Nirvana in München Das letzte Idol

Es war das letzte Konzert der Kultband aus Seattle: Am 1. März 1994 traten "Nirvana" in München auf - einen Monat später erschoss sich Sänger Kurt Cobain. Thomas Moser erinnert sich an einen legendären Auftritt.


Gut 3000 Leute reagierten schneller als der Rest der Welt. Sie sicherten sich Tickets für das erste von zwei geplanten Münchner Konzerten der Kultband Nirvana aus Seattle. Ich gehörte dazu.

Am 1. März 1994 stand die Band zum dritten Mal seit 1989 auf einer Münchner Bühne. Das erste Mal hatte das Trio noch als Vorgruppe von Sonic Youth die Songs ihres Debutalbums "Bleach" lautstark präsentiert, beim zweiten Termin 1991 erzitterte das "Nachtwerk" unter den Klängen von "Smells like Teen Spirit". Aber der Auftritt in dem kleinen Club war auch der einzige Gig im Rahmen der "Nevermind"-Tour in München gewesen, der Hunger nach der Band war dementsprechend gross.

1994 war es für das Trio an der Zeit, ihr drittes Werk "In Utero" mit einer großen Europa-Tournee zu bewerben. Im Grunde kein einfaches Unterfangen, denn nach einem Meilenstein wie "Nevermind" kommerziell nochmal eine Schippe draufzulegen, schien fast unmöglich. Dem Run auf die Konzerte tat das jedoch keinen Abbruch.

Das "Terminal Eins" explodiert

Der Abend im "Terminal Eins" im ehemaligen Flughafen München-Riem startet mit einer weitaus älteren Kultband: den Melvins. Nirvana-Sänger Kurt Cobain war seit jeher Fan der Band, sein erstes Demo entstand im Proberaum der Melvins - doch deren Musik hatte keine Chance auf einen Durchbruch im Mainstream.

Das Publikum an diesem Abend sieht das ähnlich: Die älteren Semester erfreuen sich an den Melvins, die Jüngeren zucken verständnislos mit den Achseln und warten auf ihr Idol Cobain. Das führt zu verächtlichen Blicken der Älteren wie mir, war man doch schon länger Independent- und Alternative-"Kenner" und hatte Nirvana wenigstens schon einmal vorher gesehen.

Um 21 Uhr geht das Licht aus, das "Terminal Eins" explodiert unter dem Gekreische sämtlicher Anwesenden. Aber Nirvana machen es den Fans nicht leicht, starten mit einem unbekannteren Song, bevor sie auf Material von "Nevermind" und "In Utero" zurückgreifen. Kurt Cobain war seine Lustlosigkeit anzumerken; er tat, was er tun musste - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Textsicher wie bei einem Ärzte-Konzert

Flankiert wurde er von dem damals noch unterschätzten Dave Grohl am Schlagzeug nebst Krist Novoselic am Bass. Bei den ruhigen Songs wie "Penny Royal Tea" kam noch eine Cellistin auf die Bühne. Das Schöne am Ganzen: Die Songs bestimmten die Show, nicht optische Effekte.

Ich kann nicht mehr mit Sicherheit sagen, ob die transparente Dame des "In Utero" Albumcovers mit auf der Bühne stand, oder ich die Statue nur noch aufgrund des MTV-Specials in Erinnerung habe. Aber das Publikum war textsicher wie ansonsten nur auf Konzerten der Ärzte, und die ersten 15 Reihen warfen sich ordentlich ins Getümmel. Ein schöner Konzertabend in einer Zeit, in der Crossover, Grunge und Metal unter dem Mantel "Alternative" in Beschlag genommen wurden und sich die Plattenfirmen an den CD-Verkäufen dumm und dämlich verdienten.

Nach einer guten Stunde verließen Nirvana zum ersten Mal die Bühne. Natürlich wartete jeder im Saal gespannt darauf, ob "Smells like Teen Spirit" noch gebracht werden würde oder nicht. Konzertberichte aus den USA verhießen im Vorfeld nichts Gutes. Und tatsächlich: Nach der damals aktuellen Single "Heart-Shaped Box" war Schluss. Pfiffe, Unmutsbekundungen, die aber nur kurz andauerten.

Ausgepowertes Wrack

Das Licht ging an, und 3000 verschwitzte Leiber pressten sich nach und nach aus dem Terminal in den Regen. Es war keiner der Auftritte, die man unter der Rubrik "meine drei besten Konzerte aller Zeiten" ablegt, aber doch der grundsolide Gig einer Band, der man nicht ansah, dass sie fertig war, ausgepowert und der Sänger ein Wrack.

Erst später erfuhr ich von den Absagen der restlichen Tournee und freute mich insgeheim diebisch, dass ich mich nicht für den zweiten Konzerttermin einen Tag später entschieden hatte. Dann kam der Schuss, mit dem Sänger Cobain seinem Leben ein frühes Ende setzte - und die Erkenntnis, dass ich bei diesem Konzert Zeuge eines historischen Moments geworden war.

Es war das letzte Konzert des vermutlich letzten Idols meiner Generation.



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Mathias Erber, 11.04.2008
1.
Ich war auch bei diesem Konzert, ich war einer der jüngeren Besucher, die sich ihr Idol das erste und letzte mal in "Echt" angeschaut haben. Ich weiß es noch wie heute, ich war 13 Jahre alt und hatte mir dieses Konzert zur Firmung gewünscht. Mein damals bester Freund hatte sich das gleich gewünscht, so das wir beide mit unseren Firmpaten unterwegs nach München waren, die wir allerdings angewiesen hatten, einen Mindestabstand zu halten um nicht uncool zu sein. Wir waren natürlich in der besten Grungeuniform unterwegs, zerissene Jeans und Holzfällerhemd. Da es bei uns beiden auch das erste Konzert war, fanden wir es äußerst überraschend, das die Leute zu Beginn der Melvins alle aufgestanden sind, und wir danach einfach zu klein für die Mitte des Saals waren. Wir haben uns dann bis ganz rechts vor den Lautsprecherturm gekämpft, wurden dann allerdings während der Melvins wieder abgedrängt. Egal, das Nirvanakonzert wurde schon beschrieben, für mich blieb diese Akkordeongeschichte noch negativ in Erinnerung, ansonsten ist dieses Konzert ein absolutes Nirvana in meinen Erinnerungen. Als sich Kurt Cobain dann erschossen hat, war das für mich der erste große Schock und die erste Berührung mit dem Tod in meinem ganzen Leben.
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