Nobelpreis für Konrad Lorenz Gans groß gefeiert

Nobelpreis für Konrad Lorenz: Gans groß gefeiert Fotos
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Sie waren die Helden des Jahres. Gänseversteher Konrad Lorenz und Wespenbeobachter Nikolaas Tinbergen. Die Pioniere der Ethologie bekamen 1973 den Nobelpreis - und es traf sie völlig unvorbereitet. Von Kurt-Jürgen Voigt

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Als an jenem 12. Oktober 1973 der Anruf aus Stockholm kam, lag Konrad Lorenz mit einer hartnäckigen Grippe im Bett. So nahm seine Frau Margarete den Anruf entgegen. Kurz darauf kam die Bestätigung per Telegramm, inklusive Tippfehler: Die Altenburger Postmeisterin hatte aus dem Nobel- einen "Nopelpreis" gemacht.

Zur selben Zeit erhielt in Oxford der junge Niederländer Nikolaas Tinbergen, von seinen Schülern Niko genannt, die Nachricht von seiner Sekretärin. Sie hatte den Anruf aus Stockholm empfangen und wusste gleich, was los war, er aber glaubte nicht, was er hörte: der Nobelpreis!

Lorenz und Tinbergen sollten den Nobelpreis empfangen – zusammen mit dem großen Bienenforscher Karl von Frisch – und hatten nicht damit gerechnet. Tinbergens Biograf Hans Kruuk erinnert sich: "Wir waren erschlagen, keiner hatte so etwas erwartet, keiner hatte geglaubt, dass Ethologie sich so in den Wissenschaften behaupten könnte." Die drei Wissenschaftler wurden die "Helden des Jahres", wie Kruuk schrieb.

"Wiwiwi" - der Prophet als Gänsepapa

Viele Tierarten waren Gegenstand der Forschungsprojekte von Lorenz und Tinbergen: Seeschwalben, Robben, Löwen und Bienen, um nur einige zu nennen. Die Welt der Tiere gab den Wissenschaftlern Rätsel auf, die schwer zu lösen waren: Welche Bedeutung hat der rote Bauch des Stichlings bei der Hochzeit? Hat die Monogamie bei Wildgänsen einen tieferen Sinn? Und welchen Nutzen haben Triebe und Instinkte? Mit diesen Fragen kamen Forscher in der Mitte des 20. Jahrhunderts zur Vergleichenden Verhaltensforschung, der Ethologie (von griechisch "Ethos" für Verhalten, Gewohnheit) als der Wissenschaft von der Erkundung und Deutung tierischen Handelns. Als Begründer dieser Wissenschaft gelten Konrad Lorenz und Niko Tinbergen. Während Lorenz ein Künder war, ein Prophet, sah Tinbergen sich als Experimentator.

Die Geschichte von Konrad Lorenz und seiner Graugans Martina ist allgemein bekannt. Seine Studenten im Max-Planck-Institut in Seewiesen lauschten gebannt, wenn er zu erzählten begann, nachdem er sich die Pfeife angezündet hatte und aussah wie Gott mit weißem Bart: Wie er und Martina Freunde fürs Leben wurden; und wie er der Versuchung nicht widerstehen konnte, das gerade geschlüpfte, reizende Wesen unter der Amme hervorzuholen und näher zu betrachten.

Er erzählte, wie Martina ihn anschaute und das einsilbige "Pfeifen des Verlassenseins" ausstieß; ihr freudiges "Wiwiwiwi", nachdem es ihm gelungen war, sie zu beruhigen; wie er schließlich genug hatte vom Babysitting, das Gänschen zurück unter den Flügel der brütenden Hausgans steckte und weggehen wollte, wie aber schließlich Martina entschlossen unter ihrer Amme wieder hervorgekrochen kam und mit emporgerecktem Hals, "Wiwiwiwi" grüßend, auf Lorenz zulief. Martina war das erste von zahllosen Gänseküken, die Lorenz durch seine körperliche Nähe gleich nach dem Schlüpfen auf sich prägte. Das Konzept der Prägung wurde durch Lorenz, den "Vater der Graugänse", definiert und zu einem zentralen Thema der Vergleichenden Verhaltensforschung gemacht.

Mit der Wespe in die Sommerfrische

Nikolaas Tinbergen hingegen saß lieber in der hitzeflirrenden Heide im niederländischen Hulshorst und markierte heimkommende Wespen (Philanthus) mit Farben. "Komisch, die Farbenkombinationen machten aus simplen Philanthus nun Wesen, deren Leben mich bewegte und betraf."

Tinbergen bastelte sich eine Lupenbrille und war fasziniert von der Schönheit ihrer Augen und ihrer riesigen Kiefer. Er ersann listige Experimente mit Figuren, die er um die Höhlen der Wespen pflanzte und zeigte, dass die Wespen rein visuell mit Hilfe von Landmarkierungen nach Hause finden.

Bienen, die als Futter für die heranwachsende Brut der Wespe dienen sollten, wurden herbeigebracht und vergraben. Tinbergen wollte "mehr herausfinden über die Bienentöter. Es zeigte sich, dass diese Entscheidung die Sommerplanungen meiner Frau und aller unserer Kinder bestimmen sollte". So entstand sein Hauptwerk: "Instinktlehre" ("The Study of Instinct").

Skandal: Nobelpreis für einen NS-Rassenideologen?

Am 12. Dezember 1973 wurde in Stockholm das Nobelpreisfest gefeiert. Es war eine grandiose Angelegenheit. Konrad Lorenz war gemeinsam mit seiner Frau und der sechsköpfigen Großfamilie angereist. Sie wurden gastfreundlich empfangen, es seien da aber auch viele Journalisten gewesen, erinnerte sich Schwiegertochter Beatrice, die unangenehme Fragen nach der nationalsozialistischen Vergangenheit des Gelehrten stellten.

Man konfrontierte Lorenz mit seiner früheren Mitgliedschaft in der NSDAP und brachte seinen Namen mit rassenpsychologischen Studien in Zusammenhang, die im Auftrag der Nationalsozialisten entstanden waren. Eine große Abendzeitung schrieb, dass "Dummköpfe Hitlers Rassen-Biologen den Nobelpreis gegeben" hätten.

Mit Niko Tinbergen aber, einem ehemaligen Widerständler und Lagerhäftling, hatte Lorenz einen glaubwürdigen Fürsprecher an seiner Seite. Tinbergen erinnerte sich später: "Das ist die Strafe, die man dafür zahlen muss, so berühmt zu sein – sie wählten dich, weil du in den Nachrichten warst."

Dinnerparty in königlicher Gesellschaft

Das Ehepaar Tinbergen war über die Niederlande angereist, denn Tinbergen war für würdig befunden worden, einen der höchsten wissenschaftlichen Preise des Landes zu empfangen, die Swammerdam-Medaille, die alle zehn Jahre für außerordentliche Leistungen auf dem Gebiet der nicht-klinischen Medizin der Biologie verliehen wird. Tinbergen nahm sie kurz vor dem Nobelpreis in Amsterdam entgegen.

Bei der festlichen Zeremonie zur Verleihung des Nobelpreises hielt der Präsident des Nobelpreis-Komitees, Professor Börje Cronholm, die Festansprache auf die drei Laureaten und spielte auf Konrad Lorenz' bekanntestes Buch an "Er redete mit dem Vieh, den Vögeln und den Fischen", das im englischen Original "King Solomon's Ring" (Der Ring des Königs Salomo) heißt: "Sie sind die Erben König Salomos insofern, als Sie in der Lage gewesen sind, Informationen zu entziffern, welche Tiere untereinander austauschen, und Sie können tierisches Verhalten deuten."

Beim Festessen saß Konrad Lorenz neben der Frau des schwedischen Ministerpräsidenten, Lisbeth Palme. Margarete Lorenz hatte man neben den jungen König Karl Gustav gesetzt, der sehr scheu war, wie Tinbergen registrierte. Tinbergen war überwältigt. Er gestand: "Wir haben es genossen!" Er saß neben einer 80 Jahre alten Dame und diskutierte mit ihr über das Verfeinern von Kaffee mit einem Spritzer Brandy. Wegen eines Protokollfehlers saß seine Frau Lies bei der Dinnerparty im Palast rechts neben dem König und flirtete fröhlich mit Prinz Bertil.

"Advance, Ethologia!"

Müde kehrten die Tinbergens in die Heimat zurück und suchten Ruhe in ihrem kleinen Landhaus in Cumbria.

Sie schrieben Dankesbriefe und verteilten das Preisgeld von 17.000 Pfund. Tinbergen behielt nur 2000 Pfund für Bücher und Ausrüstung, alles andere ging an Freunde, Projekte und Büchereien. Er ließ 700 Exemplare eines Briefes mit dem Titel "Advance, Ethologia" drucken, den er an Freunde versandte, um ihnen für ihren Beistand zu danken.

Er schrieb: "Ich bin mir meiner Verantwortung bewusst. So gut ich kann, werde ich mich bemühen, die Kräfte all jener zu vereinen, die so hart arbeiten, um Mittel gegen das Dilemma zu finden, in das unsere Spezies sich verstrickt hat. Möge unser wissenschaftlicher Nachwuchs die Gelegenheit erhalten, das weiterzuführen, was ich ein gutes Werk zu nennen wage."

Aber es bekümmerte Tinbergen sehr, dass seine Studenten und Freunde nun ein Wissen, eine Einsicht von ihm erwarten würden, die er nicht geben konnte. Das betraf vor allem die Bereiche Verhalten und Naturwissenschaften. Auch deshalb mied er die Akademie und sagte Einladungen ab. Es folgten Perioden, in denen er sich ganz zurückzog, betreut nur von Lies.

Männerfreundschaft mit Gänsemädchen

Auch Konrad Lorenz und seine Frau brauchten Zeit, die Aufregungen in Stockholm zu verkraften, die Festivitäten forderten ihren Tribut. Für sein Haus in Altenberg ließ Lorenz ein riesiges Meerwasseraquarium mit 32.000 Litern Fassungsvermögen bauen. Die 100.000 Mark Preisgeld kamen ihm dafür gerade recht. Dann wollte er im oberösterreichischen Grünau seine Langzeitstudien an Graugänsen fortführen, die er vor mehr als drei Jahrzehnten in Buldern begonnen hatte.

In einer aufwändigen Aktion wurden 248 Gänse von Seewiesen nach Grünau übersiedelt. 85 waren weggeflogen, 40 überlebten das erste Jahr nicht, 100 aber gewöhnten sich ein im Almtal und konnten intensiv studiert werden. Lorenz engagierte sich immer stärker im Umweltschutz, das Wort des Nobelpreisträgers hatte öffentlich an Gewicht gewonnen, man hörte ihm zu.

Lorenz und Tinbergen machten weiter, wo sie aufgehört hatten. Lorenz mit seinen Gänsen, Tinbergen mit Dreizehenmöwen. Die Welt verdankt ihnen ein bisschen mehr Wissen über die Tiere und deren faszinierende Geheimnisse. Die beiden Männer lebten bis ins Alter eine wundervolle, Jahrzehnte dauernde Freundschaft. Und natürlich gehörten auch die Nachkommen von Martina, der Graugans, dazu.

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