Schwimmende Stadt Neft Dashlari Stalins Atlantis

Schwimmende Stadt Neft Dashlari: Stalins Atlantis Fotos
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5000 Einwohner, Kino, Park und 300 Kilometer Straßennetz: Mitte des vergangenen Jahrhunderts entstand Neft Dashlari, eine gigantische Industriestadt auf dem Kaspischen Meer. Die erste Offshore-Ölplattform der Welt ist dabei zu verfallen - trotzdem wird sie noch immer schwer bewacht. Von Arno Frank

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Kugeln schwirren um James Bond, als er den langen Holzsteg entlangsprintet. Ein Scharfschütze feuert aus dem Helikopter über ihm, während der Superagent, gespielt von Pierce Brosnan, durch ein Labyrinth aus Rohren und Brücken hetzt. Plötzlich erschüttert eine Explosion die Industrieanlage der russischen Mafia, einer riesigen Stadt mitten im Kaspischen Meer. Mit einer gigantischen Kreissäge unter ihrem Hubschrauber durchtrennen Bonds Verfolger die Gasleitungen, die die Laufstege der Anlage überwuchern. In letzter Sekunde springt der Agent in sein schwerbewaffnetes Auto - und holt das Fluggerät mit einer Rakete vom Himmel.

Die Kulisse der Industriestadt auf dem Wasser, auf der Bond 1999 in "Die Welt ist nicht genug" kämpfte, war in den britischen Pinewood Studios aufgebaut worden - aber sie hatte ein ganz reales Vorbild, das zu den wohl erstaunlichsten Städten der Welt zählt: Neft Dashlari, eine den Fluten abgetrotzte Siedlung mitten im Kaspischen Meer.

Ein Monstrum aus Stahl und Holz

Die Gegend, das heutige Aserbaidschan, ist seit der Spätantike für ihre Ölvorkommen berühmt. Das "flüssige Feuer", mit dem Konstantinopel schon im siebten Jahrhundert die Araber vor seinen Mauern vertreiben konnte, bestand vor allem aus Erdöl, das an den Küsten des Schwarzen oder des Kaspischen Meeres noch ganz ohne Fördertechnik an die Oberfläche trat. Die Perser nannten die Gegend deshalb "Aderbaidjan", das "Land des Feuers", dessen Priester ihre Tempel mit Öl aus diesen natürlichen Quellen beleuchteten.

Die petrochemische Industrie selbst fasste erst nach der Eroberung durch den Zaren 1870 richtig Fuß. In den folgenden Jahren verwandelten vor allem Industrielle wie Ludvig Nobel oder die Gebrüder Rothschild die Hauptstadt Baku in ein orientalisches Nizza. Schon 1941 lieferte das damals sowjetische Aserbaidschan jährlich 175 Millionen Barrel Rohöl - 75 Prozent der Gesamtproduktion des Landes. Aus diesem Grund versuchte während der Schlacht um Stalingrad die Heeresgruppe A der deutschen Wehrmacht unter Generaloberst Ewald von Kleist auch verbissen, die Halbinsel Abseron mit der Hauptstadt unter ihre Kontrolle zu bringen.

Bald nach dem Krieg schauten sich sowjetische Ingenieure ein unter Seefahrern wegen seiner Farbe "Schwarze Felsen" genanntes Riff etwas genauer an. Sie errichteten auf dem winzigen Eiland eine Baracke und führten eine Probebohrung durch. In der Nacht vom 7. November 1949 stießen sie 1100 Meter unter dem Meer auf Öl von höchster Qualität, und bald darauf wurde rund um die nun in "ölige Felsen" (Neft Dashlari) umbenannte Stelle die erste Offshore-Plattform der Geschichte errichtet. Wobei "Plattform" ein lächerlicher Begriff ist für das vielarmige Monstrum aus Stahl und Holz, das sich in den kommenden Jahren auf der Oberfläche des dort nur durchschnittlich 20 Meter tiefen Meeres ausbreitete.

Stalinistisches Utopia mit nassen Füßen

Grundlage der Hauptsiedlung sind sieben versenkte Schiffe, darunter auch die legendäre "Zoroaster", der in Schweden gebaute erste Öltanker der Welt. In einem Umkreis von 30 Kilometern gab es zur Blütezeit von Neft Dashlari 2000 Bohrplattformen, die mit einem Geflecht aus Brückenviadukten von insgesamt 300 Kilometern miteinander verbunden waren, auf denen Lastwagen hin- und herfuhren. Es gab achtstöckige Wohnhäuser für die bis zu 5000 Arbeiter, die manchmal wochenlang auf Neft Dashlari arbeiteten - je nach Schiff zwischen sechs und zwölf Stunden entfernt vom nächsten Hafen. Zu deren Unterhaltung und Versorgung dienten eine eigene Limonadenfabrik, ein Fußballplatz, eine Bibliothek mit mehr als 20.000 Büchern, eine Bäckerei, eine Wäscherei, ein Kino mit 300 Sitzplätzen, ein Badehaus, Gemüsegärten und ein Park mit Bäumen, für die eigens tonnenweise Erde herbeigeschifft wurde.

Die Stadt schien wie ein stalinistisches Utopia für die Arbeiterklasse. Eine sowjetische Briefmarke von 1971 fasst die gigantischen Hoffnungen in ein winziges Bild: Vor dem Schattenriss eines Bohrturms schlängelt sich eine Brückenstraße über gewelltem Blau weiteren Bohrtürmen entgegen, hinter denen rot die Sonne steht.

Freilich umweht wenige Dinge so viel Melancholie wie die Zukunftsträume von gestern, und nichts ist so prekär wie eine Welt, die auf Wasser und Öl gebaut ist. Mit dem Zusammenbruch der UdSSR, der Entdeckung neuer Förderfelder und einem schwankenden Ölpreis begann der langsame Untergang der schwimmenden Stadt. Von den ehemals 5000 Arbeitern sind 2500 geblieben, die meisten Bohrtürme liegen brach oder sind wegen eingestürzter Brücken nicht mehr zu erreichen. Von dem früher 300 Kilometer langen Streckennetz sind nur noch baufällige 45 Kilometer übrig, und als vor ein paar Jahren der Wasserspiegel des Kaspischen Meere dramatisch anstieg, waren der Park und viele Wohnungen bis hinauf in den zweiten Stock überflutet.

Das schwarze Gold versiegt

Zwar verdient ein Arbeiter in Neft Dashlari heute mit rund 130 Dollar im Monat noch immer mehr als ein Kollege auf dem aserbaidschanischen Festland - wirklich effizient arbeitet die Anlage allerdings schon lange nicht mehr. Verrostete Stahlkonstruktionen unter Wasser sind eine Gefahr für die Schifffahrt, von lecken Bohrlöchern und verfallenden Anlagen ganz zu schweigen.

Vermutlich wäre der fachgerechte Rückbau von Neft Dashlari teurer, als die Förderung einfach gedrosselt weiter zu betreiben. Noch immer wird das marode Neft Dashlari vom Staat wie ein gefährliches Geheimnis gehütet, Ausländer haben nur einen sehr beschränkten Zugang zur Stadt, die nicht einmal bei Google Maps zu sehen ist.

Es gab Pläne, die Stadt zu sanieren oder gar in ein tropisches Luxus-Ferien-Resort zu verwandeln. Doch ihnen stehen die blanken Tatsachen des Kapitalismus gegenüber: Die meisten Rechte zur Ölförderung sind längst an ausländische Konzerne vergeben, die auf eigene, hochmoderne Plattformen setzen. Neft Dashlari trägt heute nur noch einen Bruchteil zur aserbaidschanischen Ölproduktion bei. Experten zufolge soll unter der Stadt nur noch Öl für 20 Jahre lagern. In ein paar Jahrzehnten werden wohl bloß noch ein paar alte Seekarten von dem gigantischen Labyrinth auf dem Meer zeugen.

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1.
Kenneth Kraft, 12.11.2012
Zwar ist der Ort bei Google Maps nicht sichtbar, den Kollegen von Microsoft ist es jedoch gelungen, zumindest einen Teil der Struktur darzustellen. Mal in den Bing Maps schauen.
2.
Thomas Gauweiler, 12.11.2012
>Zwar ist der Ort bei Google Maps nicht sichtbar, Hm, in den Satellitenbildern bei Google oder Bing ist durchaus etwas zu erkennen: 40.279002, 50.019500 Es ist aber ein ganzes Stück von dem entfernt was Bing als den Standort ausgibt.
3.
Chris Kierspel, 12.11.2012
Weder auf Google Maps noch auf BING ist etwas von der beschriebenen Stadt zu sehen. Sie soll ca. 42km südöstlich von der Halbinsel, auf der auch Baku liegt, sein. Außerdem soll das Areal ca. 200 km Durchmesser haben - und es hat laut verschiedenen Quellen keine Verbindung zum Festland - das, was wir da auf Bing und Google Maps an den o.g. Koordinaten sehen, ist etwas anderes...
4.
Andreas Holz, 12.11.2012
Ich hatte davon noch nie gehört. Für mich ein sehr interessanter Artikel.
5.
Gabriel Wolkenfeld, 12.11.2012
Ist doch alles zu sehen: https://maps.google.de/maps?q=Neft+Daslari&hl=de&ll=40.268131,50.031352&spn=0.028063,0.066047&sll=39.340537,49.512291&sspn=0.113777,0.264187&oq=neft+da&t=h&geocode=FVQBZgIdXQkIAw&hnear=Neft+Daslari&z=15
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