Niagarafall-Unglück Das Ende der Eisbrücke

Eislaufen am Abgrund: Jahr für Jahr friert der mächtige Fluss Niagara im Winter am Rand der berühmten Wasserfälle zu. Bis 1912 nutzten Tausende die frostige Brücke als Grenzübergang zwischen Kanada und den USA - dann brach plötzlich eine riesige Scholle aus dem als sicher geltenden Eispanzer.

Corbis

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Im Winter sind die Niagarafälle ein Spektakel aus Eis und Gischt: Wind und Strömung schieben dann Tausende Tonnen gefrorene Schollen den Fluss hinunter, kurz vor dem Wasserfall stauen sich diese Brocken und erstarren zu einem massiven Eispanzer über dem Fluss. So bilden sie eine Brücke zwischen den Ufern - und eine Verbindung zwischen den USA und Kanada.

Bis 1912 war diese Passage nicht nur ein spektakuläres Fotomotiv für Touristen, sondern auch ein Grenzübergang: Schaulustige und Anwohner spazierten im Winter über das Packeis oberhalb der Niagarafälle, denn offizielle Brücken verbanden die Nachbarländer erst weiter flussabwärts miteinander. Die Behörden tolerierten die tiefgekühlte Abkürzung übers Wasser - bis zum 4. Februar 1912, dem Tag des "Eisbrücken-Unglücks".

An diesem Sonntagnachmittag hockte der Snackverkäufer William Hill mit einigen Freunden in seinem Stand auf dem Eis. Er kam jedes Jahr hierher, sobald der Niagara-Fluss gefror, und verkaufte Stärkungen an die Touristen. Der 4. Februar war ein Sonntag. Eigentlich ein guter Tag für Geschäfte, doch diesmal befanden sich lediglich 35 Schaulustige auf der Eisbrücke. Zum Glück. Denn am frühen Nachmittag hörte Hill ein dumpfes Knarren, spürte ein Beben unter den Füßen. Er ahnte: Die Eisdecke brach.

"Ich kann nicht weiter! Lass uns hier sterben"

Hill eilte aus seiner Bude, brüllte in Richtung der Touristen. Er lotste die Spaziergänger vom bedrohlich knackenden Eis ans Ufer zurück. Doch das junge Ehepaar Stanton, das aus Toronto angereist war, hörte die Rufe des Verkäufers nicht. Ebenso die Teenager Ignatius Roth und Burell Hecock. Die 17-Jährigen waren gerade dabei, sich auf dem Eis eine Schneeballschlacht zu liefern.

Als sie verstanden, was geschah, rannten die vier los. Auf die amerikanische Uferseite zu, während das Krachen der Eisplatten unter ihren Füßen lauter wurde. Plötzlich klaffte vor dem jungen Paar ein Spalt im Eispanzer auf. Eldridge Stanton versuchte, seine Frau Clara zum Weiterrennen zu bewegen. Vergebens. Clara Stanton war starr vor Angst. "Ich kann nicht weiter, ich kann nicht weiter", rief sie ihrem Mann zu, wie die "New York Tribune" am nächsten Tag berichtete, "lass uns hier sterben." Der 17-jährige Hecock sah das verzweifelte Paar, machte kurz vor dem rettenden Ufer kehrt, um sie zu retten. Als er die Stantons erreichte, löste sich eine große Scholle aus dem Eis - und riss alle drei in den Tod.

Das Unglück bedeutete das Ende der Eisbrücke zwischen Kanada und den USA. Bis heute verbieten beide Staaten das Betreten des Eises selbst im kältesten Winter. An die Toten des "Eisbrücken-Unglücks" erinnert eine Tafel am kanadischen Ufer: "Im Gedenken an Burrell Hecock aus Cleveland, Ohio, 17 Jahre alt, der sein Leben beim heldenhaften Versuch verlor, Mister und Miss Eldridge Stanton zu retten."

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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Joachim Holstein, 08.02.2012
1.
Gehört Kanada nicht zu Amerika? Oder warum wird die eine Seite der Fälle als "kanadische Seite" und die andere Seite als "amerikanische Seite" bezeichnet?
Hans Joachim Dudeck, 08.02.2012
2.
Bis vor 100 Jahren war diese Passage nicht nur ein spektakuläres Fotomotiv für Touristen ???? Das war dann ja wohl das Jahr 1012. Kann es kaum glauben das es da schon soviele Touristen gab, die sich einen Photoapperat leisten konnten. Scheint mehr in der Fantasy des Autoren zu sein
Hartmut Hackl, 08.02.2012
3.
>Gehört Kanada nicht zu Amerika? Oder warum wird die eine Seite der Fälle als "kanadische Seite" und die andere Seite als "amerikanische Seite" bezeichnet? Natürlich gehört Kanada nicht zu den USA, vulgo "Amerika". Da sich nur die US-Bürger als Amerikaner bezeichnen hat das schon seine Richtigkeit. Der Kontinent heisst "Nordamerika". Aber: Weder Kanadier noch Mexikaner bezeichnen sich als Amerikaner, genausowenig würde es jemals einem Mittel- oder Südamerikaner einfallen. Aber vermutlich sind sie da nur durch den unsäglichen Ausdruck "US-Amerikaner" verwirrt, den es ausschliesslich im Deutschen gibt, und da ursprünglich abschätzend gemeint war und nun unglücklicherweise den Eingang in den Sprachgebrauch gefunden hat. Wer Amis nicht mag, kann den Begriff gerne verwenden, um sie zu ärgern. Alle anderen Menschen sollten darauf verzichten. Man könnte aus Gründen der Gerechtigkeit auch einen ähnlich blödsinnigen Terminus für EU-Bürger finden, "EU-Europäer" etwa...
Peter Wäsch, 08.02.2012
4.
>Gehört Kanada nicht zu Amerika? Oder warum wird die eine Seite der Fälle als "kanadische Seite" und die andere Seite als "amerikanische Seite" bezeichnet? Kanada does not belong to Amerika, they are two seperate countries.
Georg Frevel, 08.02.2012
5.
"Betrachtet man diese sogenannte Stereoskopie durch eine dafür vorgesehene Brille, ergibt sich ein dreidimensionales Bild." Für die Betrachtung der stereoskopischen Bilder ist keine Brille erforderlich. Im richtigen Abstand zur Abbildung muß man versuchen, das linke Bild mit dem linken Auge und das rechte mit dem rechten Auge zu fixieren.
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