NS-Elite in Gefangenschaft Hotel der Kriegsverbrecher

NS-Elite in Gefangenschaft: Hotel der Kriegsverbrecher Fotos
Corbis

Es waren Szenen wie aus einem Irrenhaus: Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs internierte die US-Armee 52 Nazi-Größen in einem Kurhotel in Luxemburg. Karrieristen, Militärs und hasserfüllte Antisemiten wohnten plötzlich unter einem Dach - und boten ein skurriles Bild zwischen Eitelkeit und Wahn. Von

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Der neue Gast des "Palace"-Hotels im luxemburgischen Badeort Mondorf-les-Bains brachte 16 Koffer, eine rote Hutschachtel und seinen Kammerdiener mit. Die Fuß- und Fingernägel trug er lackiert. Er war auffallend nervös, seine Hände zitterten stark. In einer Reisetasche schleppte er 20.000 Paracodin-Tabletten mit sich, ein Morphiumersatzmittel. Ebenfalls in seinem Gepäck: sieben Uhren, kostbare Ringe, Broschen, Orden und 81.268 Reichsmark. In seinen Kleidern versteckte er außerdem zwei Ampullen Zyankali.

Der Neue und sein Gepäck wurden bei seiner Ankunft gründlich gefilzt - schließlich kam er nicht als Kurgast, sondern als Gefangener Nr. 31 G 35 00 13. Es war Hermann Göring, Reichsforst- und Jägermeister, Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Reichskommissar für Rohstoffe, Beauftragter für den Vierjahresplan. Der 240 Pfund schwere Reichsmarschall war einer der mächtigsten Männer in der Hierarchie der Nationalsozialisten gewesen. Am 20. Mai 1945, zwölf Tage nach der Kapitulation Deutschlands, wurde er in Mondorf interniert.

Streng abgeschirmt von der Öffentlichkeit errichteten die Amerikaner dort im Mai 1945 ein sogenanntes Interrogation-Center. Das Lager mit dem Codenamen "Ashcan", zu Deutsch: Ascheimer. Es versammelte die gesamte NS-Prominenz, derer die US-Streitkräfte habhaft werden konnte. Außer Göring waren dies vor allem Reichsminister, hohe Funktionsträger und Generäle wie etwa Karl Dönitz, Albert Speer, Hans Frank, Fritz Sauckel und Joachim von Ribbentrop. Amerikanische Zeitungen nannten die illustre Runde von Gefangenen, die für ein Gruppenbild auf der Hoteltreppe posierte, spöttisch "Abschlussklasse 1945". Eitle Gecken trafen hier auf stramme Militärs und unverbesserliche Antisemiten. Während der Zeit ihrer Herrschaft hatten sie zahlreiche Rivalitäten ausgetragen - und einander höchst selten zu Gesicht bekommen, jetzt wohnten sie zusammen unter einem Dach. Die verblichene Eleganz des in den zwanziger Jahren erbauten "Palace"-Hotels bot die Kulisse für eine höchst reale Polit-Groteske.

Bizarres Kammerspiel

Ein fünf Meter hoher Stacheldrahtzaun, behängt mit Stoffbahnen und Tarnnetzen, umgab das Hotelgelände, auf den Wachtürmen standen schwerbewaffnet Posten mit Maschinengewehren. Im Hotelgarten aber spazierte die Nazi-Elite - oder sonnte sich in den Liegestühlen auf der Terrasse. "Besondere Freude", so berichtet der Gefangenenarzt Ludwig Pflücker, kam unter den Anwesenden bei der Ausgabe von Sonderrationen Schokolade auf. Die vielzitierte "Banalität des Bösen", die gefährliche und die höchst lächerliche Seite des Nationalsozialismus - hier wurde sie sichtbar.

Die Situation ähnelte einem bizarren Kammerspiel. Schnell zerfielen die "Big 52", wie amerikanische Journalisten die Hotelinsassen nannten, in Cliquen: die Militärs, die "Alten Kämpfer", die Bürokraten. Nur Göring schnitten sie alle, niemand wollte im Speisesaal mit ihm einen Tisch teilen.

Die Gefangenen unterhielten sich gegenseitig mit Vorträgen. Reichsaußenminister Lutz Schwerin von Krosigk etwa parlierte über Shakespeare, ein Adjutant des Feldmarschalls Keitel über Fischzucht. Robert Ley, Leiter der Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" und wegen seines Alkoholismus hinter vorgehaltener Hand nur "Reichstrunkenbold" genannt, diskutierte wirtschaftliche Aspekte des deutschen Wiederaufbaus. Die Teilnahme an den Vorträgen war freiwillig - nicht jedoch die an den organisierten Filmvorführungen. Die Gefangenen bekamen so Aufnahmen aus den befreiten Konzentrations- und Vernichtungslagern zu sehen. Und ihre Reaktionen waren höchst unterschiedlich, wie ein Reporter des amerikanischen "Time"-Magazins beobachtete.

"Ein Irrenhaus"

Göring, der seine Mitverantwortung am Lagersystem offen zugab, rief während der Vorführung aus: "Solche Filme haben wir unseren russischen Gefangenen gezeigt." Julius Streicher, Herausgeber des antisemitischen Hetzblattes "Der Stürmer", knetet unruhig seine Hände. Feldmarschall Kesselring wurde bleich. Hans Frank biss auf sein zusammengeknülltes Taschentuch und würgte. Ribbentrop verließ den Saal mit gesenktem Kopf - und schritt zielstrebig in Richtung Speiseraum.

Erika Mann, die Tochter des berühmten Schriftstellers und Emigranten Thomas Mann, die als Reporterin für amerikanische Zeitungen durchs Nachkriegseuropa reiste, geriet in Rage über das aggressive Selbstmitleid, die larmoyante Unschulds- und Unwissenheitsmentalität, die selbstsichere Arroganz der hier versammelten NS-Elite. "Ein gespenstischeres Abenteuer ist nicht vorstellbar", schrieb sie über ihren Besuch in dem Hotel, "aus dem die Insassen ein Irrenhaus gemacht haben".

Die Lagerleitung von Camp Ashcan verwandte größte Sorgfalt darauf, Selbstmorde zu verhindern - man wollte den NS-Größen unter allen Umständen einen rechtsstaatlichen Prozess machen. Auch wenn die Alliierten zunächst noch uneins darin waren, wie und wo dieser stattfinden sollte. Rasierklingen waren verboten, ebenso Krawatten. Als Besteck gab es nur Löffel. Die Glasfenster waren durch Drahtglas und Gitter ersetzt worden.

Alltäglicher Wahn

Dies war offensichtlich auch nötig. Hans Frank, Mörder von Millionen jüdischer Polen im Generalgouvernement, hatte sich bei seiner Festnahme in die Kehle geschnitten und anschließend ein Messer in den Bauch gerammt. Deshalb war ihm Joachim von Ribbentrop, ehemals Reichsaußenminister, als Zimmerkollege und Aufpasser zugeordnet worden. Als Erika Mann auf ihrem Rundgang durch das Hotel einen Blick in ihr Zimmer warf, "las der Schlächter von Polen dem Ex-Champagnerhändler gerade aus der Bibel vor".

Ribbentrop war nervös und verletzt, unfähig, sein Zimmer aufzuräumen, weil er in Hitlers Testament nicht erwähnt worden war. Er weigerte sich, sein Bett zu machen. Julius Streicher trieb seinen rassekundlichen Wahn weiter, beschimpfte einen Dolmetscher als "Juden" und bezichtigte seinen Mitgefangenen Ley, ein "Bastard" zu sein, dessen arische Abstammung nie nachgewiesen worden sei. Dönitz weigerte sich vehement, mit dem in seinen Augen unbelesenen Proleten Streicher einen Tisch zu teilen.

Die herausragendste und schauerlichste Figur aber war der pompös-barocke Göring. Der ehemalige Postflieger liebte dramatische Auftritte. "Die Uniform geht über das Amt", hatte sein Rivale Joseph Goebbels einmal in seinem Tagebuch über ihn vermerkt. Um sich von den anderen Gefangenen abzuheben bestand Göring darauf, mit Zylinder zu essen - trotz seiner Degradierung kurz vor Kriegsende sah er sich als legitimer Nachfolger Hitlers. Bei den anderen war die ausgetragene Sträflingskleidung recht willkommen. Konnte sich der Träger doch als "irgendein deutscher Gefangener" und nicht als "Hauptkriegsverbrecher", was die meisten waren, fühlen.

Vorbereitungen auf den Tag der Anklage

Göring hingegen lag zumeist im rotgeblümten Schlafrock und schwarzseidenen Pyjama auf seiner Liege, die verstärkt werden musste, weil sie unter seinem enormen Gewicht zusammengebrochen war. Auf Anordnung des Lagerkommandanten wurde er nach und nach seiner Tablettensucht entwöhnt. Seit einer Verletzung bei Hitlers Putschversuch im Jahr 1923 war Göring zunächst morphium-, dann paracodinabhängig. Während eines leichten Gewitters erlitt er einen Zusammenbruch - Angstzustände und Schweißausbrüche, schließlich eine leichte Herzattacke.

Regelrecht in Ekstase geriet er, nachdem er vom anstehenden Prozess in Nürnberg erfahren hatte: Es würden Scheinwerfer aufflammen, wenn er den Gerichtssaal betritt, und er würde dem Feinde seine Anklage über den Bombenterror entgegenschleudern, fabulierte der Reichsmarschall auf Entzug.

Ganz anders Albert Speer, der Organisator der deutschen Rüstungsindustrie: Er spielte den distanzierten und zuvorkommenden Gentleman, gab sich unwissend und unschuldig. Arthur Seyß-Inquart, verantwortlich für die Deportation Tausender Juden, zeigte sich gern als geläuterter Christ. Und Karl Dönitz, Nachfolger Hitlers auf dem Reichspräsidentenamt, beantwortete eifrig und ausführlich Fragen, die ihm die US-Vernehmungsbeamten vorgelegt hatten. "Tatsächlich tat die ganze Bande jedoch ein und dasselbe: Sie schrieben und feilten an ihren Rollen", die sie eifrig für den Tag vorbereiteten, an dem sie vor Gericht stehen würden, konstatierte Erika Mann, die selbst mit ihrer Familie vor den Nationalsozialisten hatte fliehen müssen.

Am 10. August 1945 war es soweit. Die Gefangenen wurden von Mondorf nach Nürnberg gebracht. Nach langem Hin und Her hatten sich die Alliierten für die Stadt der Reichsparteitage der NSDAP als Gerichtsort für die Hauptverantwortlichen der Nazi-Gräuel entschieden. Der Prozess, in dem die Richter über Verbrechen bisher ungekannten Ausmaßes zu urteilen hatten, wurde am 20. November 1945 eröffnet.

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
Hubert Sieweke, 31.10.2009
Leider hat es nach dem Krieg eine Menge hoher und höchster Nazis und SS Schergen gegeben, die in Landtagen und hohen politischen Ämtern weiter Dienst taten. Leider, leider hat eine saubere Aufklärung NIE stattgefunden, Viel zu viele wurden als sogenannte "MITLÄUFER" eingestuft, wie Schleyer - SS Mann der ersten Tage und aus Überzeugung - Filbinger, Weyer, Willy, Zogelamnn etc etc . All diese Nazis erfuhren in der FDP, der CDU und natürlich der CSU eine neue warme Heimat. In den hochtrabenden Broschüren zum 60. Geb der jeweiligen Landtag wurde NICHTS darüber berichtet. Deutschland hat weiter panische Angst, die Nachkriegsganoven beim Namen zu nennen. Interessant dazu die von der Linken NRW in Auftrag gegebene Studie: Das vergessene braune Erbe von Dr. Klepsch aus Oct 2009!!! Zu Stauffenberg, der ja selbst ein glühender Hitler-Anhänger war und zum deutschen Offizierskorps könnte man vieles sagen. Feige waten sie alle, selbst Keitel und Jodl. Ohne all die netten Adelsgeschlechter, deren Söhne meist hohe SS Funktionen ausübten, ohne die nette preussische Generalität und ohne die Unterstützung der Großindustrie, sowie der US Industrie und Banken (selbst jüdische wie Wormser oder Warburg, hätte der NS-Wahn nicht stattfinden können. Das Buch "Trading with the enemy", welches die Unterstützung der US Industrie für Hitler (Standart Oil fieferte bis zum Schluss Treibstoff an Hitler, Dupont lieferte die Bombenzünder an die Nazis statt an die US Army, General Motors lieferte weiter LKW an Hitler) aufzeigt, durfte in Deutschland nicht erscheinen?? Selbst Großvater Bush, Presscot machte seine Geschäfte mit dem Stahlwerk neben Auschwitz und bekam als "Engel der NAZIS" in den 50er Jahren eine satte Entschädigung, weshalb er ein Vermögen machen konnte und sein Sohn und sein Enkel sogar Mr. Präsident werden konnten. Hätten Krupp, Thyssen, Karsadt, Deutsche Bank und all die anderen nicht alles finanziert, es hätte NIE einen Hitler geben können. Und nach dem Krieg haben wieder alle geschwiegen, von Adenauer angefangen bis zu den ganzen hohen SS Offizieren. Alle haben sie wieder fleissig mitgespielt. Erst jetzt kommen viele Wahrheiten wie Quandt, Thyssen, Reemtsma etc ans Licht.
2.
Walter Nachtmann, 31.10.2009
Man hätte in dem Beitrag schon erwähnen können, dass die Gefangene dort nicht wie Hotelgäste behandelt wurden. Die Amerikaner haben ihnen schon gezeigt, was sie von ihnen hielten. Die Zimmer verfügten nach einiger Zeit über kein fließendes Wasser mehr und wurden bis auf eine Sanitätstrage als Bett ausgeräumt. Von Luxus war keine Rede mehr!
3.
Christopher Miebach, 31.10.2009
"Das Lager mit dem Codenamen "Ashcan", zu Deutsch: Mülleimer." Ist der ganze Artikel so gut recherchiert?
4.
C.F. Romberg, 31.10.2009
Camp Ascheimer ist der richtige Titel ;(
5.
Franz Braun, 31.10.2009
"ashcan" ist kein "Mülleimer". Es handelt sich um eine leere Konservendose (can), die an Stelle eines Aschenbechers (ashtray) benutzt wird.
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