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North Brother Island Die Insel der Verdammten

Geister-Eiland North Brother: Insel am Höllentor Fotos
Brendan Clinch

Lepra, Typhus, Tuberkulose: Im 19. Jahrhundert verbannte New York Schwerkranke auf eine Insel im East River. Seit Jahrzehnten ist das Eiland nun verlassen, der Zutritt streng verboten - und doch kursieren beeindruckende Aufnahmen des verfallenden Quarantäne-Hospitals. Von

Mary Mallon scheint Krankheit und Tod zu bringen. Ohne es zu wollen. Dutzendfach.

Wo immer die irischstämmige Köchin in New York arbeitet, leiden Menschen plötzlich an hohem Fieber: Typhus. Mallon redet sich ein, das alles sei Zufall. Schließlich ist sie doch kerngesund.

George Soper hingegen hegt einen anderen Verdacht. Im Winter 1907 konfrontiert der Experte der New Yorker Gesundheitsbehörde Mallon mit einer beängstigenden Theorie: Die Köchin könnte Typhus verbreiten, ohne je selbst an irgendwelchen Symptomen zu leiden. Zwar gibt es in den USA bisher keinen einzigen solchen Fall, aber Soper weiß, dass so etwas prinzipiell möglich ist.

"Sie kämpfte und fluchte"

Mallon ist empört. Stuhl- und Blutproben? Auf keinen Fall. Resolut vertreibt sie Soper mit einer Tranchiergabel aus der Küche. Tage später hält ein Ambulanzwagen mit vier Polizisten und der Ärztin Josephine Baker vor dem mondänen Haus ihres Arbeitgebers. Doch Mallon flüchtet durch ein Fenster, klettert über einen Zaun und versteckt sich in einem Plumpsklo in der Nachbarschaft. Erst Stunden später wird sie gefasst. "Sie wehrte sich und kämpfte und fluchte", erinnert sich Baker, die sich auf Mallon setzte, um sie zu bändigen. "Die Fahrt ins Krankenhaus war wild."

Ein paar erzwungene Tests später steht fest: Mallon ist eindeutig eine Typhus-Überträgerin. Sie aber will das immer noch nicht wahrhaben. Sie weigert sich, ihren Beruf aufzugeben und will sich auch nicht die Gallenblase entfernen lassen, die man als Bakterienherd vermutet - eine damals riskante Operation. Daraufhin wird "Typhoid Mary", wie die Presse sie bald nennt, von den New Yorker Behörden kurzerhand verbannt, ohne dass darüber zuvor eine ethische Debatte ausgefochten wird: eine Gesunde kommt ohne eigenes Verschulden auf eine Insel für Kranke.

Brother Island, Bruderinsel, heißt Mallons ungewolltes Exil. Es ist ein seltsam harmonischer Name für eine Quarantäne-Insel, auf der jeder alleine um sein Leben ringt. Auf dem Eiland im East River, zwischen den Stadtteilen Bronx und Queens, werden Menschen mit Tuberkulose, Pocken, Gelbfieber, Scharlach, Diphtherie, Typhus und Kinderlähmung behandelt. Und plötzlich lebt hier inmitten der Schwerkranken eine Frau, die ihr ganzes Leben nichts anderes machen wollte als zu kochen. Jetzt fühlt sie sich wie eine Aussätzige - an einem Ort, der schon lange einen denkbar schlechten Leumund hatte.

Insel ohne Rückkehr

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts kursierten die wildesten Gerüchte über die Insel, auf der die Stadt 1885 hastig ein Quarantäne-Krankenhaus, das "Riverside Hospital", errichtete. Zuvor stand hier schon eine kirchliche Tuberkulose-Station. Einige Patienten mussten anfangs in provisorischen Zelten und Holzverschlägen unterkommen, sogar Lepra-Kranke wurden dorthin gebracht. Bei schlechtem Wetter verkehrten keine Fähren und es kam zu Nahrungsmittelengpässen.

Mehr als ein Jahrhundert später präsentiert sich North Brother deutlich idyllischer: Die Insel ist verlassen und ein Schutzgebiet für seltene Nachtreiher, seit 1963 ein radikales Entwöhnungsprogramm für Heroinabhängige aufgegeben wurde. Die roten Backsteingemäuer des Krankenhauses verfallen, die Natur erobert sich die Insel zurück.

Einige Blogger reizte das, die verlassene Quarantänestation zu fotografieren - heimlich, meist illegal, denn das New Yorker Parks Department vergibt nur wenige Besuchserlaubnisse. Der Lokalhistoriker Ian Ference hingegen bekam die Genehmigung, die Geschichte der Insel zu dokumentieren, bevor die brüchigen Ruinen ganz zusammenstürzen. Nach rund 15 Besuchen stehe für ihn fest, sagte Ference einmal der "Daily Mail", dass die Insel "einer der wichtigsten Orte Amerikas" sei. Man müsse sie gesehen haben - trotz ihres "finsteren Rufes".

Die New Yorker tuschelten einst ehrfürchtig über jenen geheimnisvollen Ort, von dem viele nicht mehr zurückkehrten. Bis 1894 gab es nicht einmal eine Telefon- und Telegrafenverbindung nach North Brother. Todkranke Patienten konnten nicht mit ihren Angehörigen reden, so schossen Gerüchte ins Kraut. Selbst wer geheilt zurückkam, hatte selten Gutes zu berichten: Manchmal war das "Riverside Hospital" heillos überfüllt, bei einem Typhus-Ausbruch 1892 sollen hier 1200 Erkrankte gewesen sein.

Amerikas größte Katastrophe

Irgendwie schien es also zu passen, dass Brother Island am Hell Gate, am Höllentor, liegt. So heißt ein gefährlicher Strömungsabschnitt in der Nähe der Insel. Zeitweise soll das Image so verheerend gewesen sein, dass sich keine Ärzte mehr fanden, die im "Riverside" arbeiten wollten. 1901 verglich ein Besucher das Eiland gar mit dem "Schwarzen Loch von Kalkutta" - jenem berüchtigten Verlies in Indien, in dem einst britische Gefangene wegen katastrophaler Bedingungen wie die Fliegen starben.

Verzweifelt versuchte die Stadt, ihre Inselklinik öffentlich aufzuwerten. Sie modernisierte das Krankenhaus, ersetzte Holz- durch Steinbauten. Aber irgendwie schien die Insel den Tod anzuziehen: Am 15. Juni 1904 stand der Ausflugsdampfer "General Slocum" ganz in der Nähe der Insel plötzlich in Flammen. Mindestens 1021 Passagiere starben, die meisten von ihnen deutschstämmige Mütter und Kinder aus dem Viertel "Little Germany", die an diesem Tag das Ende des Schuljahres feiern wollten.

Bis zum 11. September 2001 sollte dieses Schiffsunglück Amerikas größte Katastrophe bleiben, verursacht auch durch unfassbare Schlampereien: Der Kork in den museumsreifen Rettungswesten war längst zerbröselt, die porösen Löschschläuche platzten und die Rettungsboote klebten mit altem Lack am Deck fest. Viele Passagiere konnten nicht schwimmen und verharrten auf dem brennenden Holzschiff, das der Kapitän schließlich auf einen Felsen vor North Brother Island setzte.

Tod einer Verbitterten

Drei Jahre später landete Mary Mallon, die Typhus-Überträgerin, auf der Insel. Sie musste einen Einzel-Bungalow südlich des Krankenhauses beziehen, ihr einziger Begleiter war ein Hund. Schon bald wurde die Gesunde krank, seelisch zumindest. Sie sei "so niedergeschlagen vor Kummer", schrieb sie, dass ihr linkes Augenlid monatelang gelähmt war. In einem langen Rechtsstreit kämpfte sie für ihre Freiheit. Nach drei Jahren durfte sie die Insel unter der Bedingung verlassen, nie wieder als Köchin zu arbeiten. Mary Mallon aber nutzte ihre Chance nicht.

Anfangs arbeitete sie zwar als Waschfrau, doch weil sie damit weit weniger verdiente als zuvor, bewarb sie sich unter dem Namen Mary Brown wieder als Köchin, sogar in einem Hospital für werdende Mütter. Erneut erkrankten Menschen in ihrem Umfeld an Typhus, allein 26 in dem Entbindungsheim. Mary Mallon wurde überführt und 1915 erneut auf North Brother verbannt - diesmal für immer. Insgesamt soll sie seit 1900 mehr als 50 Menschen mit Typhus angesteckt haben, drei von ihnen starben.

23 Jahre lebte Mallon noch auf der Insel. Sie durfte dort später als Assistentin in einem Labor arbeiten. 1938 starb sie im Alter von 69 Jahren. Das "American Journal of Public Health" versuchte, das Unbehagen bezüglich des ethisch fragwürdigen Umgangs mit ihr wegzuschreiben: Die Verbannte habe zuletzt, so hieß es in dem Nachruf, "viel von ihrer Verbitterung verloren" und ein "einigermaßen glückliches, wenn auch notwendigerweise eingeschränktes Leben geführt".

Wer heute auf North Brother Island nach Spuren der tragischen Insel-Bewohnerin fahndet, wird enttäuscht. Die Angst vor "Typhus-Mary" war auch nach ihrem Tod so groß, dass ihr Haus sofort vollständig abgerissen wurde.

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Google Earth?
Hans Frank, 13.01.2015
Das Bild in der Fotostreck, Nr. 29 ist nicht von Google Earth (Quellenangabe) sondern von Microsofts Kartendienst.
2. Sehr schön....
MrWitzig, 13.01.2015
...endlich mal keine überzogenen HDR Fotos von verfallenen Räumen und auch nur an den Aufnahmepunkten wo ein HDR auch sinnvoll ist!
3. Na...
Heinz Meier, 13.01.2015
...wenn da mal nicht ein schöner Gruselfilm gedreht werden könnte...wo dann ?
4. auch im skurrilen Europa zu sehen
urs gfeller, 13.01.2015
Kein Witz aber so sehen Wohnhäuser in der Stadt Pernik Bulgarien aus. Die Strassen sind entsprechend angepassed. Die Leute die da wohnen sind aber ganz normale Leute mit z.T. schicken Autos vor der Türe. Es ist mega skurril.
5. The Last Of Us
Helmuth Ritzer, 13.01.2015
Nun weiss ich wo die Entwickler von "The Last Of Us" sich ihre Inspiration für die verfallenen Gebäude im Spiel geholt haben. Dachte schon, dass die Visuals sehr künstlich wirken. Aber jetzt sehe ich, dass Gebäude irgendwann wirklich mal so aussehen, wenn man nur lange genug wartet ...
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