Kult-Detektiv Nick Knatterton Sherlock Holmes mit Herrenwitz

Kult-Detektiv Nick Knatterton: Sherlock Holmes mit Herrenwitz Fotos

"Wer liegt auf den D-Zug-Schienen? Wer jongliert mit Tellerminen?" In den Fünfzigern wusste ganz Deutschland die Antwort auf diese Frage: Nick Knatterton. Zeichner Manfred Schmidt schuf die berühmteste deutsche Comic-Figur der Nachkriegszeit - und sollte den Rest seines Lebens mit ihr hadern. Von

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Nicht weniger als ein "Sittlichkeits-Skandal" erster Güte war das, was Fahrgäste der Münchener Verkehrsbetriebe Mitte der fünfziger Jahre plötzlich auf ihren Tickets abgedruckt fanden: Ein kleines Bild, das den weltberühmten Detektiv Sherlock Holmes zu zeigen schien - einen Pfeife schmauchenden Mann mit altmodischer, karierter Mütze, dessen kriminologisch geschärfter Blick soeben etwas Wichtiges erspäht hatte.

Doch es war kein Tatort in einer nebelverhangenen Seitengasse Londons, auf den der gezeichnete Detektiv konzentriert blickte, sondern die drallen Rundungen der knapp bekleideten Damen, die neben ihm im Münchener Freibad lagen. Und auch es war auch nicht gerade der Scharfsinn von Arthur Conan Doyles britischem Ermittler Holmes, der aus seinem Munde sprach: "Kombiniere: Hier im städtischen Ostbad hat man einen besonders schönen Blick auf's Gebirge!" Nein, der erotomanische Ermittler, der den Badenden auf den Hintern starrte - und in München einen kleinen lokalpolitischen Skandal auslöste - hörte auf einen ganz und gar deutschen Namen: Knatterton. Nick Knatterton.

Seit Anfang der fünfziger Jahre kannte fast jeder Deutsche den grobkarierten Detektiv mit der Pfeife. 1950 hatte sein Siegeszug in kleinen Comic-Strips der Illustrierten "Quick" begonnen - und bereits zwei Jahre später wusste die ganze Republik die Antwort, wenn im Radio gesungen wurde: "Wer liegt auf den D-Zug Schienen? Wer jongliert mit Tellerminen?" Nick Knatterton natürlich! So schnell und zielsicher, wie er seine Fälle löste, hatte der Detektiv die Herzen der Deutschen erobert - und seinen Zeichner Manfred Schmidt über Nacht berühmt gemacht. Auch wenn der es ihm am Ende nicht danken sollte.

Wenn Sie viel Busen zeichnen, wird es ein Erfolg

Zunächst aber war Schmidt vom unvorhergesehenen Erfolg seiner Schöpfung völlig überwältigt. Die Deutschen liebten die Kriminalgeschichten rund um Nikolaus Kuno Freiherr von Knatter, wie der volle Name des Comic-Detektivs lautete. Der hagere Detektiv mit dem spitzen Kinn faszinierte Leser mit seinem Scharfsinn und der buchstäblichen Schlagfertigkeit, mit der er manchem Schurken einen Kinnhaken verpasste. Knattertons charakteristischen Ausspruch "Kombiniere …" wurde zum geflügelten Wort.

Und nicht allein der Protagonist begeisterte die Massen. Mit viel Sinn für Humor zog sein Zeichner Manfred Schmidt in den Comics auch die Bonner Republik und ihr Establishment durch den Kakao. Das wahre Geheimnis seiner unerwarteten Karriere aber hatte er einem Rat des "Quick"-Redakteurs Anton Sailer zu verdanken: "Wenn Sie viel Busen und stramme Popos hineinzeichnen, wird es ein Erfolg sein. Das ist es, was die Leute sehen wollen." Er sollte recht behalten: Mit den langbeinigen, üppigen Damen in seinen Knatterton-Comics sorgte Schmidt für eine ordentliche Portion Sex im sittenstrengen Nachkriegsdeutschland - und für ein rasches Bekanntwerden seines Ermittlers.

Loriot soll angeblich einst gesagt haben: "Der Schmidt ist eine echte Doppelbegabung. Er kann nicht zeichnen und nicht schreiben." Diesen Ausspruch schrieb ihm allerdings sein Freund Manfred Schmidt selbst zu. Vermutlich war es augenzwinkerndes Understatement. Denn Schmidt mag viel nachgesagt worden sein - aber sicher kein mangelndes Talent.

"Dummes Zeug gegen Bezahlung!"

Schon in jungen Jahren hatte sich seine kreative Ader offenbart: 1913 in bescheidenen Verhältnissen geboren, konnte er sich einen höheren Schulbesuch in Bremen nur durch ein Stipendium leisten. Bald jedoch erzielte er eigene Einnahmen: Mit etwa 14 Jahren zeichnete er bereits regelmäßig für die Bremer Nachrichten, wenig später trat er mit seiner Jazz-Formation "The Great Eight" auf die Bühne - am Saxophon und Banjo. Bilder aus dieser Zeit zeigen ihn als aufgeweckten Jungen mit Segelohren, dem bereits der Schalk aus den Augen blitzte.

Nachdem er mehr schlecht als recht das Abitur bestanden und an der Kunstgewerbeschule Bremen studiert hatte, zog es den jungen Schmidt 1933 nach Berlin - wo er Filmregisseur werden wollte. Allerdings fand er lediglich als Kameralehrling eine Anstellung.

Immerhin - die karge Zeit sollte bald ein Ende haben: Sein Zeichentalent verschaffte ihm eine Begegnung mit Franz Ullstein, dem redaktionellen Leiter des gleichnamigen Verlags. Er engagierte Schmidt, um sein zeichnerisches und journalistisches Talent auf Bewährung zu testen. Anscheinend tat er dies erfolgreich, denn er durfte bleiben. Schmidt selbst sagte später zu seiner Zeit bei Ullstein: "Ich konnte meinem angeborenen Hang zur Faulheit und kontemplativer Lebensführung frönen, auf Kaffeehausterrassen herumsitzen und mir dummes Zeug ausdenken, alles gegen Bezahlung!" Schmidt durchstreifte die Stadt und zeichnete Illustrationen, die später von der "Berliner Illustrierten" gedruckt wurden.

Von Superman zum Superdetektiv

Als die Nationalsozialisten an Einfluss gewannen, profitierte auch der Zeichner Schmidt davon: Viele jüdische Kollegen verloren ihren Arbeitsplatz, Schmidt war einer von denen, die auf ihre Plätze nachrückten. Nach eigenen Angaben schämte er sich dafür "von früh bis spät". Gleichwohl arrangierte er sich mit den Umständen und machte weiter Karriere. 1939 brach der Krieg aus, und Schmidt suchte einen sicheren Schutz vor der Einberufung. Eine Anstellung bei der der Deutschen Zeichenfilm GmbH bot ihm zeitweilig Schutz. Hitler und Goebbels hatten diese Zeichentrickfilm-Produktionsfirma aus ihrer Begeisterung für Walt-Disney-Filme gegründet - und um dem amerikanischen Animationsfilmstudio Konkurrenz zu bieten.

1943 kam er dann doch zur Wehrmacht. Aber auch hier bewahrte ihn sein Zeichentalent vor Schlimmerem: Die Front bekam Schmidt nie zu sehen - stattdessen zeichnete er Propaganda.

Nach dem Krieg fiel ihm ein kleines, buntes Heftchen in die Hände - eine Ausgabe des US-Comics "Superman". Für Schmidt war es nur "Stumpfsinnliteratur" - und dennoch sollte dieser Comic alles verändern. Denn er beschloss, Superman mit einem eigenen Comic gnadenlos zu karikieren. Und schuf so 1950 unter "Rotwein-Anästhesie ziemlich schmerzfrei" seinen deutschen Meisterdetektiv.

Charles Dickens und das Geschäft der Zukunft

Ganz trauen darf man dieser nonchalanten Entstehungsgeschichte allerdings nicht. Denn bereits 1935 hatte Schmidt in der Zeitung "Die Grüne Post" eine Kriminalgeschichte mit dem Titel "Der Hilferuf der Maud O'Key" veröffentlicht. Held der Geschichte war ein listiger Detektiv namens Nick Knatterton. Einziger Unterschied: Dieser Nick Knatterton löste seinen Fall in "Chikago". Ansonsten war bereits 1935 alles da, was die Menschen auch in den fünfziger Jahren an ihm lieben sollten. Er verkleidet sich geschickt, nutzt Technik, die selbst 007 vor Neid erblassen ließe - und löst natürlich am Ende immer den Fall.

Neben dem ganz offensichtlichen Vorbild Sherlock Holmes hatte es noch eine wichtigere Inspirationsquelle gegeben: Knatterton war vor allem von dem Romanhefthelden "Nat Pinkerton" beeinflusst worden, dessen Abenteuer Schmidt in seiner Jugend in Massen konsumiert hatte - schon kurz vor dem Zweiten Weltkrieg bekämpfte der titelgebende Detektiv in diesen Heften das Verbrechen. Rund um den Globus von China über Europa bis Amerika jagte er Bösewichte wie den finsteren Sexton Blake und den verschlagenen Nick Carter.

Und noch etwas spricht gegen Schmidts Behauptung, sein Detektiv sei aus der Superman-Kritik geboren worden: Einige Zeit vor Knattertons Erscheinen hatte ein Bekannter Schmidt die Comic-Version eines Romans von Charles Dickens in die Hand gedrückt - mit den Worten: "So etwas musst du machen. Das ist das Geschäft der Zukunft!" Und so kam es vielleicht nicht zuletzt aus ökonomischen Überlegungen des Zeichners zum Auftritt des deutschen Meisterdetektivs.

"Zehn Jahre hat mir dieser Kerl zur Hölle gemacht!"

Wie auch immer Nick Knatterton entstand, eines steht fest: Er wurde in Deutschland zum Liebling der Massen - und zu einer omnipräsenten Werbefigur. Sein Schöpfer Manfred Schmidt haderte jedoch schon bald mit seiner Comic-Figur: "Zehn Jahre meines Lebens hat mir dieser Kerl zur Hölle gemacht." Allerdings machte ihn der Detektiv auch zu einem überaus vermögenden Mann, der sogar seine Yacht nach Knatterton benannte.

So gut er aber auch von ihm lebte: Irgendwann wollte Schmidt seine Figur nur noch loswerden - und griff zu extremen Mitteln. Er ließ ihn heiraten und seinen Ruhestand anpeilen - doch ein Aufschrei ging durch die Leserschaft und verhinderte den Rentenantritt. Schließlich plante er 1959 sogar den Tod seines Meisterdetektivs. Immer wieder bereitete Schmidt in seinen Geschichten Knattertons Ende vor, scheiterte aber immer wieder an dessen Beliebtheit.

Schmidt war es gewohnt, seinen kreativen Geist frei wandern zu lassen - und sah sich zunehmend von der Verpflichtung zur wöchentlichen Serienproduktion seiner Comic-Figur überfordert. Er fühlte sich zunehmend ausgelaugt - bis gar nichts mehr ging: 1959 stieß Schmidt auf eine Schreibblockade. Griff er zum Stift, um Knatterton zu zeichnen, fiel ihm der Stift aus der Hand, die Muskeln selbst schienen sich zu weigern, an dem verhassten Comic weiterzuzeichnen. Ein Psychiater wurde zur Hilfe geholt - ohne Wirkung. Schließlich ließ die "Quick"-Redaktion Knatterton ziehen.

Für Schmidt begann ein neues Leben - als Reisejournalist, der mit seinen "verschmidtsten Reportagen" neuen Ruhm gewann. Endlich hatte er geschafft, woran die Verbrecher in seinen Comics jahrelang gescheitert waren: Den Superdetektiv Nick Knatterton abzuschütteln.

Zum Hingehen:

Die Ausstellung "Nick Knatterton und andere Abenteuer Manfred Schmidt zum 100. Geburtstag" ist vom 13. Januar 2013 bis zum 21. April 2013 im Museum Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover zu sehen.

Zum Weiterlesen:

Eckart Sackmann, "Oh, Nick Knatterton!", Verlag Comicplus+, Hildesheim 2013, 127 Seiten.

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Manfred Schmidt, "Nick Knatterton. Alle aufregenden Abenteuer des berühmten Meisterdetektivs", Lappan Verlag, Oldenburg 2007, 432 Seiten.

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1.
Wolfgang Beutin, 27.01.2013
schön auch immer die Randnotizen, z.B. daß das Autokennzeichen 'CD' nicht für 'cretin dangereux' steht (schade eigentlich)
2.
Kurt Diedrich, 27.01.2013
Nich Knatterton? Einer der Super-Helden meiner Kindheit und frühen Jugend! Ich habe damals begeistert die Comics verschlungen und besitze heute noch ein (leider etwas zerfleddertes) Nick-Knatterton-Buch aus alten Zeiten. Es sollte in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden, auch den zum Comic gehörenden Film zu erwähnen, in dem der damals sehr bekannte Schauspieler Karl Lieffen die Hauptrolle spielte. Irgendwie ging es da wohl um eine gewisse Gloria Nylon, Tochter des (fiktiven) Erfinders der Nylonstrümpfe, die entführt und von Nick Knatterton befreit wurde. Wenn das Fernsehen schon so viele Wiederholungen bringt: Warum mal nicht diesen Film? In dieser Zeit gab es übrigens noch eine Reihe weiterer interessanter deutscher Comics, wie zum Beispiel "Oskar, der Familienvater" (CFischer), "Jan und Kessi" (aus dem Stern),"Jimmy, das Gummipferd" (Sternchen, Kinderbeilage des Stern) oder die bekannten Vater-und-Sohn Comics von O.E. Plauen.
3.
Deter Roosu, 27.01.2013
Ich habe vor einiger Zeit einem Freund in der ex-DDR zwei Knatterton-Bände geschenkt. Er konnte absolut nichts damit anfangen. Den hintergründigen Humor konnte er nicht erkennen! Knatterton ist nur für die verständlich, die die 50er Jahre selbst erlebt haben - im Westen! Die hintergründige Ironie ist nur für den verständlich, der die damalige Politik und die Politiker noch kennt. Was soll heute jemand mit dem Begriff "Abhöcherln" anfangen - abgeleitet vom damaligen Innenminister Höcherl, der erstmals Telefon-Abhörungen anordnete? Wer kann mit einem Indianer mit Adenauer-Gesicht etwas anfangen? Alles hat seine Zeit - ich verstehe Knatterton noch, aber weder meine Kinder noch mein Freund in Sachsen kann etwas damit anfangen. Ist an sich schade, aber das ist nun mal der Lauf der Welt. Leider gibt es Vergleichbares heute schon lange nicht mehr. Es fehlt ein Manfred Schmidt für unsre Zeit!!
4.
Monika Götz-Bellmer, 28.01.2013
Ich hatte in den Achtzigern das Vergnügen, Manfred Schmidt für eine 3-Stunden lange Radiosendung interviewen zu dürfen. Es war eigentlich amüsant, aber... Er war etwas ängstlich und man musste die Streiche aus der Jugendzeit in Bremen schon fast aus ihm herausquetschen. Damit hatte ich eigentlich nicht gerechnet.
5.
Jens Schuetz, 28.01.2013
Ex DDR? Zitat: Ich habe vor einiger Zeit einem Freund in der ex-DDR zwei Knatterton-Bände geschenkt. Er konnte absolut nichts damit anfangen. Den hintergründigen Humor konnte er nicht erkennen! Knatterton ist nur für die verständlich, die die 50er Jahre selbst erlebt haben - im Westen! Die hintergründige Ironie ist nur für den verständlich, der die damalige Politik und die Politiker noch kennt. Was soll heute jemand mit dem Begriff "Abhöcherln" anfangen - abgeleitet vom damaligen Innenminister Höcherl, der erstmals Telefon-Abhörungen anordnete? Wer kann mit einem Indianer mit Adenauer-Gesicht etwas anfangen? Zitat Ende Lol. Das hat nichts mit geographischer Lage zu tun, sondern mit dem Alter. Erzaehlen sie ihren Ex-West Deutschland-Enkeln etwas ueber "Abhöcherln" oder "Indianer mit Adenauer-Gesicht" wird denen der "hintergruendige Humor" auch verborgen bleiben.
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