Neue Hinweise Verschwörung gegen Honecker?

Versuchte der sowjetische Staatschef Gorbatschow 1987 mit Hilfe des KGB, Erich Honecker zu stürzen? Und war der Dresdner SED-Chef Hans Modrow Teil dieser Putschpläne? Zeitungsberichte nähren alte Gerüchte - doch die entscheidenden Zeugen sind tot.

AP

Hamburg - Bei einem geheimen Treffen zwischen KGB- und SED-Funktionären am 4. März 1987 in Dresden soll konkret über den Sturz von SED-Staats- und Parteichef Erich Honecker gesprochen worden sein. Anstelle des reformunwilligen Honecker sollte der als moderat geltende Hans Modrow, damals Parteichef des Bezirks Dresden, als SED-Generalsekretär installiert werden. An dem Treffen soll neben Modrow selbst auch der damals gerade unter unklaren Umständen aus dem Ministerium für Staatssicherheit ausgeschiedene DDR-Spionagechef Markus Wolf teilgenommen haben, außerdem der eigens aus Moskau angereiste stellvertretende KGB-Chef Wladimir Krjutschkow.

Dies berichten die "Berliner Morgenpost" und die "Welt" in ihrer Ausgabe vom 13. August unter Berufung auf das ehemalige Politbüromitglied Günter Schabowski. Modrow, heute Vorsitzender des Ältestenrats der Partei Die Linke, bestätigte den Blättern gegenüber das Treffen im Gästehaus der SED-Bezirksleitung in Dresdner Stadtteil Weißer Hirsch. "Krjutschkow wollte von mir wissen, wie ich die Situation in der DDR beurteile", so Modrow. An eine konkrete Diskussion über einen Putschversuch gegen Honecker konnte oder wollte sich Modrow nicht erinnern. Gorbatschow ließ über einen Sprecher erklären, er können sich nicht daran erinnern, Krjutschkow zu Modrow geschickt zu haben.

Klar ist, dass die Beziehungen zwischen Moskau und Ost-Berlin 1987 angesichts der sowjetischen "Glasnost"-Reformen unter Gorbatschow und dem Beharren der Honecker-Führung auf einem "Sozialismus in den Farben der DDR" stark abgekühlt waren. Auch das persönliche Verhältnis zwischen den beiden kommunistischen Führern war zerrüttet. Dass sich die Moskauer Führung vor diesem Hintergrund ihre Gedanken über die Entwicklung in der DDR machte, ist bekannt, Überlegungen zur Zukunft einzelner Akteure naheliegend. Gedankenspiele über Personalrochaden hat etwa Gorbatschow-Berater Valentin Falin bestätigt, wenngleich nur in allgemeiner Form.

Ob allerdings das Dresdner Treffen von März 1987 tatsächlich dazu dienen sollte, den Dresdner SED-Chef Modrow mit Rückendeckung Moskaus und unter Mithilfe des KGB gegen Honecker in Stellung zu bringen, kann nur er selbst beantworten - die beiden anderen Teilnehmer der ominösen Runde können sich zu dem Vorgang nicht mehr äußern: Wolf starb am 9. November 2006 in Berlin, Krjuschtkow, der 1991 führend am Putsch der Konservativen gegen Staatschef Gorbatschow beteiligt war und zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, verstarb im November 2007 in Moskau.

hmk



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.