Neu entdecktes Filmdokument Video zeigt Martin Luther Kings Mörder nach der Festnahme


Die Bilder dokumentieren eine der wichtigsten Festnahmen des 20. Jahrhunderts: Im Juli 1968 wurde James Earl Ray gefasst, der Mörder von Martin Luther King. Die Aufnahmen entstanden als Beweismaterial. Nun wurden sie erstmals veröffentlicht - und zeigen einen seltsam unbeteiligten Mann.

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"Nummer eins: Sie haben das Recht zu schweigen. Nummer zwei: Alles, was Sie sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Nummer drei: Sie haben das Recht auf einen Anwalt." Der Mann im Anzug liest Wort für Wort von einem Blatt ab. Er hatte vermutlich schon etliche Male diversen Beschuldigten ihre Rechte vorgelesen. Dieses Mal allerdings will Sheriff Bill Morris aus Shelby County, Tennessee, offenbar auf keinen Fall einen Fehler machen.

Vor ihm, leicht zusammengesunken und mit hängenden Schultern, sitzt ein Mann in kariertem Hemd und Handschellen. Sein Blick durch die dunkel gerahmte Brille ist nach unten auf den Sitz vor ihm gerichtet. Es ist Juli 1968 und James Earl Ray, der Beschuldigte, ist gerade mit einem Flugzeug in Tennessee gelandet. Ein halbes Jahr später wird der polizeibekannte Kleinkriminelle und bekennende Rassist ein Geständnis ablegen und erklären, dass er am 4. April 1968 aus dem Toilettenfenster eines Motels in Memphis mit einem Jagdgewehr auf den Mann auf dem gegenüberliegenden Balkon gezielt und ihn getötet habe. Sein Opfer: Martin Luther King.

Genau 45 Jahre nach diesem Ereignis wurden in den USA nun Filmaufnahmen des Attentäters James Earl Ray veröffentlicht. Die ersten Sequenzen des körnigen Schwarzweißfilms waren unmittelbar nach der Auslieferung des in London auf der Flucht Festgenommenen entstanden. Ray war bei seiner Belehrung durch Sheriff Morris gefilmt worden, dabei, wie man ihn einer ärztlichen Untersuchung unterzog und dabei, wie man ihn in eine Gefängniszelle brachte und in eine kugelsichere Weste steckte.

Entdeckt worden war der Film laut BBC vor einiger Zeit im Sheriff's Office in Shelby County, zusammen mit Protokollen und Fotografien von den Ermittlungen zum Fall. Einem Polizeibeamten war dabei ein altes Foto aufgefallen, auf dem jemand mit einer Filmkamera stand. Ein früherer Mitarbeiter der Behörde erinnerte sich zudem an eine Kiste mit Material zum Fall Ray, in der sich Videobänder befanden.

Die Polizeibehörde in Shelby County, so ergaben Recherchen, hatte die Filmkamera eigens für diesen Fall angeschafft. Sie wollte Rays Festnahme und den Prozess dokumentieren, um damit jede Möglichkeit auszuschließen, dass ihr die Verteidigung später Verfahrensfehler vorwerfen und so den Prozess platzen lassen konnte. Da das Personal keinerlei Erfahrung mit der neuen Technik hatte, sind die Aufnahmen teilweise unscharf.

Zu den Sicherheitsvorkehrungen gehörte auch, Ray mit einer kugelsicheren Weste auszustatten: Nach den Erfahrungen mit dem Kennedy-Attentäter Lee Harvey Oswald, der zwei Tage nach seiner Verhaftung 1963 bei der Überführung ins Gefängnis erschossen worden war, setzten die Behörden alles daran, den Beschuldigten lebend vor Gericht zu bringen.

Dazu kam es dennoch nicht: Durch sein Geständnis musste der Attentäter nie vor den potentiellen Geschworenen - die sich im Film einzeln vor der Kamera vorstellen - erscheinen. So entging er wahrscheinlich auch dem elektrischen Stuhl und erhielt statt dessen eine Haftstrafe über 99 Jahre. Obwohl Ray sein Schuldeingeständnis später widerrief, bemühte er sich bis zu seinem Tod 1998 vergeblich um ein Wiederaufnahmeverfahren.

Die Videobänder wurden daher nie benötigt - und gerieten vorübergehend in Vergessenheit.

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