"Bloody Sunday" im Nordirlandkonflikt Der lange Kampf um Gerechtigkeit

Ohne Warnung eröffneten britische Soldaten am 30. Januar 1972 im nordirischen Derry das Feuer auf Demonstranten. Die Hinterbliebenen der Getöteten fordern bis heute Aufklärung des Massakers.

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Als William Nash am Sonntag, dem 30. Januar 1972, das Haus verlässt, macht seine Schwester Kate sich Sorgen. Mit 19 liegt Willie, wie alle ihn nennen, vom Alter her in der Mitte der acht Brüder und fünf Schwestern. Kate, damals 23, ist unwohl beim Gedanken, dass ihr kleiner Bruder mit Freunden zum Bürgerrechtsmarsch in Bogside aufbricht, dem Katholikenviertel von Derry. Sie weiß es noch nicht, doch es wird das letzte Mal sein, dass sie Willie lebend sieht.

Er will gegen die Internment-Politik der Regierung Nordirlands protestieren - die Inhaftierung vermeintlich IRA-naher Personen durch die britische Armee ohne Gerichtsverfahren. In ihrem Namen sind seit 1971 Hunderte nordirische Republikaner und Katholiken interniert worden. Und so gehen viele an diesem Tag wie Willie Nash auf die Straße. Obwohl Protestmärsche gegen die Internment-Politik verboten sind.

Als Kate Nash die Stelle zeigt, an der ihr Bruder damals verblutete, spricht sie von den Schuldgefühlen, die sie lange plagten: "Ich hätte ihn aufhalten sollen." Doch sie konnte nicht ahnen, dass britische Soldaten einfach das Feuer auf die Demonstranten eröffnen würden, die friedlich ihre Bürgerrechte einforderten. Sie konnte nicht wissen, dass jener Tag als "Blutsonntag" in die Geschichte eingehen und die Gewalt im Nordirlandkonflikt einen neuen Höhepunkt erreichen würde. Ebenso wenig, wie es die Mitglieder der zwölf anderen Familien ahnen konnten, die am "Bloody Sunday" einen geliebten Menschen im Kugelhagel der britischen Armee verloren.

Tote an den Haaren weggezerrt

"Ich war glücklich an jenem Morgen", erinnert sich Kate Nash. Weil es ihrer Mutter Bridget, die schon lange im Krankenhaus lag, etwas besser ging. Mit Willie hatte sie noch gescherzt, bevor er aufbrach. Später schlug die gute Stimmung in Sorge um. Die Nachrichten berichteten von Kämpfen in Derry, von Schüssen beim Marsch - und schließlich von Toten. Aus Sorge wurde Entsetzen. Irgendwann klopfte es, ein Nachbar sagte: "Willie ist tot."

Auch Vater Alexander Nash wurde beim Marsch getroffen und überlebte schwer verletzt. Er war am Morgen zu einem Spaziergang aufgebrochen und hatte die Sonntagsmesse besucht. "Wahrscheinlich hat er danach noch ein, zwei Pints im Pub getrunken", so Kate Nash. Auf dem Heimweg war er dann zum Marsch dazugestoßen. Als er erfuhr, dass sein Sohn Willie getroffen worden war, eilte er ihm zu Hilfe - quer durch den Kugelhagel. Eine Kugel traf ihn in die Seite, als er sich über seinen angeschossenen Sohn beugte.

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Lange habe er sich die Schuld an Willies Tod gegeben, sagt Kate Nash. Sie hat sieben Jahre mit ihrem Vater gelebt, bevor er Anfang der Achtzigerjahre an Krebs starb. "Dad, du warst im Schock und hattest selbst zwei Kugeln im Leib", versuchte sie, ihm die Schuldgefühle auszureden. Doch Alexander Nash konnte einfach nicht vergessen, wie er verletzt mit ansehen musste, dass Soldaten Willie an den Haaren wegzerrten.

Spät enttarnte Lügen

Aus Kate Nashs Sicht war dies einer der ersten Akte der Vertuschung nach dem Blutsonntag. Aus dem Krankenhaus verschwanden Leichen - an ihnen seien Spuren von Bombenmaterial gefunden worden, behauptete das britische Militär später. Noch nach ihrem Tod mussten die Erschossenen als angebliche Beweise dafür herhalten, dass man es statt mit friedlichen Demonstranten mit Terroristen zu tun gehabt habe. Dabei hatte selbst der örtliche Militärarzt die Körper nie zu sehen bekommen.

Es folgten jahrelange Vertuschung, Desinformation und vorgebliche Aufklärung durch britische Institutionen, die statt Klarheit noch mehr Fragen hervorrufen. Unmittelbar nach dem "Bloody Sunday" wusch das Widgery-Tribunal, das die Ereignisse untersuchen sollte, nicht nur die beteiligten Soldaten von jeder Schuld rein. Mit der Feststellung, dass es sich bei den Toten um bewaffnete Bomber gehandelt habe, machte das Tribunal zum Entsetzen der Angehörigen aus Opfern Täter.

Für Nordirland wurde der Blutsonntag zum Trauma: Verhandlungen über eine friedliche Einigung der IRA und einer britischen Delegation scheiterten, es folgten Schussgefechte und Bombenanschläge - 22 allein am "Bloody Friday" am 21. Juli 1972 in Belfast. John Lennon, Paul McCartney oder Black Sabbath besangen den Blutsonntag, die irische Rockband U2 schuf 1983 mit "Sunday Bloody Sunday" einen der berühmtesten Protestsongs der Pop-Geschichte.

Das Ende der politischen Verschleierung jedoch sollte noch lange auf sich warten lassen. Erst 2010 wurden die Behauptungen des Widgery-Tribunals als Lügen im Saville-Report entlarvt - er war das Ergebnis einer Untersuchung, die Tony Blair 1998 in Auftrag gegeben hatte. Der Report befand, dass die Soldaten ungerechtfertigt gehandelt hatten. Die 13 Toten seien nicht bewaffnet gewesen und hätten keine Bomben mit sich geführt - bis auf einen Mann, der allerdings keine Anstalten gemacht hatte, die mitgeführten Nagelbomben einzusetzen, und der flüchtend erschossen worden war. Keiner der Erschossenen habe eine Bedrohung für die britischen Soldaten dargestellt.

Angesichts des Reports entschuldigte sich der Premierminister David Cameron im Parlament öffentlich bei den Opfern und ihren Angehörigen. Gleichzeitig wurden Ermittlungen wegen Mordes gegen die beteiligten Soldaten eingeleitet.

Täter noch immer in Nordirland

Dennoch findet noch immer jährlich der "Bloody Sunday March" statt, organisiert unter anderem von Kate Nash. "Weil wir weiterhin hingehalten werden", wie sie sagt. Mehr als fünf Jahre nach Beginn der Ermittlungen gegen die ehemaligen Soldaten ist wenig geschehen. Erst 2015 wurde einer von ihnen festgenommen - vorübergehend. "Soldat J" ist des Mordes an Willie Nash und des versuchten Mordes an Alex Nash angeklagt. Auch die Erklärung der Polizei, alle Angeklagten wohnten in England, hat sich damit laut Nash als Lüge entpuppt: "Der Mann wohnt in der Grafschaft Antrim, hier in Nordirland."

Aus Sorge um die Sicherheit der früheren Soldaten sollen die Befragungen außerhalb Nordirlands stattfinden. Auf schnelle Erfolge darf man der E-Mail einer Verbindungsbeamtin der nordirischen Polizei nach kaum hoffen: Die Vernehmungen würden noch Monate dauern, heißt es darin. Da mehr als ein Beschuldigter für den Tod eines Opfers verantwortlich sein könne, müssten erst alle Vernehmungen beendet werden, bevor es für jede Familie Klarheit geben könne. Nach den zwölf Jahren, die es bis zur Fertigstellung des Saville-Reports gedauert hat, ist der Optimismus der Hinterbliebenen verhalten.

Daher werden Nash und ihre Mitstreiter auch am 30. Januar 2016 wieder für Gerechtigkeit marschieren. Überraschenderweise erleben sie dabei erheblichen Widerstand der irisch-republikanischen Sinn-Féin-Partei. Nash erklärt, sie sei von Parteivertretern bereits persönlich bedroht worden. Man habe sie dafür diskreditiert, dass ihr Sohn als Polizist in London arbeitet - einer solchen Frau, so hatte die Partei nahegelegt, könnten die Familien der Opfer kaum vertrauen.

Gastredner des Marsches, die schon zugesagt hatten, seien unter Druck gesetzt worden, bis sie kurzfristig absagten. Angehörige der Opfer, die Sinn-Féin-Mitglieder sind, bleiben meist dem Marsch fern. Der Grund, so Nash, seien die Gehälter, welche die von der Partei verwalteten Opferorganisationen den Hinterbliebenen zahlen. Der Trauermarsch aber distanziere sich von dieser Art "professioneller Trauer".

Angst, so erklärt Nash, habe sie trotz der Drohungen nicht: "Den Kampf um Gerechtigkeit kann ich nicht aufgeben." Sie wird so lange den Marsch auf der Rossville Street begleiten, auf der an jenem Sonntag ihr kleiner Bruder verblutet ist, bis sie endlich Klarheit hat.

Zum Autor
  • Rainer Kiebat (Jahrgang 1969) fand 2015 zu einestages - nach einer Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann und Auswanderung nach Irland. Unser Mann in Dublin liebt Guinness und Irish Breakfast - manchmal auch zusammen - und bereist die Grüne Insel auf der Suche nach Charakteren und Geschichten.



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Seite 1
YourSoul Yoga, 29.01.2016
1. Englische Politik
Man könnte es zynisch als das Ablassen von Frust, ausgelöst durch den Verlust der Überseegebiete und den Niedergang des Empire sehen, der England bis heute dazu veranlasst in Nordirland eine Art von Kolonialerlebnispark zu unterhalten. Aber wir sind die Hunnen, und die sind die Gentlemen....
Tom Freyer, 29.01.2016
2. Es war Mord
Es kann nicht sein, dass man sogar Schuldige befoerdert hat. nach dem report waere es notwendig, die Schuldigen allen voran den kommandierenden Offizieren. Es geht um Gerechtigkeit und egal wie alt diese taeter heute sind, es ist die Schuldigkeit, diese Personen zu bestrafen.
Michael Heicking, 29.01.2016
3. im Jahr 2016...
Give Ireland back to the Irish!
Thomas Dunskus, 29.01.2016
4. Unterschiedliche Gerechtigkeiten
In dem Beitrag über die Morde in Nrdirland damals, 1972, heißt es "Da mehr als ein Beschuldigter für den Tod eines Opfers verantwortlich sein könne, müssten erst alle Vernehmungen beendet werden, bevor es für jede Familie Klarheit geben könne". Mit welcher Berechtigung darf man heute irgendwelche SS-Männer verfolgen, die zufällig einer Einheit angehörten, der Verbrechen angelastet werden, wenn man gar nicht sagen kann, dass sie persönlich an diesen Taten beteiligt waren?
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