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Nazi-Verbrecher Sandberger Blutspur ins Altersheim

Nazi-Verbrecher Sandberger: Blutspur ins Altersheim Fotos

Er stand an vorderster Front beim NS-Völkermord, wurde zum Tode verurteilt - und konnte seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Jahrzehntelang lebte Martin Sandberger unbehelligt in der Bundesrepublik. Kurz vor seinem Tod spürte ihn der SPIEGEL im Altersheim auf. Letztes Treffen mit einem Verbrecher. Von

Der Mann musste sich sicher sein, dass ihn keiner mehr sucht. Auf dem Briefkasten neben der grauen Wohnungstür im Stuttgarter Seniorenstift stand, gut sichtbar bis zum Todestag am 30. März 2010: Dr. Martin Sandberger.

Hobbyhistoriker im weltweiten Netz führten seit Jahren unter dem Namen Sandberger, Martin, geboren am 17. August 1911, den "ranghöchsten SS-Offizier, von dem bekannt ist, dass er noch lebt". Nicht bekannt war, bis der SPIEGEL ihn aufspürte kurz vor seinem Tode: wo Sandberger lebte.

Dies ist die Chronologie einer Spurensuche im Winter 2009/2010. Und einer Begegnung mit dem letzten maßgeblichen Kriegsverbrecher aus der Mordmaschinerie der SS.

Im Mai 1945, das Tausendjährige Reich lag frisch in Trümmern, geriet Sandberger in Haft. Der Standartenführer und Musterschüler des Reichsführers SS Heinrich Himmler wurde in der Folge wegen Massenmords von einem US-Militärgericht zum Tod durch den Strang verurteilt. 1951 zu lebenslanger Haft begnadigt, kam er sieben Jahre später endgültig frei. Danach verlor sich die Spur.

Kein Wort von Sandberger mehr danach, kein Bild - das letzte verfügbare Foto, aufgenommen 1948, zeigte ihn als mürrisch blickenden Angeklagten während seines Kriegsverbrecherprozesses in Nürnberg.

Und dann ist da plötzlich, mehr als 60 Jahre später, dieses Namensschild im Stuttgarter Wohnstift. Kann einer wie Sandberger, des Massenmords an Juden, Zigeunern und Kommunisten schuldig, wirklich ein halbes Jahrhundert lang abgetaucht sein - unbehelligt, unbefragt, mitten in einem Land, in beim Prozess gegen den mutmaßlichen Wachmann im Todeslager Sobibór, John Demjanjuk, 270 Journalisten akkreditiert sind?

"Was, der lebt noch?", ruft fassungslos eine Staatsanwältin in Stuttgart, nachdem sie ihre Festplatte mit dem Suchbegriff "Sandberger" gefüttert und eine stattliche Liste voll Aktenzeichen ans Licht befördert hat - eingestellte Ermittlungsverfahren und Zeugenvorladungen in Mordsachen. Das Bizarre daran: Sandbergers Anschrift war immer bekannt. Es hat nur seit fast 40 Jahren niemand mehr nach ihm gesucht.

Und niemand hat, als nach dem Fall des Eisernen Vorhangs neue Beweise hätten gefunden werden können, eine Wiederaufnahme angestrebt.

Die Wohnungstür im Erdgeschoss des Seniorenheims öffnet sich, und ein alter Herr im Polstersessel empfängt. Zwischen gebundenen Sammlungen schwäbischer Volkssagen, Schwarzweißporträts seiner Ahnen und einem betagten Fernsehgerät sitzt er dicht beim Fenster.

Aus dem von alten Bildern vertrauten forschen SS-Führer mit dem markanten Kinn und dem herrischen Blick ist in den letzten Wochen, die er noch zu leben hat, ein schmaler, gebrechlicher Greis geworden. Sandberger, zu diesem Zeitpunkt 98 Jahre alt, hört schlecht, sieht schlecht, klagt über schmerzende Beine und sagt: "Ich bin zu alt, ich will nicht mehr."

Der Geist immerhin, das zeigt sich, ist bis zuletzt rege. Wo war Sandberger während des letzten halben Jahrhunderts? Sieht er noch Bilder vor sich aus Kriegstagen: den Vormarsch nach Osten im Rücken der Heeresgruppe Nord, die Jahre zwischen Baltikum und Russland - er im Sturmboot auf dem Peipussee, die Juden kniend vor frisch ausgehobenen Gruben?

Sandberger schließt die Augen. Er droht, augenblicklich einzuschlafen. "Grad ging's ihm noch blendend", sagt die Dame, die ihm an diesem Nachmittag Gesellschaft leistet. Ein vorübergehender Schwächeanfall vermutlich: "Fragen S' ruhig weiter."

Sandberger öffnet nun wieder die Augen. Und erklärt, mit Fistelstimme und in breitem Schwäbisch: "Woran ich mich erinnere, das ist gänzlich unbedeutend."

Historiker urteilen so: Mit dem Verstummen Sandbergers schließe sich die letzte Tür zum Schattenreich des SS-Staats. In seinem Standardwerk "Die Generation des Unbedingten" beschreibt der Zeitgeschichtler Michael Wildt den Einserjuristen Sandberger als Paradebeispiel des elitären, akademisch vorgebildeten Typs von Tätern, die im Auftrag des Reichssicherheitshauptamts systematischen Massenmord im Osten organisierten - als Speerspitzen des Genozids: "Sie waren nicht die Rädchen einer anonymen Vernichtungsmaschinerie, sondern sie haben die Konzepte entworfen, die Apparate konstruiert und selbst bedient, die den millionenfachen Mord möglich machten."

Unter den Führern der Sonderkommandos aus Himmlers Mordapparat war Sandberger der letzte lebende. Er trat einst auf, ob in Tallinn oder Verona, als Halbgott im feldgrauen Tuch der SS. Insgesamt 5643 Exekutionen unter seinem Kommando gab es auf estnischem Boden allein während des ersten Jahres der Nazi-Herrschaft. Im Zenit seiner vom "Führer" geborgten Macht genügten Sandberger hinter der Ostfront Federstriche, um ein "für die Volksgemeinschaft absolut wertloses Subjekt", so seine Worte damals, hinrichten zu lassen.

Im christlichen Stuttgarter Seniorenstift aber rechnet der Pensionär Sandberger dann für sich selbst auf Barmherzigkeit. Und bezahlt für tätige Nächstenliebe. Ein Zweieinhalb-Zimmer-Apartment kostet im Heim 2519 Euro Grundpreis pro Monat. Pflegebedarf schlägt zusätzlich zu Buche. Wer noch kregel genug ist, kann zwischen Sauna, Physiotherapie und Einkaufsbummel im Haus ein Drei-Gänge-Menü einnehmen. Leckeres aus dem "Land der Maultäschle" wird versprochen.

Sandberger lässt sich das Essen aufs Zimmer kommen. Und den Physiotherapeuten auch, nachmittags gegen drei. Zwischendrin liest er mit der Lupe oder leistet sich, einmal die Woche, eine Vorleserin: Die Dame trägt ihm zumeist Erbauliches aus der Bibel vor.

Sandberger, kurz nach Hitlers Machtübernahme aus der Kirche ausgetreten, ist nach dem Krieg zurückgekehrt zu seinen Wurzeln. Ins "Hardcore-Milieu württembergischer Ehrbarkeit, in die protestantisch-pietistische Funktionselite", wie der Historiker Michael Ruck sagt. Die Ahnenreihe, die der SS-Anwärter Sandberger für den "Großen Ariernachweis" einst seiner NS-Sippenakte beifügte, ist gespickt mit Pfarrern und Beamten. Die Verwandlung vom Bürgersohn aus bester Familie zum führenden Handlager des Holocaust ging dann flott vonstatten.

"Sehr wenige Erinnerungen" hat Sandberger leider, bei seinem ersten und lebenslang einzigen Interview, an jene Jahre. Belastbarer ist sein Gedächtnis, sobald es um die Zeit vor oder nach dem Krieg geht. Geburt 1911 in Berlin, wohin der Vater, Werksdirektor der I. G. Farben, versetzt worden war? "Richtig, Charlottenburg, Suarezstraße", sagt Sandberger. Über Frankfurt geht es zurück ins Württembergische, in die Heimat der Eltern. Einem Abitur "mit Auszeichnung" folgt das Jurastudium an der Universität Tübingen.

Dort bildet sich schon vor Hitlers "Machtergreifung" der Kern späterer Terrortrupps im Osten heraus: Vier künftige Befehlshaber von SS-Sonderkommandos sind in Tübingen immatrikuliert. Sandberger, SA-Mitglied seit 1931, marschiert voran. Er hisst eigenhändig die Hakenkreuzfahne über der Alma Mater am 8. März 1933 und hört im Herbst, wie der Philosoph Martin Heidegger den Studenten zuruft: "Die nationalsozialistische Revolution ist und wird werden die völlige Umerziehung der Menschen."

Sandberger will vorn mit dabei sein und verdient sich Vorzugsnoten, an allen Fronten. Er legt die beste Große Staatsprüfung in Württemberg seit neun Jahren hin, korrespondiert nebenher mit dem Parteigenossen und späteren Massenschlächter im besetzten Polen, Hans Frank, und bekommt vom künftigen Reichsstudentenführer das Tauglichkeitssiegel für höhere nationalsozialistische Weihen: "Schnell und schlagend im Urteil" sei Sandberger, von scharfer Logik und "zu allem zu gebrauchen".

Reinhard Heydrich sieht das ähnlich. Der Chef der Sicherheitspolizei und spätere Organisator der Judenvernichtung beruft Sandberger sechs Wochen nach Kriegsausbruch zum Leiter der "Einwandererzentrale" in Gdingen. Baltendeutsche müssen nun heim ins Reich geholt, Juden und Polen ins Generalgouvernement abgeschoben werden. Sandberger bewährt sich. Danach wirkt er an Judendeportationen in Straßburg mit und wird, offenkundig vertrauenswürdig, bereits im Frühjahr 1941 in Pläne für den Angriffskrieg gegen die Sowjetunion eingeweiht.

Was in den folgenden vier Jahren unter Sandbergers Kommando passiert, ist in Protokollen der Nürnberger Prozesse nachzulesen, dazu auf Tausenden Aktenseiten in deutschen, russischen, estnischen oder italienischen Archiven: Es geht um nicht weniger als die Hinrichtung von Kommunisten, die Massenerschießung von Juden wie Zigeunern und die letzten Tage an den Schalthebeln im Auslandsnachrichtendienst der SS.

Getrocknet ist die Blutspur, die Sandberger auf seinem Feldzug durch Europa hinterließ. Gesichert, in Aktenbündeln und Computerdateien, sind die Erkenntnisse. Vergessen bleibt, bis zu seinem Tod am 30. März diesen Jahres, der Täter selbst.

Sandberger erlebt seine letzten Tage bei klarem Verstand und spricht, während in der Dämmerung vor seinem Fenster Stiftsgenossen mit dem Rollator letzte Runden im Park drehen, über die Jahre im Dienst der SS. Über die Jahre von Rassenwahn und Völkermord. Er sagt, unbeirrbar und ohne zu zögern: "Ich war da nicht stark engagiert."

Die Protokolle aus dem Maschinenraum des Holocaust widerlegen ihn. Ereignismeldungen und Berichte des Sonderkommandos 1a der Einsatzgruppe A unter Sandbergers Kommando lesen sich so: "sämtliche Voraussetzungen zu einem aktiven Einsatz an der endgültigen Lösung des Judenproblemes" gegeben (September 1941); alle jüdischen Männer Estlands außer Ärzten und Vertrauensleuten "unter Kontrolle des Sonderkommandos exekutiert" (Oktober 1941); 243 Zigeuner erschossen (Sommer 1942); Schluss mit "Objektivitäts- und Humanitätsduselei" gegenüber Kommunisten (Mai 1943).

Friedrich Anijalg, Wachmann im Lager Jägala, bezeugt nach dem Krieg, dass bei der Massenhinrichtung im estnischen Kalevi-Liiva "Dr. Sandberger am Erschießungsort anwesend war". Für diese Behauptung gibt es keine Beweise. Wahrscheinlicher ist, dass Sandbergers eigene Version zutrifft. Wann immer seine Untergebenen die Juden mit Stockschlägen an die Gruben treiben, in denen bereits die zuvor Erschossenen liegen, oder "Volksschädlinge" hinrichten, ist der Chef anderweitig beschäftigt.

In ihrer bahnbrechenden Arbeit "Die Sicherheitspolizei in Estland 1941 - 1944" schreibt die Historikerin Ruth Bettina Birn, Sandberger sei schuldig "an der Ermordung der estnischen jüdischen Bevölkerung und den großflächigen Mordaktionen" ab Sommer 1941; er habe sich dabei aber, so Birn, eher als "ideologischer Motor" der Dienststelle verstanden. Rastlos, fordernd, ein Nationalsozialist durch und durch, der von einer künftigen SS-Siedlung in Archangelsk an der Eismeerküste schwärmen konnte und zwischendurch, zurück in den Niederungen des estnischen Schreibstubenalltags, Todesurteile gegen Asoziale, "rassisch Minderwertige", Bolschewiken verhängte.

"Sonderbehandlung", das war damals das Wort für: Exekution. Manchmal auch, unverblümter, schrieb Sandberger an den Rand einer Aktenvorlage: "Erhängen".

Vier von fünf bis zum Sommer 1942 in Estland Hingerichteten sind Kommunisten oder Menschen, die als solche denunziert werden. Vor dem Militärgericht in Nürnberg wird der Angeklagte Sandberger später seinen Schuldanteil in einem bemerkenswerten Zwiegespräch beziffern: "Waren Sie damals in Estland?" - "Ja, aber sie (alle hingerichteten Kommunisten) wurden nicht auf meine Verantwortung hin erschossen. Ich war nur für 350 verantwortlich." - "Für 350?" - "Das ist meine Schätzung."

Und die 450 ermordeten Juden aus Tallinn, will das Gericht wissen: "Sie wurden erschossen, stimmt das?" - "Ja." - Eine "Konsequenz des Führerbefehls"? - "Ja."

Der angebliche "Führerbefehl" ist das Mantra all jener, die nach dem Krieg nicht schuld an den Verbrechen hinter der Ostfront gewesen sein wollen: weil den Einsatzkommandos der SS vor dem Abmarsch in die Sowjetunion eine Anweisung Hitlers zur Ermordung aller Juden erteilt worden sei. Der Mythos vom "Führerbefehl" als Handlungsanleitung für den Holocaust sei nicht zuletzt durch Sandbergers Aussagen "geschichtswirksam" geworden, beklagt die Historikerin Birn. In Wahrheit, so sieht es auch der Zeitgeschichtler Hans Mommsen, waren die Vernichtungsaktionen der Einsatzgruppen auf sowjetischem Boden, darunter die von Sandbergers Sonderkommando, Ergebnis einer Radikalisierung im Felde - also "vorgezogener Völkermord".

Wenn Sandberger Wegbereiter war, nicht Erfüllungsgehilfe, warum machten sich dann nach dem Krieg so viele für ihn stark? Die Liste der Fürsprecher liest sich wie ein Auszug aus dem Almanach der aufrecht Gesinnten: an der Spitze Theodor Heuss, Bundespräsident; dahinter Carlo Schmid, Vizepräsident des Bundestags; Gebhard Müller, Ministerpräsident von Baden-Württemberg; Martin Haug, Landesbischof.

Bundespräsident Heuss, mit Sandbergers Vater bekannt, plädiert 1955 zugunsten des wegen Völkermords einsitzenden Sohnes bei US-Botschafter James Conant auf Haftentlassung: "Freiheitsentziehung kann - ich sage nur: kann - Läuterung gebracht haben und Gnade ist der schönste Teil, der dem Recht beigeordnet ist."

Carlo Schmid, Fraktionsvize der SPD im Bundestag und vor dem Krieg Sandbergers Professor, bringt vor: "Er war ein fleißiger, intelligenter und begabter Jurist, der auf der einen Seite dem geistigen Nihilismus der Zeit verfallen war, auf der anderen Seite aber sich krampfhaft an der Formenwelt der Bürgerlichkeit festklammerte." Sandberger wäre ein ordentlicher Beamter geworden, so Schmids artistische Volte - "ohne den Einbruch der Herrschaft des Nationalsozialismus".

"Ach, Carlo Schmid", sagt Sandberger kurz vor seinem Tod beinahe wehmütig, und der Blick geht dabei weit zurück in die Zeit, da über der Uni Tübingen die Hakenkreuzfahne wehte: "Ich war ja damals sein Referendar." Dass das Vorkriegsnetzwerk der Sandberger-Familie nach 1945 noch trägt, beweisen Vorstöße aus Kreisen der Südwest-FDP zugunsten des SS-Standartenführers. Selbst ein US-Senator wird dazu bewogen, schriftlich an Präsident Harry Truman heranzutreten.

"So wie Sie im Ersten Weltkrieg", heißt es in dem Brief an das amerikanische Staatsoberhaupt, habe auch Sandberger, Hinrichtungen hin oder her, in Russland seine Pflicht getan: "Einige seiner Entscheidungen müssen ihm so viel Seelenqual bereitet haben wie Ihnen die Entscheidung, die Atombombe abzuwerfen."

Von Seelenqual spricht Sandberger bis zuletzt nicht, und auch in Einsatzberichten ist davon nicht die Rede. Aus Estland abberufen, trifft der SS-Führer im September 1943 in Verona ein. Dort soll er den Nachrichtendienst in den besetzten Gebieten mitaufbauen. Das offizielle Italien hat gerade die Fronten gewechselt, Mussolini ist in Haft, und die Deutschen rüsten sich für die Juden-Deportationen.

Die Alliierten rücken auf Rom vor, die Zeit ist knapp. Hitler hat bereits den Befehl gegeben, so schildert es später der Waffen-SS-General Karl Wolff, Papst Pius XII. nach Deutschland zu bringen. Schloss Lichtenstein bei Reutlingen ist als Aufenthaltsort für den Pontifex im Gespräch.

Sandberger reist nach Rom und erkundet die Lage. Am 1. Oktober 1943 um 16.24 Uhr meldet er Abhörprotokollen des britischen Geheimdienstes zufolge nach Berlin, der Vatikan fürchte sowohl den Kommunismus als auch ein Europa, das von "Angloamerikanern" unterworfen und beherrscht werde: "Falls, nach allen nötigen Vorkehrungen, dem Papst eine Übersiedlung nach Lichtenstein vorgeschlagen würde, könnte er zustimmen."

So weit kommt es am Ende nicht. Sandberger und seine SS-Kameraden sind ohnehin beschäftigt. Mussolini ist am Gran Sasso befreit und ausgeflogen worden, die "Judenaktion" läuft an. Sandbergers Chef meldet an den Reichsführer SS Heinrich Himmler: "Die Deportation der römischen Juden nach Auschwitz hat am 18. Oktober um 9.00 Uhr begonnen (Zugnummer X70469)."

Sandberger selbst widmet sich derweil, wie gewohnt, mit der Akribie eines Modelleisenbahn-Bastlers dem Rädchenwerk der Vernichtungsmaschine. Einem Kollegen von der Militärverwaltung erklärt er am 16. November 1943, dass der sich gefälligst um die von Himmler befohlenen und derzeit "in Durchführung begriffenen Judenaktionen" der Sicherheitspolizei nicht zu kümmern habe: Sachdienliche Informationen würden von der SS zu einem späteren Zeitpunkt geliefert.

Die meisten der Juden, die nach fast vier Tagen Reise, zusammengepfercht wie Vieh im Zugwaggon, Auschwitz noch lebend erreichen, sterben wenig später im Gas. Sandberger erholt sich derweil nach eigenen Angaben im Hotel zu Verona von einer Ruhr-Erkrankung und verlässt Anfang Dezember Italien in Richtung Berlin. Die verbleibenden knapp eineinhalb Kriegsjahre dient er als Chef der Gruppe VI A im Auslandsnachrichtendienst und persönlicher Mittelsmann im Dunstkreis des Reichsführers SS.

Am 1. Mai, am Tag nach dem Selbstmord des "Führers", wird Sandberger laut britischen Geheimdienstberichten noch "mit Himmler in Lübeck" gesehen - mit dem Architekten der Endlösung also. Doch während Himmler zwei Wochen nach Kriegsende eine Zyankali-Kapsel zerbeißt, taucht sein Untergebener Sandberger ab, in österreichischen Almhütten. Am 25. Mai 1945 erst stellt er sich, "freiwillig unter Vorzeigung meines Soldbuchs", Offizieren der 42. US-Division in Kitzbühel. Das Spiel, so viel hat er begriffen, ist nun endgültig aus.

Es folgen monatelange Verhöre und kunstvolle Manöver. Sandberger versucht, vor allem Vorgesetzte oder verstorbene Kameraden zu belasten.

Chefankläger und Richter beim Nürnberger "Einsatzgruppen-Prozess" ab 1947 aber lassen sich nicht beirren. Im Urteilsspruch heißt es, Sandberger habe sich "bereitwillig und enthusiastisch" dem NS-System unterworfen. Er sei der Kriegsverbrechen, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit und der Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation zweifelsfrei schuldig.

Die Ermordung von über einer Million Menschen sollen Sandberger und seine anfänglich 23 Mitangeklagten allein in Osteuropa zu verantworten haben. 14 Todesurteile werden gegen sie verhängt - mehr als im Hauptkriegsverbrecher-Prozess gegen Göring, Streicher, Frank und andere. Benjamin Ferencz, damals Chefankläger in Nürnberg und heute im 90. Lebensjahr, sagt im Rückblick: "Sandberger war ein aktives, vermutlich sogar eifriges Mitglied jener Mörderbande, die Hunderttausende unschuldiger Menschen umbrachte." Die Todesstrafe gegen ihn sei "hochverdient" gewesen.

Im Stuttgarter Seniorenstift ist es still geworden. Es dämmert, und Sandberger denkt nach. Seine Todesstrafe: verdient? Dazu will er "nichts sagen", lieber spricht er über sein Leben danach. Die rote Jacke des Hinrichtungskandidaten trug er ja wie alle anderen in der Festung Landsberg, wo Hitler "Mein Kampf" schrieb, nur bis 1951. Während fünf Mithäftlinge im Gefängnishof gehängt wurden, kam Sandberger sieben Jahre später frei. Er fiel weich, ins Nachkriegsdeutschland.

Zwei Brüder fingen ihn auf: der Theologe Eberhard Müller, Leiter der Evangelischen Akademie; und dessen Bruder Bernhard, CDU-Landtagsabgeordneter, später Verbindungsmann der Christkonservativen zur NPD, vor allem aber: Generalbevollmächtigter der Unternehmensgruppe Lechler.

"Ich habe gebetet, dass Gott dich zu mir schickt", mit diesen Worten sei er damals vom Firmenchef empfangen worden, sagt Sandberger. Als Justitiar eingestellt, arbeitet er sich ab 1958 zielstrebig zur "rechten Hand und zum hochgeachteten Mitglied" des Managements hoch, wie Walter H. Lechler sagt, heute Geschäftsführer. Der SS-Veteran habe offensichtlich "seine steuerlichen Kenntnisse" während der Landsberger Festungshaft "erheblich erweitert". Über die Kriegszeit hingegen sei von Sandberger nichts zu erfahren und über laufende Verfahren gegen ihn nichts bekannt gewesen.

Das ist, nach Aktenlage, schwer vorstellbar. Zwar regiert ab 1966 als Kanzler in Bonn der Württemberger Kurt Georg Kiesinger, NSDAP-Mitglied von 1933 an; und in Stuttgart Hans Filbinger, NS-Marinerichter a. D. Trotzdem ist die Justiz im Südwesten der Republik nicht untätig. Und Sandberger bekommt das zu spüren.

Nach Zeugenvorladungen im Ulmer Einsatzgruppen-Prozess 1958 und ab 1960 auch vor die Zentralstelle für NS-Verbrechen in Ludwigsburg wird unter dem Aktenzeichen JS 337/70 im Mai 1970 bei der Staatsanwaltschaft Stuttgart ein Ermittlungsverfahren gegen den verschwiegenen Justitiar der Firma Lechler eingeleitet. Es geht um die "Erschießung von Juden, Kommunisten und Fallschirmspringern in Estland", um die Hinrichtung eines Offiziers, der betrunken auf ein Hitler-Bild gefeuert hatte, und um die Ermordung von "1400 - 1500 Juden in Kalevi-Liiva" im Herbst 1942.

Unter den Augen der Staatsanwaltschaft verschlechtert sich daraufhin binnen kurzer Zeit das Befinden des zuvor rüstigen SS-Veteranen: sein abnormal hoher Blutdruck, seine Beinahe-Erblindung und die beständige Gefahr eines zerebralen Insults seien zu berücksichtigen, erfährt das Gericht per beigefügtem Attest von Sandbergers Anwalt. Dessen Name: Fritz Steinacker. Der ehemalige Bomberpilot gilt im NS-Milieu als graue Eminenz. Er hat den KZ-Arzt Josef Mengele verteidigt und den Lagerapotheker von Auschwitz, Victor Capesius; als Bevollmächtigter vertritt er die Belange des weltweit gesuchten Kriegsverbrechers Aribert Heim, genannt "Dr. Tod".

Der Fall Sandberger liegt da vergleichsweise einfach. Es genügt, gemäß Überleitungsvertrag zwischen den Besatzungsmächten und der Bundesrepublik, zu beweisen, dass der Standartenführer schon 1948 von den Amerikanern summarisch verurteilt wurde für das, was ihm Stuttgarter Ermittler 23 Jahre später nachweisen wollen. Steinacker gelingt das. Auch eine Anklage wegen Mordes an Juden aus Frankfurt und Theresienstadt kommt nicht mehr zustande - die Staatsanwaltschaft Stuttgart erklärt mit Schreiben vom 13. Juli 1972, die Ermittlungen gegen den Beschuldigten Sandberger seien nach Lage der Dinge vom US-Militärtribunal "endgültig abgeschlossen" worden.

Es klingt wie ein Stoßseufzer.

Als in den Neunzigern, nach Ende des Kalten Kriegs und nach Öffnung der Archive in Osteuropa, erste Historiker den Scheinwerfer wieder auf Sandberger richten, duckt der sich weg. Spricht mit keinem, rührt sich nicht. Aus Tallinn kommen Meldungen, "der größte Nazi Estlands" und "Botschafter des Todes" sei noch am Leben. Französische Blogger spekulieren Ende 2009, Sandberger sei in einem bayerischen Altenheim aufgespürt worden.

In Deutschland hingegen: Funkstille bis zuletzt. Dokumente, die Material für eine neue Anklage bergen könnten, gab es nun zur Genüge. Aber keinen mehr, der daran rühren wollte.

Verspürte Sandberger Scham, nach all den Jahren, den eigenen Tod dicht vor Augen? Der Alte im Polstersessel, letzter übriggebliebener Rädelsführer beim größten Völkermord der Geschichte - er schweigt lange an diesem Abend, und ringt mit sich. Dann sagt er: "Ich möchte darüber nicht sprechen."

Das ist sein letztes Wort.

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1.
Lothar Klatt, 08.04.2010
Sehr trauriges kapitel; mir scheint der Spiegel schreibt mit einer gewissen Bewunderung ueber Martin Sandberg, sein Abitur, sein erfoglreiches Jurastudium in Tuebingen, sein Aufstieg bei Der SS, kein Wort davon was fuer ein abscheulicher Mensch er doch war, kein Wort ueber seine Unmoralsche Haltung kein Wort ueber seinen Charakter, alles nur kalte Fakten hinter denen man sich verstecken kann, und stolz darauf, dass man ja so erfolgreich war ihn zu finden nach 40 Jahren der ganze Artikel ist widerlich und ohne jede Moral
2.
thomas homoki spiegel, 08.04.2010
was für eine erschreckende und abgrundtief böse gestalt!
3.
Matthias Böhme, 08.04.2010
Und? Was soll der Artikel? Verhaften wir einen Greis aus einem Pflegeheim, der unverbesserlich ist? Führen wir ihn der Gerechtigkeit (welcher?) zu? Ist unser Strafsystem auf Rache angelegt? Bedienen wir die Wünsche des Auslands? Hinzu kommt noch, dass der Mann bereits einmal zum Tode verurteilt worden war, dann zu lebenslang und dann - aus was für Gründen auch immer - nach sieben Jahren entlassen wurde. Ne bis in idem! Lassen wir ihn in Ruhe sterben - wenn er denn in Ruhe stirbt. Vielleicht wird ihn ja im Moment des Todes das Gewissen plagen, in der sicheren Erkenntnis, an dem Angerichteten nichts mehr ändern zu können!
4.
Frank Fracht, 08.04.2010
Alle Antworten auf die Frage wie es möglich sein konnte, dass dieser Mann nicht aufgehängt wurde und später unbehelligt blieb hat dieser Artikel bereits geliefert. Im Kalten Krieg brauchte man vor allem Nazis, die Erfahrung hatten mit Randgruppen umzugehen.Wenn man bedenkt dass Heuss in die Geschichte der BRD als Erzliberaler eingegangen ist und auch heute noch als demokratisches Aushängeschild dient...dann kann man nur lachen...Was Carlo Schmidt veranlasst hat sich für einen Massenmörder einzusetzen lässt sich nur ahnen..Wahrscheinlich hatte er eine grössere Abscheu vor (SPD Mitglied) Herbert Wehner..Der war ja mal Stalinist gewesen..und Stalin's Verbrechen waren hundert mal bösartiger, als das was ein deutscher Jurist fürs Vaterland getan hat.Frank Fracht
5.
Burkhard von Grafenstein, 08.04.2010
Das große Interesse für den Demjanjuk-Prozess hängt damit zusammen, dass hier unterschiedliche Sichtweisen auf den Holocaust miteinander ringen. Die eine Sichtweise sieht den Holocaust im Tunnelblick allein als völkische Attacke der deutschen Nationalsozialisten, die andere erkennt einen europaweiten Antisemitismus auch eliminatorischer Natur, auch in Russland und osteuropäischen Ländern. In der ersten Sichtweise kann Demjanjuk nur ein gepresstes Werkzeug sein, in der anderen ist es plausibel, dass der Judenhass einen NS-Kollaborateur antrieb. Demjanjuk wurde schon vor Jahrzehnten als Repräsentant des osteuropäischen Antisemitismus medial aufgeblasen und sollte anscheinend stellvertretend durch Israel abgeurteilt werden, was gescheitert ist, daher das große Interesse. Es gibt viele Greise, die noch mehr Blut an den Händen haben als Demjanjuk, selbst wenn die Vorwürfe gegen ihn wahr sind.
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