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Nordkorea in den Achtzigern Horrortrip zum "Großen Führer"

Nordkorea in den Achtzigern: Horrortrip zum "Großen Führer" Fotos
Uwe Gerig

Gespenstische Ordnung, pausenlos Revolutionsmusik und überall Großporträts von Diktator Kim Il Sung. Als Reporter einer Ost-Berliner Illustrierten durfte Uwe Gerig 1981 mit seiner Frau privat nach Nordkorea reisen. Schon nach kurzer Zeit wurde der "Urlaub" zu einem schrägen Alptraum.

Nordkorea ist nur etwas für besonders Nervenstarke!

Wir flogen am Sonntag, dem 12. Juli 1981 von Ost-Berlin nach Moskau und von dort am gleichen Abend mit einer Aeroflot-Maschine nonstop weiter nach Pjöngjang.

Da mein Tagebuch von dieser Reise erhalten geblieben ist, kann ich viele der damaligen Eindrücke im Original wiedergeben.

Erster Eindruck: Gelände sehr sauber, alle Angestellten sehr ordentlich, einfach, sauber gekleidet. Langes Anstehen an der Passkontrolle. Kleiner Zettel muss ausgefüllt werden, sonst keinerlei Formalitäten. Zoll kontrolliert nur Übereinstimmung der Kofferanhänger mit dem Gepäckabschnitt. Anschließend mit Gepäck in einem Ikarus-Bus etwa 25 Kilometer Fahrt vom Flugplatz zum Hotel in der Hauptstadt.

"Die haben ja Vertrauen zu uns"

Wir wunderten uns damals, dass unser Gepäck bei der Einreise überhaupt nicht kontrolliert wurde. In der DDR wäre das für Ausländer undenkbar gewesen. Die haben ja Vertrauen zu uns, dachten wir. Wir hätten ja sonst was hereinschleppen können!

Stunden später, nach dem ersten Mittagessen im Hotel, hatte man das nachgeholt. Alle unsere Gepäckstücke, so stellten wir fest, waren gründlich "gefilzt" worden. Die Kontrollen wiederholten sich dann jeden Tag.

Am Stadtrand von Pjöngjang konzentrierte Bebauung, alles Steinhäuser, zum Teil Flachbauten, später beiderseits der sechsspurigen Asphaltstraße Hochhäuser aus Beton, viele pastellfarben, fast immer Balkons mit Grünpflanzen. Überall die totale Ordnung bis ins Detail, nichts liegt unordentlich herum, alles ist frisch angestrichen. Auf jeder Kreuzung steht ein weiß uniformierter Polizist. Manchmal sind es auch Frauen, die den sehr geringen Verkehr sehr zackig regeln. Fahrt durch mehrere Stadtteile, alles Neubauten, viel Grün.

Das Hotel - zwei 18-geschossige Hochbauten aus grauem Beton, miteinander durch einen Flachbau verbunden - liegt an einem weiträumigen Platz. Die Hotelhalle und alle anschließenden Gänge sind mit dickem grünem Teppich belegt. An der Breitseite ein großes, farbiges Massenbild mit dem "Großen Führer" Kim Il Sung. Auf dem Bild sind mindestens 200 Menschen zu sehen, alle lachend und sehr eindrucksvoll bis ins Detail dargestellt. Hosen haben sogar Bügelfalten!

Propaganda, Ginseng-Schnaps und ausgestopfte Vögel

In der Hochetage des Hotels eine Galerie mit großen Verkaufsläden: Buchabteilung mit den Werken von Kim, darüber eine englische Beschriftung: "Bücher sind die notwendige Nahrung jedes Revolutionärs. K.I.S.". Daneben offensichtlich eine Arzneimittelabteilung mit Ginseng und so weiter, Kassetten mit Musiktiteln in großer Auswahl, Ansichtskarten, Bildbände über Korea, präparierte Vögel in großer Auswahl sowie Seidenstoffe, bunte Handtücher, Vasen, Dosen mit Einlegearbeiten...

Alle Hotelangestellten tragen das kleine Abzeichen mit dem Kopf von Kim am Hemd. Wenige Uniformierte. Im Hotel offenbar nur Ausländer, sicher alle Touristen, aber scheinbar nur aus der Sowjetunion.

Zimmer 11 in der 11. Etage. Raum mit voll gekacheltem Bad, dezentes Rosa mit Ornamenten. Ein Flur, in dem zwei Paar Sandalen stehen, ein etwa zehn Quadratmeter großer Schlafraum, ausgelegt mit Bastmatte, zwei getrennt stehende Betten mit blumenbestickter Überdecke. Zwischen den Betten, sehr hoch an der Wand angebracht, das Porträt von Kim. Ein Kalender mit farbigen Monatsblättern zeigt optimistische Motive, im Juli den Sportpalast mit Fahnenspringerin im Himmelteil. Einbauschrank, Schreibtisch, kleiner Tisch mit Gläsern und Teekanne, abgedeckt mit besticktem Tuch; zwei Stühle.

Vom Balkon aus Blick auf das gegenüberliegende Hochhaus, Teil zwei des Hotels, seitlich der Platz mit Wasserbecken und Springbrunnen. Gegenüber farbige Hochhäuser, architektonisch gut gegliedert, rechts ein weiteres Hochhaus im Bau. Viele Bauarbeiter zu sehen. Ständige Musik aus Lautsprechern, unterbrochen von Ansprachen. Musik läuft pausenlos, auch nachts.

Nervtötender schriller Singsang

Anfangs hatten wir die Lautsprechermusik als eine Art fernöstliche Folklore hingenommen, dann ging sie uns zunehmend auf die Nerven. Überall der gleiche schrille Singsang, unterbrochen von für uns unverständlichen Parolen. Die Musik vor dem Hotel wurde erst nach Mitternacht abgeschaltet, begann aber schon wieder in der Morgendämmerung. Langsam wuchsen bei uns, wie auch bei den anderen Reiseteilnehmern, Aggressionen. Begleiter Kim, den wir nur den "Kleinen Kim" nannten, versprach Abhilfe. Natürlich konnte er nichts ausrichten. Die Musik gehörte zum Alltag in diesem Lande.

Der "Kleine Kim", unser koreanischer Reiseführer, hatte uns schon am ersten Tag belehrt, wir sollten das Hotel niemals allein verlassen, weil wir uns, so begründete er das, "verlaufen könnten". Als ich meinen ersten Spaziergang allein unternommen hatte, fand ich natürlich sofort zurück zum Hotel. Mir war aber aufgefallen, dass mir unterwegs ständig zwei junge Männer folgten. Nachdem unser Gepäck im Hotelzimmer durchwühlt worden war, blieb kein Zweifel, dass wir rund um die Uhr kontrolliert wurden. Mein Tagebuch hatte ich fortan ständig bei mir, ebenso alle Filme, die unbelichteten und die belichteten. Ich wollte jedes Risiko ausschließen. Aber Zweifel waren angebracht, ob mir das gelänge.

Fahrt zum Geburtshaus des "Großen Führers" auf einer Autobahn etwa zehn Kilometer an einem Fluss entlang. Die Autobahn ist in Flussnähe an den Berghängen auf Betonstelzen gebaut, wie alle Straßen breit und in außerordentlich gutem Zustand. Alles scheint im Augenblick etwas zu groß. Der Komplex des Museums besteht aus einem gepflegten Park von gigantischem Ausmaß. Großparkplatz am Rande für einheimische Busse, Gästebusse dürfen weiter fahren. Ein neues Haus bildet das Museum, in dem alle bisherigen Lebensstationen des "Großen Führers" zum Teil auf farbigen Großbildern lebensecht dargestellt sind. Es wird gezeigt, dass schon Urgroßvater, Großvater und Vater große koreanische Revolutionäre gewesen sind.

Im Museum des "Großen Führers"

Genosse Kim Il Sung machte bereits im Alter von elf Jahren einen langen Fußmarsch, um revolutionäre Ideen zu verbreiten. Eine Museumsführerin im Nationalgewand erklärt alles, ihre Worte werden von unserem Dolmetscher/Reiseleiter übersetzt. Vor dem Museum haben Uniformierte, darunter auch weibliche Soldaten, Aufstellung genommen. Vor dem Besuch werden sie von einer anderen Uniformierten eingewiesen und notieren dabei viele Aussprüche von Kim in ihre Bücher. Die Mädchen tragen rote Schärpen, denn sie haben an einem Lauf zu Ehren des "Großen Führers" teilgenommen.

Vor dem eigentlichen Geburtshaus an einer anderen Stelle im Park warten diszipliniert in Zweierreihen viele Besucher, Frauen mit kleinen Kindern, auch alte Frauen, dahinter eine weitere große Gruppe Soldaten. Wir werden vorgelassen. Das Haus besteht aus zwei neu aussehenden Gebäuden, die mit Stroh gedeckt sind.

Der "Große Führer" Kim war allgegenwärtig. Wir konnten ihm nirgends ausweichen. Dazu diese ständige revolutionäre Musik! Die Reise wurde schon am dritten Tag zur Strapaze. In der Gruppe sahen das sicher viele Teilnehmer ähnlich, doch wohlweislich redete niemand darüber.

Überall darf fotografiert werden

Abends Vorstellung für Ausländer: "Lied des Paradieses" im Mansudae-Theater. Das Gebäude übertrifft alles bisher Gesehene. Gigantische Ausmaße, innen aber nur etwa 1500 Plätze. Das ganze Theater ist mit riesigen, dicken Teppichen ausgelegt, grüner Grundton mit Blumenornamenten, zwei Fahrtreppen zum Obergeschoss, dort ein ebenfalls teppichbelegter Pausensaal mit Sitzgelegenheiten, wandhohe Bilder vom Diamantengebirge, mit Wasserfall hinter Glas. Unten im Raum Springbrunnen, farbig beleuchtet, Lampen aus farbigem Glas, von der Decke etwa zehn Meter lang. Überall darf fotografiert werden.

Das vorgeführte Stück wird teils gesprochen, teils gesungen und preist ausschließlich den "Großen Führer". Fabel des Stückes: Ein Genosse Reporter vom Dokumentarfilm und eine Reporterin drehen einen Film über die Schönheiten des Landes. Dabei erfahren sie die Geschichte von einem Helden, der im antijapanischen Kampf gefallen ist, aber eine Tochter als Baby hinterlassen hat. Tochter unauffindbar.

Recherchen im Dorf am Ostmeer. Ein Soldat hat das Baby einst aus einem brennenden Haus gerettet und einer Frau übergeben, heute eine Bestarbeiterin, die in einem Musterdorf wohnt. Die ewig gesuchte Tochter des Helden entpuppt sich schließlich als die Reporterin selbst, die von ihrem Schicksal, Tochter eines Helden zu sein, nie etwas geahnt hatte. Der "Geliebte Hochverehrte Große Führer" übergibt der Tochter die dem gefallenen Vater zugedachte Medaille. Die Schlussszene spielt wieder in der Hauptstadt, mit Dankesliedern für Kim. Ende der Vorstellung gegen 23 Uhr. Abendessen im Hotel.

Nach diesem Theaterbesuch brauchten wir erst einmal einen Ginseng-Schnaps. Im Hotelzimmer kletterte ich auf einen Stuhl und wollte endlich das große Kim-Bild über den Betten abnehmen. Es war aber offensichtlich mit der Wand verschraubt. Vielleicht befanden sich dahinter die Abhöranlagen?

Blumenkränze für Marionetten

Musik von den Baustellen ringsum ab sechs Uhr. Lange Kolonnen von Arbeitern marschieren gegen sieben Uhr über den Platz. Eine Blaskapelle mit etwa zehn Musikern steht am Rand. Wenn eine neue Kolonne aus etwa 200 bis 300 Männern mit Fahnen und Transparenten anmarschiert, spielt die Kapelle ganz schnelle Musik. Etwa zehn Männer und Frauen laufen dann auf die Kolonne zu und überreichen den Marschierenden wahllos Blumenkränze. Dann beginnt eine sehr laute Begrüßungsrede über die Lautsprecher eines vorn stehenden Wagens, die mit dreimal Hurra von der Kolonne beantwortet wird. Die Blumenkränze werden vorne wieder abgenommen. Wenn eine Pause eintritt, also keine Kolonne im Anmarsch ist, spielt die Kapelle, und die zehn Blumenkranzträger tanzen und schwenken dabei die Arme. In einer halben Stunde werden auf diese Weise etwa 2000 Arbeiter empfangen.

Drei Wochen sahen wir nur Menschen, die wie Marionetten funktionierten. Wir sahen natürlich nur das, was wir sehen sollten. Und das war bedrückend genug. Als wir nach drei Wochen "Urlaub" zurückflogen, waren wir noch für lange Zeit traumatisiert. In unserer ostdeutschen Diktatur herrschten im Vergleich zur Diktatur in Nordkorea geradezu paradiesische Zustände, fanden wir. Nur erzählen durften wir das niemandem.

Zum Weiterlesen:

Uwe Gerig: "Reisebilder aus dem Osten: Seltsame Berichte 1968-2011 ", united p.c. Verlag, 2012, 188 Seiten.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Mathias Völlinger, 09.12.2013
Nun, früher war die nordkoreanische Welt doch noch in Ordnung... Irgendwie erinnert mich das entfernt an meine erste und einzige Erfahrung mit dem realexistierenden Sozialismus. Damals 1982, als Achtzehnjähriger (Wessi), war es mir möglich, an einer Gruppenreise in die UdSSR teilzunehmen. Moskau und Stavropol (Kaukasus). Das war irgendwie verkehrte Welt für mich. Alles schön organisiert und nur vom Feinsten für uns incl. Kaviar und Krimsekt bei den Kulturveranstaltungen. Also sozialistischer Luxus, der wohl allen Arbeitern zustand ;-) Trotzdem waren wir doch irgendwie frei in unseren Bewegungsmöglichkeiten und individuelle Stadterkundungen. Zumindest fühlte ich mich nicht totalüberwacht und mit vielen Normalgenossen dort hatten wir oft doch zwanglose und sehr freundliche Begegnungen. Unvergessliche Eindrücke von einer so nicht mehr existierenden realen Welt und auch Scheinwelt, mit Norkorea allerdings gewiss nicht zu vergleichen.
2.
Peter W. Mangold, 12.12.2013
NK muss vergleichsweise trostlos sein. Breite Straßen, nur vereinzelt Autos, Betonklötze neben Betonklötze und ein täglicher Drill und Personenkult und eine immerwährende Gefahr, dass man der Partei und demgeliebten Führer untreu erscheinen mag. So stelle ich mir NK vor. Wie weit es richtig ist würde mich auch mal interessieren.
3. Inzwischen gibt es Handys und viel Verkehr,
Helge Albers, 23.08.2014
aber ansonsten ist es im wesentlichen noch genauso wie beschrieben. Ich habe vor einigen Monaten im gleichen Hotel übernachtet, es hat sich nichts geändert.
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