Nie gefasste Serienkiller Tod ohne Ende

Sie töten in Serie und versetzen ganze Landstriche in Angst: Derzeit fahndet die New Yorker Polizei nach einem möglichen Serienmörder, doch der Erfolg ist ungewiss. In der Vergangenheit gab es immer wieder Täter, die jahrelang die Ermittler narrten, ihre Morde sogar ankündigten - und nie gefasst wurden.

Corbis

Von und


In der Nacht zum 19. März 1919 schwappte der Klang von Jazz durch die dunklen Straßen von New Orleans. Es muss eine wahre Kakophonie gewesen sein. Denn jeder, der ein Instrument halten konnte, spielte. Professionelle Jazzbands ebenso wie Hausmusikorchester und Amateure. Etliche Combos tönten in überfüllten Tanzlokalen, in Bars und Wohnzimmern. Bis in den äußersten Winkel der Stadt wurde aufgespielt. In dieser Nacht musizierten die Bürger von New Orleans um ihr Leben.

Zwei Tage zuvor hatten die lokalen Medien Post bekommen. Der Absender behauptete, er sei der "Axeman of New Orleans" und verkündete, er würde um Punkt 15 Minuten nach Mitternacht einen Menschen töten - aber all jene verschonen, die sich in einem Gebäude aufhielten, in dem Jazz gespielt wird. Ob der Brief nur der schräge Scherz eines Musikfans war oder tatsächlich vom Axeman stammte, wusste keiner. Ein Risiko eingehen wollte dennoch niemand - der Axeman versetzte die Einwohner von New Orleans bereits seit einem Jahr in Angst und Schrecken.

Die Vorgehensweise des Serienkillers aus Louisiana bot Stoff für Panik und Alpträume: Um Mitternacht herum verschaffte er sich im Schutze der Dunkelheit Zugang zu den Häusern seiner Opfer und schlich neben ihr Bett. Viele wachten erst auf, als der Mörder bereits mit seinem Beil ausholte. Zwölf Bürger von New Orleans attackierte der Axeman auf diese Art. Dabei machte er auch vor Kindern und Schwangeren nicht Halt. Acht Menschen starben, unter ihnen ein zweijähriges Mädchen, das in den Armen seiner Mutter geschlafen hatte.

Popkulturphänomen und Sinnbild für das Böse

Besonders in den USA scheinen Serienkiller ein Sinnbild für das Böse zu sein, das unter der Oberfläche der Gesellschaft lauert. Die Gesichter von Charles Manson oder Ted Bundy wurden als Ikonen des Wahnsinns von der Popkultur vereinnahmt. Filme wie "Sieben" oder "Das Schweigen der Lämmer" glorifizieren Serienmörder zu genialen Bestien. Brett Easton Ellis' Killer-Portrait "American Psycho" wurde zu einem umstrittenen Bestseller. Die Ausflüge in den Verstand der Mörder sind dennoch weit mehr als ein Rezept für die Unterhaltungsindustrie oder ein flüchtiges Mittel, um Gänsehaut zu generieren. Sie sind ein Weg, das Böse zu bannen - ob nun auf eine Kinoleinwand, zwischen zwei Buchdeckel oder in den Schnappschuss von einem Mann mit irrem Blick und blasser Hakenkreuz-Narbe auf der Stirn.

Schwieriger ist das bei den Serienkillern, die nie gefasst werden. Zu ihnen gehört der "Axeman of New Orleans". Die Polizei fahndete mit Hochdruck nach dem Irren mit dem Beil, der 17 Monate lang die Stadt terrorisierte. Gefunden wurde er nie. Der "Axeman of New Orleans" schlug zwar nie wieder zu, seine Legende indessen schrieb sich in das kollektive Bewusstsein der Stadt ein und ist bis heute in den gesamten USA bekannt.

Die Angst davor, dass Serienmörder nie gefasst werden oder unerkannt unter uns weilen könnten, zeigt sich auch in einem aktuellen Fall aus den USA. In den vergangenen Monaten hat die Polizei von New York zehn Leichen am Strand von Long Island, dem Sommerrefugium betuchter Big-Apple-Bürger, entdeckt. Unter dem Druck von Presse und Öffentlichkeit suchen derzeit mehr als 125 Polizisten und Detektive nach dem Long-Island-Killer. Dass sie ihn finden, ist dennoch nicht gesagt.

Serienkiller und Selbstvermarkter

Selbst einer der bekanntesten und unheimlichsten Serienmörder in den USA wurde trotz Jahrzehnte andauernder Ermittlungen nie gefasst, versetzte aber eine ganze Stadt über Jahre in Angst und Schrecken: der Zodiac-Killer.

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Nie gefasste Serienkiller: Tod ohne Ende

Dabei dauerte die Serie von Morden, die dem Unbekannten zugeschrieben werden, nicht einmal ein Jahr. Zwischen Dezember 1968 und Oktober '69 ermordete er im Raum San Francisco fünf Menschen, zwei weitere überlebten verletzt. Doch dann passierte etwas Erstaunliches: Der Zodiac-Killer wandte sich in offenen Briefen an die lokalen Zeitungen und begann sich geschickt als krankes Genie und Medienstar samt Logo und Markennamen zu inszenieren.

Am 1. August 1969 schickte er Briefe an drei lokale Zeitungen. In die Umschläge steckte jeweils einen Teil einer verschlüsselten Botschaft aus Symbolen und Buchstaben, die angeblich die Identität des Killers verraten sollte. In einem beiliegendem Anschreiben wurden die Redaktionen aufgefordert, den Code am nächsten Tag auf der Titelseite abzudrucken - sonst würde er "das gesamte Wochenende herumfahren und in der Nacht einsame Menschen töten, dann weiterfahren, wieder töten, bis ich über das Wochenende ein Dutzend Menschen umgebracht habe".

Die verschlüsselte Nachricht wurde gedruckt und löste einen wahren Rätsel-Hype in der Bevölkerung aus. Eine Woche später war die Botschaft entschlüsselt - jedoch nicht von den Spezialisten von FBI oder Polizei, sondern von einem Ehepaar aus Salinas. Offenbart wurde allerdings nicht der Name des Täters, sondern eine abstruse Erklärung für seine Morde: "Ich mag es, Menschen zu töten, weil es so viel Spaß macht. Mehr Spaß als Wild in den Wäldern zu töten. Weil der Mensch das gefährlichste Tier von allen ist." Und: "Das beste daran ist, wenn ich sterbe, werde ich im Paradies wiedergeboren und alle, die ich getötet habe, werden meine Sklaven." Unterzeichnet war der Brief mit einer Art Fadenkreuz.

In seinem nächsten Brief lieferte der Serienkiller auch noch einen Namen zum Logo: "Lieber Redakteur", schrieb er, "hier spricht Zodiac". Eine Werbeagentur hätte sicherlich keinen besseren Weg gefunden, einen Killer berühmt zu machen, als dieser Selbstvermarkter, der sich nach dem astrologischen Tierkreis benannt hat. In einem Brief vom April 1970 forderte er gar, dass Menschen beginnen sollten, Zodiac-Buttons zu tragen.

Ein gespenstischer Prozess

Doch erst als der Killer laut dem heutigen Stand der Ermittlungen längst aufgehört hatte zu töten, wurde ein gespenstischer Prozess in Gang gesetzt: Die Schöpfung eines Mythos durch ein vollständiges Aufgehen des Killers in der Gesellschaft. Auch wenn er offenbar nicht mehr tötete, sandte Zodiac noch bis Mitte der siebziger Jahre weiter Nachrichten, darunter sogar Weihnachtskarten, an Zeitungen und Ermittler. Darin drohte er unter anderem, Bomben zu legen und alle Kinder in einem Schulbus auszulöschen. Doch nichts passierte. Stattdessen begann er, sich selbst Morde zuzuschreiben, die er gar nicht begangen hatte und schürte damit die Angst der Bevölkerung. Insgesamt, prahlte Zodiac, habe er 37 Menschen getötet. So wurde er zu einem bösen Geist, der überall und nirgends zuschlug. Zugleich begannen auch Mitläufer Briefe im Namen Zodiacs zu schreiben, mindestens zwei Mörder ahmten die Taten nach, ein Täter hinterließ 2008 gar das Zeichen des Tierkreis-Mörders am Tatort.

Natürlich wurden dem Phänomen Zodiac auch in der Popkultur Denkmäler gesetzt: Bereits 1971 inspirierte er die Figur des Scorpio-Killers in "Dirty Harry". 2007 nahm sich "Sieben"-Regisseur David Fincher der Geschichte des Serienkillers in seinem Film "Zodiac" an.

Der Wunsch, dem unheimlichen Phantom doch noch auf die Spur zu kommen, scheint bis heute ungebrochen. Auch rund vierzig Jahre nach seinen Verbrechen haben die Ermittler die Suche nach dem Phantom nicht aufgegeben. Auf der Website der Polizeistation von Vallejo, dem Ort, in dem der Zodiac-Killer das zweite Mal zugeschlagen hatte, gibt es bis heute einen Link für Menschen, die Hinweise auf die Verbrechen geben möchten.

Die Fälle des "Axeman of New Orleans" und des Zodiac-Killers sind nicht die einzigen Mordserien, die niemals aufgeklärt werden konnten. Und in einem Artikel der "New York Times" zu dem aktuellen Fall auf Long Island macht Vernon J. Geberth, ein Autor und ehemaliger Leiter der New Yorker Mordkommission, keine großen Hoffnungen, dass dank moderner Ermittlungstechniken alle Serienkiller gefasst werden könnten. Der Grund: Es gebe heute einfach mehr Serienmörder als jemals zuvor. Und dafür hat er eine einfache Erklärung - die Popkultur: "Wir haben den verwerflichsten Mitgliedern unserer Gesellschaft die Aura von Stars verliehen. Wir haben eine Generation von Psychopathen herangezogen."



insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Wolfgang Göller, 13.05.2013
1.
In ihrer Reihe "Nie gefasste Serienmörder" ist Ihnen ein Fehler unterlaufen. Das "Phantom von Heilbronn", die Frau ohne Gesicht" ist der Nationalsozialistische Untergrund (NSU). Bei den Tätern wurde auch die in Heilbronn verwendete Waffe, eine tschechische Česká aufgefunden. Ebenfalls sichergestellt wurden die entwendeten Dienstwaffen der Heilbronner Opfer.
Till Neumann, 06.06.2013
2.
>In ihrer Reihe "Nie gefasste Serienmörder" ist Ihnen ein Fehler unterlaufen. Das "Phantom von Heilbronn", die Frau ohne Gesicht" ist der Nationalsozialistische Untergrund (NSU). Der Artikel über die Serienmörder ist von 2011, als noch niemand etwas vom sog. "NSU" gehört hatte. Sie haben aber Recht, dass die Bildunterschrift nach der zwischenzeitlichen Erkenntnis einen Beigeschmack hat.
Franco Gallottini, 11.09.2015
3. Perversionen. .
Es ist eine Perversion das mehr Menschen in den USA den Namen Charles Manson und Ted Bundy kennen als Luis Pasteur. Auch in Europa beginnt das Phänomen langsam auf zu kommen. Muss man Menschen die nichts anderes geschafft haben als durch Mord aufzufallen auch noch adeln? Handhaben wir es doch wie in den Harry Potter Romanen, "Du weißt schon wer!" Du weißt schon wer, der Copilot, Du weißt schon wer, der auf der Insel die Kinder erschossen hat. Diese Mörder haben nichts relevantes in ihrem Leben geschaffen um das Recht zu haben in den Geschichtsbüchern einen Platz zu bekommen.
Wajda Khanjari , 13.11.2017
4. Sensationssucht
"Der Wunsch, dem unheimlichen Phantom doch noch auf die Spur zu kommen, scheint bis heute ungebrochen." Ist dem Journalisten entgangen uber was er eigentlich schreibt oder lebt er in einer Phantasie-Welt und meint er es ist fuer GoT. Es handelt sich um Mord-Serien und Moerder, die ueber Leben + Tod anderer Menschen entscheiden und mit brutalsten Mitteln zu Werke gehen. Zurueck bleiben Opfer und traumatiserte Angehoerige. Dieses verniedlichende Geschreibsel ist erschreckend infantil.
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