Augenblick mal Wie eine Katze ein Fotograf in New York den Verkehr aufhielt

Blackies großer Auftritt in Manhattan mutet an wie ein grandioser Zufallstreffer des Fotoreporters. War es wirklich so? Ein Bild und seine Geschichte.

Harry Warnecke/NY Daily News Archive/Getty Images

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Welch Glück muss ein Fotograf haben, wenn er mitten in New York geradewegs auf diese Szene trifft: Ein Polizist stoppt den Großstadtverkehr für eine Katze, die direkt vor seinen Füßen ihr Junges im Maul über die Straße trägt. Wow.

So ein Glück hatte Harry Warnecke von der "Daily News" natürlich nicht.

Als der Reporter am Nachmittag des 28. Juli 1925 von der Begebenheit auf der Centre Street in Downtown Manhattan erfuhr, war längst alles gelaufen. Was Warnecke allerdings nicht davon abhielt, alle Kräfte in Bewegung zu setzen, damit er doch noch zu seinem Bild kam - mit einer Katze als Verkehrsbremse. Und einem Polizisten, der sie freundlich über die Straße winkt.

Seinen großen Auftritt hatte das Tier eigentlich bereits hinter sich. Warnecke fand heraus, wem es gehörte: einem Mann, der an der Centre Street Ecke Walker Street eine kleine Werkstatt betrieb. Von ihm erfuhr der Fotograf, dass Katze Blackie ihre fünf Jungen, mit denen sie nun glücklich vereint in einer Pappschachtel ruhte, ein paar Blocks entfernt geworfen hatte. An diesem Sommertag schien ihr der Zeitpunkt gekommen, den Nachwuchs heimzuholen.

Der Geburtsort lag jenseits der viel befahrenen Straße. Polizist James Cudmore bemerkte die missliche Lage der Katzenmutti, die zögernd versuchte, mit einem ihrer Jungen die Straße zu überqueren. Also stoppte er die Autos, bis die Tiere sicher auf der anderen Seite waren.

Der Katze konnte es keiner erklären

Genau diese Szene wollte Warnecke nachstellen. Der Katzenhalter willigte ein - unter der Bedingung, dass den Tieren auf keinen Fall etwas zustoßen dürfe. Schließlich war auch Polizist Cudmore einverstanden.

Wer nicht gefragt werden konnte und den Sinn dieser Übung nicht verstand, war die Katze. Sie wurde am Straßenrand mit einem ihrer Jungen abgesetzt, auf ein Handzeichen des Polizisten hin stoppte der Verkehr, der Besitzer rief und lockte Blackie auf der anderen Straßenseite, ungeduldige Autofahrer begannen zu hupen. Die verwirrte Blackie lief diagonal die Fahrbahn kreuzend weg von diesem irren Geschehen - so dass Warnecke kein Bild machen konnte.

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Tierisch viel Verkehr: Kommt ein Esel an einen Zebrastreifen...

Er gab nicht auf und beorderte alle Beteiligten zurück auf Anfang. Inzwischen sammelte sich auf dem Bürgersteig die Zuschauermenge und im Gesicht des Polizisten der Schweiß. In diesem Moment, erzählte Cudmore später, war er schon überzeugt, wegen der Aktion seinen Job zu verlieren.

Warnecke bat den Polizisten, die Autos diesmal näher an die Kreuzung herankommen zu lassen. Erneut wurde die Katze samt Jungen auf die Straße gelassen, der Fotograf stand mit der Kamera bereit und hoffte inständig, sie möge unter keinen der Wagen laufen. Blackie zögerte, ging dann behutsam direkt vor den haltenden Autos über die Straße - und Warnecke hatte sein Bild.

Die Zuschauer jubelten, der Katzenhalter wollte schon mit dem Karton zurück in die Werkstatt, da trat Warnecke erneut an den Polizisten heran: "Wir werden uns jetzt aber nicht mit dem einen Schuss zufriedengeben, oder?" Tatsächlich wurde der ganze Vorgang noch einmal wiederholt, wie der Autor John Faber berichtete, der die Geschichte 1978 für sein Buch "Great News Photos and the Stories Behind Them" recherchierte.

Ein paar Tage, nachdem das Bild in der "Daily News" erschienen war, meldete sich Polizist Cudmore bei Warnecke. Er wolle sich bedanken - der Polizeichef hatte ihm für die Katzenrettung ein Anerkennungsschreiben geschickt.

Drei Jahre später druckte die "New York Times" das Foto, in der Mitte eines ganzseitigen Artikels mit der Überschrift: "Auch Tiergeschichten sind Nachrichten". Na bitte!

The LIFE Picture Collection/Getty Images
Library of Congress
Library of Congress
Nationaal Archief/Collectie Spaarnestad/Het Leven
Burton Historical Collection, Detroit Public Library
Stanford University
Bildarchiv Preussischer Kulturbesitz


insgesamt 1 Beitrag
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Stephan Heinig, 18.04.2018
1. Echt spitze!
Und es macht deutlich, was 1 (in Worten: EIN) Mensch bewirken kann, oder verändern - wenn er nur will. Auch, wenn dies nur ein Beispiel mit kleinen Auswirkungen ist.
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