Nazi-Tricks in Zweiten Weltkrieg Scheinbahnhof "Brasilien"

Aus der Luft sah alles ganz echt aus: Mit Strohmatten, Lichtern und Backsteinmauern bauten die Nazis eine Attrappe des Stuttgarter Hauptbahnhofs auf einem schwäbischen Feld. Und eine Weile täuschte sie die alliierten Bomberpiloten tatsächlich.


Lauffen am Neckar, die Geburtsstadt Friedrich Hölderlins, ist eine romantische Weinbaugemeinde in Baden-Württemberg. Die Lauffener bauen hier die feinblumigen Schwarzrieslinge, kernige Trollinger und füllige Spätburgunder an. Militärisch gesehen lag Lauffen 1940 an der sogenannten Neckar-Enz-Befestigungslinie, einem Teil des Westwalls. Diese Linie, die auf der Lauffener Gemarkung elf Kampfbunker umfasste, gewann nie die Bedeutung, die sich die Militärs versprochen hatten. Trotzdem kassiert Lauffen in der Zeit vom 22. August 1940 bis zum 23. März 1945 37 Luftangriffe.

Ein Bahnhof aus Lichtern und Strohmatten

Ursache für die ungewöhnlichen Bombenangriffe war die von Hermann Görings Luftwaffe auf dem Großen Feld der Gemarkung Lauffen errichtete Scheinanlage "Brasilien". Bis November bauten die Flakabteilung Ludwigsburg und das (Scheinanlagen)-Baukommando der Luftwaffe in Böblingen an der Anlage. Die Bautruppe täuschte mit Holzattrappen und Backsteinmauern den Stuttgarter Hauptbahnhof vor. Strohmatten imitierten Straßenzüge. Lichter und das Aufblitzen elektrischer Leitungen erweckten den Eindruck von Weichen und fahrenden Straßenbahnen. Zur Verteidigung der Anlage dienten Flakstellungen und große Scheinwerferstände.

Längere Zeit waren über 30 starke Scheinwerfer und bis zu 50 Flakgeschütze im Einsatz. Das Täuschungsmanöver gelang. Zunächst jedenfalls, denn die Bomberpiloten mussten sich bei ihren Angriffen auf die Sicht verlassen. Wenn sie den Stuttgarter Hauptbahnhof anfliegen wollten, geriet vorher in direkter Luftlinie die Scheinbahnhofsanlage in Lauffen ins Ziel der Schützen. Stuttgart wurde in den ersten vier Jahren des Zweiten Weltkrieges zwar immer wieder von den Briten bombardiert, doch es gelang ihnen bis dahin nicht, die Stadt schwer zu treffen.

Lauffen dagegen war ständig Ziel der Angriffe. Auf die Bahnhofs-Scheinanlage fielen Unmengen Spreng- und Brandbomben. 1941 gingen dort zum Beispiel 100 Spreng- und 1500 Splitterbomben nieder. Zeitweise erschien kilometerlang am Himmel um Lauffen alles wie bengalisches Feuer. Für die Bewohner der Region ein sensationelles Ereignis. Oft kamen viele Schaulustige aus der ganzen Gegend aus purer Neugier nach Lauffen. Damals erregten die "Gaffer" den Unmut der Betroffenen. Die Lauffener waren wütend, für Stuttgart den Kopf hinhalten zu müssen.

Luftschutz im Weinberg

Je nach Größe, Bedeutung für die Rüstung und Gefährdung waren die deutschen Städte in drei Gefahrenzonen eingeteilt. Lauffen war ursprünglich in die untere Gefahrenzone III eingestuft, erhielt aber wegen der Scheinbahnhofs-Anlage den Status "besonders gefährdeter Luftschutzort". Dies hatte einen enormen Ausbau des örtlichen Luftschutzes zur Folge. Wie in vielen anderen Weinbaugemeinden grub sich auch in Lauffen die Bevölkerung Lehmstollen; helle Häuser und spiegelnde Flächen, z.B. Gewächshäuser, wurden mit Tarnfarbe gestrichen, Holzbalken erhielten eine angeblich flammsichere Imprägnierung, Fenster und Fahrzeugscheinwerfer wurden verdunkelt, die Speicher wurden entrümpelt, Luftschutzräume, Sandstellen und Notausstiege wurden ebenso markiert wie gefährliche Hindernisse.

Der Luftabwehrdienst erhielt in Lauffen eine elektrische Großwarnanlage. Außerdem trug das Reich die Baukosten für Bunker, Notverbandsplätze und Löschwasservorbehälter. Zum geplanten Bau von fünf Hochbunkern ("Luftschutzhochhäusern") für je 200 Personen kam es allerdings nie; der Beton wurde für Kampfbunker im Reich benötigt.

Zu den angeblich splittersicheren Backsteinbunkern ("Starenkästen") hatten die Leute im Neckartal kein Vertrauen. Sie setzten lieber auf den Ausbau ihrer Keller. Doch im Laufe des Krieges wurden die Bomben immer schwerer und größer, ein gewöhnlicher Hauskeller als Schutzraum reichte bei Volltreffern nicht mehr aus. Viel zu spät erfolgte der Ausbau von Luftschutzstollen, der sich angesichts der Topografie von Lauffen von Anfang an her angeboten hätte. Erst am 14. September 1944 beschloss der Gemeinderat, den Bierkeller unter den Mauerseugen zum Stollen auszubauen und unter der Regiswindiskirche einen Stollen zu graben. Ende Dezember 1944 war der Stollen unter der Kirche zur Hälfte fertig. Später wurde der Eiskellerstollen ausgebaut, der ehemals für die örtliche Brauerei gebaut worden war. Bis zu 200 Menschen flüchteten bei Alarm in diesen Stollen.

Späte Entschuldigung

Mehrere Jahre lang half die Scheinanlage in Lauffen, Stuttgart vor schweren Angriffen zu schützen. Doch die Weiterentwicklung der Radartechnik setzte dem ein Ende. Ab 1942 verfügten britische Bomber über ein Radar-Fernführungssystem. Das neue Präzisions-Bombenzielsystem "Oboe" (Observer bombing over enemy) ermöglichte genaue Abwürfe ohne gute Sichtbedingungen aus großen Höhen. 1943 wurde die Scheinanlage "Brasilien" abgebaut. Stuttgart wurde bombardiert und zu großen Teilen zerstört. Mehr als die Hälfte des Gebäudebestandes (57,5 Prozent) wurden zerstört. 67,8 Prozent der Wohngebäude und 75 Prozent der industriellen Anlagen waren bis Kriegsende unbrauchbar. 4.477 Menschen wurden getötet.

Doch auch Lauffen wurde noch Ziel eines Luftangriffs, allerdings eher durch Zufall. Am 13. April 1944, etwa gegen 15.30 Uhr, entledigten sich von anderen Angriffen zurückkehrende Flugzeuge 21 Zehn-Zentner-Bomben, 30 Flüssigkeitsbomben und einer unbestimmten Zahl Splitterbomben über Lauffener Gebiet. 56 Menschen verloren an diesem Tag ihr Leben. Insgesamt wurden in Stadt und Markung Lauffen im Zweiten Weltkrieg 99 Menschen getötet, 200 wurden verletzt.

Die Lauffener trugen den Stuttgartern nach, dass viele Bomben, die sie hätten treffen sollen, auf Lauffen und "Brasilien" gefallen waren. Mit Takt und Geduld verstand es Stuttgarts Oberbürgermeister Arnulf Klett, diese Animosität auszuräumen. 1958 schrieb er der Stadt Lauffen, die Stadt Stuttgart sei sich der Opfer bewusst und schulde Dank.

Der Text erschien zuerst auf mahnung-gegen-rechts.de und wurde für einestages bearbeitet.



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michael buchholz, 18.11.2008
1.
Es handelte sich keineswegs um "Nazi-Tricks", sondern um eine bei allen Armees der Welt übliche und normale miltärische Variante des Potemkinschen Dorfes. Vor der Invasion in der Normandie stellten die Alliierten unter dem Decknahmen "Operation Fortitude" nahe Dover und in Schottland komplette Scheinarmeen aus aufblasbaren Panzern und aus Speerholz gefertigten Flugzeigattrappen etc. auf. http://www.wlb-stuttgart.de/seekrieg/wende/1944/gummipanzer.jpg In Nordafrika würden britische Panzerverbände simuliert, in dem man in entsprechender Entfernung mit Fahrzeugen, auf denen Flugzeugmotoren installiert waren viel und weithin sichtbar Sand aufwirbelte um so den deutschen Truppen nicht existente Truppenbewegungen vor zutäuschen. An den Autor: Das der Krieg furchtbar war und die Nationalsozialisten unglaubliche Verbrechen angerichtet haben, weiss heute jeder. Man muss das nicht in jeder Headline und in jedem Artikel tausendfach redundant anmerken, denn es trägt weder zu neuen Erkenntnissen bei, noch wird es dadurch irgendwie"wahrer".
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