Nicole und der Grand Prix "Verdammt, jetzt haust du die alle weg!"

Nicole und der Grand Prix: "Verdammt, jetzt haust du die alle weg!" Fotos

Ein kleines Mädchen rettet die Nation: Vor 30 Jahren gewann Deutschland erstmals den Grand Prix - mit Nicoles "Ein bisschen Frieden". Auf einestages erinnert sie sich an den Auftritt, der ihr Leben änderte, Fernseher als Siegprämie - und erklärt, warum sie beim Finale am Wochenende nicht einschalten wird.

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einestages: Wie spricht man Sie eigentlich an?

Nicole: Mit Nicole. Das ist ja auch mein richtiger Name.

einestages: Nicole, am Wochenende findet das Finale des Eurovision Song Contest statt. Interessiert der Sie eigentlich?

Nicole: Nein.

einestages: Warum nicht?

Nicole: Das ist nicht mehr mein Grand Prix. 26 Länder im Finale, das sind zu viele. Und es ärgert mich, wenn man schon vorher weiß, dass Mazedonien am Ende Bosnien-Herzegowina die Punkte geben wird.

einestages: Sie meinen die sogenannte Ostblockmafia. Allerdings hat das Zuschustern von Punkten für befreundete Länder noch nie einen Grand-Prix-Sieger gemacht.

Nicole: Aber das Ergebnis beeinflusst. Vor allem geht es mir aber um das, was auf der Bühne passiert. Wir haben noch live gespielt. Das einzige, was vom Band kam, war das Schlagzeug. Mit gutem Grund: Ein Lied stirbt, wenn das Tempo nicht stimmt. Aber der Rest war live. Die Lieder haben gelebt.

einestages: 1982, als Sie in Harrogate den ersten deutschen Sieg holten, gab es 18 Teilnehmer. Es war Kalter Krieg, Deutschland von einer Mauer geteilt - und eine Schülerin aus dem Saarland sang "Ein bisschen Frieden". Was ging in Ihnen vor, kurz bevor Sie auf die Bühne gingen?

Nicole: Will ich das überhaupt?

einestages: Bitte?

Nicole: Doch, dieser Gedanke war wirklich da. Und dann: Was für ein Unsinn, du bist nicht diesen weiten Weg gegangen, um kurz vorher zu kneifen. Verdammt noch mal, jetzt haust du die alle weg! Danach war nur noch Stolz, Freude, Überschwang.

einestages: Sie haben eine ganze Grand-Prix-Nation vom Trauma des Nie-Gewinnenkönnens befreit. Was macht das mit einer 17-Jährigen?

Nicole: Ich hatte mich zehn Jahre darauf vorbereitet.

Als sie da saß, das Kleid und die weiße Gitarre und die Sehnsucht in den Augen, da konnte man Nicole für zerbrechlich halten. Aber da saß auch ein Mädchen, das schon seit mehr als zehn Jahren Musik machte. Das es im Jahr zuvor mit "Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund" auf Platz zwei der deutschen Charts geschafft hatte. Die sich Monate vorher ausgemalt hatte, was mit ihr passieren würde, wenn sie gewänne. Die Fanpost, das Reisen, das Geld. Und die eine Vorahnung hatte.

Nicole: Ich hatte es im Gefühl, dass das Lied funktioniert.

einestages: "Ein bisschen Frieden" wurde nicht nur gelobt. Es gab auch Stimmen, die den Ralph-Siegel-Song für ein naives Antikriegslied hielten. Wie sehr war das Ihr Lied?

Nicole: 100 Prozent. So ein Lied passiert einem nur einmal im Leben. Ich gehe sogar noch weiter: Es ist ein Jahrhundertlied. Es wird nicht alt. Der Inhalt ist aktuell, denn der Wunsch nach Frieden wird immer ungebrochen sein. Ich singe es immer noch mit der gleichen Inbrunst.

einestages: Das Lied war in ganz Europa erfolgreich, in Japan, es gab Gold und Platin. Wie haben Sie das mit der Schule gemacht?

Nicole: Ich war sechs Wochen überhaupt nicht in der Schule, meine Aufgaben habe ich entweder im Flieger oder im Hotel erledigt. Damals gab es noch Telex, diese elektronischen Telegramme auf Speckpapier, da waren die Aufgaben drauf.

einestages: Der Ausnahmezustand wurde zum Normalzustand. Mit teilweise unangenehmen Folgen. Zeitungen haben Bilder von Ihnen gedruckt, auf denen Sie auch mal ein Kind im Arm hielten. Fotomontagen.

Nicole: Die Zeitungen haben mir diverse Schwangerschaften unterstellt in der Hoffnung, mal einen Treffer zu landen. Ich habe gefühlt 34 Babys. 1997 kam meine zweite Tochter zur Welt. Und weil ich keine Fotos freigab, wurden eben welche gefälscht. Mittlerweile wird es akzeptiert, dass ich mein Kind aus der Öffentlichkeit heraushalten will.

einestages: Ihr neues Album heißt "Jetzt komm ich". Dabei sind Sie doch schon 30 Jahre dabei.

Nicole: Es geht nicht um mich. Ich habe das Album für Menschen geschrieben, die ein Leben lang immer nur für andere da sind, für andere schuften. Für die sage ich stellvertretend: Stopp, jetzt bin ich an der Reihe!

einestages: Seid egoistisch! Ist das die Botschaft?

Nicole: Denkt an euch selbst. Lasst euch nicht ausnutzen. Also durchaus im egoistischen Sinn.

einestages: Wann haben Sie selbst mit diesem Egoismus angefangen?

Nicole: Zu spät. Vielleicht vor fünf oder sechs Jahren. Ich war immer eine Weltverbesserin und bin es eigentlich immer noch. Ich will, dass es allen gut geht. Als ich jung war und der große Erfolg begann, wollte ich am liebsten jedem was von meinem Glück abgeben.

einestages: Der große Erfolg kommt Anfang der Achtziger. "Ein bisschen Frieden" wird in sieben Sprachen aufgenommen und verkauft sich millionenfach. Die Meldung einer Zeitung 1982, Sie hätten das Lied auch in Bengalisch und Suaheli eingesungen...

Nicole: ...stimmt nicht. Japanisch hätte ich mir aber noch zugetraut.

Nicole spricht plötzlich Japanisch.

Nicole: Mein Name ist Nicole und ich freue mich sehr, heute Abend hier zu sein. So habe ich 1983 bei einem Konzert in Tokyo die Fans begrüßt.

einestages: Wann wussten Sie, dass Sie Sängerin werden wollten?

Nicole: Mit sieben habe ich meinen ersten Talentwettbewerb bestritten, gleich gewonnen und dann beschlossen: Das ist mein Weg.

einestages: War es der Sieg? Die Anerkennung?

Nicole: Es war der Applaus. Dieses Geräusch hat mich fasziniert. Von da an wollte ich nicht mehr von der Bühne runter.

einestages: Stimmt die Geschichte mit dem Fernseher?

Nicole: Ja, 1980, ein Jahr vor "Flieg nicht so hoch, kleiner Freund", gab es bei einem Talentwettbewerb als ersten Preis einen Schwarzweißfernseher. Ich war 15 und wollte den unbedingt haben. Einen eigenen Fernseher! Ich bin da mit meiner Gitarre hin, und tatsächlich: Es funktionierte.

Nicole ist heute 47, sie ist mit ihrer Jugendliebe verheiratet, hat zwei Kinder und lebt immer noch im Saarland. Glücklich sei sie, sagt die Sängerin, die 17-mal die Hitparade gewonnen hat. "Auch das war immer einer dieser Kindheitsträume, mal bei Dieter-Thomas Heck aufzutreten." Und natürlich wurde er wahr.

Man fragt sich, wo die Rückschläge sind in dieser 30-jährigen Karriere - da erzählt sie plötzlich die Geschichte einer Demütigung. Auch die hat mit dem Eurovision Song Contest zu tun. Im vergangenen Jahr fand dieser in Düsseldorf statt, es war Lenas Titelverteidigung. All die deutschen Grand-Prix-Helden waren da, Katja Ebstein, Lena Valaitis, Mary Roos. Nur eine hatte man nicht eingeladen: Nicole.

Nicole: Stellen Sie sich vor, es ist Fußball-WM in Deutschland, und Franz Beckenbauer oder Uwe Seeler fehlen auf der Tribüne. Normalerweise müssten doch die Grand-Prix-Sieger in der ersten Reihe sitzen. Ich wäre auch durch die Hintertür gekommen. Für mich war das eine Frage des Anstands.

einestages: Kann man daraus auch ableiten, dass Sie nicht mehr für Deutschland beim ESC antreten werden?

Nicole: Ja. Ich weiß ja, wo ich auf der Wertschätzungsskala stehe.

Das Interview führte Christian Gödecke

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1.
Michael Sax, 25.05.2012
Nicole sollte wegen des Eklats im vorigen Jahr nicht verbittert sein. Wenn es auch keine Größe zeigt, so ist es menschlich durchaus verständlich, das die Grand-Damen des deutschen Schlagers immer noch neidvoll auf sie blicken, weil sie das erreichte, was ihnen verwehrt blieb. Den Sieg im Chanson de Eurovision. Damals war es für eine deutsche Teilnehmerin noch ungleich schwerer, den Sieg nach Hause zu fahren, denn eine unbarmherzige Jury, die mit deutschen Interpreten per se nicht viel am Hut hatte, ließ die meisten schon vorher verzweifeln und auch 1982 hatte man dieses junge Mädchen aus dem Saarland ganz sicher nicht auf dem Zettel. Mag sein, dass die Zeit etwas half, eine Zeit der Umbrüche und vor allem eine Zeit, in der sich die Menschen Europas nichts sehnlicher als Frieden und Sicherheit wünschten und dann kam plötzlich ein Mädchen daher, das ihnen länderübergreifend direkt aus dem Herzen zu singen schien. Das machte den Sack zu und jeder der damals vor dem Fernseher saß, ob noch schwarz-weiß oder bereits Color, würde lügen, wenn er behauptete, ihr Gesang hätte ihn nicht berührt. So mussten wohl auch die Juroren gedacht haben, als sie sie auf den ersten Platz katapultierten. Dass Nicole auch nicht als Gast mehr am Grand Prix teilnehmen möchte, ist auch nur zu verständlich. Das DSDS-Verfahren hat auch dort längst Einzug gehalten, es kommt nicht mehr auf das Talent-, sondern vielmehr darauf an, wie gut der Interpret bei der aktuellen Generation ankommt. Ein Trällerliedchen wie Lenas Satellite wäre in den eighties wohl eher unter ferner liefen gelandet und es spricht nicht gerade für Raabs Realitätssinn, sie als Titelverteidigerin erneut ins Rennen zu schicken. Auch für ein so erfolgreiches Duo gilt die Formel, dass Erfolg nicht beliebig oft reproduzierbar ist, vor allem nicht bei einer Generation, die ihre Helden schneller tauscht, wie ihre Unterwäsche. Und selbst wenn sich in dreißig Jahren noch jemand an die Siegerin von 2011 erinnern sollte, so wird es dennoch "Ein bisschen Frieden" sein, das einem wohl sofort in den Sinn kommen wird, wenn man an die kargen deutschen Siege des Chanson de Eurovision zurückdenkt. An eine Zeit, in welcher man noch reales Talent brauchte, um überhaupt im vorderen Drittel zu landen und es nicht genügte, einfach eine momentane Sympathiefigur zu sein.
2.
Adolf Braun, 25.05.2012
Das Jahrhundertlied ist schon so lange tot, wie Nicole nicht mehr gespielt wird. Meine Musik ist das sowieso nicht, aber "Rosamunde" und "Er gehört zu mir" machen wenigstens noch gute Laune bei den Schlagerfans. Der mir peinliche Friedenssong steht inhaltlich eher für Schnauze halten , lieb sein und nicht streiten. Sorry Nicole, aber diese Zeit ist Gott sei Dank vorbei.
3.
Volker Altmann, 25.05.2012
Das ist schon eine harte Aussage, wenn man bei der Punktevergabe von Ostblockmafia spricht. Es war schon immer so, dass gewisse Länder sich Punkte zugeschoben haben. Auch vor der Öffnung nach Osten. So wie es den umgekehrten Fall gibt. Ein Punkt aus Österreich für Deutschland - auch das war in den meisten Fällen bisher ein fester Bestandteil des Programms. Der ehemalige Grand Prix, heute ESC genannt, ist immer mehr zu einer Kultveranstaltung geworden, bei der die bunte Show mehr zählt, als das bierernste Geifern nach Punkten. Wenn sich so viele Völker zu einer solchen Veranstaltung treffen, dann sollte man sich über den positiven Effekt für die Völkerverständigung freuen und nicht neidisch die Punktevergabe kritisieren. Dass Nicole, wie im Bericht erwähnt, nicht eingeladen war, hat doch mit Sicherheit einen tieferen Grund. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sie einfach so vergessen hat. Und mit ihrer Meinung, das sei nicht mehr "ihre" Veranstaltung, zeigt sie sich für mich etwas verbiestert. Die Zeiten ändern sich nun mal. Das musste auch ein Ralph Siegel feststellen, früher abonniert von deutscher Seite für diesen Wettbewerb. Sein Lied für San Marino fiel diese Woche im Vorentscheid durch. Irgendwie erinnert Nicole mich an Lothar Matthäus in ihrer beleidigten Art. Niemand zollt dem Star genug Respekt.
4.
Volker Altmann, 25.05.2012
Was noch auffällt: Das ist schon Realsatire. Zitat Nicole: "Der Inhalt ist aktuell, denn der Wunsch nach Frieden wird immer ungebrochen sein." "Verdammt noch mal, jetzt haust du die alle weg!" Herrlich!
5.
Jens Nurenberg, 26.05.2012
Ich würde wegen der Nicht-Einladung gerne mal die andere Seite (sprich: ARD) hören. Soll nämlich hauptsächlich an ihr gelegen haben, wie ich damals gelesen habe. Die Gute ist wohl manchmal etwas zickig ?! "Verdammt, jetzt haust du die alle weg!" vor einem "Bischen Frieden-Lied" finde ich sooooo geil! ;-)
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