Rätselhafte Britin Meisterin des Bluffs

Rätselhafte Britin: Meisterin des Bluffs Fotos
The National Archives

Gefährliche Staatsfeindin oder arme Irre? 1940 wurde die Engländerin Dorothy O'Grady als Spitzel Hitlers zum Tode verurteilt. Die Briten nannten sie "Meisterin des Bluffs" und dachten, sie habe eine deutsche Invasion vorbereitet. Erst Jahrzehnte später sollte die erschütternde Wahrheit ans Licht kommen. Von Johanna Lutteroth

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Regungslos nahm Dorothy O'Grady am 17. Dezember 1940 ihr Todesurteil hin. Erst als sie den Saal des Gerichts in Winchester verließ, soll die kleine, dralle Dame, die auf der Isle of Wight einige Jahre die Pension Osborne Villa betrieben hatte, Emotionen gezeigt haben: Angeblich hob sie die Hand zum Hitlergruß. Als wolle sie abschließend noch einmal bestätigen: Ja, ich bin tatsächlich eine Nazi-Spionin. Ja, ich bin zu Recht verurteilt worden.

O'Grady war die erste und einzige Frau, die gemäß dem britischen Treachery Act (Gesetz gegen Landesverrat) zum Tode verurteilt wurde. Das Gesetz war im Mai 1940 erlassen worden, um schneller und härter gegen feindliche Spione vorgehen zu können. Sie saß auf der Anklagebank, weil sie angeblich die Küstenlinie der Isle of Wight für Nazi-Deutschland ausgekundschaftet hatte. Das Brisante daran: Die kleine, südlich vor England gelegene Insel galt als mögliches Einfallstor für eine deutsche Invasion.

Die Sache schien zunächst klar: Die Ermittler hatten bei O'Grady haufenweise Karten von der Isle of Wight gefunden, die sie selbst gezeichnet und auf denen sie nicht nur Truppen- und Geschützpositionen vermerkt hatte, sondern auch die Standorte von Suchscheinwerfern und Elektrozäunen. Doch nach und nach kamen Zweifel auf. Zu bemüht wirkte die angebliche Nazi-Spionin. Zu plump brachte sie in den Verhören ihre Antipathie gegen ihr Heimatland mit Bemerkungen wie "wer will Großbritannien schon unterstützen?" zum Ausdruck. Guy Liddell, der als verantwortlicher Offizier für Gegenspionage beim MI5 den Fall betreute, notierte im Dezember 1940 in sein Tagebuch: "Sie sah sich vermutlich selbst als Meisterspionin, konnte sich aber nicht dazu überwinden zuzugeben, dass nichts dahinter war."

Gefährliche Nazi-Spionin oder doch nur eine harmlose Wirtin mit ausschweifender Phantasie? Diese Frage sollte Großbritannien bis ins 21. Jahrhundert beschäftigen.

"Das Gefühl, jemand zu sein"

O'Grady sorgte für einigen Wirbel. Ihr Fall traf das Königreich in seiner nervösesten Stunde, dem Sommer 1940. Die deutsche Wehrmacht hatte Frankreich im Handumdrehen besetzt und begann wenig später, die Landung deutscher Truppen in Großbritannien zu planen. Die Briten fühlten sich zu Recht massiv bedroht. Überall witterten sie Nazi-Spione, die parallel von innen heraus Großbritanniens Niedergang vorbereiteten. Die Staatsanwaltschaft kannte in dieser heißen Phase keine Gnade: "Sie wollten jeden töten, auf dem der bloße Verdacht ruhte, mit dem Feind zusammenzuarbeiten", resümierte der Geheimdienstexperte Harry Hinsley, der sich damals auch mit dem Fall Dorothy O'Grady beschäftigte.

Doch die angebliche Nazi-Spionin blieb verschont: O'Grady entkam um Haaresbreite dem Galgen. Ihr Anwalt hatte erfolgreich Berufung eingelegt und im Februar 1941 wurde die Todesstrafe in eine 14-jährige Haftstrafe umgemünzt. Als sie 1950 frühzeitig entlassen wurde, meldete sie sich sofort öffentlich zu Wort - mit einem überraschenden Bekenntnis: Sie sei keine Nazi-Spionin. Das Ganze sei für sie nur ein "Spaß" gewesen, vertraute sie der britischen Zeitung "Daily Mail" an. Ihr habe die Idee gefallen, für eine Agentin gehalten zu werden. Die Aufregung, vor Gericht zu stehen und um ihr Leben zu bangen, sei unglaublich intensiv gewesen. "Ich hatte plötzlich das Gefühl, jemand zu sein."

Hatte MI-5-Mitarbeiter Liddell also doch recht gehabt? Hatte sie vor lauter Geltungsdrang die Gefährlichkeit ihrer Lage unterschätzt und ihr Spiel viel zu weit getrieben? Diese Meinung setzte sich jedenfalls nach ihrer öffentlichen Stellungnahme durch - und herrschte für den Rest ihres Lebens vor. Als Dorothy O'Grady 1985 im Alter von 87 Jahren starb, hielten die Briten sie längst nur noch für eine harmlose alte Dame, die vielleicht eine etwas zu bunt blühende Fantasie gehabt hatte.

"Meisterin des Bluffs"

Erst zehn Jahre später erinnerte man sich wieder an die merkwürdige Möchtegern-Spionin, die ihr Leben für ein bisschen Nervenkitzel risikiert hatte. Ihre Prozessakten wurden 1995 freigegeben und von Journalisten aufmerksam studiert. Das Frappierende daran: Sie offenbarten eine Frau, die alles andere als harmlos wirkte.

Bereits als junge Frau hatte sie eine stattliche Liste von Verbrechen auf dem Kerbholz. 1918 wurde die damals 20-Jährige wegen Geldfälscherei verhaftet und kam für drei Jahre in eine Besserungsanstalt. Offenbar kam sie früher wieder frei - denn schon zwei Jahre später wurde sie zu zwei Jahren harter Arbeit wegen Kleiderdiebstahls verurteilt. Anschließend, zwischen 1922 und 1926, wurde sie schließlich dreimal wegen Prostitution dingfest gemacht. Und stets agierte sie bei ihren Gesetzesbrüchen unter falschem Namen: Pamela Arland. In den Akten fanden sich zudem aufschlussreiche Vermerke anlässlich ihrer früheren Straftaten. Demnach hatte O'Grady ein "hohes Maß an krimineller Energie".

Erneut schlug die öffentliche Meinung in Großbritannien um: Sie war nun nicht mehr die durchgeknallte Möchtegern-Spionin, sondern eine "Meisterin des Bluffs, die dem 'Dritten Reich' fast geholfen hätte, in Großbritannien einzufallen". Barry Field, damals für die Isle of Wight im britischen Unterhaus, erklärte sogar öffentlich: "Sie war eine hoch talentierte Agentin. Sie hätte den Ausgang des Kriegs verändern können." War Dorothy O'Grady am Ende also doch zu Recht verurteilt worden?

Als ein wesentliches Argument für diese These wurde die Entschlossenheit ins Feld geführt, mit der die Staatsanwaltschaft die Angeklagte verfolgte. Kurz vor ihrem Berufungsverfahren im Februar 1941 schrieb Staatsanwalt Sir Edward Atkinson an den vorsitzenden Richter Sir Ernley Blackwell und versuchte illegitimer Weise, Einfluss auf das Verfahren zu nehmen: "Ich denke, wir sollten an der Todesstrafe festhalten. Eine Begnadigung würde nur andere weibliche Spione ermutigen."

Psychische Abgründe

Vergeblich wies etwa Geheimdienstexperte Hinsley damals vergeblich darauf hin, dass O'Grady nie im Funkkontakt mit Deutschland gestanden hatte und damit auch keine Informationen übermittelt haben konnte. Erschwerend kam hinzu, dass sie kein Wort Deutsch sprach. Laut Hinsley gehörte sie definitiv keinem geheimen Nazi-Ring an.

Inzwischen ist klar: Die britische Staatsanwaltschaft hatte sich von einer Frau in die Irre führen lassen, die psychisch schwerkrank war. Dorothy O'Grady hatte nie im Auftrag Nazi-Deutschlands spioniert. Detailliert weist Adrian Searle das in seinem 2012 erschienen Buch "The Spy Beside The Sea" nach und zeigt schlüssig auf, was die angebliche Spionin wirklich antrieb. Monatelang durchforstete er ihre Gefängnisakte und stieß auf ein erschütterndes Schicksal: O'Grady wies demnach ausgeprägt masochistische Züge auf. Während ihrer Haftzeit stand sie regelmäßig unter therapeutischer Beobachtung. Immer wieder verletzte sie sich selbst, lag stundenlang nackt unterm Bett in ihrer Zelle, fesselte sich in extremen Positionen und verharrte über Stunden darin. Wiederholt, so hielten die Aufzeichnungen in grausamen Details fest, habe die Insassin sich sogar Glasscherben und andere scharfe Gegenstände vaginal eingeführt.

Ihre Ärztin Violet Minster hatte im Juni 1944 resümiert: "Diese Patientin hat Attacken, die, wie sie feststellt, in Intervallen auftauchen. In diesen Phasen muss sie Menschen in sich gehorchen, die sie ermutigen, selbstverletzende Dinge zu tun." Laut Minster litt die vermeintliche Nazi-Agentin unter einer hysterischen Persönlichkeit mit psychopathischen Zügen. Mit ihren Aktionen suchte sie zugleich das Rampenlicht.

Nie wieder war ihr das so gut gelungen wie im Herbst 1940 - als ganz England sie zur Staatsfeindin erhob.

Zum Weiterlesen:

Adrian Searle: "The Spy besides the Sea". The History Press, Gloucestershire 2012, 192 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

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1.
Martin Siegel, 20.05.2013
In welchem Gefängnis bekommen denn bitte Gefangene regelmäßig Zugang zu Seilen mit denen sie sich fesseln können bzw. zu Glasscherben und anderen scharfen Gegenständen? Also zumindest so wie es im Artikel beschrieben ist kommt mir das schon sehr seltsam vor und es stellt sich für mich eher die Frage, ob die Frau nicht evtl. als angebliche Landesverräterin in Kriegszeiten im Gefängnis mishandelt wurde.
2.
Alexander Belousov, 20.05.2013
die Briten haben meinen maßlosen Respekt, dass sie das Todesurteil doch nicht umgesetzt haben. Ich glaube, viele demokrarische Nationen, geschweige den Autokratien, hätten darauf gestürzt, um ihre Härte zu zeigen und die massenhafte - und, im britischen Fall, auch nicht unbegründete - Hysterie als Mobilisationskanal auszunutzen.
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