New Yorker Nachtleben Als das Tanzen verboten wurde

Von der Partymetropole zur langweiligsten Stadt der Welt: Als Teenager feierte Julian Neville in New York auf Rave-Partys die Nächte durch. Als Student kehrte er zurück, um einen Film über die Szene zu drehen - und erkannte die Stadt nicht wieder.

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Julian Neville

Das hatte ich mir anders vorgestellt: Als ich 1995 mit meinen Eltern für zwei Jahre in die USA ging, landeten wir in der bürgerlichen Idylle New Jerseys. Der Bundesstaat grenzt an New York und ist so etwas wie der spießige Vorort der Metropole. Ich war 16, ging auf die Deutsche Schule in New York und konnte mit den meisten amerikanischen Jugendlichen aus meiner Umgebung in New Jersey nichts anfangen. Abends mit Freunden auf der Couch sitzen, Pizza essen und schüchtern die Hand der Freundin halten, das war nichts für mich.

Ich fand das hochgradig langweilig und verklemmt - und ich fühlte mich fremd. Konzerte, Musik, tanzen, ausgehen - was in Deutschland in dem Alter normal war, war hier nicht angesagt. Zum Glück rettete mich ein Schulkamerad aus meiner Isolation: Daniel. Er wusste, wie schlimm das Ankommen in den USA sein konnte und hatte einen Ausweg gefunden.

Daniel hörte wie ich House und Trance. Einmal raunte er mir während des Unterrichts zu: "Hier gibt's Raves." Es klang wie ein Geheimnis. Techno war in den USA zu dieser Zeit noch eine Untergrundbewegung. Daniel zeigte mir New Yorker Plattenläden. Dort erfuhren wir durch Flyer, wann und wo das nächste Mal ein Rave stattfinden würde.

Techno im Obstgarten

Nach einigen Wochen war es soweit: Es war kalt, Spätherbst, und die Schlange der Raver vor dem alten Fabrikgebäude in Connecticut, einem der an New York grenzenden Bundesstaaten, war lang. Wir trugen nur T-Shirts, schließlich waren wir zum Tanzen da. Als ich endlich an den Türstehern vorbei war, trat ich in die riesige, mit wogenden Menschen gefüllte Halle. Die Musik riss mich sofort mit, ich musste einfach tanzen.

In meinen beiden Jahren in den USA gingen Daniel und ich zu vielen Raves. Meist kamen etwa ein- bis zweitausend Leute, oft dieselben, viele Gesichter kannte ich irgendwann vom Sehen. Ein Highlight war ein Rave in einem Obstgarten zwischen den Apfelbäumen. In der Mitte gab's einen See. Ein anderes Mal feierten wir in einem verlassenen Casino am Strand von New Jersey, dann wieder in einer alten Fabrikhalle oder in einem Naturkundemuseum, zwischen uns die Ausstellungsstücke.

Doch nach und nach wurde die Rave-Szene bekannter und verlagerte sich auch auf die Clubs in Manhattan. Einer der bekanntesten Clubs war Twilo, ein sogenannter Superclub. Das waren riesige Hallen, in denen Acid, House und Trance gespielt wurde.


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Drogenverkauf wie auf dem Wochenmarkt

Nachdem ich den ersten Rave erlebt hatte, wollte ich zur Szene gehören. Rave - das war eine Lebenseinstellung. Wir hatten eine eigene Welt, in der wir uns aufgehoben und respektiert fühlten. Ich trug bald silberne Turnschuhe, T-Shirts mit leuchtenden Aliens drauf und Halsketten. Es gab einen Tanzstil, der sich Liquid Pop nannte. Er ähnelte dem HipHop- und Electric-Boogie-Tänzen, war aber doch etwas ganz Eigenes, in meinen Augen Hochmodernes, Neues und Ästhetisches. Beim Tanzen bildete sich häufig ein Kreis, in dessen Mitte dann die besten Raver abwechselnd tanzten.

Nach zwei Jahren in den USA zog meine Familie zurück nach Deutschland - und ich mit ihr. Ich machte mein Abitur, studierte Fotografie und Film und schloss das Studium audiovisueller Medien an der Kölner Kunsthochschule an. 2005 unterhielt ich mich mit einer Kommilitonin, die in New York gewesen war. Sie hatte schlechte Nachrichten: Eine richtige Partyszene gebe es nicht mehr, schon gar keine Raves und Superclubs, Tanzclubs spielten Chartmusik. Ich wollte ihr das nicht glauben - und machte mich auf den Weg nach New York, in der Hoffnung, ihr das Gegenteil zu beweisen. Aus meiner Reise sollte schließlich der Film "Lowlight" für meine Abschlussarbeit entstehen.

Zweimal flog ich nach New York, 2005 und 2006. Wochenlang irrte ich bei meinem ersten Besuch durch das Nachtleben, immer auf der Suche nach jenem magischen Moment, den ich als Jugendlicher bei den Raves gefunden hatte.

Produkt Nachtleben

Ich stieß auf eine neue Generation von Partygängern: Sie feierte zu Musik aus den Charts. In den Clubs floss der Schampus, den die Gäste sich eigentlich nicht leisten konnten. Aber wer feiern wollte und keine Alternative zu den teuren Clubs kannte, musste an den Türsteher oder dem "bottle host" vorbei - und ihm erstmal glaubhaft versichern, dass man zum Beispiel mindestens 600 Dollar an dem Abend ausgeben würde. Hielt man sich nicht an die Abmachung, wurde man im Nu des Clubs verwiesen. Kreditkarten der Gäste wurden beim Abschluss solcher Deals meistens gleich bei Einlass kopiert, falls der Gast später die Zeche prellen wollte. Clubleben 2005 in New York hatte mit Abfeiern nichts mehr zu tun, es ging nur noch darum, Statussymbole zu zeigen. Die Typen saßen da, rechts und links ein Model an der Seite.

Ich habe bei meiner Suche nach dem Nachtleben der Neunziger Partys und Clubs durchkämmt, mit Türstehern und Tänzern gesprochen; aber ich fand nirgends das wieder, was ich als 16-jähriger Raver erlebt hatte: ein Miteinander. Genauso gut hätte ich die Nadel im Heuhaufen suchen können. Ich war kurz davor, aufzugeben. Dann traf ich den House-Tänzer Justin. Auch er war wie ich in den Neunzigern auf den Raves gewesen. Er hatte die Veränderungen im Nachtleben New Yorks live miterlebt und erzählte mir vom Anfang vom Ende der Rave-Bewegung unter New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani.

Drogen wie auf dem Wochenmarkt

Ende der neunziger Jahre stürzten sich die Medien auf die Rave-Szene und stellten sie als drogenverseucht dar. Das hatte durchaus seinen wahren Kern. Ich erinnere mich an einen Dealer, der auf einem Open-Air-Rave auf einem Hügel stand und wie ein Marktschreier seine Waren anbot: "Kokain, Acid, Ecstasy, Special K.!" Special K., das stand für Ketamin, das eigentlich ein Tiernarkosemittel ist, damals aber eine sehr populäre Droge auf Raves. Falsch war die Darstellung der Medien, dass in der Rave-Szene alle auf Drogen wären und es um nichts anderes ginge. Meine Rauschmittel waren die Musik und das Tanzen, und so ging es auch vielen anderen. Das hatte beinahe etwas Spirituelles. Ich bin oft von Leuten angesprochen worden, ob ich Ecstasy für sie hätte, weil ich so wild tanzte. Hatte ich aber nicht.

Medien und Regierung aber war der Gedanke nicht geheuer, dass Tausende Menschen zusammenkommen, sich sozialisieren, tanzen und vielleicht auch Drogen nehmen. Und Giuliani, von 1994 bis 2002 im Amt, wusste das für sich medienwirksam zu nutzen. Er war angetreten, aus New York City eine saubere Stadt zu machen. Eine Stadt, in der es kaum Kriminalität geben sollte, keinen Abfall auf den Straßen, geordneten Verkehr und einen gesunden "way of life". Giuliani nannte das seine "Quality of Life Campaign".

Im Rahmen dieser Kampagne verbot er auch das Tanzen. Aus Giulianis Sicht gefährdeten tanzende Menschenmassen die Sicherheit in der Stadt. Er reaktivierte das in Vergessenheit geratene "Cabaret Law" von 1926, das in den dreißiger Jahren das Tanzen in New York nur in Etablissements mit einer Cabaret-Lizenz gestattete, und setzte damit eine Kettenreaktion in Gang.


Video: Packende Szenen aus einestages

"Sie sind festgenommen."

Jeder Tanzclub benötigte von nun an eine Lizenz von der Stadt, damit dort getanzt werden durfte. Die Lizenz aber war mit Auflagen verbunden. Notausgänge, Alarmsysteme, feuerfeste Wände, all so was. Nicht jeder Clubbesitzer hatte das Geld, um seinen Laden entsprechend umzurüsten. Und selbst wenn, blieb die Erteilung der Lizenz willkürlich. Das Absurde: Lokale, in denen nicht getanzt wird, müssen all diese Sicherheitsmaßnahmen nicht nachweisen. Was nach dieser Kampagne übrig blieb, war eine Partykultur, die anscheinend den bürgerlichen Vorstellungen Giulianis und seinem Ideal von "law and order" entsprach. New York war stinklangweilig geworden.

Die Terroranschläge auf das World Trade Center 2001 verschärften die Lage nur noch mehr: Giuliani und sein Nachfolger Michael Bloomberg hatten nun alles Recht der Welt, law and order durchzusetzen. Mit dem RAVE-Act, dem "Reducing Americans' Vulnerability to Ecstasy Act", kam 2003 zudem ein bundesstaatenübergreifendes Gesetz hinzu, das Wasser auf den Mühlen der beiden Bürgermeister war. Der RAVE-Act verbot Raves in den gesamten USA.

Was sich absurd anhört, war harte Wirklichkeit. So wurde zum Beispiel eine Freundin von mir in ihrem Urlaub in New York verhaftet. Sie hatte die Hüften in einer Bar geschwungen, die keine Tanzlizenz besaß - und der Barbesitzer hatte die Polizei gerufen. Wer nämlich illegal tanzen lässt, der kann mit Geldstrafen belegt werden, und wird er ein zweites Mal erwischt, wird unter Umständen der Laden dichtgemacht - die Stadt lässt einfach die Schlösser auswechseln. Das führt nicht selten zum Ruin des Clubs. Dieses Risiko geht kaum einer der Besitzer ein.

Tanz der Arbeiter und Anwälte

Deswegen gibt es heute nur noch einen Flickenteppich aus kleinen House-Clubs, die sich durch Mundpropaganda halten können. Sie sind die Fragmente der früheren Rave-Bewegung. Ein einziger größerer Club hat überlebt, das Shelter. Hier und in den anderen kleinen Clubs kommen die Leute zum Tanzen, nicht zum Schampusschlürfen, quer durch alle sozialen Schichten: Arbeiter, Anwälte, Tänzer, 20- bis über 70-Jährige.

House in New York heute, das ist eine Art Utopie, eine Antithese zur US-amerikanischen Gesellschaft. Alter und soziale Herkunft, Karriere und Geld - das spielt alles keine Rolle. House ist eine Kommunikationsform, die nur wenige Eingeweihte verstehen. Es ist eine geheime Sprache. Aber die Tanzkultur im New York der neunziger Jahre, so wie ich sie kennengelernt habe, existiert nur noch in meiner Erinnerung.

Julian Neville ist 29 Jahre alt und lebt in Hamburg. Sein Film "Lowlight" wurde 2008 auf dem European Media Art Festival (EMAF) in Osnabrück gezeigt und beim Hamburger Musikffilmestival Unerhört.

Aufgezeichnet von Ariane Stürmer


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