Chilenische Geheimakten Hitlers Späher am Ende der Welt

1500 Seiten, spannend wie ein Krimi: Frisch veröffentlichte Geheimakten zeigen, dass die Nazis Spione nach Chile schickten. Ihr Auftrag: Sabotage in Häfen und Bergwerken - und die Zerstörung des Panama-Kanals.

Fondo Departamento 50 de la Dirección General de Investigaciones/ Archivo Nacional de Chile

Von , Mexiko-Stadt


Guillermo Kuensemueller Rothmann war gerade zehn Jahre alt, als er sich im Dezember 1927 mit seinen Eltern in Arica auf dem Dampfer "Amasis" nach Hamburg einschiffte. Er wusste noch nicht, dass der Aufenthalt im Land der Vorfahren sein eigenes Leben auf immer verändern würde. Chile verließ er als neugieriges, etwas ängstliches Kind. Rund 15 Jahre später kehrte er zurück - als angehender Spion des Nazi-Regimes.

Der junge Mann mit dem ernsten Blick und dem nach hinten gekämmten, dunklen Haar, von Beruf Flugzeugingenieur, wurde rund 12.500 Kilometer entfernt vom Zentrum des deutschen Faschismus zu einem Rädchen im Getriebe der Nationalsozialisten. Die überall Macht wollten, bis in die hinterste Ecke des Globus im südlichen Südamerika.

"Als ich mit dem Auftrag zu spionieren von Deutschland nach Chile kam, hat man mir einen Vertrag gegeben", sagte der Nachwuchsspitzel bei seiner Vernehmung am 29. März 1944. Kurz zuvor hatte eine Sondereinheit der chilenischen Polizei ihn und mehr als ein Dutzend Mitstreiter festgenommen. "Die Regierung in Berlin hat sich sogar verpflichtet, meiner Frau eine Offizierspension zu zahlen, sollte mir bei meiner Geheimdiensttätigkeit etwas zustoßen."

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Nazi-Spitzel in Chile: Faschistischer Horchposten in Südamerika

Kuensemueller gehörte einem von zwei NS-Spionageringen an, die seit 1937 im Süden Chiles und in der Nähe der Hafenstadt Valparaíso operierten. Beide Ringe flogen zwischen 1943 und 1944 auf, wie aus jetzt veröffentlichten Geheimakten hervorgeht.

Chile war ein idealer Ort für den faschistischen Horchposten in Südamerika: Im Süden lebten bereits seit dem 19. Jahrhundert deutsche Auswanderer, viele aufgeschlossen für die Nazi-Ideologie. Männer wie Kuensemueller übernahmen die Aufgabe, Schiffsbewegungen der Alliierten durch die Magellanstraße zu überwachen. Die strategisch wichtige Meerenge an Südamerikas Südspitze verbindet Pazifik und Atlantik.

Anschläge auf Bergwerke und Häfen geplant

Zum Aktionsplan gehörten auch Sabotageakte in chilenischen Häfen, die alliierte Schiffe versorgten, sowie Anschläge auf Bergwerke. Und sogar die Sprengung des Panama-Kanals, damals unter der Verwaltung der USA. Zudem trainierten die Nazi-Geheimdienstler im Süden Chiles heimlich paramilitärische Verbände, deren Mitglieder sie unter jungen Nachfahren der Einwanderer rekrutierten.

Nachzulesen ist all das in einem rund 1500 Seiten starken Akten-Konvolut, das die chilenische Polizei PDI Mitte Juni veröffentlicht hat: Vernehmungsprotokolle, Zeugenbefragungen, Beweismittellisten und Fotografien aus den Jahren 1943 und 1944. Die Dokumente zusammengetragen hat das "Departamento 50", kurz "D50", eine Sondereinheit zur Zerschlagung der Nazi-Ringe. In Chiles Nationalarchiv wurden die eng beschriebenen, vergilbten Seiten eingescannt und auf zehn PDF-Dokumente verteilt.

Bei der Spionageabwehr arbeitete das "D50" eng zusammen mit einer Auslandsabteilung der US-Bundespolizei FBI. Laut chilenischer Polizei konnten die Ermittler verschlüsselte Nachrichten abfangen und so die beiden Spionageringe sprengen.

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Nazi-Fund in Argentinien: Hitler-Büste und Hakenkreuz-Sanduhr

Die 1500 Seiten lesen sich streckenweise wie ein Spionagekrimi. Sie erzählen davon, wie sorgsam die Nazis ihre Netze um den Globus gespannt hatten. Die Spitzel in Chile wurden geführt von Ludwig von Bohlen, Militärattaché an der Nazi-Botschaft in Santiago. Sie waren Teil der "Operation Bolívar".

Hinter diesem Decknamen mit Bezug zu Simón Bolívar, Befreier Südamerikas, verbarg sich englischsprachigen Quellen zufolge ein groß angelegtes Spionagenetz des Dritten Reichs in Lateinamerika. Gesteuert wurde es von Berlin aus und umfasste vor allem Chile, Argentinien, Brasilien, Mexiko und Kuba. Die Aktivitäten der "Operation Bolívar" belegt ein 70 Seiten starkes, im Jahre 2009 freigegebenes Dokument des US-Auslandsgeheimdienstes NSA ("German Clandestine Activities in South America in World War II").

Gesucht: "Junge neutrale Ausländer"

In allen Zielländern sollten demnach deutsche und binationale Spione vor allem die alliierten Bewegungen auskundschaften. In Kuba versuchten Nazi-Agenten zudem zu verhindern, dass die Regierung jüdische Flüchtlinge aus Europa aufnahm. Ähnlich wie in Chile deckten die Sicherheitsbehörden die Nazi-Netzwerke in der Regel auf und zerstörten sie; der Nutzen der teuren Latino-Spitzelringe für das Dritte Reich blieb wohl eher gering.

Aus den Dokumenten geht auch hervor, wie die Nazis ihre Geheimdienstler anwarben und führten. Guillermo Kuensemueller etwa war damals als Chilene im Dritten Reich als "verdächtig" eingestuft, weil er die deutsche Staatbürgerschaft ablehnte. Aus einem Flugzeugwerk wurde er entlassen und fand Arbeit am Ende nur in einer Werkzeugmaschinenfabrik. Zudem wurde ihm die Ausreise verboten.

Ihm blieben wenige Optionen. In seiner Verzweiflung antwortete Kuensemueller im Frühjahr 1941 auf eine Anzeige in der Sonntagsausgabe der "Frankfurter Zeitung": Gesucht wurden "junge neutrale Ausländer", "um die Handelsbeziehungen Deutschlands in Übersee zu stärken". Der junge Chilene mit besten deutschen Sprachkenntnissen und einer deutschen Verlobten meldete sich. Worum es wirklich ging, ahnte er nicht.

Decknamen Roberto, Alberto, Pedro

Gleich tags darauf wurde er kontaktiert, in scheinbar unverfängliche Gespräche verwickelt, nach Hamburg eingeladen, später dann an die "Institution" herangeführt. In Hamburg erhielt der künftige Spitzel eine Ausbildung im Morse-Alphabet, lernte den Gebrauch von unsichtbarer Tinte und in Bremen den Bau von Sendeanlangen.

Ende Oktober reiste Kuensemueller nach Chile - zunächst per Zug über Spanien nach Portugal, weiter per Schiff nach Brasilien und im Zug nach Santiago de Chile. Dort nahm er am 13. Dezember 1941 seine Arbeit auf.

Ende März 1942 stellte die chilenische Luftwaffe Kuensemueller im Range eines Leutnants an, zuständig für die Flugzeugwartung: für seine Führungsoffiziere in Deutschland der ideale Platz, um an die gewünschten Informationen zu gelangen. Der junge Spitzel, gerade 27 Jahre alt, arbeitete unter den Decknamen Roberto, Alberto und Pedro. Für seine Tätigkeit im Dienste des Führers erhielt er 4000 chilenische Pesos, was damals 130 Dollar entsprach.

"Unangenehme Wahrheit"

Fast zwei Jahre horchten und guckten Kuensemueller und seine Mitstreiter, bis die Spezialisten des "D50" die Netze aushoben. Sie nahmen rund 20 Verdächtige fest, darunter die Ehefrauen der Spitzel, und konnten Waffen, Sendeanlagen sowie Verschlüsselungscodes sicherstellen. Zudem fanden sie Pläne zu Sabotageakten gegen Kupferminen im Norden Chiles. Weiterhin beschlagnahmten die Behörden 174.000 Dollar - das entspräche heute umgerechnet etwa 2,2 Millionen Euro.

Die Freigabe der "D50"-Dokumente forcierten einige chilenische Abgeordnete. "Bis jetzt waren diese Daten Staatsgeheimnis", sagt Gabriel Silber von der christdemokratischen Partei DC. Nun könnten sie eine "unangenehme Wahrheit" zutage fördern: wie eng chilenische Politiker und Unternehmen damals mit dem deutschen Faschismus zusammengearbeitet hätten.

Was die Polizeiunterlagen nicht verraten: Was wurde aus den Festgenommenen? Und wie lange waren sie im Gefängnis? Eines aber zeigen die 1500-Seiten-Akten überdeutlich: warum so viele Naziverbrecher sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Südamerika verkriechen konnten. Sie trafen dort auf Strukturen, die ihnen entgegenkamen und wohlbekannt waren.

insgesamt 3 Beiträge
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Heinz Johansmeier, 04.07.2017
1. Foto 19 falsch untertitelt?
Das Foto Nr. 19 (soll das Reichssicherheitshauptamt - RSHA - darstellen) dürfte entweder nicht aus den 30er/40er Jahren stammen (wegen der zeitlich "unpassenden" Automodelle) oder ein Gebäude zeigen, das damals nicht am heutigen Ort der Gedenkstätte "Topographie des Terrors" in Berlin, Niederkirchnerstraße, stand. Denn das RSHA-Gebäude wurde zum Ende des Krieges zerstört.
M. Clemens, 04.07.2017
2. Foto RSHA
Das Gebäude kam mir doch irgendwie bekannt vor. https://de.wikipedia.org/wiki/Altersheim_der_Jüdischen_Gemeinde_zu_Berlin Es wurde sehr wechselhaft genutzt u.a. auch vom RSHA. Es wurde einfach später fotografiert, deshalb die Automodelle.
Rolf Elmar Hofmeister, 06.07.2017
3. Verschlüsselungscodes ?
Wäre interessant gewesen einmal zu erfahren welche Verschlüsselungsmethode bei der südamerikanischen "Kapelle" zum Einsatz kam. Eine Abwehr-Enigma hat man den Agenten bei der Infiltration bestimmt nicht mitgegeben. Möglicherweise nutzten sie die zweimalige Spaltentransposition, den sogenannten "Doppelwürfel". Der gilt, sofern die beiden Schlüsselworte, die die Transpositionsbreiten festlegen, in ihrer Länge relativ prim zueinander sind und ausreichend lang (15 und mehr Zeichen), als unbrechbar. Zur damaligen Zeit allemal.
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