Neues Seefahrtsmuseum Auf der Suche nach Tiefgang

Schiffe, Schlachten, Sammelwahn: Das "Internationale Maritime Museum" in Hamburg ist eröffnet - der Lebenstraum des Sammlers Peter Tamm. Doch die Schau ist alles andere als unumstritten, Kritiker werfen ihr Distanzlosigkeit und sogar Kriegsverherrlichung vor.

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Von Christopher J. Peter


Ein Orkan peitscht den Nordatlantik auf. Tobende, meterhohe Wellen - auf zwölf mal sieben Metern. Peter Tamm steht vor einem riesigen Bild des 1965 gestorbenen Hamburger Marinemalers Johann Holst, und schwärmt. "Ich habe selber drei Orkane miterlebt und Demut gelernt", sagt Tamm. "Mein Gott ist die Natur und dieses Gemälde sagt eigentlich alles darüber aus, warum ich das hier mache."

Mit "das hier" meint der 80-jährige Ex-Vorstandsvorsitzende des Axel-Springer-Verlags den Aufbau des Internationalen Maritimen Museums in der Hamburger Speicherstadt. Draußen gähnen gewaltige Baugruben, der Wind weht salzige Elbluft durch die Fenster, vor denen ringsum dutzende Baukräne in den Himmel ragen. Das Maritime Museum liegt inmitten der Hafencity, dem derzeit größten Stadtentwicklungsprojekt Europas. Für 30 Millionen Euro aus der Stadtschatulle wurde dafür der Kaispeicher B, der älteste erhaltene Kontorbau der Hansestadt, grundsaniert. Zur feierlichen Eröffnung am 25. Juni hält Bundespräsident Horst Köhler die Festrede.

Dieser Tag ist für Tamm die Vollendung seines Lebenswerks. Er, der manische Sammler, hat für dieses Museum - sein Museum - gekämpft wie ein Besessener. In sieben Jahrzehnten hat der ehemalige Schifffahrtsredakteur der Lokalzeitung "Hamburger Abendblatt", der sich bis zum Chef des Springer-Verlags hocharbeitete, die größte maritime Privatsammlung der Welt aufgebaut. Nichts, was auch nur entfernt mit Seefahrt zu tun hat, blieb vor der Sammelwut des Zwei-Meter-Mannes verschont. Abertausende Schiffsmodelle hat er angehäuft, etwa 50.000 Konstruktionspläne von Schiffen, über 5000 Gemälde, rund 2000 Filme und auch komplette Schiffe - darunter ein Schnellboot der ehemaligen DDR-Volksmarine.

Ein Schiff aus Blei

Dabei fing alles ganz harmlos an. 1934 schenkte seine Mutter dem Sechsjährigen einen kleinen Küstensegler aus Blei. "Ein Wiking-Schiffsmodell im Maßstab 1:1250", erzählt Tamm durch den Zigarrennebel seiner Monte Christo. "Das hat damals 50 Pfennig gekostet - der Beginn meines Sammelwahnsinns. Hätte Mutter gewusst, was sie damit auslöst, hätte ich das Schiffchen wohl nicht geschenkt bekommen."

Inzwischen umfasst allein seine Sammlung von Miniaturmodellen 36.000 Exemplare herangewachsen - und natürlich ist diese stolze Flotte ebenso wie seine gesamte Sammlung die größte weltweit. Ein ganzes Stockwerk des Museums ist der Welt der kleinen Schiffe gewidmet. Ganze Wände sind dicht an dicht mit Tamms Kindheitserinnerungen dekoriert - vom Einbaum bis zum Öltanker findet sich hier die gesamte Welt zu Wasser im Maßstab 1:1250 wieder.

Und das ist nur eine der insgesamt zehn ineinander übergehenden Ebenen des Speichers. Mit 15.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche schafft der kantige Backsteinbau direkt an der Elbe locker einen weiteren Superlativ, als das größte Schifffahrtsmuseum Deutschlands. "Schifffahrtsgeschichte ist Menschheitsgeschichte", fasst Tamm das Credo der Sammlung zusammen.

Folgerichtig beginnt der Rundgang mit einem 3000 Jahre alten, aus der Elbe geborgenen und im Schlick konservierten Einbaum - eine der wenigen Leihgaben, vom Helms-Museums auf der anderen Elbseite in Hamburg-Harburg. "Für mich das Urschiff und das erste Mittel der Menschheit, Wasserflächen nicht mehr als Grenze, sondern als Verbindungsweg zu begreifen", philosophiert Tamm.

Gold und Walfischknochen

Die maritime Zeitreise führt weiter über griechischen Galeeren der Antike über die Entdeckungsreisen von Ferdinand Magellan, dem ersten Weltumsegler, und James Cook, der als erster Europäer die Ostküste Australiens erreichte, und endet erst in der Zukunft: futuristisch anmutenden Entwürfe sollen einen Vorgeschmack auf die weitere Entwicklung der Seefahrt geben. Auch das Archiv ist nicht ohne: 47 Originalbriefe des berühmten englischen Admirals Lord Horatio Nelson, dem Sieger der Seeschlacht von Trafalgar 1805, werden nun im Hamburger Kaispeicher B verwahrt, ebenso wie über 15.000 Schiffsspeisekarten von Kreuzfahrtschiffen - eine wahre kulinarische Zeitreise durch die Epochen der Passagierschifffahrt.

Ein kunterbuntes Sammelsurium an Kuriositäten bietet auch die sogenannte Schatzkammer auf "Deck 8", der achten Etage. Dutzende Schiffe aus Walfischknochen, Bernstein, Silber oder Elfenbein blitzen in Vitrinen - wie etwa das Modell der komplett aus Walknochen geschnitzten Fregatte "Chesapeake". Mit 1,44 Metern Länge ist es das, was wohl sonst, weltgrößte Knochenschiff - eine Kunstform die nur in der kurzen Spanne zwischen 1795 und 1815, der Zeit der napoleonischen Kriege, existierte, als Gefangene der Engländer aus Abfällen Kunstwerke schufen, um durch Tausch ihre kargen Rationen aufzubessern.

Weniger makaber, aber dafür umso prunkvoller kommt die komplett aus Gold gefertigte Miniausgabe der Karavelle "Santa Maria", dem Flaggschiff von Christoph Kolumbus, daher. Ein Hamburger Juwelier rekonstruierte sie 1992 zu seinem 200. Firmenjubiläum, das mit dem 500. Jubiläum der Entdeckung Amerikas zusammenfiel. Auch die Marinemalerei kommt nicht zu kurz - eine Kunst- und Propagandaform, die vor allem die Briten vorantrieben. Auf jedem ihrer Kriegsschiffe fuhr ein offizieller Maler mit, der während etwaiger Gefechte als Zeitzeuge an Deck das Geschehen für den Nachruhm der britischen Flotte festzuhalten hatte. Noch im Falklandkrieg zwischen Argentinien und Großbritannien 1982 reisten bei der Royal Navy malende Militärchronisten mit.

Zeigen, was war?

Überhaupt fällt in Tamms Seefahrts-Tempel das Militärische ins Auge - Waffen aller Art, Uniformen, Orden werden mit erkennbarem Besitzerstolz präsentiert. Dass der Sammler, dessen Vater im Zweiten Weltkrieg als U-Boot-Kommandant in Hitlers Marine diente und der den Garten seiner Villa mit Minen, Kanonen und besagtem DDR-Schnellboot dekorierte, es an historischer Distanz fehlen lasse, ist - neben den Subventionsmillionen - denn auch der Haupteinwand der durchaus zahlreichen Kritiker des neuen Mammutmuseums.

Die Exponate würden eins zu eins präsentiert, als Fetische, bemängeln sie. Statt angemessener Einordnung in einen geschichtlichen Kontext dominiere naive Technikbegeisterung. Die Kritik gipfelt in dem Vorwurf, Tamms ganzer Ansatz sei "kriegsverherrlichend". Darauf angesprochen, verliert der alte Hanseat schnell seine Gelassenheit. "Schifffahrtsgeschichte war auch immer Kriegsgeschichte", grummelt er. Es gehe schließlich darum, zu zeigen was war. "Kriege gab es nun einmal, wie schrecklich sie auch immer waren." Dass er mit solchen Sätzen eine Geschichtssicht offenbart, die seinen Kritikern eher Recht gibt, als sie widerlegt, kommt ihm nicht in den Sinn.

Am Ende des Rundgangs steht Tamm, nicht ohne Stolz, wieder vor dem Holst-Gemälde, auf dem sich immer noch die Wellen des Nordatlantiks dramatisch überschlagen. Über ihm hängt ein 4,5 Meter langes Schiffsmodell. Es ist ein 1:16-Nachbau der "Wappen von Hamburg III", eines hamburgischen Kriegsschiffs aus dem 18. Jahrhundert.

Ein Kapitän Tamm hatte es damals kommandiert.



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Alexander Sannemann, 26.06.2008
1.
Ich bin in mehreren maritimen Museen gewesen und überall herrschen bewaffnete Schiffe vor. Das liegt nun keineswegs an Kriegsverherrlichung sondern u.a. daran dass alle Fracht, die wertvoller als Heringe war, auch zu Friedenszeiten ständig bewacht werden musste. Dies ist ja leider in manchen Teilen der Welt auch heute noch so. Ein anderer Gesichtspunkt ist natürlich, dass Kriegsschiffe als teure Prestigeobjekte meist individuell gestaltet waren, während Fischereifahrzeuge oft über Jahrhunderte hinweg immer gleich aussahen. Man stellt ja auch nicht im Automuseum für jeden Mercedes 10 Trabbis hin sondern meistens umgekehrt.
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