No Man's Land Fort Das verfluchte Niemandsland

No Man's Land Fort: Das verfluchte Niemandsland Fotos
Gail Baird/131 Design Ltd.

Schlag ins Wasser: Aus Angst vor Napoleon III. errichteten die Briten im 19. Jahrhundert die Festung No Man's Land Fort. Militärisch blieb die Anlage unbedeutend, und auch spätere Versuche einer zivilen Nutzung scheiterten. Das Bauwerk trieb Investoren in den Ruin - oder an den Rand des Wahnsinns. Von Johanna Lutteroth

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Es war ein Akt der Verzweiflung. Im März 2008 verbarrikadierte sich der Immobilienentwickler Harmesh Pooni auf No Man's Land Fort, einer kleinen Festung mitten im Meer zwischen der Isle of Wight und der Südküste Englands. Kurz zuvor hatte er erfahren, dass mehrere Immobilienmakler das "außergewöhnliche Anwesen" aktiv vermarkteten. Er wusste sich nicht anders zu helfen und besetzte die kleine Insel. "Die Festung gehört mir, niemand hat das Recht sie zu verkaufen", rechtfertigte er seine Kurzschlusshandlung gegenüber der "Daily Mail", während rund um ihn die Wellen gegen die etwa 20 Meter hohen Außenmauern des Forts klatschten.

Der einsame, verzweifelte Mann auf der Niemandsland-Festung sorgte für einiges Aufsehen. Warum hing er so sehr an diesem alten Gemäuer, das von Ferne wie eine gigantische, rostige Konservendose aussieht, auf der ein Leuchtturm thront? In etlichen Medien kam Pooni zu Wort und wiederholte mantraartig seine Parole: Dass No Man's Land Fort zum Verkauf stehe, sei ein fataler Irrtum. Niemand habe das Recht, sein Eigentum zu verscherbeln. "Wie lange ich hier aushalte? So lange es sein muss", sagte er der BBC.

Der Fall Pooni reiht sich nahtlos in die trostlose Geschichte von No Man's Land Fort - zu Deutsch Niemandsland-Festung - ein. Niemand hat auf der rauen Festungsinsel inmitten der Meerenge Solent je Fuß gefasst. Alle, die sich daran wagten, scheiterten grandios. Millionen von Pfund steckten wechselnden Eigentümer in den vergangenen 150 Jahren in den Bau, den Erhalt und in etliche Umbaumaßnahmen des Forts, ohne es jemals längerfristig zu nutzen. Von Anfang an war No Man's Land Fort ein verfluchtes Groschengrab, das so manchen an den Rand des Wahnsinns trieb. Pooni war der Erste und der Einzige, der sein Scheitern öffentlich machte und seine Verzweiflung laut herausschrie.

Grandiose Fehlplanung

Premierminister Lord Palmerston hatte den Bau von No Man's Land Fort gemeinsam mit drei anderen Seefestungen (Spitbank Fort, Horse Sand Fort und St. Helens Fort) Anfang der 1860er Jahre in Auftrag gegeben. Ihn Trieb die Sorge, Napoleon III. plane eine Invasion in Großbritanniens. Die Kette der Forts sollte die französischen Schiffe aufreiben, bevor sie die britische Küste erreichten. Doch schon während der Bauzeit zeichnete sich ab, dass die Seefestungen eine grandiose Fehlplanung waren.

Bereits 1870 hatten die Franzosen Napoleon III. mit Schimpf und Schande vom Thron gejagt. Eine mögliche Invasion der Franzosen war in weite Ferne gerückt. Zudem hinkten die Forts dem technischen Fortschritt weit hinterher. Schon bald trugen sie den Spitznamen "Palmerston's Follies" - Palmerston's Dummheiten-, die die Britische Krone teuer bezahlen musste. Allein in den Bau von No Man's Land Fort versenkte Palmerston 462.000 Pfund - das wären heute rund 45 Millionen Euro.

Im Ersten und Zweiten Weltkrieg waren in No Man's Land Fort zwar Soldaten stationiert. Militärisch spielte es aber keine Rolle. 1957 nahm London die Festung schließlich außer Dienst. Jahrzehntelang stand das Gemäuer in den Fluten, bis sich das Verteidigungsministerium 1987 entschloss, das Fort zu verkaufen.

Insel der geplatzten Träume

Der erste der unglückseligen neuen Eigentümer hieß Roger Penfold. Er verwandelte No Man's Land Fort für viele Millionen Pfund in ein Luxushotel mit 21 luxuriös ausgestatteten Zimmern, geheiztem Schwimmbad, Tennisplatz, Sauna, einem Fitnessraum - und einem Helikopter-Landeplatz. Fünf Bars und vier Restaurants sorgten für das kulinarische Wohl. Das Konzept war klar: No Man's Land Fort sollte ein außergewöhnlicher Rückzugsort für eine außergewöhnliche, aber zahlungskräftige Klientel sein, die bevorzugt per Helikopter anreist. Doch schon wenige Jahre später musste er sich eingestehen, dass er sich verkalkuliert hatte - und verkaufte das Fort.

Neunmal wechselte No Man's Land Fort nach Rechnung von Immobilienmakler Jeremy Lears seitdem den Besitzer. Drei Verkäufe wickelte er davon selbst ab. Die neuen Eigentümer kamen jedes Mal mit großen Ideen und verließen die Unglücksinsel mit einem klaffenden Loch im Portemonnaie. "Die Leute sehen diesen Ort und träumen davon, was sie daraus machen können. Ein paar Jahre später hören sie auf zu träumen und verkaufen das Fort weiter", sagt Jeremy Lears.

Der größte Träumer unter ihnen war Harmesh Pooni. Er kaufte No Man's Land Fort Anfang dieses Jahrhunderts für mehrere Millionen Pfund und vermietete das alte Gemäuer an Unternehmen, die hier für ihre Mitarbeiter oder Kunden außergewöhnliche Veranstaltungen organisierten. Die außergewöhnliche Atmosphäre, gepaart mit großem Luxus, kam gut an. Für eine gewisse Zeit schien es, als würde es Pooni endlich gelingen, das Fort rentabel zu machen. Er kassierte pro Tag 25.000 Pfund von seinen Kunden. Laut einem Bewertungsgutachten aus dem Jahr 2004 hätte sich der Komplex damals für 14 Millionen Pfund verkaufen lassen.

Bakterien besiegeln das Ende

Pooni hätte Kasse machen können - stattdessen wurden in seinem Pool Bakterien gefunden, die die Legionärskrankheit verursachen. Er musste den Betrieb schließen, konnte deshalb seine Kredite nicht mehr bedienen und ging pleite. No Man's Land Fort ging daraufhin an seinen Gläubiger über, den Immobilienfinanzierer Lexi Holdings, der wenig später selbst Insolvenz anmelden musste. Die Verwaltung von Lexi Holding übernahm daraufhin der Wirtschaftsprüfer KPMG, der gegen den Willen Poonis den Verkauf der Festung anleierte.

Pooni wollte nicht akzeptieren, dass sein Traum von der illustren Privatinsel geplatzt war und das Loch in seinem Portemonnaie so groß geworden war, dass er über das Schicksal seines Forts nicht mehr entscheiden konnte. Mehrere Monate harrte er auf No Man's Land Fort aus und wurde schließlich dazu gezwungen, die Insel zu räumen. 2009 verkaufte KPMG die Seefestung für vergleichsweise magere 910.000 Pfund an einen Immobilienentwickler in Gibraltar.

Vergangenes Jahr hat sich nun erneut jemand für das verfluchte Eiland erwärmt. Das britische Unternehmen Clarenco kaufte No Man's Land Fort und saniert es nun aufwendig. Clarenco besitzt eine Reihe von alten Burgen und Schlössern, die zu Luxushotels ausgebaut wurden. Und auch in No Man's Land Fort soll wieder ein Luxushotel der besonderen Art entstehen - für den besonderen Gast mit besonderen Wünschen. Zwei der Nachbarfestungen, Spitbank-Fort und Horse Sand Fort, gehören Clarenco bereits. "Die drei Forts werden sich gegenseitig perfekt ergänzen und etwas Magisches und Einzigartiges bieten, wovon andere Orte nur träumen können", ließ Clarenco-Eigentümer Mike Clare in einer Pressemitteilung verlauten. Es bleibt zu hoffen, dass er weiß, worauf er sich eingelassen hat.

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Wolf-D. Ihlenfeldt 13.08.2013
Schlechte Übersetzung: "Palmerston's Follies" - Palmerston's Dummheiten trifft es nicht richtig. Ein Folly ist in diesem Zusammenhang eine spezielle Art von dekorativem Bauwerk: http://en.wikipedia.org/wiki/Folly
2.
Bodo Kälberer 13.08.2013
4 Restaurants für 21 Zimmer - wow. Ein paar Hintergrundinformationen zum Bau, z.B. Material, Wassertiefe etc., wären noch erwähnenswert gewesen.
3.
Niels Arndt 13.08.2013
Dieses Hotel läuft anscheinend noch: Spitbank Fort ? Hampshire, England http://www.spitbankfort.com/index.php?id=1938
4.
Holger Spiecker 14.08.2013
Was mich interessieren würde ist, wie viel der Unterhalt für diese Anlage kostet? Die Leute, die das Anwesen kaufen, haben doch Geld wie Heu und gehen trotzdem Pleite. Haben irgendwo Villen stehen, die doch auch sehr viel im Unterhalt kosten, warum geht das hier nicht...???
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