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Nazi-Täter "Ich zielte ruhig auf die Säuglinge"

Nazi-Täter: "Ich zielte ruhig auf die Säuglinge" Fotos
YIVO INSTITUTE FOR JEWISH RESEARCH

Zahnärzte und Opernsänger, Lehrer und Schulschwänzer: Die Vernichtung der europäischen Juden war das Werk von rund 200.000 ganz normalen Deutschen und ihren Helfern. Die meisten Täter gingen nach dem Krieg straffrei aus. Von Georg Bönisch und

Der Wiener Polizeisekretär Walter Mattner war im Oktober 1941 dabei, als in Mogiljow in Weißrussland 2273 Juden erschossen wurden. Hinterher schrieb er an seine Frau: "Bei den ersten Wagen hat mir etwas die Hand gezittert. Beim zehnten Wagen zielte ich schon ruhig und schoss sicher auf die vielen Frauen, Kinder und Säuglinge. Eingedenk dessen, dass ich auch zwei Säuglinge daheim habe, mit denen es diese Horden genauso, wenn nicht zehnmal ärger machen würden."

Nach dem Zweiten Weltkrieg war für die meisten Beobachter klar, dass solche Taten nur von Sadisten oder Psychopathen begangen werden konnten, unter Anleitung einiger Hauptkriegsverbrecher um Adolf Hitler. Das Beruhigende an diesem Befund: Die Täter stammten nicht aus der Mitte der Gesellschaft.

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Zweifel an der Version von den wenigen pathologischen Tätern hätten allerdings schon die beklemmenden Ergebnisse einer Meinungsumfrage wecken können, die von den Amerikanern im Oktober 1945 in ihrer Besatzungszone durchgeführt wurde. 20 Prozent der Befragten stimmten "mit Hitler in der Behandlung der Juden überein"; weitere 19 Prozent fanden seine Politik gegenüber den Juden zwar übertrieben, aber grundsätzlich richtig.

Katholiken und Protestanten, Ältere und Jüngere

Doch es dauerte bis in die neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts, ehe sich Historiker und andere Experten flächendeckend auf die Suche nach jenen Männern (und auch Frauen) begaben, die den Holocaust durchführten. Noch sind die Forschungen nicht abgeschlossen, aber die bereits jetzt vorliegenden Ergebnisse sind erschreckend.

Die Wissenschaftler fanden unter den Tätern überzeugte Nationalsozialisten ebenso wie Menschen, die mit den Nazis nichts gemein hatten, sie stießen auf Katholiken wie Protestanten, auf Ältere und Jüngere, auf Mörder mit gleich zwei Doktor-Titeln und Proletarier ohne Schulabschluss. Und der Anteil der Psychopathen ist nicht überdurchschnittlich groß.

Inzwischen wird die Zahl der Täter auf 200.000 Deutsche (und Österreicher) geschätzt: Polizeileute wie der zitierte Mattner, KZ-Personal, Wehrmachtssoldaten, SS-Leute, Verwaltungsexperten. Dazu kommen noch einmal 200.000 Esten, Ukrainer, Litauer oder andere Ausländer, die gezwungenermaßen, aber auch freiwillig dabei halfen, Juden umzubringen.

Weltanschauungs- und Exzesstäter

Wie der Teufel im Alten Testament - so zeigte sich das Böse in vielerlei Gestalt. Es gab den Weltanschauungstäter: Das waren gläubige Nationalsozialisten in Polizei, SS und Wehrmacht, die wie Hitler der Meinung waren, Juden seien die Wurzel allen Übels. Manche von ihnen hatten den ersten Mord schon in den zwanziger oder dreißiger Jahren begangen. Es gab den Exzesstäter, der die Rechtlosigkeit der Juden in Osteuropa zum Vergewaltigen und Rauben nutzte. In Westgalizien etwa zogen Besatzungspolizisten auch nach Feierabend los, um im Ghetto Juden zu erschießen oder Schmuck zu erpressen.

Es gab den Befehlsempfänger wie Major Trapp vom Reserve-Polizeibattaillon 101, der nach Zeugenaussagen unter Tränen die Erschießung von 1500 Frauen, Kindern und Alten in der Nähe von Warschau anordnete: "Befehl ist Befehl".

Seine Männer trieben im Juli 1942 die Opfer aus den Häusern, karrten sie auf eine abseits gelegene Lichtung und führten sie zur Hinrichtungsstelle. Sie schossen ihnen in den Kopf oder ins Genick, abends waren die Uniformen mit Knochensplittern, Gehirnmasse und Blutflecken bedeckt.

Und wie es nicht nur einen Täter gibt, so gibt es auch eine Gemengelage an Gründen, warum ganz normale Männer zu Mördern wurden: jahrelange Indoktrinierung, Glaube an "Führer", Pflicht und Gehorsam, Druck der Kameraden, Entgrenzung von Gewalt durch Kriegserfahrung, Gier nach jüdischem Besitz.

"Gestapo" auf Rädern"

Einer, der scheinbar mühelos wechseln konnte zwischen Schreibtisch und dem Gemetzel im Osten, war der Dortmunder Walter Blume, Jahrgang 1906, Sohn eines Oberlehrers und promovierter Jurist, der sein Assessorexamen mit der schlechten Note "ausreichend" bestanden hatte - und dennoch 1932 einen Job als Hilfsrichter am Amtsgericht seiner Heimatstadt bekam.

Am 1. März 1933, kurz nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, startete Blumes Karriere im Hitler-Regime. Erst leitete er die Politische Abteilung im Dortmunder Polizeipräsidium, dann - nach seinem Eintritt in die NSDAP und die SA - übernahm er die Leitung der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in Halle, Hannover und später in der Reichshauptstadt Berlin. Die schnelle Rotation der Chefposten war typisch für die Gestapo, sie diente vor allem dazu, repressive Erfahrung zu sammeln.

Als Oberregierungsrat führte Blume vom 1. März 1941 an die Personalabteilung im Amt I des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), und seine erste Aufgabe bestand darin, geeignetes Personal für eines der Mordkommandos der Einsatzgruppen zusammenzustellen, jener etwa 3000 Mann starken "Gestapo" auf Rädern", die auf dem Marsch nach Osten hinter der Hitler-Armee für die sofortige Liquidierung des "jüdischen Bolschewismus" und die "Ausmerzung radikaler Elemente" zuständig war.

Blume selbst führte in der Einsatzgruppe B das Sonderkommando 7a; nach eigenen Angaben tötete dieses Kommando von Juni bis September 1941 in Weißrussland und in Russland etwa 24.000 Menschen. Kurz danach kehrte der Rechtswissenschaftler ins RSHA zurück und wurde zum Ministerialrat und SS-Standartenführer befördert. Im August 1943 ging er nach Athen, um mit zwei Mitarbeitern Adolf Eichmanns die Deportation griechischer Juden ins Vernichtungslager Auschwitz zu organisieren.

Nur 6500 Verurteilungen

Vom September 1947 an stand Blume in Nürnberg vor Gericht, zusammen mit 22 anderen Männern, deren Brotberufe sie einreihte in die höherklassige Zivilgesellschaft. Einer war Zahnarzt, ein anderer Professor, einer war Opernsänger, eine protestantischer Pfarrer, wieder einer Lehrer gewesen - und einige Juristen.

14 von ihnen wurden zum Tode verurteilt, viermal wurde die Strafe vollstreckt. Die anderen begnadigte US-Hochkommissar John McCloy, sie konnten im Laufe der Jahre nacheinander das Gefängnis verlassen, auch Blume. Sein neuer Beruf: Geschäftsführer.

Die meisten Täter gingen sogar ganz straffrei aus. Bis heute hat es 6500 Verurteilungen gegeben - und nur 1200 wegen Mord und Totschlag.

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1.
Arne Muncke, 10.03.2008
seit den neunziger jahren sind die taeter bekannt, aber wo sind sie veroeffentlicht worden?
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