Nazi-Fahnder Hanns Alexander Der Mann, der Rudolf Höß jagte

Keine Ermittler-Ausbildung, aber rücksichtslos und erfüllt von eiskalter Wut - Hanns Alexander war einer der besten Experten im Aufspüren ranghoher NS-Kriegsverbrecher. Sein größter Erfolg: Er stellte den Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höß.

Archiv Familie Alexander

Von Sonja Peteranderl


Hanns Alexander gab seinem Gefangenen keine Chance auf Selbstmord: Er schob ihm seine Pistole in den Mund, ließ ihn auf Giftkapseln untersuchen. Er wollte verhindern, dass der Mann, der Millionen auf dem Gewissen hatte, sich der Strafe entzog - wie SS-Chef Himmler, der eine Zyanidkapsel zerbissen hatte, als er den Alliierten in die Hände fiel.

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Heft 35/2014
Schuld ohne Sühne: Warum die letzten SS-Männer davonkommen

Monatelang hatten die Ermittler nach dem Nazi gefahndet, in der Nacht des 11. März 1946 schlugen sie zu, nahmen einen der meistgesuchten Kriegsverbrecher des Zweiten Weltkriegs fest: Rudolf Höß, den KZ-Kommandanten von Auschwitz. Er hatte den Bau der Gaskammern und den industriellen Massenmord an Juden und politischen Häftlingen beaufsichtigt, seine Mitarbeiter hatten das Schädlingsbekämpfungsmittel Zyklon B als Mordwaffe entdeckt.

Die Nazi-Jäger hatten eine brutale Bestie erwartet - doch vor ihnen stand eine alt aussehende, eingefallene Gestalt im Schlafanzug. Alexander ließ seine Männer, die fast alle jüdische Wurzeln hatten, ein paar Minuten auf Höß einprügeln - dann luden sie ihn, nur mit einer Decke bekleidet, ein. Auf dem Weg zum Gefängnis stießen sie mit Champagner und Whiskey an.

Mit der Festnahme gelang Hanns Alexander sein größter Erfolg - trotzdem kennt kaum jemand seinen Namen. Erst nach seinem Tod, bei der Trauerfeier im Dezember 2006 in London, hörten viele seiner Angehörigen und Freunde zum ersten Mal von der Geschichte. Der 44-jährige Journalist und Autor Thomas Harding glaubte zuerst, sein zur Übertreibung neigender Großonkel hätte sich alles nur ausgedacht. Nun beschreibt Harding in der Doppelbiografie "Hanns und Rudolf. Der deutsche Jude und die Jagd nach dem Kommandanten von Auschwitz", wie Alexander dem NS-Kriegsverbrecher auf die Schliche kam.

"Leichen liefen herum"

Bevor Alexander Jagd auf Nazis machte, hatte er vor ihnen flüchten müssen: 1917 wurde er in eine wohlhabende, jüdische Familie in Berlin hineingeboren. Die Familie floh nach London, mit 19 schlug sich auch Hanns 1936 zu ihnen durch. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, meldete er sich freiwillig zum britischen Militärdienst. Erst im Mai 1945 kehrte er in seine alte Heimat zurück - auf britischen Befehl.

Kurz zuvor hatten die Alliierten das KZ Bergen-Belsen befreit. Die Briten wollten eine Ermittlertruppe gründen, um KZ-Aufseher zu verhören und das Geschehen für den Bergen-Belsen-Prozess, den ersten Kriegsverbrecherprozess auf deutschem Boden, zu dokumentieren. Alexander sollte für das neue "Number 1 War Crimes Investigation Team" als Dolmetscher tätig sein.

In Bergen-Belsen sah er als einer der Ersten das Grauen, das die Nazis hinterlassen hatten: Tausende Leichen waren aufgestapelt, wurden in Massengräber geschaufelt. Die Überlebenden vegetierten in dem überfüllten Lager vor sich hin, völlig abgemagert. "Leichen liefen herum, Leichen lagen herum", beschrieb er die Situation. "Es gab Menschen, die glaubten, noch am Leben zu sein, es in Wirklichkeit aber nicht mehr waren."

Ermittlungen auf eigene Faust

Bergen-Belsen habe Alexander einen vollkommen verändert, glaubt sein Großneffe Harding: "Er war nicht länger der sorglose Mann von einst. Er war von einer kaum noch kontrollierbaren Wut erfasst." Alexander war schockiert über die Kaltblütigkeit der gefangenen genommenen Aufseher und SS-Offiziere. Bei den Verhören hatte er Zugang zu Nazi-Schergen wie der KZ-Aufseherin Irma Grese. Die "Hyäne von Auschwitz" war für ihre Brutalität bekannt, sie hatte Häftlinge auspeitschen und erschießen lassen. Anfangs bestritt sie alles, noch im Bergen-Belsen-Prozess plädierte sie auf unschuldig - und wurde als eine der jüngsten Kriegsverbrecherinnen mit nur 22 Jahren gehenkt.

Hanns Alexander ärgerte es, dass die ranghohen Strippenzieher des Genozids immer noch frei herumliefen, ihre Flucht vorbereiten konnten. Er wollte nicht länger nur bei Verhören übersetzen, sondern selbst Nazis aufspüren. Da er keine offizielle Genehmigung erhielt, ermittelte er schließlich auf eigene Faust. "Diese SS-Typen zu jagen", schrieb er im Juli 1945 seiner Schwester, sei sein "größtes Vergnügen". In seiner Freizeit fuhr er quer durch Deutschland, befragte Bürger, Soldaten und Polizisten und untersuchte Häftlinge auf verräterische SS-Tätowierungen.

Den Amateurdetektiv Hanns Alexander trieb nur die Rache an - eine Fahnder-Ausbildung, die Ausrüstung, der Zugang zu Geheimdienstinformationen fehlten ihm. Er konnte trotzdem zwei Nazis aufspüren, allerdings keine prominenten Köpfe. Dann schwenkte die britische Regierung auf einen neuen Kurs ein, den Hanns schon seit Monaten als Hobby-Agent verfolgte: Ab sofort sollten die Ermittler sich auf öffentlichkeitswirksame Fahndungserfolge konzentrieren und untergetauchte Nazi-Größen aufspüren.

Psychoterror beim Verhör

Alexander wurde zum offiziellen Fahnder befördert. Es gelang ihm, Gustav Simon aufzuspüren, den ehemaligen Gauleiter, der für die Ermordung der jüdischen Bevölkerung Luxemburgs verantwortlich war. Dann wurde er auf Rudolf Höß angesetzt.

Die Briten vermuteten, dass Höß bei Flensburg untergetaucht war. Sie überwachten seine Frau Hedwig und die Kinder, die in einer alten Fabrik in Schleswig-Holstein lebten. Ein abgefangener Brief entlarvte, dass seine Frau wusste, wo Höß sich versteckt. Sie wurde festgenommen, doch sie schwieg bei jedem Verhör.

Erst Alexander brachte sie zum Reden - indem er die Kinder als Druckmittel einsetzte. Er fuhr zu den Kindern in die Wohnung, stellte sich dicht vor sie, brüllte sie an und drohte, die Mutter zu töten. Den ältesten Sohn nahm er mit aufs Revier, sperrte auch ihn in eine Zelle. Die Mutter hatte Angst um ihren Sohn - sie trat in den Hungerstreik, beharrte weiter darauf, dass ihr Mann tot sei.

Als hinter dem Gefängnis eine laut pfeifende Dampflok vorbeiratterte, nutzte Alexander die Gelegenheit: Er stürmte in die Zelle von Höß' Frau und drohte ihr, den Sohn gleich mit dem Zug nach Sibirien ins Arbeitslager zu schicken - nur ein Geständnis könne ihn retten. Er ließ einen Zettel und einen Stift in der Zelle zurück. Die Drohung wirkte: Um ihren Sohn zu retten, hatte die verzweifelte Frau zehn Minuten später Adresse und Decknamen ihres Mannes notiert: Unter dem Decknamen "Franz Lang" kümmerte Höß sich in dem Dörfchen Gottrupel bei Flensburg um einen Bauernhof.

Durchbruch im Kampf gegen Kriegsverbrecher

Wenige Stunden später erreichte Alexanders Kommando den Bauernhof und nahm Höß fest. Er erlebte nun selbst einen Hauch des Horrors, der in den Konzentrationslagern alltäglich gewesen war: etwa eine Gefängniszelle, die so eiskalt war, dass er Frostbeulen an den Füßen bekam, oder Peitschenschläge beim Verhör - mit seiner eigenen Peitsche.

Höß' Geständnis bedeutete den Durchbruch bei der Aufarbeitung der Kriegsverbrechen: Der KZ-Kommandant gab den Ermittlern erstmals detaillierten Einblick in die Tötungsmaschinerie und die Dimension des Mordens. Opferaussagen wurden damit bestätigt, andere Nazis konnten nicht länger abstreiten, von dem Massenmord gewusst zu haben.

Im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess wurde Höß zu einem der wichtigsten Zeugen. Sein Geständnis schockte die Öffentlichkeit: Er schätzte, dass "wenigstens zweieinhalb Millionen Opfer mittels Vergasung und Verbrennung hingerichtet und vernichtet wurden, dass mindestens eine halbe Million dem Hunger und den Krankheiten erlagen, was die Gesamtzahl der Toten auf ungefähr drei Millionen belaufen lässt".

Die Wut blieb

Ende Mai 1946 wurde Höß an die polnische Regierung ausgeliefert. Am 11. März 1947 begann sein Prozess in Warschau, in dem ihm die Tötung von 300.000 polnischen und russischen Häftlingen und von vier Millionen Juden angelastet wurde. Im April 1947 wurde er auf dem Gebiet des Auschwitz-Lagers gehenkt.

Alexander kehrte nach London zurück. Er wollte den Krieg vergessen, konzentrierte sich auf seine Familie, arbeitete bei einer Bank. Er trat als Witzbold auf, als unauffälliger Mann, keiner, der wie ein Kriegsheld wirkte. Er war stolz auf seine Fahndungserfolge als Nazi-Jäger. Doch die Erfolge konnten ihm seine Wut darüber nicht nehmen, dass viele Kriegsverbrecher sich nie verantworten mussten.

Deutschland betrat Hanns Alexander nie wieder.

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