Tierquälereien beim Filmdreh Tod vor laufender Kamera

"No Animals Were Harmed": Der berühmte Satz im Abspann zahlreicher Filme ist seit 2004 markenrechtlich geschützt. Ob das auch zu einem besseren Schutz von Filmtieren beiträgt, ist umstritten. Tierquälereien bei Dreharbeiten sind so alt wie das Kino.

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Hm, lecker, heut gibt's Kakerlake! In der US-Horrorkomödie "Vampire's Kiss" krallt sich Nicolas Cage 1988 eine Küchenschabe vom verdreckten Gasherd, um sie vor laufenden Kameras gierig zu verschlingen. Das Krabbelvieh zappelt noch zwischen den Fingern, als er es sich in den Mund schiebt. Jeder Muskel in seinem Kauapparat, sagt der Hollywoodstar hinterher, habe sich dagegen gesträubt, das Insekt herunterzuwürgen. Dafür, dass er es dennoch tat, wurde Cage von seinen Fans gefeiert - lange bevor sich abgetakelte Promis auf den Weg zu Dschungelprüfungen machten. Die Szene erlangte Kultstatus und bewahrte den nicht eben erfolgreichen Film vor dem Vergessen. Tierschützer freilich waren von Cages kulinarischer Mutprobe weniger begeistert.

Die American Humane Association (AHA) hatte die Dreharbeiten zu "Vampire's Kiss" zwar nicht begleitet. Nachdem Nicolas Cage sich allerdings in den Medien damit rühmte, für die Aufnahmen gleich mehrere Kakerlaken verdrückt zu haben, bewertete sie den Film mit dem Prädikat "unacceptable", also als "inakzeptabel". Die AHA, ursprünglich als wohltätige Organisation zum Schutz von Kindern und Tieren gegründet, überwacht bereits seit den Vierzigerjahren sämtliche Filmproduktionen, um zu verhindern, dass dabei Tiere zu Schaden kommen. Auslöser war damals ein öffentlicher Aufschrei nach dem tödlichen Sturz eines Pferdes bei den Dreharbeiten zu Henry Kings Western "Jesse James - Mann ohne Gesetz": Das Tier war für einen besonders spektakulären Stunt mit verbundenen Augen über eine Klippe getrieben worden.

Um so etwas in Zukunft zu verhindern, sollten ehrenamtliche AHA-Mitarbeiter fortan die Dreharbeiten von US-Produktionen begleiten. Dies verhinderte allerdings nicht, dass es in der Folge trotzdem zu skandalträchtigen Vorfällen kam. Zumal Filmproduzenten nicht verpflichtet waren, AHA-Kontrolleure am Set zuzulassen.

Pferd gesprengt, Hühner geköpft

1980 war es abermals ein Western, der die US-Öffentlichkeit in Aufruhr versetzte. Bei den Dreharbeiten zu Michael Ciminos "Heaven's Gate" wurde ein Pferd versehentlich in die Luft gesprengt, mehrere Hühner wurden geköpft, Hahnenkämpfe inszeniert. Auch die berüchtigten Stolpervorrichtungen, mit denen Pferde vor laufenden Kameras zum Stürzen gebracht wurden, kamen zum Einsatz. Crewmitglieder berichteten, dass Rindern Wunden zugefügt wurden, damit ihr Blut für Filmaufnahmen verwendet werden konnte.

Die AHA war bei den Dreharbeiten nicht zugelassen worden, bewertete den Film aufgrund dieser Schilderungen aber als "unacceptable" und rief zum Boykott auf. Mit Erfolg, wie sich rasch zeigte. Trotz einer imposanten Starbesetzung mit Kris Kristofferson, Christopher Walken, Isabelle Huppert, Jeff Bridges und John Hurt geriet das Westernepos zum finanziellen Desaster.

Für die AHA markierte die Kontroverse um "Heaven's Gate" den entscheidenden Durchbruch. Als Reaktion auf die horrenden Tierschutzverletzungen autorisierten die US-Schauspielergewerkschaft und der Dachverband der US-Filmproduzenten die AHA vertraglich dazu, ihre Filmproduktionen zu überwachen. Alle Produzenten, die mit der Screen Actors Guild oder der Alliance of Motion Picture & Television Producers zusammenarbeiten, müssen seit Beginn der Achtzigerjahre auch mit der AHA kooperieren. Ausgenommen unabhängig produzierte Filme wie Robert Biermans "Vampire's Kiss" - oder solche, die außerhalb der USA entstanden. Für internationale Produktionen blieb die Zusammenarbeit freiwillig.

"No Animals Were Harmed", es wurden keine Tiere verletzt - der berühmte Satz im Abspann ist seit 2004 ein geschütztes Markenzeichen der US-Organisation. Es darf nur bei Filmproduktionen verwendet werden, die das Zertifikat "Monitored Outstanding" erhalten, weil sie die Tierschutzrichtlinien der AHA vollständig erfüllen. Aber kann man sich darauf auch wirklich verlassen?

Riskanter "Schiffbruch mit Tiger"

Im Fall von Peter Jacksons "Der Hobbit - Eine unerwartete Reise" (Neuseeland 2012) beispielsweise verhielt sich die AHA für den Geschmack vieler Tierschützer zu passiv. Obwohl auf der Farm, auf der die Filmtiere untergebracht waren, derart miserable Bedingungen herrschten, dass mindestens 27 Pferde, Ziegen, Schafe und Hühner ums Leben kamen, vermied es die AHA, die Tolkien-Verfilmung als "inakzeptabel" zu klassifizieren. Nach Rücksprache mit der Produktionsfirma New Line Cinema seien die Zustände verbessert worden, hieß es. Am Set selbst sei der Umgang mit den Tieren vorbildlich gewesen. Der Streifen erhielt das Rating "Monitored: Special Circumstances".

Ein im Dezember 2013 im Branchenmagazin "The Hollywood Reporter" veröffentlichter Artikel warf der AHA gar vor, Missstände zu kaschieren. Hintergrund war eine vertrauliche E-Mail, an die der Journalist Gary Baum gelangt war. Darin berichtet die AHA-Mitarbeiterin Gina Johnson einer Kollegin von einem Vorfall während der Dreharbeiten zu Ang Lee's Oscar-prämiertem Drama "Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger". Eine Aufnahme, schreibt Johnson, sei völlig schiefgelaufen. King, der bengalische Tiger, habe im Wasser die Orientierung verloren und sei um ein Haar ertrunken.

Anstatt den Vorfall zu melden, spielte Johnson ihn herunter. Ihrer Kollegin schärfte sie ein, nur ja kein Wort darüber zu verlieren. "Life of Pi" kam mit dem begehrten Siegel "No Animals Were Harmed" in die Kinos. Wie sich später herausstellte, war Gina Johnson mit einem hochrangigen Mitglied des Filmproduktionsteams liiert. Die AHA hat die Zusammenarbeit mit Johnson mittlerweile beendet, die Zweifel an der Wirksamkeit ihrer Kontrollen aber sind geblieben.

Lebendigen Tintenfisch verspeist

Baum zählt im "Hollywood Reporter" eine Reihe von Unglücken auf, die passierten, obwohl AHA-Mitarbeiter vor Ort waren: tote Fische in Disneys "Fluch der Karibik" (2003), tote Pferde in der Fox-Produktion "Flicka" (2006), eine tote Giraffe in Frank Coracis Hollywoodkomödie "Der Zoowärter" (2011), ein zerquetschtes Streifenhörnchen, kranke Hunde…

Die Liste der Vorwürfe ist lang und wirft die Frage auf, inwieweit die AHA vor der Macht der Hollywoodstudios einknickt. Allerdings hatte keiner der genannten Filme das Zertifikat "No Animals Were Harmed" erhalten. Und so verführerisch die Vorstellung vom bösen Kommerzkino sein mag, auch in den Meisterwerken von John Ford ("Stagecoach"), Godard ("Weekend"), Tarkowski ("Andrej Rubljow"), Coppola ("Apocalypse Now") oder Lars von Trier ("Manderlay") erging es den Tieren oft nicht besser.

Einen besonders zynischen Beleg dafür lieferten Regisseur Chan-wook Park und Hauptdarsteller Min-sik Choi bei den Dreharbeiten zum vielfach preisgekrönten südkoreanischen Thriller "Oldboy" (2003), in dem Choi einen lebendigen Tintenfisch verspeist. Wobei "verspeisen" den Vorgang nicht wirklich wiedergibt. Choi, von dem es hieß, er sei gläubiger Buddhist und Vegetarier, zerfleischt den Oktopus, reißt ihn mit Zähnen und Händen in Stücke. Viermal musste die Szene gedreht werden. Bei einer der Aufnahme ist im Making-of zu sehen, wie jemand unter allgemeinem Gelächter Salz über den Tintenfisch streut. Einmal spricht Choi noch schnell ein Gebet, ein andermal entschuldigt er sich mit knappen Worten bei dem Tier, das sich in seiner Hand windet. Dann beißt er zu.

Zum Autor
  • Dr. Stefan Volk hat in Freiburg i. Br. und Madison, Wisconsin, Germanistik und Geschichte studiert. Anschließend hat er über Literaturverfilmungen promoviert und trotzdem nicht die Lust am Kino verloren. Er ist freier Filmkritiker und Autor des im Schüren Verlag erschienenen Buches "Skandalfilme - Cineastische Aufreger gestern und heute" sowie von "Was Sie schon immer über Kino wissen wollten". Weitere Infos: www.skandalfilm.net, facebook.com/skandalfilme und facebook.com/kinobuch.


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Ralf Ramge, 07.10.2014
1.
Lebende Tintenfische sind in Südkorea ein reguläres Essen in Restaurants. Ja, es mag westliche Empfindungen verletzen, aber es hört sich letztlich spektakulärer an, als es ist. Und über das Verspeisen von Austern meckert hierzulande ja auch niemand.
Karsten Dörmann, 07.10.2014
2. Asiatische Tierfreundlichkeit
Im Wesentlichen sehr traurige Geschichten. Im Auftrag der "Kunst" werden Lebewesen gequält oder sogar getötet. Im Grunde müssten solche Filme direkt auf dem Filmplakat oder der Disc-Hülle gekenntzeichnet werden. Aber das würden viele Film-Bosse wohl zu verhindern wissen. Bezüglich des letzten Beispieles über die Tintenfische in Oldboy bleibt nur zu sagen, dass gerade im Asiatischen Raum, Tiere kaum Mitleid bekommen und regelmäßig unter grausamen Bedingungen sterben müssen. Das tierische Leben hat leider in der asiatischen Kultur keinen hohen Stellenwert.
Martin Michaelis, 07.10.2014
3.
Das verspeisen von lebenden Insekten als Tierquälerei zu bezeichnen ist absurd. Auch die Sache mit dem Tintenfisch ist ein Vorgang wie er in der Natur ständig stattfindet. Die meisten Tiere werden mehr oder weniger lebendig gefressen.
Daniel Woehler, 07.10.2014
4. Die Liste der Filme ist lang
Die Liste der Filme in denen Tiere zur Unterhaltung gequält oder getötet werden ist lang. Selbst harmlose Filmchen mit Pierre Richard oder Louis de Funes strotzen von Tierquälereien (vor allem beliebt und "lustig": Autos fahren in Haufen von Hühnern). Da habe ich schon als Kind Abscheu empfunden und das geht mir bis heute nicht anders. Eigentlich gibt es da gar nichts zu diskutieren.....So etwas hat in Filmen nichts zu suchen. Trotzdem werden jetzt andere Foristen alles wieder relativieren und auf die Doppelmoral in Hinblick auf die Massentierhaltung hinweisen. Ein Übel mit einem anderen Übel zu relativieren heißt nur sich mit dem Übel abzufinden und dies letztendlich zu akzeptieren. Das ist ebenfalls inakzeptabel. Aber es gibt wohl genug Menschen, die Gefallen an so etwas haben.....schließlich werden mit den sog. Crushvideos, in denen Tiere gequält und brutal getötet werden, ein Millardenumsatz gemacht.
Sebastian Bath, 07.10.2014
5. Gute Sache aber bitte nicht übertreiben
Tiere unnötig zu quälen ist nicht akzeptabel. Aber Tiere die zB vor dem Schlachten gekauft wurden für einen Film zu töten finde ich nicht verwerflich. Unter der Bedingung, dass die Tiere nicht mehr leiden als im Schlachthof. Die Aufregung um lebendig verspeiste Kakerlaken finde ich Heuchelei. Geschätzt 99% der Menschen töten solche Insekten sobald sie stören. Für Fische gilt ähnliches, die werden lebendig im Netz gefangen und sterben elend während oder nach dem Fang. Alle.
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