauchen als Burschenschaft hier auf: http://www.burschenschaft.de/wappenkunde/deutsche_burschenschaft/berlin.htm Zur Zeit Wessels gab es auf jeden Fall die Burschenschaft Alemannia Berlin, aus der mehrere Corps hervorgingen. Für das Corps Normannia Berlin ist folgender Wikipedia Artikel hilfreich: http://de.wikipedia.org/wiki/Corps_Normannia_Berlin Daraus geht hervor, dass sich Normannia 1924 in Burschenschaft und Corps teilte. Demnach könnte Wessel sehrwohl mitglied der Berliner Burschenschaft Normannia gewesen sein. Etwas anderes zum Text: "Wollte Wesssels aussteigen?" hier sind eindeutig zwei "s" zuviel.
Asmus Löwenhaupt, 09.10.2007
3.
Es mag ja durchaus eine Burschenschaft Alemannia in Berlin geben, Horst Wessel war aber Mitglied des Corps Alemannia Wien (heute zu Linz). Darüberhinaus wird er in den Kösener Corpslisten eindeutig als Mitglied des Corps Normannia Berlin genannt.
Udo Schlosser, 10.10.2007
4.
Horst Wessel ist Angehöriger der Corps Normannia Berlin und der Allemania Wien. Dies ist insofern von Bedeutung, als Corps, neben der Toleranz keinerlei weltanschauliche Ziel verfolgen. Aus der Zugehörigkeit von Horst Wessel zu den beiden Corps läßt sich daher, was die Mitgleidschaft in der SA betrifft, nichts herleiten. Hort Wessel hat 1 oder 2 Semester in Wien studiert. Jedenfall das Sommersemester 1927. Von einem Abbruch des Studiums ist nichts bekannt. Horst Wessel hätte bei einem Abbruch des Studiums zumindest vorübergehend nicht mehr Angehöriger der Corps sein können. Er wurde aber mit den üblichen Ehrungen als Corpsstudent beerdigt.
Michael Rudloff, 01.09.2009
5.
Der Text betont die deutschnationale Prägung durch den Vater, Dr. Ludwig Wessel. Sein Name wird in der Kirchengeschichte jedoch noch mit einer anderen Seite in Verbindung gebracht. Am 5. Dezember 1918 war er durch den Preußischen Kultusminister Adolph Hoffmann (USPD) zum "Regierungsvertreter für die evangelischen kirchlichen Behörden in Preußen" ernannt worden. Wessel hatte sich im November auf einer Versammlung in Berlin, an der etwa 250 Pastoren teilgenommen haben sollen, durch seine Forderungen nach "demokratischer Kirchenreform, Stärkung der Synodalgewalt sowie Kooperation der Pastorenschaft mit der Republik" empfohlen. Gegen die Einsetzung Wessels als Überwachungs- und Kontaktmann gegenüber der Kirche legte der Evangelische Oberkirchenrat entschiedenen Protest ein. Wessels Name wurde in Kirchenkreisen durch diese Episode zum Synonym für Opportunismus. Noch 1945 fürchtete Otto Dibelius, daß wieder "irgendein Pastor zu den Russen laufen und sich als Kommissar anbieten" könne, wie im Jahre 1918 Pfarrer Wessel.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.