Nazi-Labor in Oberfranken Geheimwaffen aus dem Burgverlies

Nazi-Labor in Oberfranken: Geheimwaffen aus dem Burgverlies Fotos
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Es klingt wie der Stoff für einen Schundroman: Mitten im Zweiten Weltkrieg errichteten die Nazis die Burg Feuerstein. Als Lazarett getarnt, beherbergte sie ein Labor, in dem ein genialer Tüftler neue Waffentechnologien für die Wehrmacht entwickelte. Von Frank Thadeusz

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Hoch oben auf Burg Feuerstein ist nicht alles so, wie es auf den ersten Blick scheint. Heutzutage lädt das Erzbistum Bamberg Interessierte zum "Festival religiöser Lieder" in das Gemäuer - einst war der Ort freilich Schauplatz sinistrer Vorgänge.

Zwar erinnert das abgelegene Kastell an eine mittelalterliche Wehranlage, doch zogen Arbeiter die Anlage vor gerade mal 70 Jahren, mitten im Zweiten Weltkrieg, hoch. So entstand auf einem kleinen Berg nahe Ebermannstadt in Oberfranken eines der geheimsten Privatlabore des "Dritten Reichs". Hausherr war der Physiker und Tüftler Oskar Vierling, der mit einem Stab von zeitweilig bis zu 200 Mitarbeitern Apparate für die Wehrmacht konstruierte.

Allerdings war Vierling weniger an tumbem Tötungsgerät interessiert. Er galt als Kapazität auf dem Gebiet der Elektroakustik und interessierte sich für die Erzeugung synthetischer Klänge. Während der Olympischen Sommerspiele 1936 kam etwa seine Großton-Glimmlampen-Orgel zum Einsatz - ein bizarrer Vorläufer späterer Synthesizer.

Mega-Lautsprecher für Hitlers Reden

Die Nazis bedienten sich seiner als einer Art Reichstoningenieur: Zur Wintersonnenwendfeier 1937 auf der Nürnberger Burg installierte Vierling eine Großlautsprecheranlage mit einer für damalige Verhältnisse beachtlichen Leistung von 5000 Watt. Und auf Reichsparteitagen synchronisierte der Chefakustiker Tausende Lautsprecher, damit die Reden der NS-Größen verzerrungsfrei über das kilometerweite Zeppelinfeld in Nürnberg zu hören waren.

Über das Wirken des Elektrobastlers auf der fränkischen Burg war bislang gleichwohl wenig bekannt. Vierling schwieg öffentlich bis zu seinem Tod 1986 gänzlich über seine Aktivitäten auf der merkwürdigen Bergfeste. Erst jetzt sorgt ein Zufallsfund des Kryptografie-Historikers Norbert Ryska für detailliertere Aufklärung.

Eigentlich recherchierte Ryska, Geschäftsführer des Heinz Nixdorf Museumsforums in Paderborn, für eine Ausstellung über den britischen Mathematiker Alan Turing, als ihm ein informatives Schriftstück über Vierling in die Hände fiel.

Turing, der als Begründer der modernen Informatik gilt, gehörte gegen Kriegsende zu der amerikanischen Spezialeinheit Ticom (Target Intelligence Committee), die deutsche Code- und Verschlüsselungstechnik aufspürte - unter anderem auf der Burg des fränkischen Erfinders.

Als Lazarett getarntes Geheimlabor

Gemeinsam mit dem inzwischen 89-jährigen früheren Marinefunker Rudolf Staritz begann Ausstellungsmacher Ryska, die bisher wenig ausgeleuchtete Forschertätigkeit Vierlings nachzuzeichnen.

Nicht aufklären konnten sie allerdings, wie der alliierte Expertentrupp um Turing überhaupt auf Vierlings verstecktes Labor aufmerksam wurde. Burg Feuerstein galt als Lazarett und war mit einem Kreuz aus roten Dachziegeln als Sanitätseinrichtung gekennzeichnet.

1946 verfasste der amerikanische Geheimdienst ASA (Army Security Agency) einen als hochgeheim eingestuften Report über die Arbeit der Ticom in den Trümmern des "Dritten Reichs". Teil dieses Dokuments ist auch eine ausführliche Beschreibung des Fundorts Burg Feuerstein.

Laborleiter Vierling empfing die Vertreter der Besatzungsmächte augenscheinlich durchaus freundlich. "Sie waren bereit, über ihre Arbeit zu sprechen, und kooperierten bei der Instandsetzung des Labors", vermerkten die amerikanischen Agenten über die deutschen Wissenschaftler.

Geheime Waffentechnologie für die Weehrmacht

So entspannt ging es offenbar zu, dass Vierling bei den Besatzern sogar eine Liste internationaler Wissenschaftspublikationen einreichen konnte, die er zu lesen wünschte. Offenbar spekulierte er darauf, sein Labor durch die Übergangsperiode nach dem Krieg zu retten und danach für nichtmilitärische Forschungen auf dem Gebiet der Akustik zu nutzen.

Das Ziel der Ticom-Abordnung war indes, das Militärforschungsinstitut nach dem Zusammenbruch Deutschlands möglichst rasch wieder flottzukriegen - zumindest so lange, bis wesentliche Informationen abgeschöpft waren.

Viel Zeit blieb dem angloamerikanischen Expertenteam nicht: Schon am 16. August 1945 wurde Vierling "auf Beschluss höherer Befehlsgewalt" festgesetzt, berichten die Autoren des ASA-Berichts, "aber in der verfügbaren Zeit wurde viel erreicht".

Vierling und seine Getreuen rekonstruierten für die US-Agenten technische Zeichnungen und Baupläne und gaben unter anderem Einblick in ein kurioses Waffenarsenal. Die Forscher im Fränkischen

-entwickelten Verfahren zur Sprachverschlüsselung und mühten sich um eine verbesserte Version der legendären Chiffriermaschine SZ 42;

-bauten akustische Lenkungen für Torpedos (Tarnnamen "Zaunkönig" und "Geier") - die Geschosse fanden ihr Ziel, indem sie mit eingebauten Mikrofonen die Fahr- und Schraubengeräusche feindlicher Schiffe anpeilten;

-versuchten in Tests, Minen durch akustische Signale zu zünden;

-erfanden Anti-Radar-Beschichtungen, mit denen die U-Boote der deutschen Kriegsmarine unerkannt durch das Ortungsnetz der Alliierten schlüpfen sollten (Tarnname "Schornsteinfeger").

-Nebenher entwarfen Vierlings Techniker noch Radios und Elektrorechner bis zur Produktionsreife. Vermutlich rüsteten sich die Forscher auf diese Weise bereits für die Nachkriegszeit.

Versteckt hinter einer Geheimwand

Sämtliche Schöpfungen aus der Vierling-Burg wurden von den alliierten Truppen beiseitegeschafft. Dass die Erfindungen nicht schon kurz vor Kriegsende dem Vernichtungsdrang der Nazis zum Opfer fielen, verhinderte der Laborchef mit einem Trick: Er verbarg einen Großteil der Instrumente hinter Geheimwänden in einem verborgenen Burggewölbe.

In dem bislang geheimen US-Dokument findet sich auch eine Darstellung über Vierlings schwierige Beziehung zur NSDAP. Zwar durfte der Erfinder Profite aus seiner Forschung behalten und auch weitgehend unabhängig arbeiten. Dennoch saß ihm der NS-Apparat im Nacken.

Vierling war Parteimitglied geworden, hatte sich aber "verdächtig gemacht durch sein andauerndes Ausbleiben bei Parteitreffen und sein Versäumnis, sich aktiv an der Parteiarbeit zu beteiligen", resümieren die US-Agenten.

Der Erfinder des Televotings

Letztlich überstand Vierling sowohl die Hitlerzeit als auch die anschließende Besatzung weitgehend unbeschadet. Kurz nach Ende der alliierten Internierung übernahm er einen Lehrauftrag für Physik an der Philosophisch-Technischen Hochschule Bamberg.

Nun kommt heraus: In der Nachkriegszeit baute er auch Abhörsender für die Organisation Gehlen, die im April 1956 in den Bundesnachrichtendienst überging.

Zeit seines aktiven Daseins als Technikpionier und Forscher blieb Vierling eine Art Phantom. Über den großen Heimlichtuer kursieren bis heute nur wenige Informationen. Auch sind kaum Aufnahmen von ihm greifbar. Vierling selbst fand gleichwohl bis zuletzt große Erfüllung darin, mittels technischen Geräts geheime Daten abzuschöpfen.

Noch gegen Ende seiner Karriere beschaffte Vierling Informationen: diesmal aus deutschen Wohnzimmern und zu Unterhaltungszwecken.

Gemeinsam mit der Deutschen Bundespost entwickelte der Pensionär ein Televoting-Verfahren, das als "TED" in der Fernsehsendung "Wetten, dass ..?" berühmt wurde.

Die Novität ersetzte eine Methode aus dem prädigitalen Zeitalter. In der vom ZDF ausgestrahlten TV-Show "Wünsch dir was" war der Sieger ermittelt worden, indem man die Zuschauer aufforderte, die Klospülung zu betätigen oder das Licht anzuschalten. Das Verfahren wurde später wegen Energieverschwendung eingestellt.

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1.
Emil Ule 23.04.2011
Ich kannte einige Leute persönlich, die dort gearbeitet haben. Auf dem Feuerstein wurde neben Akustik auch Hochfrequenz "geforscht". Sinn und Zweck der Aktion war jedoch nicht, hier "Geheimwaffen" aus dem "Burgverlies" (der Feuerstein hat gar keines) herzustellen, sondern ein Rudel Wissenschaftler vor dem Fronteinsatz zu bewahren. Die entsprechenden Projekte klangen gut genug, um die Sehnsucht der Nazis nach Wunderwaffen zu befriedigen, sie waren zudem so gestaltet, dass sie keine großen finanziellen Ressourcen banden und deshalb u.U. wegen Materialmangels gestrichen werden konnten. Das Labor hatt einzig und allein den Zweck, Leute aus den fränkischen Rundfunkwerken über den Krieg zu retten. Einige Leute vom Feuerstein arbeiteten später bei Lumophon und Grundig und bauten die deutsche Radioindustrie mit auf. Nazis gab's da oben keine. (Wäre zu gefährlich gewesen.) Als die Amis den Feuerstein übernahmen, hatte er seinen Zweck erfüllt.
2.
Heinrich Busch 23.04.2011
Guten Abend In der Fotoserie zum Bericht passt die Beschreibung zu Bild 6/15 nicht. Eine "Enigma" ist auf dem Foto nicht zu sehen. Ganz rechts im Bild befindet sich die Schalttafel der Funkstation, hinter dem Kopf des Funkers ein Kurzwellenempfänger E 437S von Telefunken (ab 1934 in Serie produziert). Darauf steht ein sog. "Ozean Super" von Telefunken. Dieses "seefest" gemachte Radio wurde für den Gemeinschafts-Rundfunkempfang auf Mittelwelle und 2 Kurzwellenbändern benutzt. Die dazu gehörenden Lautsprecher standen in den Messen. Links im Bild erkennt man noch einen Empfänger R2 von Radione mit ähnlichen Eigenschaften wie der "Ozean Super". Der R2 wurde auf U-Booten für den Empfang von Wetter,- Warn- und Betriebsmeldungen benutzt. Der Name Radione ist eine Zusammensetzung aus "Radio" und den Anfangsbuchstaben des Herstellernamens Nikolaus von Eltz. Alle genannten Geräte wurden auch bei zivilen Funkdiensten, in der Handelsschifffahrt und bei Peildiensten benutzt. Sie unterlagen keiner Geheimhaltung. Der R2 wurde wegen seiner "handlichen" Abmessungen auch gern bei Spionagediensten eingesetzt. Keine "Enigma" im Bild !
3.
Reinhold Krug 23.04.2011
In der Druckvorstufe wurden Bleisatzmaschinen, bis Mitte der achtziger Jahre, durch Sechskanallochstreifen gesteuert. Diese Lochstreifen kamen fast ausschließlich aus Linotype-Perforatoren. Linotype, ein DAX 30 Unternehmen, hatte im Satzbereich damals fast eine Monopolstellung. Auch der ?Spiegel? wurde mit Linotype Perforatoren erfasst. Auf ?Bild 7? sehen Sie die Produktion dieser Perforatoren, die bei Vierling entstanden. Das gezeigte Model wurde zwischen 1962 und 1972 gebaut und kostete zuletzt 23.000 DM. Für diesen Betrag gab es, zu dieser Zeit, auch einen Porsche 911T.
4.
Reinhold Krug 23.04.2011
Den auf Bild 7 gezeigten Perforator können Sie in Museen Nord Schleswig Holstein & Hamburg bewundern. http://museen-sh.de/ml/digi_einzBild.php?s=1&t=1&sparte=museen&inst=&vert=7&b=42706&pid=mJCKqpwKpbHp8hpx9c6DE110422&v_zeitraum=101&mab_id=&action=vonsuche&page=&V=&pi=
5.
Verenra Klatt 26.04.2011
Leider beeilen sich die Artikel über die bewundernswerten deutschen Erfindungen der 30er und 40er Jahre bei "einestages" stets sofort zu erwähnen, dass bei Tests jemand ums Leben kam, um die Erfindung dann doch wieder lächerlich zu machen und als Versagen hinzustellen. Dazu passt es, dass bei "Spiegel TV", wenn von der V2 die Rede ist, grundsätzlich nur die gescheiterten Starts gezeigt werden.
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