Notizen von DDR-Häftlingen Die stummen Schreie von Hohenschönhausen

Für Inhaftierte sind Gefängnisbibliotheken ein Fenster zur Außenwelt, doch für viele politische Gefangene der DDR waren sie noch mehr: Klaus Taubert las die Markierungen, die sie in den Büchern hinterließen - und mit denen sie das politische System des Staates anprangerten.

Gedenkstätte Hohenschönhausen

"Der Kommunismus aber schafft die ewigen Wahrheiten ab, der schafft die Religion ab, die Moral, statt sie neu zu gestalten, er widerspricht also allen bisherigen menschlichen Entwicklungen." Dieses Zitat aus dem "Manifest der kommunistischen Partei" (1848) von Karl Marx und Friedrich Engels muss einen politischen Gefangenen der DDR im Gefängnis von Hohenschönhausen nicht losgelassen haben. Er unterstrich dem Satz in dem Buch, das er in der Gefängnisbibliothek ausgeliehen hatte. Einen Stift durfte er dort nicht haben - also kratzte er die Markierung mit bloßen Fingernägeln in die Seite hinein. Wer der Gefangene war, wird wohl nie herauszufinden sein. Doch der von ihm unterstrichene Satz bleibt eine Mahnung an die Nachwelt.

Gefängnisbibliotheken haben ihre eigenen Geschichten. Seit gut einhundertfünfzig Jahren sind sie für die Insassen von Haftanstalten so etwas wie ein Fenster nach draußen. Und für das, was sie in diesem Fenster zu sehen bekommen, gelten strenge Regeln: Keine Pornoliteratur, nichts für Waffennarren, Kriminalliteratur nur sorgsam ausgewählt. In DDR-Haftanstalten hingegen gab es fast alles, was auch der Buchhandel anbot, denn der war bereits ideologisch sorgfältig vorsortiert.

Rund 40.000 Bände, die größte ausgediente Häftlingsbibliothek der Welt, wurde jetzt von der Hilfsorganisation für die Opfer der politischen Gewalt "Help" an die heutige Stasiopfer-Gedenkstätte Hohenschönhausen übergeben. Im Einzelnen handelt es sich um die aufbewahrte Bibliothek der Stasi-Untersuchungshaftanstalten Berlin-Pankow und Berlin-Hohenschönhausen, des Haftarbeitslagers Hohenschönhausen, der Haftanstalt Berlin-Rummelsburg sowie des Frauengefängnisses Berlin-Köpenick.

Dichter als Anwälte der Opfer

Alles hatte mit der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme einer Bibliothekarin angefangen: Die Bücherei des volkseigenen Betriebs, die sie vor der Wende betreut hatte, war nach dessen Privatisierung als überflüssiger Kostenfaktor abgeschafft worden. Und so las sie in den neunziger Jahren als ABM-Kraft für die Hilfsorganisation "Help" unentwegt in den Büchern der DDR-Haftanstalten. Sie las allerdings nicht so, wie man gemeinhin Bücher zu lesen pflegt, sie las tatsächlich zwischen den Zeilen, und das nicht im übertragenen Sinne, wie man früher in der DDR kritische Autoren wie Günter de Bruyn, Volker Braun oder Günter Kunert gelesen hatte.

Im vormaligen Hauptquartier der Stasi lagerten nach Mielkes Umzug in die Haftanstalt Moabit zunächst rund 10.000 Bücher aus den Stasi-Gefängnissen Pankow und Hohenschönhausen. Die "gebildete Nation", wie die DDR-Führung ihr Volk gerne anpries, sollte auch im Knast diesem Ruf gerecht werden. Nicht ganz zu unrecht, Quizrunden im Fernsehen bestätigen bis heute, dass der "gemeine Ossi" in Sachen Allgemeinbildung schwer zu übertrumpfen ist. Vielleicht liegt das daran, dass er lange Zeit mehr lesen als reisen durfte.

Hunderte von DDR-Häftlingen benutzten diese Bücher, um ihre seelischen Qualen anonym hinauszuschreien, ohne noch weiter verfolgt werden zu können. Geschickt übernahmen sie Wörter und Sätze der Dichter für ihre eigenen Gefühle. Die Bibliothek entpuppt sich als eine ungewöhnliche Anklage gegen Stasi und SED-Regime, als beeindruckendes Archiv stummer Schreie. In ihrer Eindringlichkeit sagen sie möglicherweise mehr aus, als mancher Inhaftierte mit eigenen Worten hätte ausdrücken können.

"Jagd auf die Besten"

Nach Auskünften einstiger Häftlinge waren die Bücher nicht einfach nach Geschmack auszuleihen. Je nach "Führung" wurden sie zugeteilt. Am häufigsten linientreue politische Literatur von Marx bis Lenin, seltener Reiseberichte, noch seltener die Bibel. Aber alles war vorhanden. Auch Bände in russischer, englischer, spanischer, portugiesischer und arabischer Sprache. Und viele wurden genutzt.

In "Der König der Kreuzfahrer" (1982, Pal Szabo) beschreibt der Autor einen ungarischen Volkshelden zur Zeit der Reformation. Der folgende Text auf Seite 35 ist mit einer scharfen Linie, wie mit dem Fingernagel gezogen, unterstrichen: "Das soll Landesverrat sein? Du solltest ehr sagen, daß ich in diesem Volk, auch in der Fremde, die Heimat erhalte. Ich helfe den Leuten überleben, für bessere Zeiten. Ach, könnte ich das ganze Volk hinwegführen samt Dörfern, Wagen und Vieh!"

Acht Seiten weiter die gleiche Gravur: "Ja, aber jetzt ist die Flucht aus den Dörfern lawinenartig angewachsen." Eine kleine Lücke, dann: "machen Jagd auf die Besten und vertreiben sie außer Landes." Auf Seite 65 wieder Kerben im Papier unter: "Am klügsten wäre es vielleicht gewesen, über die Mauer zu klettern." Die Gravur auf Seite 144 ist eine Art Widmung: "arbeitsscheues Gesindel gab es ja genug. Aus ihrem Kreis rekrutierte er seine Söldner."

"Kackhaus Ministerium"

Auf einer Seite des Romans "Ikebana oder Blumen für den Fremden" (1971, Werner Steinberg) ist mit spitzem Gegenstand in das Papier geritzt: "INGO 75. Tag Zelle 40"

Mit Kugelschreiber hat ein Gefangener oder eine Gefangene auf die letzte Seite von "Der Kaufherr und die Ketzer" (1984, Iris Schilke) geschrieben: "Torsten ist und bleibt mein Brüderchen und ich werde Dich nie im Stich lassen."

In "Der Glückssucher" (1973, Herbert Jobst) befindet sich auf Seite 51 eine besonders starke Markierung unter der Formulierung: "Kackhaus Ministerium für Inneres". Auf Seite 174 dann: "Man kann es drehen, wie man will, die geplante Republikflucht bleibt an uns hängen." Schließlich auf Seite180: "was diese Operettensozialisten am Biertisch zwitschern."

Erschütternd die gekennzeichneten Stellen auf Seite 39 im 1986 erschienenen "Väter und Söhne" von Turgenev: "Mit dem Verlust der Vergangenheit hatte er alles verloren." Auf Seite 128: "ich würde sterben, ohne meinen Liebling wiedergesehen zu haben." Schließlich auf Seite 188: "vielleicht fahre ich nach Dresden oder Florenz und bleibe dort, bis ich verrecke." Ein Schrei der Verzweiflung spricht aus dem markierten Text auf den Seiten 217/218: "Daß es mit mir so rasch zu Ende geht, konnte ich nicht ahnen." Und kurz danach: "Ich will ans Ende denken, aber das klappt nicht."

Selbst bei der Lektüre des "Kommunistischen Manifests" boten sich den Häftlingen Möglichkeiten, ihre Meinung mit den von Marx und Engels zitierten Gegnern des Kommunismus zum Ausdruck zu bringen.

Tucholskys Weitsicht

Nachdenklich macht die gekennzeichnete Formulierung in Tucholskys "Ausgewählten Werken" aus dem Jahr 1969 auf Seite 253: "Man ist in Europa ein Mal Staatsbürger und zweiundzwanzig Mal Ausländer: Wer weise ist: dreiundzwanzig Mal." Auf Seite 329 ist gleich mehrfach Tucholskys inniger Wunsch unterstrichen, "die Rollen der deutschen politischen Gefangenen und ihrer Richter einmal vertauscht zu sehen". Auf Seite 134 wird die resignierende Erkenntnis hervorgehoben: "es ist viel schwieriger, gegen das Wüten der Justiz im eigenen Lande wirksam etwas zu sagen, ohne ihr in die Finger zu fallen." Der Leser, der das offensichtlich persönlich erlebt hatte, hob auf Seite 105 hervor: "Sämtliche Polizeibeamte haben zuvor ein Examen in Unhöflichkeit abgelegt."

Mehrere Hunderte Bände wurden von der Bibliothekarin für "Help" ausgewertet, mit der Lupe, schräg gegen das Licht haltend, mit den Fingern erfühlend. Die Markierungen reichen für ein eigenes Buch. Sie erzählen Hunderte Schicksale von Verfolgten und Drangsalierten.

Vor einiger Zeit las ich, dass die Bücherei der Justizvollzugsanstalt Münster von der "Zeit"-Stiftung als "Bibliothek des Jahres" geehrt und für Qualität sowie Innovation in der Bibliotheksarbeit mit 30.000 Euro honoriert wurde. Vielleicht könnte ein solcher Förderpreis im Fall dieser DDR-Häftlingsbibliotheken dazu beitragen, die einmalige Chance zu nutzen, die Bibliotheken eines untergegangenen Systems, den Nachlass von Tausenden politischen Häftlingen in das richtige, erhellende Licht zu rücken.

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Seite 1
Jürgen Nagel, 12.10.2011
1.
Ich kann mich nur amüsieren, über das Menschenunrechtsgejammere. ein Freund von mir, ein Fluchthelfer, saß in Hohenschönhausen zweieinhalb Jahre im Knast, zuvor hatte er auch ein Jahr im Gefängnis Kassel Wehlheiden verbracht. Ich selbst habe zehn Jahren in Gefängnissen verbracht. Die DDR Gefängnisse haben sich von den bundesrepublikanischen überhaupt nicht unterschieden, allenfalls darin, daß in der DDR für Arbeit im Knast Rentenversicherungsbeiträge bezahlt wurden. Isolationsfolter gibt es in der BRD auch, abkühlen mit einem Feuerwehrschlauch, trocknen in der Klimazelle, Schlafentzug, völlig isoliert in geheimen Kellerräumen. Typisch für die Deutschen aber, da beschmutzen sie sich wieder gegenseitig, da hat man wohl Übung, wie die jüngste Geschichte zeigt. Mein Freund der Fluchthelfer sagt, da gab es kaum Unterschiede zum BRD Knast, im Gegenteil, man wurde, wenn man sich an die Regel hielt, bei der Arbeit besser bezahlt, fast 18 Prozent des ortsüblichen Lohns und, wie gesagt, in die Rentenkasse. Da können die Gefangenen der BRD noch heute von träumen.
Thomas Glöckner, 12.10.2011
2.
Da sieht man wieder, dass man Literatur auf unterschiedlichste Weise gebrauchen, bzw. mißbrauchen kann, und sie bleibt in der geschriebenen Form an sich davon unberührt. Was entscheidend ist, ist der gedankliche Kontext, in den sie gestellt wird. Ich fand den Artikel durchaus interessant, ging es in diesem ja um eine Art: Metasprache, mit der sich zum einen Häftlinge untereinander verständigten, zum anderen drückten diese mit den Unterstreichungen ihre Meinungen, ihre Gefühle und ihre Sichtweisen auf das aus, weswegen sie im Gefängnis saßen. Allerdings muss ich auch Kritik üben: Den Satz, dass der "Ossi" gut allgemeingebildet gewesen wäre, weil er mehr lesen als reisen durfte, den hätte der Autor sich sparen können. Das verleiht nämlich dem ernsten Thema einen leicht plakativen Unterton. Mit freundlichen Grüßen Thomas Glöckner
Stefan Wogawa, 13.10.2011
3.
Na hoffentlich findet Herr Knabe den Artikel nicht. DDR-Häftlinge und Lesen - das gabs doch bestimmt überhaupt nicht. Ausdrücklich ein Kompliment für die Bemerkung über den "Ossi". Es muss ja auch an der guten Allgemeinbildung der Ostdeutschen am Ende irgendetwas Negatives Schuld sein.
max meier, 13.10.2011
4.
Dieser Artikel ist ergreifend, sein Anfang ist widerlich: "Der Kommunismus aber schafft die ewigen Wahrheiten ab, der schafft die Religion ab, die Moral, statt sie neu zu gestalten, er widerspricht also allen bisherigen menschlichen Entwicklungen." Im Manifest steht: ?Aber?, wird man sagen, ?religiöse, moralische, philosophische, politische, rechtliche Ideen usw. modifizieren sich allerdings im Lauf der geschichtlichen Entwicklung. Die Religion, die Moral, die Philosophie, die Politik, das Recht erhielten sich stets in diesem Wechsel. Es gibt zudem ewige Wahrheiten, wie Freiheit, Gerechtigkeit usw., die allen gesellschaftlichen Zuständen gemeinsam sind. Der Kommunismus aber schafft die ewigen Wahrheiten ab, er schafft die Religion ab, die Moral, statt sie neu zu gestalten, er widerspricht also allen bisherigen geschichtlichen Entwicklungen.? Das Zitat ist also eine rhetorische Frage, die gleich darauf kommentiert wird. Wer's genau wissen will, schaut nach http://www.marxists.org/deutsch/archiv/marx-engels/1848/manifest/2-prolkomm.htm Ich denke, dass diese Art von Geschichtsklitterei den Leiden der Gefangenen nicht gerecht wird. Viele vor ihnen haben ihre Freiheit ganz bewusst fuer unser Land riskiert, und Millionen von Ostdeutschen verdanken auch ihnen ihre Freiheit. Dies verlang meinen allerhoechsten Respekt, das darf man nicht durch entstellende Zitate in fragwuerdiges Licht ruecken.
Dieter Hannemann, 13.10.2011
5.
Ich war von August 1982 bis August 83 wegen einer Busfahrt von Budapest nach Sombately (ungarische Grenzstadt zu Österreich) wegen "versuchter Republikflucht" inhaftiert. Bücher hab ich im Stasi-Gefängnis Chemnitz Kassberg während der U-Haft überhaupt nicht erhalten. Hin und her laufen und drei mal am Tag, das öffnen der Essenluke und 20 min "Hofgang" war die einzige Ablenkung des ewig langen Tages! Erst in der von der Polizei geführten U-Haft erhielt ich Bücher und das Buch "Walden" eines russischen Autors ist mir sehr gut in Erinnerung, in einer Zukunftsgeschichte wurde mitten im Buch mit Stalins Verbrechen abgerechnet. Ich kam dann nach Bitterfeld auf Chlor1 - de Arbeit in der Uraltanlage hab ich versucht zu verweigern. Daraufhin wurde man von Polizei und Hilfspolizisten aus kriminellen Häftlingen so lang zusammengeschlagen bis man krankenhausreif war, oder die Arbeitsverweigerung wiederrief! Es gab so keine Arbeitsverweigerung, das Problem war auch nicht die Ätzkalilauge womit man sich ohne Schmerzen zu spüren verätzte, auch nicht das Quecksilber, sondern das Dioxin, das bei mir zu Gelenkproblemen führte. Bitterfeld war von Häftlingen selbstverwaltet, es gab den Stubenältesten, Ordner, Etagenbereichsältesten, Lagerältesten, alle hatten polizeiliche Gewalt über Mithäftlinge, wer auffiel lief "rund". Alle Sadisten mit Posten konnten diesen dann rund um die Uhr schlagen und quälen, wer diesem beistand war selber dran! Heute leb ich seit 20 Jahren als Aussteiger - Arbeit hat für mich immer noch das was es ist Bestrafung! Seit 4 Jahren bekomme ich die SED-Opferrente in Höhe von 250 Euro, womit meine Freundin und ich in Südostasien gut leben - meine Freundin war bis 89 in der SED! Hier traf ich einen der 7 Jahre im SED-Staat abgesessen hat, sein Vergehen: Mit 17 hat er und ein paar Kumpels spontan in Schwein Parolen gegen die SED an die Wände gepinselt und skandiert, dazu hatten sich alle der Festnahme wiedersetzt. Der Rädelsführer einer der schon 18 war erhielt lebenslänglich, alle anderen 15 Jahre! Da bin ich noch gut wegekommen und setze mich heute bei den Piraten für das bedingungslose Grundeinkommen ein, ein Manuskript was ich zu dem Thema geschrieben hatte fand 1993 keinen Verleger. Mit freundlichen Gruß aus Thailand merapi22
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