Nobelpreis mal anders Lachsalven aus dem Labor

Nobelpreis mal anders: Lachsalven aus dem Labor Fotos
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Schwule Enten, Bauchnabelfussel und irrwitzige Selbstversuche: Für einen Nobelpreis müssen Wissenschaftler nicht unbedingt Gensequenzen oder Supraleiter erforschen - denn seit 1991 wird in Harvard der "Ig-Nobelpreis" für durchgeknallte Arbeiten verliehen. einestages stellt die Highlights vor. Von

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Der "Denker" ist von seinem Sockel geplumpst. Die schwermütig dreinschauende Skulptur des französischen Bildhauers Auguste Rodin liegt auf ihrem gedankengebeugten Rücken, die Beine angewinkelt, die rechte Hand noch immer pflichtbewusst unters Kinn geklemmt. Sie sieht aus wie ein träger Käfer, der darüber nachgrübelt, wie er sich wohl wieder aufrichten könne. So zeigt ihn zumindest die Zeichnung auf der Urkunde für den Nobelpreis - pardon, für den Ig-Nobelpreis.

Den was?

Der Ig-Nobelpreis ist die durchgeknallteste Ehrung in der Welt von Wissenschaft und Forschung. Schon der Name ist ein spöttisches Wortspiel mit dem englischen Begriff "ignoble" - zu Deutsch: unwürdig, schändlich oder auch schmachvoll. Ausgerechnet in den Hallen der altehrwürdigen Universität Harvard in Cambridge, Massachusetts, wird dieser Spaßpreis seit 1991 Jahr für Jahr kurz vor Bekanntgabe der echten Nobelpreise verliehen. Im Regelfall sind Wissenschaftler ja nicht als besonders volksnah und humorvoll bekannt. Im Alltag der Forscherelite gilt es schon als echter Kracher, wenn ein Paläontologe einen neuentdeckten Dinosaurier nach Mark Knopfler, dem Chef der Altrocker Dire Straits, Masiakasaurus knopfleri tauft oder wenn ein Gen nach der Videospielfigur "Sonic Hedgehog" benannt wird.

Die Errungenschaften, die bei den Ig-Nobelpreisen ausgezeichnet werden, sind von einem ganz anderen Kaliber: Ein US-Statistiker etwa wurde geehrt, weil er berechnete, dass Michail Gorbatschow mit einer Wahrscheinlichkeit von 710.609.175.188.282.000 zu 1 der Antichrist sei. Japanische Psychologen erhielten den Ig-Nobelpreis dafür, dass sie Tauben beigebracht hatten, zwischen Bildern von Picasso und Monet zu unterscheiden. Und australische Wissenschaftler wurden für eine umfassende Studie über Bauchnabelfussel ausgezeichnet. Um nur einige der wissenschaftlichen Irrungen und Wirrungen zu nennen.

Ein Preis für homosexuelle Stockenten

Mitunter geht es beim Preiskomittee zu wie auf der Klassenfahrt im Jungenzimmer. Soll heißen: Humor unter der Gürtellinie hat gute Chancen bei der Jury. Ein englischer Historiker etwa wurde 2002 für seine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel "Asymmetrie der Hoden beim Menschen und bei antiken Skulpturen" ausgezeichnet. Die 2003 mit dem Preis bedachte Studie eines niederländischen Zoologen heißt frei übersetzt "Der erste Fall homosexueller Nekrophilie bei Stockenten". Und ein Mediziner ging 2006 mit einer Auszeichnung für seine Fallstudie "Die Heilung von unheilbarem Schluckauf durch rektale Fingermassage" nach Hause.

Den ausgezeichneten Themen angemessen, wird die Verleihung Jahr für Jahr zu einer Riesensause. Fast 1200 begeisterte Ig-Nobelpreis-Fans füllen dann das traditionsreiche Sanders Theatre, in dem einst schon Martin Luther King, Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt ans Rednerpult traten. Während der Verleihung werden Hunderte Papierflieger aus dem Saal auf die Bühne geworfen und von Roy Glauber, Physikprofessor an der Harvard-Universität, aufgefegt. Nur 2005 konnte Glauber nicht anwesend sein - der 84-Jährige war in Stockholm, um seinen eigenen, echten Nobelpreis in Empfang zu nehmen.

Und Glauber ist nicht der einzige tatsächliche Nobelpreisträger, der an der Ig-Show beteiligt ist. Viele der Preise werden von echten "nobel laureates" überreicht. Da hört es dann aber auch schon wieder auf mit der Feierlichkeit bei der Preisvergabe, von den Besuchern liebevoll die "Igs" genannt. Die Pokale sind einigermaßen windschief zusammengebastelte Gebilde aus aufziehbaren Klappergebissen, Gummihühnern oder verknickten Zigarren. Statt ellenlanger Reden gilt in manchen Jahren die dreiste 24/7-Regel: Die mitunter weitgereisten Preisträger müssen ihre Entdeckung in 24 Sekunden erklären und ein Fazit ihrer Forschungen in sieben Worten ziehen - sonst kommt die allseits gefürchtete Miss Sweety Poo, ein niedliches kleines Mädchen, auf die Bühne und skandiert "Please stop, I'm bored!" bis der Geehrte freiwillig aufhört. Beendet wird die Zeremonie traditionell mit dem Satz "If you didn't win a prize - and especially if you did - better luck next year." ("Wenn Sie keinen Preis gewonnen haben - und besonders wenn Sie es haben -, mehr Glück im nächsten Jahr.")

Ein Haufen humorloser Superdeppen?

Trotzdem gilt der "Ig-Nobelpreis" unter Fachleuten mittlerweile als feste Institution in der Welt der Wissenschaft. Dudley Herschbach, seinerseits Nobelpreisträger in Chemie und Jahr für Jahr an der Ig-Verleihung beteiligt, bringt sein Motiv, einmal im Jahr vor vollem Haus alberne Sonnenbrillen aufzusetzen oder auch mal eine Opernarie anzustimmen, so auf den Punkt: "Die Leute sollen wissen, dass Wissenschaftler nicht einfach ein Haufen humorloser Superdeppen sind."

Ig-Initiator Marc Abrahams, Harvard-Absolvent und Herausgeber des humorigen Wissenschaftsmagazins "Annals Of Improbable Research", hat sogar ein noch hehreres Ziel. Preiswürdig sind nämlich Forschungsarbeiten, die erst zum Lachen und dann zum Nachdenken anregen. Denn tatsächlich ermöglicht selbst eine Studie über die Kommunikation von Heringen durch Fürze nach dem Lacher auch noch interessante Einsichten über das Schwarmverhalten dieser Tiere.

Und manchmal bringt eine Auszeichnung unerwartet geradezu filmreife Momente hervor. Als 2004 Daisuke Inoue die Bühne im Sanders Theatre betrat, herrschte gebannte Stille. Etwas eingeschüchtert begab sich der Japaner ans Rednerpult - und stimmte leise einen populären Song aus den siebziger Jahren an: "I'd like to teach the world to sing", wisperte er mit dünnem Stimmchen ins Mikrofon, "in perfect harmony". Als ihm der Chor der Nobelpreisträger mit dem Hit "Can't Take My Eyes Of You" antwortete, hielt es die Menge nicht mehr auch den Sitzen. Auf einmal sang das gesamte Auditorium für seinen Helden, gefolgt von den längsten stehenden Ovationen in der Geschichte der Igs. Der stille Japaner hatte soeben den Friedens-Ig-Nobelpreis erhalten - für die Erfindung der Karaoke-Maschine im Jahr 1971. Er habe, so das Ig-Komitee, einen völlig neuen Weg gefunden, Menschen beizubringen, sich gegenseitig zu akzeptieren.

Eine steile These. Doch echte Vorreiter haben immer auch mit Spöttern zu kämpfen. Als Raumfahrtvisionär Robert Goddard 1929 bei seinen Raketentests einen Misserfolg nach dem anderen einfuhr, titelte die "New York Times" spitzzüngig: "Mondrakete verfehlt Ziel um 384.303 Kilometer" - doch nur 40 Jahre später betrat der erste Mensch den Mond. Also: Wer weiß, welche Durchschlagskraft die Studie über Bauchnabelfussel in den nächsten vier Dekaden entwickeln wird.

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1.
Max Schneider 09.10.2009
Ja, und WARUM kippen Schwangere jetzt nicht vornüber? In der Überschrift wurde die Lösung versprochen - und jetzt? Jetzt bin ich genauso "schlau" wie zuvor.
2.
Benjamin Maack 09.10.2009
Sehr geehrter Herr Schneider, einen ausführlicheErklärung dieses Phänomens finden Sie auf der Website der "New York Times": http://www.nytimes.com/2007/12/12/science/12cnd-pregnant.html Ich hoffe, ich konnte Ihnen damit weiter helfen. Herzlich. Benjamin Maack
3.
Nicolas Elsen 30.09.2011
Welchen Schaden Countrymusik anrichten kann, wurde ja schon eindeutig von Tim Burton im Film "Mars Attacks" beschrieben ;-) http://www.youtube.com/watch?v=-MhgnMX73Pw
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