Jagd auf Hitlers Handlanger Die vielen Leben des Martin Bormann

Jagd auf Hitlers Handlanger: Die vielen Leben des Martin Bormann Fotos
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Nach dem Zweiten Weltkrieg war Martin Bormann einer der meistgesuchten Verbrecher der Welt. Etliche Personen wurden festgenommen, weil sie mit dem zweitmächtigsten Mann in Nazi-Deutschland verwechselt wurden. Selbst als vor 40 Jahren Bauarbeiter seine Leiche entdeckten, fand die Jagd kein Ende. Von Peter Maxwill

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Ein einziges Wort reichte als Überschrift, um die Titelgeschichte als Sensation zu verkaufen: "Bormann". "Weltexklusiv" prahlten die Redakteure des englischen "Daily Express" in dicken Lettern, darunter prangte das Bild eines Mannes, der seit 27 Jahren als verschollen galt: Martin Bormann, als Parteisekretär im "Dritten Reich" mächtigster Mann nach Adolf Hitler, war in Südamerika aufgespürt worden - so schrieb es das Blatt Ende November 1972. Der seit 1945 verschollene Bormann habe sich unter dem Namen Ricardo Bauer als Großkaufmann in Chile und Argentinien eingerichtet. Ein journalistischer Jahrhundert-Coup. So schien es zumindest.

Doch was Redakteur Peter Knight seinen Lesern in einer sechsteiligen Serie als "größte Nachrichtengeschichte seit Ende des Zweiten Weltkriegs" verkaufte, stellte sich schon kurz darauf als gigantische Zeitungsente heraus. Die Rechercheure waren auf einen Haufen halbgarer Spekulationen hereingefallen, handfeste Beweise gab es nicht. So blieb der Redaktion nach der journalistischen Blamage nur ein einziger Trost: Sie waren nicht die ersten, die der Welt einen falschen Bormann präsentiert hatten.

Allein bis Anfang der siebziger Jahre waren deutsche Fahnder auf der Suche nach dem unauffindbaren Bormann 6400 Hinweisen nachgegangen, unzählige Male verkündeten mehr oder weniger glaubwürdige Zeugen die Lösung des globalen Verwirrspiels: Im Laufe der Jahrzehnte entstanden so Hunderte Lesarten über den Verbleib des Gesuchten, mindestens 16 Bormänner wurden festgenommen, mehrere vermeintliche Gräber des Nazi-Funktionärs ausgehoben. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang versuchten sich Kriminalisten, Journalisten und Forscher am Bormann-Rätsel - auch dann noch, als es längst gelöst war.

Kurioserweise war der Name Bormann während der Nazi-Diktatur kaum einem Deutschen ein Begriff, sogar Zeitungen schrieben seinen Namen falsch. Dabei hatte neben Hitler niemand mehr Macht als er. Der SS-Obergruppenführer war Reichsleiter der NSDAP, Hitlers Sekretär, Reichsminister, Chef der Parteikanzlei, politischer Befehlshaber des Volkssturms. Bis zu Hitlers Selbstmord arbeitete Bormann in Berlin, am 1. Mai schrieb er im Führerbunker nur ein Wort in sein Notizbuch: "Ausbruchsversuch!". Dann verlor sich seine Spur - und die Spekulationen begannen.

Für tot erklärt - und trotzdem gesucht

Als Erster suchte im Oktober 1945 der britische Major Richard Hortin nach Hitlers Stellvertreter, ließ 200.000 Steckbriefe mit Bormanns Gesicht drucken - vergeblich. Als einen Monat später der Prozess gegen die alte Führungsriege der Diktatur vor dem Militärgericht in Nürnberg begann, fehlte der Gesuchte. Die Richter verurteilten ihn im Jahr darauf dennoch zum Tod durch den Strang, "in Abwesenheit". Aber das Amtsgericht Berchtesgaden wollte neun Jahre später Rechtssicherheit haben - und legte fest, dass Bormann zum Zeitpunkt seiner Verurteilung schon nicht mehr gelebt hatte. Das Berliner Standesamt registrierte den Sterbefall Bormann daraufhin unter der Nummer 29223, offizieller Todeszeitpunkt: 2. Mai 1945, 24 Uhr.

Trotzdem verdichteten sich die Hinweise darauf, dass dem damals 44-Jährigen tatsächlich die Flucht gelungen sein könnte. Laut der Londoner Zeitung "Telegraph" gingen britische Geheimdienstler schon in den vierziger Jahren zahllosen Hinweisen nach, die Bormann etwa in Sri Lanka, Ägypten oder Südamerika verorteten. Schon wenig später gab die US-Regierung Bilder und Beschreibungen Bormanns an ihre Soldaten in Deutschland sowie Diplomaten in der ganzen Welt heraus.

Den Staatsanwälten in Berlin blieb angesichts stets neuer Gerüchte nichts anderes übrig, als ein neues Verfahren gegen den offiziell totgesagten NS-Verbrecher einzuleiten. 1959 begannen die Fahnder mit ihren Nachforschungen, während sich auch der jüdische Nazi-Jäger Simon Wiesenthal sowie der amerikanische Geheimdienst CIA an der internationalen Bormann-Jagd beteiligten. In der Bundesrepublik übernahm unterdessen der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer 1961 die Ermittlungen. Der bekannte Nazi-Ankläger war sich sicher: Bormann lebt.

Schon nach kurzer Zeit hatte Bauer einen Haftbefehl gegen Hitlers Ex-Sekretär erwirkt, später wurden sogar 100.000 Mark Belohnung auf dessen Ergreifung ausgesetzt. Im Sommer 1965 folgte die Staatsanwaltschaft einem fast 20 Jahre alten Hinweis, Bormanns letzte Ruhestätte befände sich mitten in Berlin. Die Ermittler ließen in der Nähe des Lehrter Bahnhofs das Erdreich umgraben. Vergeblich. Dabei waren sie kaum 15 Meter von der Lösung des Rätsels entfernt.

"Prominentester Informant und Berater" - der Sowjetunion

Stattdessen tauchten immer wieder neue Thesen auf: Die Londoner "Sunday Times" berichtete 1968 über die Aussagen des vermeintlichen Bormann-Vertrauten Erich Karl Wiedewald, der den Parteisekretär 1945 aus dem eingekesselten Berlin befreit und später in Südamerika bewacht haben wollte. Drei Jahre später zementierte Reinhard Gehlen, Ex-Präsident des Bundesnachrichtendienstes, in seinen Memoiren eine der populärsten Theorien über Bormann: Er habe "schon zu Beginn des Russlandfeldzuges", so Gehlen, "als prominentester Informant und Berater" Moskau gedient - und starb angeblich nach dem Krieg in der Sowjetunion. Doch all diese Theorien sollten bald widerlegt werden, durch einen Zufall.

Ende 1972 schachteten einige Männer an der Invalidenstraße 63 in Berlin die Erde aus, um Leitungen zu verlegen. Plötzlich stießen die Arbeiter auf einen bräunlichen Gegenstand. Es war ein menschlicher Schädel. Es folgten systematische Grabungen, die schließlich zwei Skelette hervorbrachten. Nach monatelangen Analysen wurde eines der beiden Skelette schließlich Hitlers Leibarzt Ludwig Stumpfegger zugeordnet, die übrigen Knochen identifizierten Gerichtsmediziner "mit absoluter Sicherheit als die Überreste des ehemaligen Reichsleiters Martin Bormann". Er hatte sich mit einer Giftampulle getötet.

Für die Staatsanwaltschaft war der Fall damit geklärt, wie die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am 12. April 1973 feierlich verkündete: "Martin Bormann ist in der Nacht zum 2. Mai 1945 zwischen ein und drei Uhr auf der Eisenbahnbrücke der Invalidenstraße in Berlin gestorben." Der Haftbefehl gegen Bormann wurde aufgehoben, seine menschlichen Überreste wanderten in die Asservatenkammer, er selbst wurde ein zweites Mal amtlich für tot erklärt. Die Ermittlungsakte Bormann, Aktenzeichen Js 11/1961, wurde nach zwölf Jahren geschlossen. Vorerst.

Denn da es noch keine genetischen Untersuchungsmethoden gab, waren einige Unklarheiten geblieben. Und mit ihnen die Zweifel. So folgte der nächste Akt des nicht enden wollenden Rätselratens: Aus dem Kriminalstück "Bormann" wurde endgültig eine bizarre Nachkriegsphantasterei. Ständig tauchten neue Decknamen, Sterbedaten und Scheinidentitäten des Ex-Parteisekretärs auf.

Bormann in Madrid, Moskau oder Mexiko?

Anfang der achtziger Jahre entdeckte ein Starreporter des "Stern" das Thema für sich: Gerd Heidemann, der sich wenig später mit einer Titelgeschichte über gefälschte Hitler-Tagebücher einen unrühmlichen Namen machen sollte. Der Sensationsjournalist glaubte fest an Bormanns Überleben, dem "Hamburger Abendblatt" zufolge kaufte er einem Karlsruher Waffenhändler sogar für 140.000 Mark das Märchen ab, Bormann habe Wohnsitze in Madrid, im mexikanischen Chihuahua sowie in Zürich - wo der Journalist den Ex-Reichsleiter bald hätte interviewen sollen. Die Affäre um die Hitler-Tagebücher beendete Heidemanns Ambitionen zwar bald, doch andere setzten die Produktion stets neuer Verschwörungstheorien fort.

So wie der sowjetische Ex-Agent Boris Tartakowski, der 1994 in einer Moskauer Zeitung die Theorie von Bormanns Spitzeltätigkeit für die Russen aufwärmte. Oder der britische Ex-Agent Christopher Creighton, der 1996 in seinem Buch "Operation James Bond" behauptete, Bormann im Auftrag von Englands Premier Winston Churchill aus dem eingekesselten Berlin geschleust zu haben. Schließlich tönte das italienische Linksblatt "Il Manifesto" im Dezember 1996, Bormann sei 1952 in Rom gestorben. Die Theorien über Bormanns Verbleib hätten womöglich noch jahrelang weiter Blüten getrieben - doch langsam reichte es Bormanns Nachfahren.

Auf Vorschlag der Kinder Bormanns und mit Zustimmung des hessischen Justizministeriums veranlasste der Frankfurter Generalstaatsanwalt Hans Christoph Schaefer 1997 eine erneute Untersuchung der Bormann-Gebeine. Schaefer setzte laut SPIEGEL auf ein junges Spezialverfahren zur Analyse der DNS, weil "ein politisches Interesse an der Aufarbeitung der historischen Vergangenheit bestehe".

Im Frühjahr 1998 wanderten Teile des Skelettfundes von 1972 durch Labore in Frankfurt, Bern und München. Schließlich gelang den Experten in Bayern ein DNS-Vergleich zwischen den Knochen und dem Blut einer Bormann-Nachfahrin, Ergebnis: Die sterblichen Überreste waren die des Gesuchten - zweifelsohne. Die Staatsanwälte schlossen die Akte Js 11/1961 ein zweites Mal, das Beweismaterial verließ endgültig die Asservatenkammer. 1999 wurden Bormanns sterbliche Überreste eingeäschert und in der Ostsee bestattet - 54 Jahre nach seinem Tod.

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1.
Ernst Wolfsperger 08.12.2012
War Bormann im fensterlosen Bunkergrund schon damals ein Ewiggestriger? Das Schreiben an Pg. Dönitz mit dem Hinweis auf des Diktators letztes Diktat datierte er auf den 29. April ? dabei entfloh sein Dienstherr doch bekanntermaßen erst am 30. dem irdischen Reich und seiner Verantwortung ... Auch die Bildlegende geht Bormanns offensichtlicher Verwirrung auf den Leim.
2.
Georg Dr. Beckers 08.12.2012
Interessante Zusammenfassung. Aber neben dem mehr illustren Teil, den Creighton beisteuerte, sind nicht wirklich alle Details so geklärt, wie es das unbedingt zum empfehlende Werk von Hugh Trevor-Roper im Quervergleich mit dem Filmdokument von André Heller im Interview von Traudl Junge hergibt, weil da immer noch von den Älteren diese Geschichten im Umlauf sind, daß der Service enorm viel Interesse an Bormann hatte, wohl auch Edward & Simpson und den damit assoziierten finanziellen Transaktionen wegen, behauptete zumindest aus 'erster Gerüchtequelle' unter anderem auch Prof. Sir Bernard K. BK merkte beim Schachspiel einmal dazu an, daß ihm da auch seine Freundschaft zu R. von Weizsäcker nicht wirklich weitergeholfen habe ? über Bormann habe er einzig in Erfahrung bringen können, daß es wohl sehr verschwiegene Beziehungen und obskure Besuche im niedersächsischen zu einer Bauerfamilie in der Umgebung von Rothenburg an der Wümme gab, die wohl dazumal nicht bekannt waren; zwei Nachfahren jedoch, die dazu hätten aus Kindheitserinnerungen beitragen können, wären als Quellen unbrauchbar, dieweil Alkohol-abhängig. Sowohl im College, als auch beim Schwatz in der Royal Society, die im Ex-Ribbentrop-Gebäudekomplex heute residiert, war Bormann immer ein recht lebhaft debattierter Lebenslauf, dann wenn die Engländer gerne an die Worte Churchills erinnern, der Ribbentrop auf seine Kriegs-Drohung hin mit den Worten in die Schranken wies : "Oh well, You better recall how we did You in last time".
3.
Jens Habermann 08.12.2012
Wichtig für mich persönlich ist die Tatsache, dass ich sicher sein kann, dass dieser Psychopath tot ist.
4.
Rudolf Haase 08.12.2012
Interessant, dass sich der (Gast?-)Autor dieses Spiegelartikels (James McGovern)bereits 1968 für die richtige Version entschieden hat. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-45935342.html
5.
Tobias Lairt 08.12.2012
Und im Regenwald bei San Ignacio (Argentinien) gibt es immer noch eine verfallene Hütte namens "Casa Borman" [sic!], wo er angeblich wohnte.
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