Berüchtigte Nazi-Spionin Verführungskunst war ihre Waffe

Berüchtigte Nazi-Spionin: Verführungskunst war ihre Waffe Fotos

Sie träumte von einer Karriere beim Film, doch ihre Paraderolle spielte Hilde Krüger im echten Leben: als Femme fatale. Die attraktive Spionin wickelte den reichsten Mann Amerikas um den Finger, machte sich etliche Politiker hörig - und wurde so zu Hitlers Top-Agentin in Übersee. Von Airen

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Am Morgen des 9. Februar 1941 nähert sich ein Fahrzeug dem Grenzübergang von Nuevo Laredo. Im Fond des Wagens sitzt eine attraktive blonde Frau, die sich als Amerikanerin ausgibt. Bei ihrer Einreise nach Mexiko zeigt sie ein Empfehlungsschreiben, das ihre Identität bestätigt. Unterschrieben ist es von Jean Paul Getty, dem reichsten Mann Amerikas.

Die Grenzer ahnen nicht, dass die junge Frau eine deutsche Spionin ist. Ihr Auftrag: Die höchsten Regierungskreise Mexikos zu infiltrieren. Die Uniformierten winken sie durch. Für Hilde Krüger beginnt eine Mission, die sie in die Betten der einflussreichsten Politiker führen wird und sie im Zweiten Weltkrieg zu Deutschlands wichtigster Waffe in Mexiko machen wird.

Eigentlich ist die 1914 in Berlin geborene Katharina Mathilde Krüger Schauspielerin. Ihre erste Nebenrolle bekommt sie mit 20 Jahren in der antisemitischen UFA-Klamotte "Nur nicht weich werden, Susanne". Sie ändert ihren Namen in Hilde und gewinnt bald einen mächtigen Gönner: Joseph Goebbels. Als "Bock von Babelsberg" steht der Reichspropagandaminister im Ruf, etliche junge Schauspielerinnen zu umwerben. Als er Hilde auf die lange Liste seiner Gespielinnen setzt, geht es mit ihrer Karriere bergauf. In den kommenden Jahren wird sie in einem guten Dutzend UFA-Produktionen eingesetzt.

Kurz nach Kriegsbeginn 1939 verlässt Hilde trotzdem ihre Heimat. Sie will ihr Glück in Hollywood vesuchen. Im Januar 1940 checkt sie dort im Beverly Wilshire Hotel ein. Die Suche nach Rollen in der Filmhauptstadt verläuft glücklos, ihr Englisch ist zu bescheiden, ihre Schauspielkünste wohl auch. Beachtlicher ist da der Eindruck, den sie in der High Society von Los Angeles hinterlässt. Der deutsche Konsul stellt ihr einen wohlhabenden Deutschen vor, mit dem sie bald eine Romanze beginnt: Gert von Gontard, Erbe der Budweiser Brauerei. Die Miete ihrer Suite zahlt aber ein anderer Verehrer: Jean Paul Getty, Ölmagnat und einer der reichsten Männer der Welt. Und, wie man heute weiss, Hitler-Sympathisant.

All diese Details sind bekannt, seit das Nationalarchiv in Washington 1985 Millionen von Akten freigab. Denn von Anfang an wurde Hilde Krüger von Agenten des US-Nachrichtendiensts OSS beschattet. Seit Kriegsbeginn werden deutsche Einwanderer überwacht; die junge Schauspielerin mit ihrer Nähe zu Goebbels ist besonders suspekt.

Erfolglos in Hollywood, Society-Luder in Mexiko

Ein Jahr verbringt Hilde zwischen Hollywood und St. Louis, wo Gontard mehrere Brauereien besitzt. Eine Anstellung beim Film bekommt sie in der Zeit nicht, dafür nimmt sie eine neue Rolle an: die der Agentin. Denn irgendwann im Jahr 1940, so lässt sich rekonstruieren, wird Hilde Krüger von der "Abwehr" angeworben, dem militärischen Nachrichtendienst Deutschlands.

Seit dem Kriegseintritt Englands beäugt Deutschland argwöhnisch jede Regung jenseits des Atlantiks. Die Gestapo und die Abwehr werden beauftragt, das industrielle Potential der USA zu ermitteln und militärische Bewegungen zu observieren. Da es für Deutsche immer schwerer wird, sich in den USA frei zu bewegen, wählt man das Zentrum der Aktion südlich des Rio Grande: Mexiko hat nicht nur eine 3000 Kilometer lange, schlecht gesicherte Grenze zum potentiellen Gegner. Es verfügt auch über kriegswichtige Rohstoffe, allen voran Petroleum. Und das fliesst zum großen Teil nach Deutschland.

1938 hatte Mexikos Präsident Lazaro Cárdenas alle ausländischen Ölfirmen verstaatlicht. Die Geschädigten England, USA und Holland verhängten ein Embargo auf mexikanisches Rohöl, die wichtigste Einnahmequelle des Landes. Seitdem gehen zwei Drittel der mexikanischen Produktion an die Achsenmächte.

Als Hilde Krüger Anfang 1941 den Grenzübergang in Nuevo Laredo überquert, ist in Mexiko bereits ein neuer Mann an der Macht: Manuél Ávila Camacho. In Mexiko-Stadt erhält sie einen Auftrag der ihr buchstäblich auf den Leib geschneidert ist: Beziehungen zu Mitgliedern des neuen Kabinetts aufzubauen und diese zugunsten Deutschlands zu nutzen.

Hilde wirft sich ins Nachtleben der Hauptstadt. Die charmante Blonde fällt auf, ihre Anpassungsfähigkeit öffnet ihr die Türen zur Hohen Gesellschaft. Bald kann sie all die beliebten Schlager der Revolution mitsingen. An manchen Abenden erzählt sie, sie schreibe an einem Buch über "Malinche", die indianische Geliebte des Konquistadors Hernán Cortéz.

Nächtliche Treffen mit dem Innenminister

Ihre einnehmende Art zeigt bald Wirkung. Auf einer der zahlreichen Feiern lernt sie zuerst Ramón Beteta kennen, Staatssekretär im Finanzministerium. Bald darauf hat sie einen noch viel einflussreicheren Mann an der Angel: Miguél Alemán, den Innenminister.

Vor allem letzterer scheint den Verführungskünsten der Agentin voll und ganz verfallen: Miguél Alemán besorgt ihr ein Apartment in der vornehmen Colonia Roma, wo er sie beinahe jede Nacht besucht. Amerikanische Agenten haben die Deutsche dabei längst unter strenger Beobachtung. Akribisch notieren sie, der Innenminister komme gewöhnlich um 11 Uhr nachts und verlasse die Wohnung gegen morgens um 4 Uhr.

Auch mit dem mächtigen General Juán Almazán wird sie gesehen, andernorts mit Außenminister Ezekiel Padilla. Es scheint, als habe die gesamte mexikanische Führungsriege beim Anblick der Deutschen den Kopf verloren.

Im Juli meldet sich Hilde Krüger bei der Einwanderungsbehörde, sie war als Amerikanerin eingereist, nun fühlt sie sich sicher genug, ihre Papiere in Ordnung zu bringen. "Deutsch, 28 Jahre, 1,65 Meter, ledig, Schauspielerin", gibt sie auf dem Antrag an. Ihre Referenz? Miguél Alemán. Die Liaison trägt bald Früchte: Der Innenminister besorgt Hunderte Visa, mit denen Deutschland an die 300 Spione einschleust.

Nach außen gibt Hilde weiterhin die ambitionierte Schauspielerin. Um im mexikanischen Filmgewerbe Fuß zu fassen, ändert sie ihren Namen nun in das spanischer klingende "Hilda" und steht 1942 für einen Film vor der Kamera.

Unterdessen verlassen unter dem Schutz des Innenministeriums Hunderte Tonnen kriegswichtiger Rohstoffe das Land. Deutsche U-Boote laden im Hafen von Veracruz tonnenweise Quecksilber, Petroleum wird über Panama an die Achsenmächte geschmuggelt. Die meisten Bürokraten und Politiker, die am Schmuggel beteiligt sind - Bekannte von Hilda Krüger.

Verhaftung, Heirat und Verschwinden

Nach dem Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941 beschließt das State Department, die mexikanische Regierung über das Spionagenetz der Nazis in Kenntnis zu setzen. Eine Liste mit 24 Agenten wird übergeben, mit dabei: Hilde Krüger. Innenminister Miguél Alemán, so heißt es in dem Schreiben, sei zum Vertreter deutscher Interessen in Mexiko geworden. Auf Druck der USA werden Krüger und zahlreiche andere Spitzel im März 1942 festgenommen.

Hilde Krüger kommt nach kurzer Zeit wieder frei, der Einfluss des Innenministers reicht weit in die Justiz hinein. Kaum in Freiheit, heiratet sie erneut. Um nicht ausgewiesen zu werden wie die restlichen Agenten, ehelicht sie den Playboy Nacho de la Torre, Enkel des ehemaligen Präsidenten Porfirio Díaz.

In dessen Villa in Cuernavaca frönt sie weiter dem Leben des Jetsets, interressiert sich aber auch für die Kultur ihres Gastlandes und belegt an der Universität UNAM Kurse in mexikanischer Geschichte. Hilde Krüger steht außerdem auch wieder für mexikanische Produktionen vor der Kamera und gibt die verführerische Fremde.

1946 wird ihr ehemaliger Geliebter Miguél Alemán neuer Präsident von Mexiko. Doch Hilde verfällt ein anderer großer Mann: Auf einer Reise lernt sie Julio Lobo Olavarría kennen, den Zuckerkönig von Kuba, einen Venezolaner, der auf der Karibikinsel ein riesiges Imperium geschaffen hat. Sie verlässt ihren mexikanischen Playboy und geht mit Lobo nach Spanien. 1958 taucht sie noch einmal im deutschen Kino auf, in der schweizerischen Komödie "Eine Rheinfahrt, die ist lustig".

Minister, Millionäre und Mittelsmänner - ihr Leben erscheint wie einer der reißerischen Filme, in denen sie mitspielte. In einer TV-Dokumentation namens "La Red Nazi en México" ("Das Nazi-Netzwerk in Mexiko") kommt eine Freundin aus Hildes Tagen in Mexiko zu Wort. Ida Rodriguez, mittlerweile eine alte Frau, erzählt von einem letzten Treffen: Damals habe die Ex-Agentin sie freundlich in ihrer Wohnung in New York empfangen. Nach drei Stunden war das Schwelgen in alten Erinnerungen vorbei. Da wartete am Eingang ein Wagen auf die Deutsche. Wer drinnen saß, konnte Rodriguez nicht sagen. Doch hier verliert sich die Spur der Spionin und Schauspielerin. Hilde Küger verschwand auf Nimmerwiedersehen.

Zum Autor:

Airen ist ein deutscher Blogger und Schriftsteller. Mit seiner Familie lebt er in Mexiko.

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insgesamt 6 Beiträge
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1.
Gerhard Kozik, 12.05.2013
Laut Wikipedia verstarb sie in Lichtenfels, Oberfranken
2.
Wolfgang Kellner, 12.05.2013
Im Gegensatz zu dem im Artikel beschriebenen Ende - sie verschwand auf Nimmerwiedersehen - erwähnt Wikipedia ein Sterbedatum: 08.Mai 1991 in Lichtenfels, Oberfranken. Warum hat der Autor dies nicht recherchiert? Klingt natürlich abenteuerlicher, scheint aber nicht zu stimmen. Mit Sicherheit gibt es in Lichtenfels auch noch Personen, die sich an die Dame erinnern. Wäre mal interessant, da nachzuforschen und herauszufinden, was in der Zeit zwischen 1958 und 1991 geschehen ist.
3.
Dr. Manfred Franke, 14.05.2013
Zum "Thema" habe ich nichts zu sagen, außer: Recht interessant. Auch gut geschrieben. Nur sollte trotz schnellen Schreibens auf der Tastatur die Rechtschreibung nicht gänzlich vergessen werden. Manfred Franke
4.
Thomas Marx, 14.05.2013
Ich verstehe den Satz nicht: "... Petroleum wird über Panama an die Achsenmächte geschmuggelt. Die meisten Bürokraten und Politiker, die am Schmuggel beteiligt sind - Bekannte von Hilda Krüger." An anderer Stelle wird das Embargo der USA, Grossbritanniens und Hollands gegen Mexiko erwähnt. Da dieses die Achsenmächte nicht betrifft, gibt es nichts zu "schmuggeln". Das ist von Mexiko aus völlig normaler und legaler Export. Mexiko und die Achsenmächte sind souveräne Staaten. Diese können Handel beteiben, mit wem sie wollen, ob das den USA gefällt oder nicht.
5.
Michael Schmidt, 14.05.2013
Wie wurde sie denn 1939 vom OSS überwacht, wenn das erst 1941 als COI überhaupt gegründet wurde? Ausserdem durfte das OSS keine Inlandsoperationen durchführen, und die Spionageabwehr im gesamten lateinamerikanischen Raum lag in den Händen des FBI. Zusammen mit dem hier sonst noch angemerkten muss man sagen: schluderig recherchiert und schluderig geschrieben.
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