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Mandela auf Robben Island Die Hölleninsel

Mandela auf Robben Island: Die Hölleninsel Fotos
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Prügel, Erniedrigung und Hunger gehörten zum Alltag. 1964 wurde Nelson Mandela auf der gefürchteten Gefängnisinsel Robben Island eingesperrt. 18 Jahre blieb er in Gefangenschaft, kämpfte friedfertig gegen die Haftbedingungen - und verwandelte das Zuchthaus in eine Kaderstätte für Freiheitskämpfer. Von

Eiskalt pfiff der Wind über die Felsen, als Nelson Mandela 1964 auf Robben Island ankam. Es war der wohl kälteste Winter seit Jahrzehnten. Nachts rückten die Gefangenen auf der Suche nach ein bisschen Wärme dicht zusammen. Tagsüber hatten sie Mühe, mit ihren starr gefrorenen Händen die Spitzhacken anzufassen, mit denen sie stundenlang Steine klopften. Selbst die Pinguine, die sich sonst fröhlich in den Wellen treiben ließen, verkrochen sich Schutz suchend zwischen den Felsen. Die berüchtigte Gefängnisinsel bereitete dem ranghohen Aktivisten der afrikanischen Befreiungsbewegung ANC einen eisigen Empfang. Es schien wie eine Art Vorwarnung für das, was ihm noch blühen würde.

Um Robben Island rankten sich schon damals etliche grausame Legenden. Seit dem 16. Jahrhundert wurde das Eiland als Sträflingskolonie genutzt - erst unter den Holländern, dann unter den Engländern. Niemandem war jemals die Flucht gelungen. Die wenigen, die es versucht hatten, waren in der starken Strömung rund um die Insel jämmerlich ertrunken. Robben Island war seit jeher die Insel der Aussätzigen, jener, die abgeschoben wurden, weil sie nicht in die Gesellschaft passten: Kriminelle, bis in die dreißiger Jahre sogar Lepra-Kranke und Verrückte. Das Apartheidsregime setzte diese Tradition fort und entledigte sich hier ab 1961 nicht nur seiner Schwerstkriminellen, sondern auch seiner politischen Gegner. Rund 3000 Männer, die sich wie Mandela dem Kampf gegen die Unterdrückung der Schwarzen verschrieben hatten, wurden hier bis 1991 eingekerkert - unter barbarischen Bedingungen.

60 bis 70 Mann waren in der Regel in einer Zelle untergebracht. Als Bett diente eine dünne Sisalmatte, die auf dem nasskalten Steinboden ausgerollt wurde. Zu Essen gab es eine ungenießbare Maispampe. Nur Weiße und Inder bekamen Brot. Unter der Woche mussten die Gefangenen Schwerstarbeit im Steinbruch leisten. Hemmungslos ließen die ausschließlich weißen Wärter ihren Rassenwahn an den überwiegend schwarzen Häftlingen aus. Prügel, Beleidigungen, Demütigungen gehörten zum Alltag. An manchen Tagen gruben sie besonders verhasste Gefangene bis zum Hals ein und pinkelten ihnen auf den Kopf. Überall herrschte Gewalt. Auch in den Zellen. Wer sich der Knasthierarchie nicht unterwarf, wurde vergewaltigt und verprügelt. Robben Island war, so empfanden es viele Häftlinge, der Vorhof zur Hölle.

Beharrlicher Kampf

Mandela und die anderen ANC-Führer wie Walter Sisulu und Govan Mbeki, die zusammen mit ihm im Rivona-Prozess verurteilt worden waren, wurden als hochrangige politische Gefangene fernab der anderen Häftlinge auf der Isolierstation im sogenannten Block B untergebracht. Sie hausten in winzigen Einzelzellen, durften keine Zeitung lesen oder Radio hören. Unterhaltungen untereinander waren verboten. Besuche wurden ihnen nur alle sechs Monate gestattet. Die wenigen Briefe, die sie schreiben und empfangen durften, waren oft bis zur Unleserlichkeit zensiert. Diese Sonderbehandlung hatte System: Den Staatsfeinden sollte in ihrer Isolation endgültig das Rückgrat gebrochen werden - allen voran Mandela, der schillerndsten Figur des ANC.

Doch statt zu resignieren, begann Mandela für die Rechte der Häftlinge zu kämpfen - beharrlich und bestimmt. Vom ersten Tag an erkannte er, dass die Wärter der Schlüssel zum Erfolg waren. Er wurde ihnen gegenüber nie ausfällig, war immer höflich und hatte stets ein freundliches Wort für sie übrig. Dadurch verschaffte er sich Respekt und wurde gehört. Im Auftrag der Gefangenen der Isolierstation feilschte er regelmäßig um Akkordquoten bei der Arbeit, um das Recht auf Zeitungen und um Besuchergenehmigungen. Über die Jahre konnten sie etliche Verbesserungen durchsetzen: besseres Essen, bessere Kleidung, das Recht auf Sport und auf Bildung.

Obwohl sie nicht miteinander reden durften, fanden Mandela und seine Genossen immer wieder Möglichkeiten sich auszutauschen. Sei es heimlich bei der Arbeit im Steinbruch oder über kleine Nachrichten, die sie auf den Toiletten oder in Streichholzschachteln versteckten. Über dieselben Kanäle kommunizierten sie mit den restlichen Gefangenen in den anderen Blöcken. Regelmäßig wurden so Informationen durchs Gefängnis geschleust. Auch Nachrichten von außen fanden ihren Weg hinter die Gefängnismauern - meist über das Küchenpersonal, das sich bereitwillig bestechen ließ.

Bildung ist alles

Innerhalb kürzester Zeit konnten sich die ANC-Aktivisten unter Mandelas Führung innerhalb des gesamten Gefängnisses neu organisieren. Es wurden mehrere Komitees mit unterschiedlichen Aufgaben gegründet - etwa für disziplinarische Belange, für Bildungsfragen oder für die Informationsbeschaffung. "Wir betrachteten den Kampf im Gefängnis als Mikrokosmos des Kampfes insgesamt. Wir würden drinnen genauso kämpfen wie wir draußen gekämpft hatten. Der Rassismus und die Unterdrückung waren die gleichen", schrieb Mandela in seinen Erinnerungen. Das erklärte Ziel: Die Haftbedingungen zu verbessern. Was ihn stärkte und ihm Rückhalt bot, war die Nähe zu seinen politischen Weggefährten - allen voran Walter Sisulu, später stellvertretender Präsident des ANC. "Der größte Fehler der Behörden war, uns zusammenzulassen. Was immer wir lernten, was immer wir erfuhren, wir teilten es miteinander, und indem wir es miteinander teilten, vervielfachten wir, was immer wir an individuellem Mut besaßen."

Ab 1966 konnten die Häftlinge bei der Arbeit im Steinbruch ungestört miteinander sprechen. Eine Chance, die Mandela sofort für seine Sache nutzte. "Er hatte nie Zeit für einfache nette Unterhaltungen. Jeden Tag, wirklich jeden Tag hatte er mehrere Verabredungen, um Strukturen innerhalb der ANC-Organisation, Beschwerden von Gefangenen und Strategien gegen die Gefängnisautoritäten zu diskutieren", erinnerte sich später der ANC-Aktivist Michael Dingake. Sisulu wiederum nutzte die Zeit im Steinbruch, um die jüngeren Gefangenen in ANC-Geschichte zu unterrichten. Nach und nach wurden diese anfangs formlosen und natürlich strengstens verbotenen Geschichtsstunden zu einem zweijährigen Studienkurs.

Etliche Gefangene durften schließlich ganz legal studieren. Dieses Recht hatten sie über die Jahre bei der Gefängnisleitung durchgesetzt. Sie schrieben sich für die unterschiedlichsten Fernstudien ein: Englisch, Kunstgeschichte, Geographie oder Jura. Tagsüber schufteten sie im Steinbruch. Abends drückten sie die Schulbank und büffelten – darunter auch Mandela, der sein zweites juristisches Staatsexamen ablegte. Mandela konnte sogar durchsetzen, dass die Zellen mit Schreibtischen und Stühlen ausgestattet wurden. Bald war Robben Island auch als "Knast-Uni" bekannt.

Rückschlag unter Bandenhorst

Auch sportlich war in Robben Island einiges geschehen. Seit 1966 wurde regelmäßig gekickt. Es gab sogar mehrere Ligen und Mannschaften, die samstags gegeneinander antraten. 1977 wurde der Gefängnishof in einen Tennisplatz für die Häftlinge umgebaut. Kritisch beäugten die weißen Südafrikaner die Entwicklung und lästerten über die politischen Gefangenen: "Nach etlichen Jahren im Knast haben die einen Universitätsabschluss, eine noch tiefere Abneigung gegen die Apartheid und einen Tennisaufschlag wie Björn Borg."

Neben den vielen kleinen Erfolgen gab es aber auch viele Rückschläge. 1970 kam ein neuer Kommandant nach Robben Island: Piet Badenhorst. Er rechnete gnadenlos mit der in seinen Augen zu konzilianten Führung seines Vorgängers ab und drehte die Uhren wieder zurück. Beschwerden wurden ignoriert, Besuche gestrichen, die Zensur verschärft - und das Essen wieder schlechter. Doch Badenhorst hatte es mit der Härte übertrieben. Nach wenigen Monaten wurde er wieder abberufen. Trotz der Erleichterung blieb ein bitterer Geschmack zurück. Anfang der siebziger Jahre schien das öffentliche Interesse an den politischen Gefangenen auf Robben Island abgeflaut. Das Apartheidsregime saß fester im Sattel denn je. Nichts schien sich zu bewegen. Mandela und seine Kampfgenossen mussten alle Disziplin aufbringen, um die Hoffnung nicht zu verlieren.

Dann kam Soweto und änderte alles. Im Sommer 1976 kam es in dem Vorort von Johannesburg zu blutigen Massenprotesten gegen das Apartheidregime. Über 500 Menschen verloren ihr Leben - hauptsächlich Jugendliche. Plötzlich erinnerte man sich wieder an die alten Freiheitskämpfer, die mehr als ein Jahrzehnt zuvor eingekerkert worden waren. Mandela wurde zum potenten Symbol des Widerstands gegen die Regierung. Vier Jahre später initiierte sein langjähriger Weggefährte Oliver Tamboo, mit dem er in Johannesburg einst eine Kanzlei betrieben hatte und der später die ANC-Führung im Exil übernommen hatte, die Kampagne "Free Mandela". Nun war Mandela in aller Munde und wurde als berühmtester politischer Gefangener gefeiert. Allein zwölf Ehrendoktorwürden bekam er noch zu Haftzeiten verliehen.

1982 wurde Mandela von Robben Island ins Pollsmoor-Gefängnis auf dem Festland verlegt, wo er bis zu seiner Entlassung im Februar 1990 einsaß. Sein Gefängnis verließ er fast wehmütig. "Auf der Fähre blickte ich auf die Insel zurück. Ich hatte mich an Robben Island gewöhnt. Fast zwei Jahrzehnte hatte ich dort gelebt und mich schließlich dort wohl gefühlt."

Mit derselben Fähre werden heute täglich Touristen nach Robben Island verfrachtet. Seit 1997 ist der berüchtigte Knast Nationaldenkmal und Museum. Die größte Attraktion ist Mandelas winzige Zelle - ein Denkmal des jahrzehntelangen Kampfes gegen die Apartheid.

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insgesamt 8 Beiträge
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1.
Erwin Löbel, 06.12.2013
Nelson Mandela war sicher ein toller Mann. Aber wird er in diesem Artikel nicht etwas zu sehr glorifiziert? Was ist aus Südafrika geworden?
2.
Dominik Villaret, 06.12.2013
Eine Ergänzung: Die Führungen auf Robben Island werden von ehemaligen Häftlingen durchgeführt. Die Ausführungen dieses Artikels von jemandem inmitten des besagten Steinbruchs zu hören, der mit Mandela dort Jahre seines Lebens verbracht hat und von dem unglaublichen Spirit dieses Mannes aus direkter Begegnung erzählt, lässt einen tief bewegt zurück. Für uns das definitiv bewegendste Erlebnis auf einer an Höhepunkten nicht armen Südafrikarundreise.
3.
Ingrid Said, 06.12.2013
"glorifiziert" ist übertrieben, es ist eher eine Würdigung eines Menschen, der eben erst gestorben ist. Das wird wohl noch erlaubt sein.
4.
Stefan Martens, 06.12.2013
Manche Menschen sind halt so stark und reif in ihrer seelischen Entwicklung, dass Sie Geschichte schreiben. Alleine durch ihre Persönlichkeit und innerer Kraft. Ob nun Gandi, der Mann aus Nazareth oder King. Es sind Persönlichkeiten die nur durch den tod brechbar sind. Die aber durch den tod auch nicht stoppbar sind da Ihr Vorbild weiter Menschen fuert und lenkt. Das sie keine Staatslenker, Volkswirte oder Verwaltungsexperten sind schmaelert in meinen Augen Ihren Wert fuer die Welt keineswegs.
5.
Peter Grolig, 06.12.2013
Jetzt ist Nelson Mandela gestorben. Mit 95 Jahren sollte er das dürfen. Natürlich ist es für viele Südafrikaner schwer-aber solche Momente erleben wir alle einmal. Ja, es ist erschütternd, wie lange die Unterdrückung der Schwarzen Menschen in Südafrika gedauert hat, bis endlich eine Wende zum Besseren erfolgte. Hier und jetzt wäre Anlass, zu überlegen und zu rezitieren, wie sich der Westen damals verhalten hat. Ich glaube, da sehen wir nicht unbedingt "gut" aus, oder?
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