Nazi-Propaganda Wellness unterm Hakenkreuz

Nazi-Propaganda: Wellness unterm Hakenkreuz Fotos
Historisches Archiv zum Tourismus (HAT) Berlin

Mit aufwendigen Marketing-Broschüren und Urlaubsprospekten versuchten die Nazis, das Image Deutschlands in der Welt aufzupolieren. Archivfunde beweisen: Manche Propaganda-Postillen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg weiterverwendet - mit herausgekratzten Hakenkreuzen. Von Florian Harms

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Das Urlaubsidyll ist perfekt: Auf dem weißen Sandstrand stehen gemütliche Strandkörbe, Müßiggänger entspannen in der Sonne, ein Bootssteg ragt ins glitzernde Meer. Und über allem, an einem dünnen Fahnenmast, flattert fröhlich die Hakenkreuzfahne. Es ist nur eines von mehreren Fotos, mit denen die 1941 gedruckte Broschüre des Fremdenverkehrsverbands Nordmark Urlaubsgäste ins Ostseebad Timmendorfer Strand lockte.

An der Nordsee war man nicht weniger geschäftstüchtig: Ein Prospekt aus Westerland auf Sylt aus dem Jahr 1937 präsentiert auf dem Titel eine Dame mit mondänem Sommerhut, die vor einem Ferienhotel posiert. Hier sind es gleich ein halbes Dutzend Hakenkreuzfahnen, die das Motiv ins rechte politische Licht rücken, im Innenteil setzt sich der Fahnenreigen fort. Neben dem Foto eines stämmigen deutschen Mädels, das einen Flitzebogen gen Himmel spannt, erfährt der Leser mehr über die Attraktivität des Seebads: "Strandspiele und sportliche Veranstaltungen aller Art sorgen neben der besonderen Pflege der altgermanischen Kunst des Bogenschießens für Betätigung hier wiedererwachender Lebensfreude."

So sahen Urlaubsprospekte in Nazi-Deutschland aus. Unterstützt vom 1933 gegründeten Freizeitwerk "Kraft durch Freude" (KdF), konnten Tausende von Deutschen sich zum ersten Mal eine richtige Ferienreise leisten. Nazi-Funktionäre wie Robert Ley, Chef der KdF-Mutterorganisation "Deutsche Arbeitsfront", lancierten den propagandistisch ausgeschlachteten Massenurlaub zur Festigung der Volksloyalität und zur Stärkung der "Heimatfront". Ferienorte und Fremdenverkehrsvereine sahen in der Urlauberwelle ein gutes Geschäft. "Auch wenn die Wurzeln historisch weit zurückreichen - das Selbst- und Fremdbild der Deutschen als Reiseweltmeister ist ein Produkt der NS-Zeit", sagt Hasso Spode, Tourismusforscher an der Freien Universität Berlin und Autor einer originellen Studie zur Tourismusgeschichte.*

Reisen und kämpfen

Ende 1934 hatte die Zahl der staatlich geplanten Ferienfahrten fast eine halbe Million erreicht, hinzu kamen knapp zwei Millionen Tagesausflüge. Im Folgejahr verdoppelten sich die Zahlen. Binnen kurzem stieg KdF zum weltgrößten Reiseveranstalter auf. Das in den zwanziger Jahren massiv eingebrochene Tourismusgewerbe profitierte von dem Reiseboom, zu dem auch der wirtschaftliche Aufschwung beitrug. Bis zum Kriegsausbruch im Sommer 1939 hatten nach Angaben Spodes bereits 43 Millionen Deutsche eine KdF-Tour mitgemacht - und Millionen von Reichsmark in die Kassen von Hotels, Restaurants, Berghütten, Seebädern und Freizeitparks gespült.

Mit aufwendigen Broschüren und Prospekten hielten Touristiker das neu entdeckte Reisefieber am Leben und entwarfen immer glanzvollere Motive: Mal aalen sich gestählte Männerkörper in der Sonne, mal schlendern adrette Damen im Bikini-ähnlichen Zweiteiler über den Strand oder genießen ein belebendes Fußbad. Wellness unterm Hakenkreuz. "Der Bikini wurde keinesfalls erst im Nachkriegs-Frankreich erfunden", sagt Hasso Spode, "Vorläufer gab es schon in Nazi-Deutschland".

Auch für das touristische Wohl der kämpfenden Kameraden wurde gesorgt: Wehrmachtssoldaten konnten in eigens aufgelegten Armee-Reiseführern schmökern und so Näheres über die Länder erfahren, die sie gerade besetzt hatten oder bald erobern würden. "Kamerad Italien" hieß ein beliebtes Büchlein aus dem Jahr 1942, dessen Cover ein lorbeerbekränztes Hakenkreuz zierte. Pikant: Dabei handelte es sich um die Neuauflage eines Italien-Reiseführers von Wilhelm Waetzoldt, einem renommierten Kunsthistoriker, der als Kritiker des NS-Regimes bekannt war.

Gaudi mit Goebbels

Es blieb nicht bei Urlaubsbroschüren für die eigene Bevölkerung, auch der Rest der Welt sollte erfahren, welche Reize Nazi-Deutschland zu bieten hatte. Dazu publizierten die Reichsbahn-Agentur RDV und der Reichsfremdenverkehrsverband, die dem Propagandaminister Joseph Goebbels unterstellt waren, zahlreiche Zeitschriften und Prospekte. Als Aushängeschild diente die mehrsprachige, auf edlem Papier gedruckte Postille "Deutschland", die von 1933 bis Mitte 1944 erschien und das Bild eines friedliebenden, idyllischen und zugleich fortschrittlichen "Dritten Reichs" heraufbeschwor: Golfplätze, Auto-Ausstellungen, Skigebiete, Filmstars. Politik kam eher am Rande und meist nur indirekt vor, etwa in einem Bericht über das Arbeitszimmer des "Führers" oder indem die "private Seite" der Mächtigen gezeigt wurde. So ließ sich der Minister höchstpersönlich in einer Fotoserie zum Kölner Karneval als feixender Zaungast ablichten: Gaudi mit Goebbels.

Als Herausgeber der Postille fungierte Hermann Esser, Leiter des Reichsfremdenverkehrsverbands und einer der frühesten Hitler-Anhänger, der als schlicht, aber fanatisch galt. "Wir haben das große Ziel im Auge: Deutschland insgesamt zu einem Reise- und Ferienland nicht nur für unser eigenes Volk, sondern für die ganze Welt zu machen", zitierte Esser seinen Vorgesetzten Goebbels im Vorwort zur "Deutschland"-Ausgabe vom Januar 1937. Und fügte etwas holprig hinzu: "Es entspricht dem Willen des Führers, Deutschland zum 'gastlichsten Land der Welt' zu machen, und den Gästen Deutschlands wollte und will auch fernerhin die Zeitschrift 'Deutschland' daher vor allem dienen."

Die Heile-Welt-Propaganda war durchaus erfolgreich: Die ausländischen Touristenzahlen stiegen trotz des zweifelhaften Images der Hitler-Diktatur. Erst mit der "Reichskristallnacht" am 9. November 1938 kam der Einbruch, bevor der deutsche Angriffskrieg die meisten Tourismusprojekte einfror.

Nazi-Symbole wurden einfach übermalt

Doch da waren bereits Tausende von Urlaubsprospekten gedruckt worden - und einige von ihnen tauchten nach dem Krieg wieder auf. Nicht nur in Archiven, sondern auch in so manchem Urlaubsort: Die Nazi-Broschüren wurden einfach weiter genutzt. "Man hatte ja in der frühen Nachkriegszeit kein Geld", sagt Hasso Spode. "Um ihre Ferienorte zu bewerben, haben manche Fremdenverkehrsämter deshalb das alte Material weiterverwendet - und nur die Hakenkreuze übermalt oder mit Stecknadeln aus dem Papier gekratzt."

Die Ergebnisse sind kleine, aber faszinierende zeitgeschichtliche Quellen: In der Broschüre zum Timmendorfer Strand flatterte noch immer eine Fahne, doch wo früher das Hakenkreuz prangte, gähnte nun ein weißer Fleck. Auf einem Prospekt aus Hamburg, der mit einem Bild des KdF-Urlaubsdampfers "Robert Ley" warb, übermalte ein eifriger Touristiker das Hakenkreuz mit blauer Tinte. Auch so mancher Text wurde an die neuen Realitäten angepasst. "Vor allem Preislisten hat man aktualisiert", sagt Spode. So kostete die Kurtaxe im Nordseeheilbad Wittdün auf Amrum in den dreißiger Jahren 80, nach Kriegsende aber nur noch 60 Pfennige. "Manchmal hat man alten Broschüren auch einfach neue Preislisten beigelegt."

Dass es auch anders ging, beweist ein Berliner Stadtplan von 1948: Unter dem Titel "Berlin lebt, Berlin ruft" listete er neben den wichtigsten Straßen die bekanntesten Gebäude auf und vermerkte deren Zustand: "Schloss Charlottenburg - zerstört, Bahnhof Zoo - instandgesetzt, Brandenburger Tor - beschädigt" und so weiter. Auf der Rückseite sind Vorher-Nachher-Bilder zu sehen, die zeigen, wie der von Deutschland entfachte Krieg die historischen Bauwerke in Ruinen verwandelte. So viel schonungslose Ehrlichkeit war in der frühen Nachkriegszeit nicht selbstverständlich.

* Hasso Spode: "Wie die Deutschen 'Reiseweltmeister wurden. Eine Einführung in die Tourismusgeschichte", Erfurt 2003.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 19.07.2007

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