New Yorks legendäres Krankenhaus Letzte Ölung für St. Vincent's

"Titanic"-Passagiere, Aids-Kranke, 9/11-Opfer: Seit 1849 betreute das berühmte St. Vincent's Hospital die Kranken, Mittellosen und Katastrophenopfer New Yorks. Jetzt kommt für das Hospital selbst jede Hilfe zu spät. Schuld ist die US-Gesundheitskrise. Ein Nachruf auf das gute Herz des Big Apple.

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Seinen letzten, großen Moment hatte es am 11. September 2001. An jenem Morgen scharten sich entsetzte Passanten und Ärzte auf der Seventh Avenue vor dem St. Vincent's Hospital: Die brennenden Türme des World Trade Centers drei Kilometer südlich schienen zum Greifen nahe. Sofort wurde das New Yorker Krankenhaus, das Ground Zero näher lag als alle anderen, in Alarmzustand versetzt.

Krankenschwestern rollten Betten aufs Trottoir, um Überlebende aufzunehmen. Doch nur Leichtverletzte trafen ein - für alle anderen kam jede Hilfe zu spät. Am Nachmittag riss der Patientenstrom aus Lower Manhattan plötzlich ganz ab. "Wir warteten darauf, dass die Rettungswagen scharenweise Geborgene bringen würden", erinnerte sich Oberschwester Francine Kelly später unter Tränen. "Als das aber nicht mehr passierte, war das sehr hart."

Jetzt kommt auch für St. Vincent's jede Hilfe zu spät. Diese Woche beschloss der Vorstand, das legendäre, 160 Jahre alte Krankenhaus im Greenwich Village, dessen berüchtigter Emergency Room pro Jahr 60.000 Patienten verarztete, zu schließen. Vernachlässigt, verschuldet, pleite: Das letzte katholische Hospital New Yorks wurde zum traurigen Symbol des Zeitgeistes und prominentesten Opfer der US-Gesundheitskrise, die trotz aller Reformen anhält.

Monatelang hatte St. Vincent's auf der finanziellen Intensivstation gelegen. Hatte es hinter den Kulissen endlosen Knatsch gegeben um sein Überleben, während die New Yorker draußen für den Erhalt ihrer verhasst-geliebten Institution kämpften. "Save St. Vincent's", steht auf vielen Schildern in den Fenstern des Village. Mehr als 11.000 "Fans" schlossen sich einer Facebook-Gruppe an, die am Mittwoch zum bewegenden Kondolenzbuch wurde.

New Yorks karitativer Anker

"St. Vincent's war Teil unseres Lebens", schreibt Krankenschwester Kathy Caparla. "Ich kann mir diese Gegend nicht ohne vorstellen!" Für ihre frühere Kollegin Kathy Madigan, die 25 Jahre lang in St. Vincent's gearbeitet hat, kommt der Schock doppelt: Ihr Mann liegt dort als Krebspatient. "Es ist niederschmetternd."

In der Tat war St. Vincent's, trotz seiner zuletzt nur noch 400 Betten, so viel mehr als nur ein Krankenhaus: Es war New Yorks karitativer Anker. Es nahm Arme und Ausgestoßene auf, als andere sich abkehrten, und war tief verwurzelt mit der dramatischen Geschichte der Stadt.

1911 wurden hier die Überlebenden des schlimmsten Brandes New Yorks behandelt, des Feuers in der Triangle Shirtwaist Factory, bei dem 146 Näherinnen umkamen. Ein Jahr später betreute St. Vincent's die Überlebenden der "Titanic"-Katastrophe, Millionäre wie Mittellose, die am nahen Pier 54 eintrafen - dem selben Pier, der heute als provisorischer Freizeitpark dient.

Die ersten Patienten konnten sich keinen Arzt leisten

In den achtziger Jahren wurde St. Vincent's zum Ground Zero der Aids-Epidemie, die vom Schwulenmekka Greenwich Village aus durchs Land zog. Die Ärzte kümmerten sich furchtlos um Patienten, die in anderen Kliniken lange Zeit abgewiesen wurden. Trotzdem starben in der gefürchteten Aids-Abteilung im siebten Stock des Hauses Abertausende einen qualvollen Tod, bevor 1996 die Cocktail-Therapien entdeckt wurden.

Fast jeder New Yorker, der in dieser Ecke wohnt, kennt St. Vincent's von innen, ob als Patient oder Besucher. Die abgewetzten Flure, die antiquierten Holztüren, die Kapelle mit den Tiffany-Fenstern, die Miniatur-Synagoge.

Vier Nonnen hatten St. Vincent's 1849 mit 30 Betten in einem Backsteinhaus an der 13th Street gegründet und nach Caritas-Gründer Vinzenz von Paul benannt, dem Schutzheiligen aller Wohltäter. Die ersten Patienten waren Cholerakranke und Immigranten, die sich keinen Arzt leisten konnten. Bis zuletzt unterstand es auch der Erzdiözese Brooklyn.

700 Millionen Dollar Minus

Nach einer Reihe von Fusionen mit anderen Krankenhäusern geriet die Betreibergesellschaft von St. Vincent's vor ein paar Jahren ins Trudeln. Schuld waren Managementfehler, aber auch die explodierenden Kosten im US-Gesundheitswesen. 2005 meldete die Gruppe Insolvenz an, schloss dann zunächst zwei kleinere Schwesterhospitäler. Das letzte von einst acht katholischen Krankenhäusern in New York sollte jedoch unbedingt gerettet werden.

Es gab tolle Pläne. St. Vincent's wollte seinen Westflügel jenseits der Seventh Avenue, ein architektonisches Unikum von 1963, abreißen und durch einen Wolkenkratzer ersetzen. Anwohner und Denkmalschützer liefen Sturm.

Die Schulden häuften sich. Bald stand St. Vincent's mit rund 700 Millionen Dollar in der Kreide, kam bei seinen Gläubigern in Verzug, wurde dann ganz zahlungsunfähig. Hunderte Mitarbeiter wurden entlassen, den anderen die Gehälter um 25 Prozent gekürzt.

Eine Zusammenlegung mit dem Klinik-Konsortium Continuum Health Partners platzte, ebenso eine mit dem Mount Sinai Medical Center auf der East Side. Verhandlungen mit Gouverneur David Paterson führten zu nichts. Trotzdem reisten fünf St.-Vincent's-Santitäter noch ins Erdbebengebiet in Haiti, um zu helfen.

"Das ist tragisch"

Die Schließung erfolgt nun in Etappen. Neuaufnahmen gibt es keine mehr, nächste Woche werden die meisten Operationen eingestellt. Paterson hofft, wenigstens eine kleine Notaufnahme und eine ambulante HIV-Betreuung beizubehalten. 1000 Ärzte und 770 Schwestern und Pfleger verlieren ihre Jobs. Das nächste Krankenhaus ist nun rund fünf Kilometer entfernt - bei den in Manhattan üblichen Verkehrsstaus eine Katastrophe.

"Es gibt einem das Gefühl schweren Verlusts, dass New York, die selbsternannte Hauptstadt der Welt, keinen Platz für ein privates, nicht-kommerzielles Krankenhaus hat, das sich um alle Mensche kümmert, egal, ob sie zahlen können", sagt Dr. Daniel Sulmasy, ein früherer Arzt an St. Vincent's. "Das ist tragisch."

Am Mittwochabend war der rote Klinkerbau, der als plumpes Wahrzeichen über die Dächer des Village hinausragt, halb erleuchtet. Zwei Krankenwagen warteten vor der Tür, Schwestern plauderten untätig in der warmen Nacht. In Vitrinen neben dem geschlossenen Emergency Room prangten alte Werbeplakate: "St. Vincent's - das ist mein Krankenhaus."

Gegenüber an einem Maschendrahtzaun hingen Hunderte handbemalte Kacheln - Andenken an die 9/11-Opfer. "Never forgotten", stand auf einer. "Rest in peace", auf einer anderen. Worte, die nun auch bald auf das St. Vincent's zutreffen.



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Josip Jez, 11.04.2010
1.
Verkehrte Welt Im Rahmen der, an die dreißig Jahre alten Missbrauchsfälle der katholischen Priester, hat amerikanische katholische Kirche an die sogenannte Opfer an die 2 Milliarden $$ gezahlt. Logisch, jetzt fehlt ihr das Geld für das Krankenhaus, dass die heutigen Opfer betreuen könnte. Ja das nennt sich Rechtsstaat, wo die Juristen die Macht haben, die auch über Menschenrechte sprechen aber nur dann, wenn es Andere betrifft..
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