Nixon gegen Chruschtschow Kalter Krieg in der Küche

In einem Satz von der Waschmaschine zur Atombombe: Als sich US-Vize Nixon und Sowjetchef Chruschtschow vor 50 Jahren in Moskau trafen, hatten sogar Haushaltsgeräte politischen Sprengstoff. Die Politiker stritten in einer Modellküche - und warfen alle Regeln der Diplomatie über Bord.

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Lila angelaufene Venen zeichnen sich auf Nikita Chruschtschows Glatze ab, sein Hals ist rot angeschwollen. Der Regierungschef der Sowjetunion ist in Rage: "Drohungen werden wir mit Drohungen beantworten", poltert er. Doch sein Gegenüber, der junge amerikanische Vizepräsident Richard Nixon, kontert hart. Er setzt dem mächtigsten Mann Russlands tatsächlich seinen Zeigefinger auf die Brust: "Keine Seite darf der anderen ein Ultimatum stellen", sagt er mit größter Bestimmtheit. Kamerablitze halten diese berühmte Geste fest.

Es ist ein groteskes Szenario, in dem die beiden Staatsoberhäupter erstmals aufeinandertreffen, am 24. Juli 1959 - mitten im Kalten Krieg. Nixon war für elf Tage nach Moskau gereist, um eine amerikanische Nationalausstellung im Rahmen eines Kulturaustausch-Programms zu eröffnen. Offiziell sollte das Verständnis zwischen den beiden verfeindeten Nationen gefördert werden, doch in erster Linie wurde Propaganda gemacht: Von amerikanischer Seite durch die scheinbar unerschöpfliche Vielfalt an Konsumgütern auf der Messe; von den Moskauern durch die unablässige Warnung vor dem Blendwerk des Kapitalismus.

Und nun standen sie, ganz so als seien sie im falschen Film, in der Küche eines amerikanischen Modellhauses, das auf der Messe aufgebaut worden war. Was folgte, waren vielleicht die "unglaublichsten 24 Stunden" der Friedensdiplomatie, wie das "Time Magazine" am 3. August 1959 optimistisch textete. Tatsächlich war das Aufeinandertreffen - der Kulturen genauso wie der Staatsmänner - ein unkonventioneller Durchbruch: Es war das erste Mal, dass die Amerikaner die Möglichkeit bekamen, so direkt an die Moskauer Bevölkerung zu appellieren.

Schönheitsbehandlungen, Putzroboter und Sarkasmus

Deswegen hatten die Amerikaner schwere Geschütze aufgefahren. Diashows von amerikanischen Highways, Supermärkten und Elite-Universitäten flimmerten farbenfroh an den Wänden; ein Glaspavillon protzte mit schicken Pumps - mit und ohne Absatz, mit Farbfernsehern, Spülmaschinen, Backmischungen und Rasenmähern bis hin zu Cadillac-Luxuskarossen.

Die weiblichen Besucher konnten sich von einer Schönheitsbehandlung der Kosmetikfirma Helena Rubenstein verwöhnen lassen - und das taten sie in Scharen. Mindestens 2,7 Millionen Schaulustige sollten die Ausstellung in den kommenden sechs Wochen bestaunen. Sogar ein Stückchen Science-Fiction hatten die Amerikaner mitgebracht: einen automatischen Putzroboter, der auf Knopfdruck den Boden reinigte. "Man braucht keine Hausfrau mehr", prahlte Nixon.

"Habt ihr auch eine Maschine, die Essen in den Mund steckt und es runterdrückt?", entgegnete Chruschtschow sarkastisch. Für ihn war klar, dass sich mit Sicherheit nur reiche Amerikaner den von Nixon propagierten Prunk leisten konnten. In der Sowjetunion hingegen, sagte Chruschtschow, bekomme jeder ein Haus, "der hier geboren ist" - und keiner müsse wegen Armut auf der Straße leben. Schnell entsponn sich eine Debatte über die Vor- und Nachteile der beiden Wirtschaftssysteme.

"Lasst uns Raketen vergleichen"

Und dann sagte Nixon einen folgenschweren Satz: "Wäre es nicht besser, bei der Leistung von Waschmaschinen zu konkurrieren statt bei der Stärke von Raketen?" Es war versöhnlich gemeint, und doch brachte es die Unterhaltung, die sich anfangs um Waschmaschinen, Zitronenpressen und Hausfrauen drehte, zum Explodieren. Sie wurde zu einer feurigen Debatte über Massenvernichtungswaffen. "Eure Generäle sagen: Lasst uns Raketen vergleichen." Wutentbrannt fuchtelte Chruschtschow mit seinem Zeigefinger. "Wir können euch in dieser Hinsicht auch noch etwas zeigen."

Fortan benahmen sich Nixon und Chruschtschow wie "zwei Halbstarke auf dem Schulhof", die einander stupsten, schubsten und die Finger nicht aus dem Gesicht des anderen lassen konnten, stellte der internationale Pressekorrespondent Korengold später fest. Kein Wunder, immerhin trafen hier zwei sehr dominante Politiker aufeinander: beide ehrgeizig, hochgradig ideologisch und aggressiv.

Chruschtschow war bekannt als grober und versoffener Tyrann, der, ohne zu Zögern, seine Rivalen erschießen ließ. Nixon, als republikanischer Vizepräsident noch am Anfang seiner politischen Karriere, wollte sich bei diesem Auslandsaufenthalt beweisen, um als ernstzunehmender Politiker Prestige zu ernten. Für ihn ging es auch um seine Nominierung als Kandidat für die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr. Schwäche, so glaubte Nixon, dürfe er unter keinen Umständen zeigen, sondern müsse Chruschtschow mit aller gebotenen Härte entgegentreten - und setzte ihm auf dem Bild, das um die Welt ging, den Zeigefinger auf die Brust wie eine Pistole.

Pepsi in der Ami-Küche

Die Bestimmtheit, die er Chruschtschow entgegengesetzt hatte, kam in Amerika tatsächlich gut an und bescherte ihm die Nominierung zur Präsidentschaftskandidatur. Für die Präsidentschaft reichte es 1960 dennoch nicht: Der demokratische Kandidat John F. Kennedy machte das Rennen - möglicherweise dank Chruschtschow. Dieser verzögerte nämlich die Auslieferung des gefangenen amerikanischen U2-Piloten Gary Power bis nach der Wahl, um die regierenden Republikaner und damit auch den amtierenden Vizepräsidenten Nixon schlechter dastehen zu lassen.

Dennoch: An diesem Tag in einer amerikanischen Küche in Moskau ging alles friedlich aus. Zwar war die Küchendebatte gewiss kein Lehrstück in vorbildlicher Diplomatie, die in den heißen Tagen des Kalten Krieges eigentlich gefragt war. Chruschtschows Dolmetscher sei während der Debatte nicht selten "knallrot geworden und zögerte" bei den Obszönitäten, die er übersetzen sollte, erzählte Nixon später stolz in seinen Memoiren. Beide Politiker machten "Fehler bei jedem Schritt", schrieb Chruschtschows Sohn Sergej später über die hitzige Debatte.

Trotzdem war das Streitgespräch ein Erfolg, eine erste, zaghafte Annährung der beiden Supermächte, die sich so unversöhnlich gegenüber standen. Große Teile des Wortgefechts wurden in beiden Ländern im Fernsehen ausgestrahlt - so konnte sich der Zuschauer ein eigenes Bild machen, wer bei diesem Wortgefecht zwischen dem "Anwalt des Kommunismus" und dem "Anwalt des Kapitalismus", wie Chruschtschow die Rollen in der Diskussion zusammenfasste, der Gewinner war.

Am Ende des Tages stießen Chruschtschow und Nixon sogar noch gemeinsam mit Champagner an. Selbst da hatten sie noch größte Probleme, sich zu einigen. Diesmal darauf, worauf sie trinken sollten. Auf den Frieden? Nein, auf den Rückzug aller Militärbasen im Ausland. Auf die Diskussion? Auf die Frauen? "Auf ein hundertjähriges Leben für Chruschtschow", rief dann ein vorlauter Kellner in die Runde. Nixon willigte ein. "Wir mögen uns uneinig sein, aber wir wollen doch, dass du bei bester Gesundheit bist." Doch Chruschtschow immer noch zögerlich: "Aber wenn ich die 99 erreicht habe, hören wir uns noch mal - wir wollen ja nichts übereilen."

Einen kleinen Sieg konnte Nixon trotzdem noch verbuchen. Chruschtschow war am Ende von Pepsi-Cola begeistert, die auf der Ausstellung reichlich floss. Ganze acht Flaschen soll er geleert haben, nachdem er überredet worden war, einen Schluck zu versuchen.



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Andrey Ditzel, 23.07.2009
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"Chruschtschow war bekannt als grober und versoffener Tyrann, der, ohne zu Zögern, seine Rivalen erschießen ließ." Der Satz ist völlig unkorrekt. Bekannt wurde Chruschtschow bereits zu diesem Zeitpunkt durch die Politik der Entstalinisierung. Die Chruschtschows persönlichen "Metoden" konnte man in der SU eher als weich und zivilisiertt charakterisieren... Keine Repressalien stalinistisches Ausmaßes! Das außenpolitische Bild Chruschtschows wirkt dabei ziemlich hart. Aber der Schein trügt. Chruschtschow ist eher ein einfacher Bauer (ohne Anstand) aber kein brutaler Tyrann.
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