Notgeld Der schöne Schein

Notgeld: Der schöne Schein Fotos

Wer kein Geld hat, druckt sich welches: Im Ersten Weltkrieg taten das viele deutsche Städte und Gemeinden, selbst Firmen bezahlten ihre Belegschaft mit selbstgemachten Scheinen. Der Staat sah ohnmächtig zu - und eine Druckerei in Goslar hatte eine geniale Idee. Von Michael Heim

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In den "Farbwerken vorm. Meister Lucius & Brüning, Hoechst" drohte die Lage außer Kontrolle zu geraten. Alarmiert und in äußerster Eile telegrafierte die Geschäftsführung in die Reichshauptstadt, direkt an das Finanzministerium.

Reichsbank ohne Barmittel Punkt Löhnung unserer fünfzehntausend Arbeiter und Angestellten in Frage gestellt Punkt Bitten angesichts Notgeldgesetz vom siebzehnten Juli um schwere Unruhen zu vermeiden um Erlaubnis kurzfristige Gutscheine ausgeben zu dürfen Punkt Dringende Drahtantwort schnellstens erbeten

Ein solches Telegramm musste jeden Banker, jeden Finanzbeamten erschauern lassen. Das Management der Farbwerke, der späteren Hoechst AG, hatte zum Zahltag nicht genug Bares in der Kasse. Und wollte deshalb selbstgemachtes Ersatzgeld benutzen.

Es hatte viel geschehen müssen, bis zu diesem Tag im Herbst 1922, dass eine Anfrage wie diese nicht rundweg absurd erschien. Doch die Idee, mit hausgemachtem Geld statt offizieller Reichsmark zu zahlen, hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Tradition. Die ersten Vorstöße in diese Richtung waren noch ganz vorsichtig verlaufen - acht Jahre zuvor, in den ersten Tagen des beginnenden Weltkrieges.

"Im festen Glauben an den Sieg!"

Die Stimmung war euphorisch gewesen, im August 1914. Die Nation bejubelte den Aufbruch in den Krieg, am raschen Sieg gab es keinen Zweifel. Welcher Kleingeist wollte da an Bunkern, an Hamstern, an Horten denken?

Einige wollten: diejenigen, die dem Krieg am nächsten waren. In den frontnahen Gebieten, im Elsass und in Ost- und Westpreußen, brachte man sein Geld vor dem nahen Feind in Sicherheit. Damit Handel und der alltägliche Einkauf überhaupt noch möglich waren, gaben Gemeinden und große Arbeitgeber Ersatzgeld aus - als Akt der Selbsthilfe, ohne Genehmigung aus der Hauptstadt. Deshalb nannte man das Kind auch lieber nicht beim Namen und druckte "Gutschein", "Anweisung", "Spareinlage" auf die Scheine. Keinesfalls sollten Zweifel an der patriotischen Gesinnung aufkommen, nur weil man seine Schäfchen ins Trockene brachte. Der Magistrat im ostpreußischen Bischofswerder versah sein Notgeld daher entschlossen mit dem Zusatz: "Im festen Glauben an den Sieg!"

Der Notgeld-Druck zu Kriegsbeginn blieb zunächst eine kurzlebige Episode. Im Verlauf des ersten Kriegsjahres wurde wieder mit Mark und Pfennig gezahlt. Doch das sollte nicht lange so bleiben - und als das Notgeld zurückkehrte, kam es mit Macht. Denn diesmal waren die Kräfte der Kriegswirtschaft am Werk, und die erfassten das ganze Land.

Den Deutschen geht das Kleingeld aus

Der schnelle Sieg, an den man 1914 felsenfest geglaubt hatte, war zwei Jahre später in weite Ferne gerückt. Regierung und Reichsbank mussten nun einen lang anhaltenden Krieg finanzieren, und sie griffen dazu auf ein Mittel zurück, dessen sich schon die römischen Kaiser gerne bedient hatten: das Münzrecht des Staates. Während jedoch die Römer das Silber in den Münzen strecken mussten, um bei leeren Kassen neues Geld zu prägen, brauchte man in der modernen Welt den Silbergehalt der Markstücke nicht anzutasten. Denn Münzen waren nur Peanuts. Wer einen Krieg bezahlen wollte, musste im großen Stil tätig werden - und setzte die Druckerpresse in Gang.

Die Inflation stieg und das Geld verlor durch seine Vermehrung an Wert, bis es 1916 schließlich soweit war: Das Silber in einem Markstück war mehr wert als die Mark, zu der es geprägt war. Wer mit dieser Münze ganz normal bezahlte, gab sie unter Wert aus der Hand. Rasch verschwand das Silbergeld deshalb in den Schatullen und war an der Kasse nicht mehr zu sehen. Die Pfennige ereilte ein ähnliches Schicksal: Denn Fünfer und Zehner enthielten Nickel, in Ein- und Zweipfennigstücken steckte Kupfer. Beides war begehrt, denn es wurde in der Rüstungsproduktion dringend gebraucht. Und so verschwanden auch die Pfennige.

Den Deutschen ging das Kleingeld aus. Von einem "ernsten Notstand" berichtete im März 1917 die Herzoglich Anhaltinische Finanzdirektion: "Die hiesige Reichsbanknebenstelle erklärt sich außerstande, dem dringendsten Bedürfnis nach Kleingeld abzuhelfen." Wer nicht passend zahlte, ging immer öfter leer aus. Die Auszahlung der Löhne geriet in Gefahr. Selbst Rentenempfänger mussten das Wechselgeld selbst zum Schalter mitbringen.

Schöne Scheine

Die Kommunen hatten keine Wahl: Sie mussten Abhilfe schaffen, brachten Notgeld heraus, und diesmal nannte man es auch so. Angesichts der dramatischen Situation hatte sich die Reichsbank dazu durchringen müssen, die Aushöhlung ihres Monopols bei der Notenausgabe zähneknirschend zu dulden. Noch 1918 versuchte sie jedoch, mit Appellen an die Bevölkerung die Lage unter Kontrolle zu bekommen: "Wer sein Kleingeld sinnlos zurückhält", verlautbarten die Finanzbürokraten mit drohendem Unterton, "bringt Handel und Wandel ins Stocken und bewirkt letzten Endes Stockungen in der Herstellung von Rüstung und Munition, schwächt die Front und hilft dem Feind zum Siegen. Kleingeldhamsterei ist Landesverrat." Genützt hat es nichts.

Immer wieder zwang die pure Not Gemeinden und Händler zu schmucklosen Kleingeldausgaben, auch nachdem der Krieg längst zu Ende war. Als 1920 die Inflation den Kupferpreis erneut nach oben trieb, verschwanden wieder einmal die Pfennige. Diesmal waren es nicht die Gemeinden, sondern vor allem zahllose kleine Händler, die ihren Wechselgeldbedarf in Eigenregie deckten. Schon der Name verriet, wo der Bedarf am größten war: "Bäckerpfennige" und "Gastwirtpfennige" nannte man die Zettel und Kartonstückchen. Allein in München gab es mehr als 400 Ausgabestellen dieses Do-it-yourself-Geldes. Selbst die Kantine des Telegrafenamtes fühlte sich berufen, ihr eigenes Geld in Umlauf zu bringen.

Doch jenseits der blanken Notwendigkeit begann sich etwas Neues abzuzeichnen - ein stiller Trend zunächst, den aufmerksame Geschäftsleute jedoch schon zu Zeiten des Krieges erkannt hatten. "Das Papiergeld müsste ferner ein geschmackvolles, künstlerisches Gepräge erhalten", empfahl bereits 1917 die Druckerei Flemming den Stadtvätern in Goslar und warb für ihr Notgeld-Design. Denn je attraktiver das Notgeld, "desto mehr geht es zu Gunsten der Gemeinde und Kasse in Sammler Hände über." Die Drucker hatten recht: Wer Notgeld in Umlauf brachte, also die Empfänger damit bezahlte, der konnte sich freuen, wenn es später nicht mehr zu ihm zurück kam und gegen richtige Mark eingelöst werden musste. Sammler von Notgeld waren deshalb die perfekte Zielgruppe. Die Scheine wurden schön.

Die Mark im freien Fall

Und weil allem Sammeln das Streben nach Vollständigkeit innewohnt, begannen Städte und Gemeinden, ganze Serien von aufwendig gestalteten Scheinen zu entwerfen, nur für die Liebhaber und ihr vorzügliches Hobby. Ganz bequem konnte der Interessent die "Serienscheine", wie man sie nannte, gleich im Komplettpaket erwerben. Die Strategie ging auf: Sammler trafen sich zu Notgeld-Ausstellungen, Zeitschriften wurden gegründet, Fachgeschäfte eröffnet. Zu Beginn der zwanziger Jahre erlagen mehr und mehr Menschen der Sammelleidenschaft, es wurde getauscht, gehandelt und zunehmend auch spekuliert. Im politischen Chaos und der Tristesse dieser Jahre barg das Notgeld-Sammeln für viele die Hoffnung, dass all die bunten Scheine vielleicht einmal sehr wertvoll werden würden - und ihre Besitzer ein bisschen reich.

Die Wirklichkeit meldete sich jedoch schnell zurück. Der Staatshaushalt geriet immer mehr aus den Fugen, und plötzlich ging es Schlag auf Schlag: Frankreich besetzte im Januar 1923 das Ruhrgebiet, als Pfand für die deutschen Reparationszahlungen. Regierung und Gewerkschaften riefen zum passiven Widerstand auf. Der Fiskus, seiner Einnahmen aus dem wichtigsten deutschen Industriegebiet beraubt, sollte den Widerstand finanzieren. Seitdem stand die Druckerpresse der Reichsbank nicht mehr still. Der Wert der Mark befand sich im freien Fall: Die Hyperinflation war gekommen.

Das vor kurzem noch gediegene Notgeld kehrte nun in die Welt des Mangels zurück. Die Preise stiegen schneller, als die Reichsbank Scheine herstellen konnte - deshalb halfen alle mit: Banken, Firmen und Städte druckten, was die Presse hergab. Manche verlegten sich darauf, ihre Eigenwährung nicht mit Reichsmark zu decken, sondern mit Naturalien: Die Oldenburgische Staatsbank brachte Gutscheine in Umlauf, die dem Überbringer 150 Kilogramm Roggen zusicherten. Die Idee erwies sich als ausbaufähig. Nachahmer bezogen ihre Scheine nun auf Feingold, Speck oder den Kubikmeter Gas.

Die Einführung der Rentenmark machte dem Spuk ein Ende. Am 15. Oktober 1923 galt im ganzen Reich wieder eine Währung mit stabilem Wert. Das Notgeld wurde nur noch nach Gewicht als Altpapier verramscht. Es verschwand für immer aus dem Alltag und fiel dem Vergessen anheim. Die Mark hatte sich ihr Monopol zurückerobert - nur bei den Sammlern nicht.

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1.
Georg Sommeregger, 15.09.2008
Guten Tag! Darf ich in diesem Zusammenhang auch auf eine Sammlung österreichischen Notgelds hinweisen, die man hier betrachten kann: http://www.flickr.com/photos/shordzi/sets/72157600070301755/ mfG, GS
2.
Ulrich Hartmann, 16.09.2008
Ein Grund, warum so viele Notgeldscheine gesammelt wurden, war auch, daß sie in der Inflation so schnell an Wert verloren. Die schönen bunten Lappen waren nach kurzer Zeit nichts mehr als eben schöne bunte Lappen. Auch meine Großmutter hatte eine Dose mit Inflationsgeld. Auf einem Schein war ein fröhlicher Mercedesfahrer zu sehen, sowie die Aufschrift: "Daimlerwagen, Daimlergeld, wer sie hat, ist gut bestellt." Geld, das für sich Werbung macht... Der Artikel enthält eine Ungenauigkeit: er spricht von "Reichsmark"; die kam aber erst als Nachfolgerin der Rentenmark. Die Währung, die von der Rentenmark abgelöst wurde, hieß einfach Mark, ohnen jeden Zusatz.
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